Denken


Denken
Auguste Rodin: „Der Denker“

Unter Denken werden alle Vorgänge zusammengefasst, die aus einer inneren Beschäftigung mit Vorstellungen, Erinnerungen und Begriffen eine Erkenntnis zu formen versuchen.[1] Bewusst werden dabei meist nur die Endprodukte des Denkens, nicht die Denkprozesse, die sie hervorbringen.[2]

Denken wird allgemein von Wahrnehmung und Intuition unterschieden. Dies wird in der Regel damit begründet, dass Wahrnehmung und Intuition unbegrifflich seien, Gedanken jedoch als begrifflich oder propositional aufgefasst werden. Denken kann auf einem Einfall basieren, spontan durch Gefühle, Situationen, Sinneseindrücke oder Personen ausgelöst werden, oder es wird abstrakt-konstruktiv entwickelt. Automatisches Denken, das unbewusst, absichtslos, unwillkürlich und mühelos abläuft, kann unterschieden werden von kontrolliertem Denken, das bewusst, absichtlich, freiwillig und aufwendig ist.[3] Vermutungen, was und wie das eigene Denken abläuft, sind jedoch sehr unzuverlässig[2], s.a. Lautes Denken.

Wie Denken im Einzelnen geschieht, ist Forschungsgegenstand verschiedener Disziplinen, beispielsweise Ethnologie, Psychologie, Kognitionswissenschaft, Gehirnforschung, Erkenntnistheorie und Logik. Dabei ist zu beachten, dass die Fächer das Denken höchst unterschiedlich betrachten, zum einen die deskriptiv vorliegenden Formen des Denkens in mutsren und Heuristiken, zum anderen die Mechanismen des konkreten Vorgangs und seine organische Grundlage, und schließlich normativ im Sinne eines Algorithmus zur verarbeitung von Eindrücken oder eines Kalküls zum ziehen von Schlüssen.

Inhaltsverzeichnis

Biologie

In Analogie zu den Begriffen der Verhaltensbiologie bezeichnet man:

  • als Denkweise (zu Verhaltensweise) den einzelnen Gedankengang
  • als Denkmuster (zu Verhaltensmuster) als regelmäßig in Reaktion auf eine Situation erfolgenden Gedankengang

Die typischen Denkweisen und -muster einer Person hängen von der Veranlagung, der Sozialisation (auch Erziehung, Bildung), den gesammelten Erfahrungen im Umgang mit Anderen und der Art der sozialen Beziehungen ab.

Psychologie

Hauptartikel Denkpsychologie

Kognitive Psychologie

In der kognitiven Psychologie wird Denken als eine Mischung aus Gedächtnisleistung und logisch abstrakter Symbolverarbeitung angesehen.

Mit Hilfe von Modellen, sogenannten kognitiven Architekturen, werden u. a. Denk- und Problemlöseprozesse simuliert. Die bekanntesten Modelle sind

Denken als Problemlösen

Ein Problem besteht, wenn von einem gegebenen Ausgangszustand aus ein gewünschter Zielzustand nicht ohne weiteres erreicht werden kann. Die zwischen Ist- und Soll-Zustand liegende Barriere muss durch Einsatz von Hilfsmitteln (sog. Operatoren) beseitigt werden. Hierzu sind Denkprozesse erforderlich.

In diesem Zusammenhang werden im Unterschied zu Intelligenztests komplexere Aufgaben verwendet, wie z. B. die Türme von Hanoi oder computersimulierte Problemlöseszenarien.

Die Hauptkategorien des Denkens – bewusstes, unbewusstes oder vorbewusstes Denken – sind beim Problemlösen nicht zu trennen. Jedem bewussten Denkprozess gehen unbewusste Denkschritte voraus. Viele Erkenntnisse „reifen“ unbewusst, in einer Phase der Entspannung, wenn man sich von dem Problem distanziert hat. Etliche große wissenschaftliche Einsichten kamen den Forschern scheinbar im Schlaf oder „aus heiterem Himmel“.

Analytisches Denken vs. analoges Denken

In der Kognitionspsychologie spielt die Unterscheidung zwischen analytischem Denken, welches auf einer Analyse von Sachverhalten o.Ä. beruht, und analogem Denken, welches ohne eine Analyse auskommt, eine wichtige Rolle. Analoges Denken findet assoziativ, spontan statt. Auf diese Weise kann etwa durch Konnotationen ein komplexer Sachverhalt erschlossen werden. So ist es bspw. möglich, einen schwierigen literarischen Text durch das assoziative Malen eines Bildes zu interpretieren, ohne vorher eine Interpretation auf der Basis einer Textanalyse geleistet zu haben.

Entwicklungspsychologie

Denken hat oft mit Wissen und mit Erfahrung zu tun. In der Entwicklungspsychologie wird unter anderem erforscht, wie Kinder lernen, kausale Zusammenhänge zu erkennen. Dieses „Kausalitätswissen“ wächst oft durch gegenständliches Erleben und Denken.

Das gegenständlich-kausale Denken eines Kindes[4] ist ab etwa neun Monaten zu bemerken; ihm geht eine Phase der „Prä-Kausalität“ voraus. Ähnlich scheint es mit den oben erwähnten assoziativen Denkvorgängen zu sein. Mit etwa drei Jahren wird auch abstrakte Kausalität einsichtig, doch sind Fehler im logischen Denken oft „resistent“ (bleiben lange bestehen), was allerdings auch beim Erwachsenen vorkommt (vgl. die Forschung von Jean Piaget).

Wenn Kleinkinder lernen, z. B. einzelne Elemente oder Bausteine zu gruppieren, werden mit zunehmender Übung die Effekte logischer Operationen merkbar. Zunächst konzentrieren sie sich auf ein Merkmal, später auf wenige Merkmale. Die Logische Multiplikation – z. B. als kombiniertes Beachten von Form und Farbe – gelingt erst mit einigen Jahren, wird aber durch Zufallserlebnisse gefördert.

Verschiedene Versuche – unter anderem mit geistig Behinderten – widersprechen der häufig geäußerten Annahme, dass Kinder alternative Denkweisen hätten. Wie viel des kindlichen Wissens „angeboren“ ist und ob ihre begriffliche Denkstruktur jener von Erwachsenen entspricht, wird derzeit intensiv untersucht.

Motivationspsychologie

Denken ist auch relevant für die Leistungsmotivation, z. B. im Leistungssport. Diese ist in diesem Zusammenhang vielleicht ebenso wichtig wie Psychomotorik und Coaching bzw. Training. Es gilt, das Denken, die Vorstellung, die aktuelle Wahrnehmung und sogar das Gedächtnis auf das Ziel zu konzentrieren. Automatisierung aller wichtigen Reaktionen und Sequenzen (vgl. Handlungstheorie) ist erforderlich. So steht auch unter Leistungsdruck das ganze persönliche Leistungsspektrum zur Verfügung.

Auch Phänomene wie Ehrgeiz und Egoismus bzw. Wille und das Hinarbeiten auf übergeordnete Ziele lassen sich unter kognitivem Blickwinkel betrachten.

Sozialpsychologie

Das Denken steht immer unter dem Einfluss der beiden wichtigsten Motive des Menschen:

  • dem Bedürfnis nach einem positiven Selbstbild und
  • dem Bedürfnis nach einem realistischen Weltbild.[5]

Als Akteur im sozialen Feld ist der Mensch mit seinen begrenzten Ressourcen (beschränkte Aufmerksamkeit, beschränktes Kurzzeitgedächtnis, Schwächen des Langzeitgedächtnisses usw.) beim Denken ständig auf Heuristiken angewiesen, z.B. automatisches Denken, Implizites Wissen, Einstellungen wie Vorurteile, Sympathie usw. , Schemata wie Urteilsheuristiken, Implizite Persönlichkeitstheorien usw. Durch kognitive Überlastung können Denkfehler und kognitive Verzerrungen auftreten.[3]

Philosophie

Die Philosophie (alt- und neugriechisch φιλοσοφία, philosophía, wörtlich „Liebe zur Weisheit“) hat im Gegensatz zu den einzelnen Wissenschaften keinen begrenzten Gegenstandsbereich. Allgemein könnte man sie als den Versuch der kritisch-rationalen Selbstüberprüfung des Denkens bezeichnen, als eine methodische Reflexion, die sich inhaltlich tendenziell auf eine Gesamtdeutung der Welt und der menschlichen Existenz richtet. Das Denken selbst wird insbesondere in der Erkenntnistheorie der Philosophie der Logik, der Sprachphilosophie und in der Moralphilosophie (in der Theorie des moralischen Urteilens) thematisiert.

Denken als wortlose Sprache?

Das Denken könnte man auch als stummes Sprechen in einer inneren, allen Menschen gemeinsamen Sprache bezeichnen, die nach dem Philosophen Jerry Fodor language of thought (etwa: Sprache des Geistes) oder auch mentalese (etwa: „Denkisch“ oder „Mentalisch“) genannt wird. Die Idee einer Sprache des Geistes (einer lingua mentis) findet sich auch schon – ausgehend von einer These des griechischen Philosophen Aristoteles – in der Philosophie des Mittelalters. „Alle Philosophie ist Sprachkritik.“ Ludwig Wittgenstein

Allerdings gibt es auch ein Denken in Bildern, das die Kunst kennt und das dem Traum und der Vorstellung verwandt ist – die Einbildung (Wie etwa in der Legende, dass der Chemiker Friedrich August Kekulé die Ringstruktur des Benzolmoleküls träumte).

Ethnologie

Denken kann kulturell geprägt sein; diese Behauptung wird gestützt von Befunden, die verschiedenen Kulturkreisen unterschiedliche Denkstile zuordnen. So wird individualistischen Gesellschaften eine eher analytische Denkweise zugesprochen und im Gegensatz dazu kollektivistischen Kulturen eine eher holistische Denkweise.

Beim analytischen Denken wird auf der Ebene der Wahrnehmung der Kontext häufig ignoriert; bei der Betrachtung eines Bildes z. B. wird das Hauptobjekt stärker fokussiert als der Hintergrund. Dies nennt man Feldunabhängigkeit. Eine analytisch denkende Person nimmt Objekte eher bezüglich ihrer Eigenschaften wahr und ordnet sie daraufhin in Kategorien ein. Aufgrund dieser Kategorisierung werden Einschätzungen über zukünftige Ereignisse und Verhaltensweisen getroffen. Also verwendet ein analytischer Denker Regeln, um Verhalten vorherzusagen. In Entscheidungssituationen wählt er eindeutig „Pro“ oder „Contra“ anstelle der „goldenen Mitte“.

Beim holistischen Denken richtet man seine Aufmerksamkeit dagegen auf die Beziehung zwischen dem fokussierten Objekt und dem Kontext (Feldabhängigkeit). Man versucht, auf dieser Basis (statt auf der Grundlage von Regeln) Ereignisse zu erklären und vorherzusagen. Holistische Ansätze basieren eher auf Erfahrungen und weniger auf abstrakter Logik. Holistisches Denken kann intuitiv sein. Auch dialektisches Denken wird zuweilen als holistisch bezeichnet, da Gegensätze herausgearbeitet, Widersprüche wahrgenommen und Veränderungen in Form von Synthesen bzw. Kompromissen gesucht werden.

Literatur

Philosophie

Psychologie und Denktechnik

  • Vester, Frederic: Denken, Lernen, Vergessen, 27. Aufl., dtv 2000; ISBN 3-423-33045-7
  • Dörner, D.: Problemlösen als Informationsverarbeitung. Stuttgart: Kohlhammer 1976
  • Funke, J.: Problemlösendes Denken. Stuttgart: Kohlhammer 2003, ISBN 3-17-017425-8
  • Funke, J.: Denken & Problemlösen (=Enzyklopädie der Psychologie, Band C/II/8). Göttingen: Hogrefe 2006, ISBN 3-8017-0527-7
  • Lüer, G.; Spada, H.: Denken und Problemlösen. In: H. Spada (Ed.), Lehrbuch Allgemeine Psychologie (pp. 189–280). Bern: Hans Huber 1990
  • Bernhard von Mutius (Hrsg.): Die andere Intelligenz. Wie wir morgen denken werden. Stuttgart, Klett-Cotta 2004. ISBN 3-608-94085-5
  • Oerter, R.: Psychologie des Denkens. Donauwörth: Ludwig Auer, 1971
  • Waldmann, M. R.; von Sydow, M.: Wissensbildung, Problemlösen und Denken. In: Kurt Pawlik (Hrsg.): Handbuch Psychologie. Springer Verlag: Berlin 2006, ISBN 3-540-22178-6, Kap. 15.

Literatur in englischer Sprache

  • Kwame Anthony Appiah: Thinking it Through – An Introduction to Contemporary Philosophy. Oxford Univ. Press, Oxford u. a. 2003. ISBN 0-19-516028-2
  • R.E. Nisbett, A. Norenzayan, (2002). Culture and cognition. In H. Pashler & D.L. Medin (Eds.), Stevens' Handbook of Experimental Psychology: Cognition (3rd ed, Vol. 2, pp. 561–579). New York: Wiley.
  • R.E. Nisbett, K. Peng, I Choi, A. Norenzayan: (2001). Culture and systems of thought: holistic versus analytic cognition. Psychological Review. 108, 291–310.
  • Richard W. Paul, Linda Elder: Critical Thinking, 2002, ISBN 0-13-064760-8
  • Steven Pinker: How the mind works, ISBN 0-14-024491-3
  • Steven Pinker: The language instinct, ISBN 0-14-017529-6

Siehe auch

Weblinks

 Wikiquote: Denken – Zitate
Wiktionary Wiktionary: Denken – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
Wiktionary Wiktionary: denken – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise

  1. Georgi Schischkoff: Philosophisches Wörterbuch
  2. a b M. W. Eysenck, M. T. Keane: Cognitive Psychology. Psychology Press, Hove (UK), 4. Aufl. 2000, ISBN 0-86377-551-9, S. 394
  3. a b Elliot Aronson, T. D. Wilson, R. M. Akert: Sozialpsychologie. Pearson Studium. 4. Auflage 2004. ISBN 3-8273-7084-1, S. 57 ff.
  4. Eine umfangreiche Darstellung der Entwicklung des Denkens bei Kindern findet sich in http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/DENKENTWICKLUNG/DenkenKinder.shtml
  5. Elliot Aronson, T. D. Wilson, R. M. Akert: Sozialpsychologie. Pearson Studium. 4. Auflage 2004. ISBN 3-8273-7084-1, S. 16 ff.

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