Hofzug Kaiser Wilhelms II.

Hofzug Kaiser Wilhelms II.
Hofzug Kaiser Wilhelms II. bei der Einweihung der Kaiserbrücke in Mainz 1904

Der Hofzug Kaiser Wilhelms II. diente dem deutschen Kaiser Wilhelm II. als vielgenutztes Landtransportmittel während seiner Herrschaft (1888–1918).

Inhaltsverzeichnis

Vorgängerzug

Die privatrechtlich organisierten Eisenbahngesellschaften, die in Preußen im 19. Jahrhundert die ersten Eisenbahnstrecken errichteten, hielten Salonwagen vor, die bei Bedarf vermietet oder zur Verfügung gestellt wurden, auch für den Bedarf des preußischen Hofes. Im Gegensatz zu vielen anderen Staaten beschaffte aber der preußische Hof unabhängig von den Bahnverwaltungen ab 1857 eigene Salonwagen[1], die zusammengestellt als Hofzug genutzt wurden. Hierbei handelte es sich um zwei- und dreiachsige Fahrzeuge, die in den Jahren bis 1886 beschafft wurden. Die Fahrzeuge entsprachen in ihrer technischen Ausstattung und dem Aufbau dem jeweils neuesten Standard für Reisezugwagen des Fernverkehrs und waren teilweise mit Faltenbälgen als Übergang zwischen den Wagen ausgestattet. Die Wagen waren kastanienbraun lackiert. Die älteren dieser Wagen genügten ab den 1880ern den angepassten technischen Vereinbarungen des Vereins Deutscher Eisenbahnverwaltungen für den Verkehr außerhalb von Preußen nicht mehr oder durften in schnell fahrende Züge nicht mehr eingestellt werden.

Hofzug Kaiser Wilhelms II.

Salonwagen 1 für Kaiser Wilhelm II.
Salonwagen 1 für Kaiser Wilhelm II.

Für den als reisefreudig bekannten Kaiser und aufgrund des Erfordernisses, für den Hofzug technisch moderne Fahrzeuge zu haben, die auch nicht-preußische Strecken befahren durften, begann 1889 der Bau neuer Wagen für den Hofzug. Hergestellt wurden diese bei Linke-Hofmann in Breslau. Für den Salonwagen des Kaisers und den der Kaiserin wurden in der Hauptwerkstatt Potsdam zunächst Modelle im Maßstab 1:1 errichtet, die diese besichtigten, bevor sie zum Bau freigegeben wurden und an denen die Handwerker die Inneneinrichtung auf Funktionsfähigkeit und Aussehen testen konnten. „Geld und Zeit spielten keine Rolle.“[2]

Von der Bauart her waren diese neuen Wagen an die preußischen D-Zug-Wagen der Zeit angelehnt und zeigten im äußeren Erscheinungsbild das dafür typische Laternendach. Die Wagen waren in gemischter Holz-Stahl-Bauweise mit stahlarmierten Holzträgern ausgeführt. Ausgestattet waren sie sowohl mit Westinghouse- als auch mit Saugluft- und Henrybremse. Die Wagen hatten einklappbare Stufen an den Türen, fugenlose Faltenbälge, Gasglühlicht und batteriegespeiste Zusatzbeleuchtung. Die Wagen waren intern durch ein Telefonsystem verbunden.[3] Im Gegensatz zu D-Zug-Wagen hatten sie aber zum Teil statt zweiachsigen dreiachsige Drehgestelle der preußischen Regelbauart und einen auffällig beige/blauen Außenanstrich. Die Innenausstattung war dem überladenen Stil des Historismus verpflichtet.

Zwischen 1889 und 1917 entstanden insgesamt 30 Wagen für den Hofzug. Dies waren neben den beiden Hofsalonwagen, von denen je einer der Nutzung durch den Kaiser[4] und die Kaiserin Auguste Viktoria[5] vorbehalten war, weitere Salonwagen, Gefolgewagen, Küchen- und Speisewagen, Packwagen, sowie 1917, als letztes Fahrzeug, ein Telegrafenwagen.

Darüber hinaus gab es weitere Salonwagen, die nicht zum Hofzug zählten, etwa der Salonwagen des Kronprinzen Wilhelm von Preußen (Baujahr 1905) oder zwei Salonwagen des Prinzen Heinrich von Preußen, die in Kiel stationiert waren.

Der Hofzug wurde für Kaiser Wilhelm II. mindestens 500 Mal eingesetzt.[6] Darüber hinaus wurde er noch für getrennte Reisen, z.B. der Kaiserin, genutzt. Heimatbahnhof des Zuges, der „Hofbahnhof“, war die Hauptwerkstatt Potsdam. Dort gab es einen, später zwei „Hofwagenschuppen“, um die Fahrzeuge witterungssicher abstellen und warten zu können. Der Hofzug verkehrte nach einer eigenen Betriebsordnung, den „Vorschriften für die Reisen Höchster und Allerhöchster Herrschaften“, zuletzt vom 1. April 1907.[7] Aus Sicherheitsgründen lief als Knautschzone für den Fall eines Auffahrunfalls zwischen der Lokomotive und dem Zug immer ein Packwagen.

Spätere Verwendung

Kaiserlicher Sonderzug mit militärischem Schutzwagen während des Ersten Weltkriegs, Hermannstadt

Im Ersten Weltkrieg verkehrte der Hofzug – in anderer Zusammensetzung als zu Friedenszeiten – unter der Bezeichnung „Zug der O.H.L.“ (Obersten Heeresleitung). Zur Tarnung wurde der Zug grün gestrichen. Der Kaiser nutzte ihn zum letzten Mal auf deutschem Boden für seine Fahrt von Kassel über Paderborn und Essen (wo er vor Arbeitern der Friedrich Krupp AG sprach) nach Spa. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1918 übernachtete er im Zug in Spa und begab sich mit dem Zug am 10. November 1918 ins Exil in die Niederlande. Diese schickten den zwischenzeitlich in Rotterdam abgestellten Zug im März 1919 zurück nach Potsdam.

Ab 1920 wurden die noch verbliebenen älteren, dreiachsigen Wagen an die Verschrottungsfirma Erich in Berlin-Weißensee verkauft, die sie teilweise verschrottete, teilweise an Privatbahnen verkaufte, die sie als Bahndienstfahrzeuge verwendeten.[8] Die anderen wurden zum Teil ebenfalls zu Bahndienstfahrzeugen der Staatsbahn umgebaut und sieben der Gefolgewagen 1921 an die Mitropa verkauft, die sie in ihrem Ausbesserungswerk Gotha, zu Schlaf- und Speisewagen umgebauen ließ und sie ab 1922 in Luxuszügen einsetzte: Dem Skandinavien-Schweiz-Express zwischen Sassnitz und Basel, dem Tages-Luxuszug L 198/191 München-Holland-London-Express zwischen München und Hoek van Holland und dem L 111/112 Berlin-London-Express zwischen Berlin und Hoek van Holland ab 1924. Einer der im München-Holland-London-Express eingesetzten Wagen gelangte 1938 zur Westfälischen Landes-Eisenbahn und wurde dort im Regelverkehr eingesetzt.[9] Andere Hofzugwagen fuhren noch für einige Jahre in den Zügen FD 23/24 und FD 25/26 zwischen Berlin und Hamburg.[10]

Heutiger Verbleib

  • Der Hofsalonwagen Nr. 1 (ab 1904: Berlin 11) des Kaisers kann heute im Deutschen Technikmuseum Berlin besichtigt werden.[11]
  • Ein Hofsalonwagen der Kaiserin steht heute im Betriebsmuseum von Linke-Hofmann-Busch in Salzgitter.
  • Ein weiterer Hofsalonwagen der Kaiserin (Berlin 2) hat im Laufe der Zeit seine originale Innenausstattung verloren und steht heute als Konferenzraum der Akademie für Führungskräfte der Deutschen Bahn in deren Konferenzsaal, der früheren Bahnsteighalle des Kaiserbahnhofs Potsdam.[12]
  • Der Salonwagen des Kronprinzen (heute im Eigentum des Eisenbahn-Kurier Verlags, Freiburg im Breisgau)[13], den später auch noch der erste Bundespräsident, Theodor Heuss, nutzte, ist erhalten, die Originalausstattung allerdings verloren. Er ist im Süddeutschen Eisenbahnmuseum in Heilbronn ausgestellt.
  • Der Herrengefolgewagen Nr. 5A des Hofzuges diente nach seiner Tätigkeit als Messwagen der Lokomotiv-Versuchsanstalt Grunewald, später in Halle/Saale und dann der VES-M Halle als Ferienheim auf Usedom. Er wird heute von den Usedomer Eisenbahnfreunden e.V. betreut.

Literatur

  • Peter Bock, Alfred Gottwaldt: Regierungszüge. Salonwagen, Kaiserbahnhöfe und Staatsfahrten in Deutschland. München 2006, ISBN 3-7654-7070-8
  • Paul Dost: Der rote Teppich. Geschichte der Staatszüge und Salonwagen. Stuttgart 1965, S. 141ff.
  • Alfred Gottwaldt: Der Hofzug sr. Majestät des Deutschen Kaisers, Königs von Preußen. Modelleisenbahner Verlag.
  • Magistrat der Stadt Potsdam [Hrsg.]: Katalog. Europäische Salonwagenausstellung vom 22.–23. Mai 1993 auf dem Gelände des Raw Potsdam. Potsdam 1993.
  • Helmut Schroeter: Der Hofzug des letzten deutschen Kaisers. In: Lok-Magazin. Heft 9 (1964), S. 37ff [mit Grundrissen der Wagen].

Einzelnachweise

  1. Bock, S. 14f.
  2. Zeitzeugenbericht in: Schroeter, S. 45f (46).
  3. Schroeter, S. 43.
  4. Katalog, S. 4ff, Nr. 1.; Helmut Schroeter: Der kaiserliche Salonwagen als Glanzstück des Berliner Verkehrs- und Baumuseums. In: Lok-Magazin 1988, Nr. 150, S. 219ff.
  5. Katalog, S. 8f, Nr. 1a.
  6. Dost, S. 147.
  7. Dost, S. 146.
  8. Bock, S. 69.
  9. Rolf Löttgers: Salonwagen auf Westfälisch. In: Eisenbahn Geschichte. 46, S. 4ff (7).
  10. F. Stöckl, C. Jeanmaire: Komfort auf Schienen. Basel 1970, S. 96 f.
  11. Zur Geschichte des Fahrzeuges: Bock, S.71.
  12. Bock, S. 73.
  13. Katalog, S. 10f, Nr. 2.

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