Tuareg


Tuareg
Karte der Gebiete, in denen eine bedeutende Anzahl an Tuareg lebt
Tuareg, Algerien
Junge Targia in Süd-Algerien, Hoggar-Gebirge (1984)

Die Tuareg (Singular: Targi; zur Eigenbezeichnung siehe den Abschnitt Etymologie) sind ein zu den Berbern zählendes indigenes Volk in Afrika, dessen Siedlungsgebiet sich über die Wüste Sahara und den Sahel erstreckt. Unter den Tuareg werden neben ihrer eigenen Sprache mehrere Verkehrssprachen gesprochen, von Songhai über Arabisch und Hassania bis Französisch; ihre Schrift ist das Tifinagh. Sie leben seit Jahrhunderten nomadisch im Gebiet der heutigen Staaten Mali, Algerien, Niger, Libyen, Burkina Faso und Marokko und zählen heute etwa eine Million Menschen. In den letzten Jahren kam es immer wieder zu Aufständen der Tuareg, die sich dabei behindert fühlen, ihre traditionelle nomadische Lebensweise fortzuführen. Allerdings sind auch viele inzwischen sesshaft geworden.

Inhaltsverzeichnis

Etymologie

Das Wort Tuareg (männliche Einzahl Targi, weibliche Einzahl Targia) ist ein beduinisch-arabisches Wort und leitet sich von dem Wort Targa, dem berberischen Namen für die Provinz Fezzan in Libyen, ab. Damit bezeichnete Tuareg ursprünglich nichts anderes als die Bewohner des Fezzan.[1] Targa ist ein berberisches Wort, das mit „Rinne“ oder „Kanal“, im weitesten Sinne auch mit „Garten“ übersetzt werden kann (Chaker, Claudot-Hawad, Gast 1984:31). Lokaler Ansicht zufolge bezeichnet Targa aber nicht den gesamten Fezzan, sondern lediglich die Region zwischen den beiden Städten Sebha und Ubari und wird auch arabisch als „gutes Land“ (bilad al-khayr) bezeichnet. Gemeint ist damit das fruchtbare Wadi al-Haya (vormals Wadi al-Ajal), das den gesamten Süden Libyens mit agrarischen Produkten versorgt (Kohl 2007:47).

Die bis heute weit verbreitete arabische Volksetymologie: Tawariq (Einzahl: Tarqi), übersetzt „von Gott Verstoßene“ ist falsch und dient lediglich dazu, eine arabische Überlegenheit über die Tuareg auszudrücken. Grund dafür ist die liberale religiöse Ausformung der Tuareg, die von der strengen muslimischen Doktrin der Araber als verwerflich angesehen wird.

Der Name Tuareg hat sich seit der Kolonialzeit im deutschen, frankophonen und angloamerikanischen Sprachraum eingebürgert. Die Tuareg selbst bezeichnen sich nicht mit diesem Namen. Die emische Bezeichnung der Tuareg lautet Imajeghen im Niger, Imuhagh in Algerien und Libyen und Imushagh in Mali. Das gh wird dabei als gerolltes/gegurgeltes r ausgesprochen und die Betonung liegt auf der ersten Silbe. Diese Eigenbezeichnung (Endonym) bezieht sich auf Menschen mit freier Abstammung, die noble Qualitäten besitzen. Damit wird auf den Ehrenkodex (asshak) der Sahara- und Sahelbewohner hingewiesen. Alle drei Begriffe gehen auf dieselbe Wurzel zurück, und sind lediglich infolge der dialektalen Ausformung unterschiedlich. Neben dieser Eigenbezeichnung Imajeghen/Imuhagh/Imushagh findet auch der Name Kel Tamasheq, „die Leute, die Tamasheq sprechen“, Verwendung.

In der Literatur werden die Tuareg bis heute als Kel Tagelmust, „die Leute des Gesichtsschleiers“ oder Das blaue Volk bezeichnet, da sie mit Indigo gefärbte Kleidung tragen. Beide Begriffe werden von den Tuareg selbst nicht verwendet. Sie dienen nur dazu, die Tuareg zu mystifizieren, und sie im Kontext des Tourismus werbewirksam zu vermarkten.

Geschichte

Tuaregkarawane, um 1900
Targi auf Kamel, Postkarte der Kolonialausstellung 1907

Die Tuareg sind ein Berbervolk. Sie sollen Nachkommen der Garamanten sein, die im 7. Jahrhundert von den Muslimen aus dem Fessan vertrieben wurden. Zunächst breiteten sie sich in der zentralen Sahara aus, wobei sie das Wüstenvolk der Tubbu in das Tibestigebirge abdrängten. Nach dem Untergang des Songhaireichs im 16. Jahrhundert drangen die Tuareg zunehmend auch in die Sahelzone ein und errangen in der Folgezeit unter anderem die Kontrolle über Timbuktu und das Sultanat Aïr.

Die Tuareg mussten immer wieder um das Recht kämpfen, als freies Volk anerkannt zu werden und nach ihrer alten Tradition leben zu dürfen. Im 19. Jahrhundert leisteten sie in der Saharazone von Westafrika der französischen Kolonialmacht lange Zeit heftigen Widerstand. Erst 1917 wurde ein Friedensvertrag mit Frankreich geschlossen. Mit dem Ende der französischen Kolonialmacht in Westafrika wurde das Siedlungsgebiet der Tuareg zwischen den Staaten Mali, Niger und Algerien aufgeteilt, wobei kleinere Gruppen der Tuareg auch in Libyen und Burkina Faso leben. 1990–1995 revoltierten die Tuareg in Mali und Niger aufgrund der Unterdrückung und Ausgrenzung durch die jeweiligen Regierungen. Ein Führer des Tuareg-Aufstandes war Mano Dayak. Mitte der 1990er Jahre wurden die Aufstände nach der Unterzeichnung von Friedensverträgen beendet. 2007 beschuldigte die neu gegründete Tuareg-Rebellengruppe Mouvement des Nigériens pour la Justice die Regierung, den Friedensvertrag nicht einzuhalten. Außerdem fordern sie einen Anteil des Gewinns aus dem Uranabbau nordwestlich von Agadez für die Tuareg (Uranmine bei Arlit).[2]

Hauptorte

Als Nomadenvolk, das bis zur Kolonialzeit in mehrere politische Konföderationen unterteilt war, besitzen die Tuareg keine Hauptstadt. Am ehesten kann man noch Agadez im Niger mit dem Sitz des Sultans von Aïr als einen zentralen Ort bezeichnen. Für die nördlichen Tuareg (Kel-Ajjer und Kel Ahaggar) spielten die südalgerische Oase Djanet und die südlibysche Oase Ghat in früheren Zeiten eine ähnliche Rolle. Der heutige Hauptort des Ahaggar-Gebirges, Tamanrasset, entstand erst nach 1900, als sich der französische Missionar Charles de Foucauld in der Gegend niederließ. Erst nach der endgültigen Eroberung des Gebirges durch die französischen Kolonialtruppen wuchs der Ort und wurde zum offiziellen Sitz des Amenokal (Königs) der Kel Ahaggar.

Kultur und Religion

Die Kultur der Tuareg wurde von den Afrikaforschern Heinrich Barth und Henri Duveyrier erforscht und ausführlich beschrieben.

Seit der ersten Wanderungswelle der Araber von der Halbinsel nach Nordafrika im 7. Jahrhundert sind Tuareg Muslime, obwohl sie sich anfangs sehr stark gegen eine Missionierung wehrten, denn die den Islam verbreitenden Araber waren ihre angestammten Feinde. Tuareg sind Muslime der Malikiten-Rechtsschule (wie fast ganz Nordafrika), und gehören diversen Bruderschaften an. An die Regeln des Islams halten sich manche außerordentlich streng, andere deutlich weniger. Ihren Glauben an gute und böse Geister (Kel Essuf) konnten sie gut in die muslimische Religion einfügen, da auch der Islam das Vorhandensein von Geistern im Koran erwähnt. Zu ihrer Abwehr sind für sie Amulette, in Leder eingebundene magische Zeichen, unverzichtbar. Die Frauen tragen als Amulett-Schmuck die Chomeissa, eine abstrahierte Form der Hand der Fatima.

Wie in der gesamten Sahelzone ist zeremonielles Teetrinken ein wichtiger Bestandteil der Alltagskultur. Es werden drei unterschiedlich starke Aufgüsse unterschieden. Ein Gast, der drei Gläser ausgetrunken hat, steht unter dem Schutz der Tuareg.[3]

Die Tuareg sind nomadische Viehzüchter mit einem komplex abgestuften hierarchischen Sozialmodell, das bis heute sozial unterschiedlich bewertet wird:

  • Imajeghen/Imuhagh/Imushagh
  • Imaghad
  • Iklan (Iderafan, Ikawaren, Izzegharen)
  • Inadan
  • Ineslimen

Unter den Tuareg (Imajeghen/Imuhagh/Imushagh) gab es einige Stämme, die bis zur kolonialen Eroberung die politische und wirtschaftliche Macht besaßen. Sie stellten eine Art König, den Amenokal. Daneben gibt es zugewanderte Stammesgruppen, die in der Literatur stets mit Begriffen des feudalen Europas beschrieben werden und damit ein völlig falsches Bild implizieren: die Imaghad. Sie mussten zwar in vorkolonialer Zeit Abgaben liefern, kooperierten jedoch in politischen Belangen mit den Imajeghen/Imuhagh/Imushagh und wurden von ihnen beschützt. Iklan, „Sklaven“ spielten im traditionellen System eine wesentliche wirtschaftliche Rolle. Sie stellten zwar das Eigentum einer Familie dar, wurden jedoch als fiktive Verwandte integriert. Sklaven konnten befreit werden und wechselten damit ihren sozialen Status und wurden mit unterschiedlichen Termini bezeichnet (unter anderem Iderafan, Ikawaren, Izzegharen). Die Handwerker und Schmiede (Inadan) stellen eine eigene soziale Gruppe dar, die als Personen ohne Scham und Anstand gelten, jedoch für die Wirtschaft unentbehrlich waren, da sie den gesamten Bedarf an Arbeitsgeräten, Werkzeugen, Waffe, Küchenuntensilien und Schmuck herstellten. Der Vollständigkeit halber seien auch die Ineslimen, die Religionsgelehrten genannt, obwohl sich der Begriff auf alle Muslime bezieht. Dennoch gibt es spezielle Stämme, die durch ihre religiöse Praxis aus der übrigen Gesellschaft herausragen. Dieses unterteilte Sozialsystem spielt bis heute eine Rolle und weist den jeweiligen Mitgliedern eigene Wert- und Moralvorstellungen zu, die für die einzelnen Gruppenmitglieder einzuhalten sind. (Stühler 1978, Keenan 1977, Pandolfi 1998, Kohl 2007 u. a.)

Targi aus der Gegend von Timbuktu in Festtagstracht mit roter Mütze unter dem Turban und Silberamuletten (um 1890)

Bei den Tuareg tragen die Männer einen Gesichtsschleier (Tagelmust), was im Gegensatz zur sonst üblichen islamischen Tradition steht. Es geht darum, den Mund zu verdecken, da Körperöffnungen als unrein gelten, außerdem ist es bei den Tuareg üblich, dass sich Männer vor Frauen verschleiern, da die Frau bei ihnen das Sinnbild des Lebens darstellt. Im Gegensatz zu den arabischen Moslems darf die Frau selbst entscheiden, wen sie heiratet und sie darf ihren Mann verstoßen. Bei den Tuareg ist es auch immer die Frau, die Gäste empfängt und die traditionelle Zubereitung des Tees überwacht. Deshalb geraten Tuareg und Araber häufig aneinander, da sich die muslimischen Frauen verschleiern und meistens keine Rechte haben – sie sind an den Mann gebunden. Nach einer anderen Interpretation müssen sich die Männer, die häufig in der Wüste und in den Bergen unterwegs sind, vor den Kel Eru, den Geistern der Toten, schützen, die versuchen, auf dem Weg über den Mund Besitz von den Lebenden zu ergreifen. Zur traditionellen Männertracht gehörte, zumindest an hohen Festtagen, auch eine hohe Mütze aus rotem Filz, die als Tukumbut bezeichnet wurde. Das Gesicht der Frauen ist wie bei den Berbern unbedeckt, sie tragen aber ein Tuch am Kopf, das ihre Würde und ihre Ehre als erwachsene Frau verdeutlicht. Die Kopfbedeckungen der Männer und Frauen haben in erster Linie mit dem Ehrenkodex der Gesellschaft (asshak) zu tun und verdeutlichen Respekt, Anstand und Reserviertheit (takarakit – Claudot-Hawad, 2000; Kohl, 2007).

Die verlorene oder versunkene Oase Gewas ist in der Tuareg-Kultur ein wichtiges Symbol. Sie steht bei ihnen für die Sehnsucht nach einer vollkommenen, paradiesischen Welt voller Reichtümer und Überfluss. Dieser imaginäre Gegenentwurf zur unbarmherzigen und kargen Wirklichkeit der Wüste dient ihnen als eine Art Trost. In der Vorstellung der Tuareg kann nur derjenige diesen legendären Ort wirklich finden, der im Grunde nicht bewusst und gezielt nach ihm sucht.[4]

Die Tuareg besitzen mit dem Tifinagh auch ein eigenes Schriftsystem, das jedoch nicht als Mittel der alltäglichen Kommunikation dient. Auch in früheren Zeiten war die Kenntnis des Tifinagh auf die „Adelsclans“ (damit werden in der älteren Literatur die Imajeghen/Imushagh/Imushagh bezeichnet) beschränkt, wo sie den Kindern von ihren Müttern bzw. den alten Frauen beigebracht wurde. Heute verwenden viele Handwerker die Tifinagh-Schrift und gravieren ihre Namen auf selbst hergestellte Schmuckstücke.

Wohnen

Die umherziehenden Tuareg leben in mobilen Zelten. Die Stämme der Sahelzone bauen ihre Mattenzelte aus Palmwedeln. Wenn die Stämme über längere Zeit an einem Ort bleiben, kann es auch sein, dass sie sogenannte Seribas errichten. Diese kleinen Hütten aus Schilf sind sehr geschickt gebaut, es gibt immer zwei Eingänge, welche auch bei heißem Wetter für Durchzug sorgen. Als Windschutz dient eine Strohmatte, Asabar genannt, die man ganz einfach vor den Eingang stellt. In der Wüste haben die Tuareg Lederzelte, die aus 30–40 Schaf- und Ziegenfellen bestehen. Beim Aufbauen der Zelte errichten sie zuerst die Bogenkonstruktion, danach werden die Möbel platziert und anschließend Dach und Seitenwände darüber geworfen und bespannt. Viele der Tuareg sind in die Städte gezogen, da es ein hartes und anstrengendes Leben ist, in der Wüste umherzuziehen. Andere Tuareg haben sich an Oasen eigene Siedlungen aufgebaut und betreiben Ackerbau. Die meisten Tuareg, die in einer Stadt ein neues Leben beginnen wollen, gehen nach Agadez, eine Stadt im Niger, in der schon viele von ihnen leben.

Kleidung

Targia aus Mali

Die Kleidung der Nomaden ist geschlechtsspezifisch getrennt. Männer tragen eine schwarze, am Saum mit weißen oder gelben Fäden bestickte Hose (ikerbey), ein langes, bis zu den Knöcheln reichendes Übergewand (tekatkat) und den Gesichtsschleier, tagelmust oder auch eshesh genannt. Frauen sind mit einem Wickelrock (teri) und einem lose flatternden, aufwendig bestickten Oberteil (aftaq) bekleidet oder tragen ein Wickelgewand (tasirnest). Gleich dem tagelmust der Männer besitzen Frauen eine Kopfbedeckung, adeko oder afar, die ihre Ehre und Würde unterstreicht und das Frau-sein hervorhebt.[5]

Die Kopfbedeckung der Tuareg beruht weniger auf muslimischen Normen als auf ihren eigenen Wertvorstellungen (vgl. Rasmussen 1995). Zudem bietet sie Schutz vor Sonne, Sand und Wind und verringert die Körperaustrocknung. Aleshu, das indigoblau gefärbte und per Hand aus vielen Stoffbahnen zusammengenähte Stück Stoff, ist das Markenzeichen schlechthin, wurde jedoch erstmals vor knapp 150 Jahren aus Kano ins Gebiet der Tuareg importiert (Spittler, 2008). Durch jahrelanges Tragen färbt es die Gesichtshaut bläulich, daher das Klischee vom „blauen Ritter der Wüste“. Seit ungefähr einem Jahrhundert sind auch feine Musselinstoffe in weiß oder schwarz in Verwendung (eshesh), da durch die zunehmende Verarmung der Nomaden das kostbare aleshu nicht mehr erwerbbar war. Der Chèche (auch Schesch geschrieben) ist zwischen 2,5 Meter und 15 Meter lang, je nachdem ob es sich um einen jungen Mann oder eine respektgebietende ältere Persönlichkeit handelt.[6]

Ernährung

Das Brot der Tuareg (Taguella)

Verschiedene Getreidesorten, die von den Frauen angebaut oder gesammelt werden und aus denen sie das Brot der Tuareg, Tagella, herstellen, bilden die Grundlage für das Essen der Tuareg: Im Süden wird vor allem Hirse genutzt, im Norden Weizen, außerdem Gerste. Für die umherziehenden Tuareg ist die Kamelmilch sehr wichtig. Ungekocht wird sie mit Wasser zur täglichen Mahlzeit getrunken. Wenn sie in gedḥān genannten Holzschalen offen stehengelassen wird, vergärt sie zu Sauermilch oder Dickmilch. Außerdem benötigen sie Ziegen-, Kuh- und Schafsmilch für Butter und Käse. Wenn die Tuareg auf Wanderschaft sind, gehört die Taguella (insbesondere in Algerien) zum Ernährungsstandard. Fleisch gibt es meist nur bei religiösen und familiären Festen. Die Tuareg verschmähen häufig Eier, Hühner und Fisch. Beeren, Früchte, Wurzeln und Samen werden von den Frauen und Kindern wie Getreide gesammelt. Der von Arabern eingeführte Grüntee ist den Tuareg fast unentbehrlich geworden. Das Ritual des Teekochens gehört zur Teekultur Nordwestafrikas.

Musik und Feste

Es gibt mehrere traditionelle Musikstile, zum Beispiel Tendé, Imzad und Esele. Tendé wird auch „Tanz der Kamele“ genannt. Dabei sitzen die Frauen dicht beisammen und singen, eine Vorsängerin trommelt auf dem mit Ziegenhaut bespannten Hirsemörser, der Tendé genannt wird, und die Männer umrunden die Frauen auf ihren Kamelen. Imzad ist eine einsaitige Fiedel, die vorzugsweise von älteren Frauen gespielt wird. Die dreisaitige Tuareg-Laute Tahardent ähnelt der viersaitigen Tidinit von Mauretanien, sie hat sich seit den 1960er Jahren in den Städten am Rand der Wüste ausgebreitet. Esele ist eine Art „Wüstendisco“, bei der junge Frauen die Männer mit rhythmischem Gesang und Händeklatschen zum Tanz auffordern. Gitarrenmusik ist sehr beliebt. Ein Fest ohne Gitarre ist in manchen Regionen undenkbar.

Hochzeiten und nationale oder religiöse Jahresfeste haben im Leben der Nomaden eine große Bedeutung. Da die umherziehenden Hirten sehr oft einsam sind, freuen sie sich auf diese Feste. Das größte Fest ist die Hochzeit. Frauen und Männer tragen dabei edelste Kleidung, dazu gibt es als Musik meist Tendé. So heißt auch gleichzeitig ein weiteres Fest, bei dem ausschließlich die Musikart Tendé gespielt wird. Daneben gibt es noch viele regionale Feste.

In Djanet in Südalgerien wird jedes Jahr vor dem islamischen Aschura-Tag das zehntägige Sebiba-Tanzfest veranstaltet. Bianou ist ein ähnliches Neujahrsfest, das in Agadez im nördlichen Niger stattfindet.

Kunst und Handwerk

Ein Targi verkauft handwerklich hergestellte Gegenstände

Die Tuareg schmieden von Waffen bis zu Ohrringen die unterschiedlichsten Gegenstände. Zur Herstellung benutzen sie als Grundmaterialien Eisen, Silber und Buntmetalle. Eisen gewinnen sie heutzutage in erster Linie aus Industrieschrott, zum Beispiel Halbachsen von Geländewagen, die sie dann zu Äxten weiterverarbeiten. Für die Herstellung von Gegenständen aus Buntmetall (Kupfer, Messing und Bronze) wird meist das Wachsausschmelzverfahren angewandt, bei dem man zunächst zuerst ein Modell des gewünschten Objekts aus Wachs anfertigt. Das Modell wird anschließend in kaltem Wasser gehärtet und danach mit feinem Ton umkleidet. Dabei werden mehrere Löcher freigelassen, um später das Wachs ausschmelzen zu können. Nun wird der Ton erhitzt und das Wachs durch die Öffnungen in eine Schüssel mit Wasser zur Wiederverwertung ausgegossen. Das vorgesehene Metall wurde bereits in einem Tontiegel (tebent) geschmolzen. Wenn das Gussmetall dann heiß genug ist, wird es durch das Wachsausgussloch in die Tonform eingegossen. Diese wird nach der Metallhärtung zerschlagen, anschließend wird der abgekühlte Rohling gefeilt und poliert (beispielsweise mit Sand) und ein Muster eingeritzt. Da man beim Gelbguss keine vorgefertigten Gussformen verwendet, fallen schon die unbearbeiteten Objekte immer sehr unterschiedlich aus.

Handel

Die Sahara-Tuareg bringen mit ihren Kamelen für Händler Salz aus der Amadror-Ebene und anderen Orten, sowie Datteln auf verschiedene Märkte. Von dem Erlös kaufen sie Getreide, Stoffe, Tee und Zucker. Die Sahara-Tuareg könnten ohne diesen Karawanenhandel nicht leben, aber er wird nur von den Männern betrieben, so dass die Frauen manchmal monatelang mit den Kindern und Viehherden allein bleiben. Die Handelsunternehmen der Sahel-Tuareg beschränken sich auf den Verkauf ihres Viehs.

Literatur

  • Edmond Bernus, Jean-Marc Durou: Touaregs - un peuple du désert. Robert Laffont, Paris 1996.
  • Mano Dayak: Die Tuareg Tragödie. Bad Honnef 1996. ISBN 978-3-89502-039-1.
  • Henri Duveyrier: L'exploration du Sahara. Les Touaregs du Nord. Paris 1864.
  • Harald A. Friedl: KulturSchock Tuareg. Reise Know-how. Peter Rump, Bielefeld 2008. ISBN 978-3-8317-1608-1.
  • Harald A. Friedl: Reisen zu den Wüsternrittern. Ethno-Tourismus bei den Tuareg aus Sicht der angewandten Tourismus-Ethik. Traugott Bautz Verlag, Neuhausen 2009
  • Werner Gartung: Tarhalamt. Die Salzkarawane der Kel Ewey Tuareg. Museum für Völkerkunde, Freiburg im Breisgau 1987 ISBN 3-923804-15-6
  • Gerhard Göttler: Die Tuareg. DuMont, Köln 1989. ISBN 978-3-7701-1714-7.
  • Claudot-Hawad Hélène: Honneur et politique: Les choix stratégiques des Touareg pendant la colonisation française. In: Encyclopédie Berbère. Band XXIII. Aix-en-Provence 2000. S. 3489–3501.
  • Jacques Hureiki: Tuareg - Heilkunst und spirituelles Gleichgewicht. Cargo Verlag, Schwülper 2004. ISBN 978-3-980-58365-7.
  • Herbert Kaufmann: Wirtschafts- und Sozialstruktur der Iforas-Tuareg. Köln 1964 (Phil. Diss.).
  • Jeremy Keenan: The Tuareg. People of Ahaggar. Allan Lane, London 1977. ISBN 978-0-312-82200-2.
  • Georg Klute, Trutz von Trotha: Wege zum Frieden. Vom Kleinkrieg zum parastaatlichen Frieden im Norden von Mali. In: Sociologus. Nr. 50, 2000. S. 1–36.
  • Ines Kohl: Tuareg in Libyen. Identitäten zwischen Grenzen. Berlin 2007. ISBN 978-3-496-02799-7.
  • Peter Kremer, Cornelius Trebbin: Tuareg - Herren der Wüste. Beiheft zur Ausstellung der Heinrich-Barth Gesellschaft. Köln, Düsseldorf 1988. ISBN 978-3-9801743-0-5.
  • Henri Lhote: Les Touaregs du Hoggar. Paris 1955 (zweibändige Neuauflage 1984 und 1986). ISBN 978-2-200-37070-1.
  • Johannes Nicolaisen: Economy and Culture of the Pastoral Tuareg. Kopenhagen 1963 (wichtige Studie auf strukturalistischer Basis).
  • Thomas Seligman und Krystine Loughran (Hrsg.): Art of Being Tuareg: Sahara Nomads in a Modern World. Los Angeles 2006, ISBN 978-0974872964.
  • Hans Ritter: Wörterbuch zur Sprache und Kultur der Twareg. Band I: Twareg-Französisch-Deutsch. Elementarwörterbuch mit einer Einführung in Kultur, Sprache, Schrift und Dialektverteilung. Wiesbaden 2009. ISBN 978-3-447-05886-5. Band II: Deutsch-Twareg. Wiesbaden 2009. ISBN 978-3-447-05887-2.
  • Edgar Sommer: Kel Tamashek - Die Tuareg Cargo Verlag, Schwülper 2006. ISBN 978-3-938-69305-6.
  • Gerd Spittler: Dürren, Krieg und Hungerkrisen bei den Kel Ewey (1900–1985). Franz Steiner, Stuttgart 1989. ISBN 978-3-515-04965-8.
  • Gerd Spittler: Handeln in einer Hungerkrise. Tuaregnomaden und die große Dürre von 1984. Westdeutscher Verlag, Opladen 1989. ISBN 978-3-531-11920-5.

Belletristik

  • Ibrahim al-Koni: Die Magier. Das Epos der Tuareg. Lenos Verlag, Basel 2001. ISBN 3-85787-670-0.
  • Federica de Cesco: Hinani - Tochter der Wüste. 2008. ISBN 3-401-50048-1 (Jugendroman).
  • Federica de Cesco: Samira – Königin der roten Zelte. Band 1 der Samira-Trilogie. Arena Verlag, Würzburg 2006. ISBN 3-401-05363-9 (Jugendroman).
  • Federica de Cesco: Samira – Hüterin der blauen Berge. Band 2 der Samira-Trilogie. Arena Verlag, Würzburg 2006. ISBN 3-401-05364-7 (Jugendroman).
  • Federica de Cesco: Samira – Erbin der Ihagarren. Band 3 der Samira Trilogie. Arena Verlag, Würzburg 2006. ISBN 3-401-05875-4 (Jugendroman).
  • Federica de Cesco: Wüstenmond. Marion von Schröder, München 2000. ISBN 3-547-71765-5. (Roman)
  • Mano Dayak: Geboren mit Sand in den Augen. Die Autobiographie des Führers der Tuareg-Rebellen. Unionsverlag, Zürich 1997. ISBN 978-3-293-00237-1.
  • Jane Johnson: Die Seele der Wüste. Page & Turner, 2010. ISBN 3-442-20344-9 (Roman).
  • Heike Miethe-Sommer: Tuareg Poesie. Cargo Verlag, Schwülper 1994. ISBN 978-3-980-58361-9.
  • Alberto Vázquez-Figueroa: Tuareg. Goldmann Verlag, München 1989. ISBN 3-442-09141-1.

Weblinks

 Commons: Tuareg – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Prasse 1999:380
  2. IRIN News: NIGER: New Touareg rebel group speaks out (englisch)
  3. Maggie Fick: Tea with the Tuareg. International Herald Tribune, 12. Dezember 2007
  4. Ässhäk – Geschichten aus der Sahara. Ein Film von Ulrike Koch, Presseheft, S. 11.
  5. Kohl 2008, Susan J. Rasmussen 2006
  6. Claudot-Hawad 1993:33

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