Praktische Theologie


Praktische Theologie
Friedrich Schleiermacher als häufige Referenzperson praktisch-theologischer Entwürfe
Karl Immanuel Nitzsch

Die Praktische Theologie ist eine seit dem 19. Jahrhundert etablierte und an den Universitäten gelehrte Disziplin der Theologie.

Inhaltsverzeichnis

Wesen und Definition

Die Aufgabe der Praktischen Theologie liegt in der kritischen Vermittlung zwischen der theologischen Wissenschaft und der christlichen Praxis in Kirche und Gesellschaft. Diese programmatische Definition ist in der Geschichte und Gegenwart dieser Disziplin allerdings umstritten. Die Kontroverse bezieht sich vor allem auf die Frage nach ihrem wissenschaftlichen Status innerhalb der Theologie und nach ihrem eigentlichen Gegenstand. Als wissenschaftliche Disziplin entstand die Praktische Theologie Anfang des 19. Jahrhunderts. Die Praktische Theologie ist somit das jüngste unter den akademischen theologischen Fächern. Als ihr Begründer gilt gemeinhin Friedrich Schleiermacher (1768–1834). Antrieb war die Erfahrung der Kluft zwischen einer praxisfernen Theologie und der kirchlich-religiösen Praxis, in der die wissenschaftliche Theologie kaum noch Bedeutung hatte.

Als Mittlerin zwischen Theorie und Praxis sollte die Praktische Theologie die Theologie insgesamt erfahrungsoffen und handlungsrelevant werden lassen, wobei der letzte Aspekt zumeist in den Vordergrund trat. Praktische Theologie wurde dann als Anwendungswissenschaft verstanden, die exegetische und dogmatische Aussagen in praktikable Handlungsanweisungen umformuliert. Seit F. D. E. Schleiermacher, Philipp Konrad Marheineke (1780–1846) und Karl Immanuel Nitzsch (1787–1868) wird demgegenüber versucht, die innertheologische, theoretische Funktion und Notwendigkeit der Praktischen Theologie zu begründen. Gegenwärtig sieht man in der wissenschaftlichen Analyse der wirklich gelebten christlichen Religiosität in Kirche und Gesellschaft die besondere Aufgabe der Praktische Theologie, die sich zunehmend als eine empirisch-analytische Wissenschaft in Analogie zu den Sozial- und Humanwissenschaften versteht. Die paradigmatische, wissenschaftstheoretische Ausrichtung der Praktischen Theologie (phänomenologisch, theoretisch-kritisch, empirisch, hermeneutisch) bleibt nach wie vor strittig. Demgegenüber ist die Frage einer Beschreibung ihres Gegenstandes seit der Mitte des 19. Jahrhunderts relativ eindeutig beantwortet.

Der entscheidende Schritt von der sapientia (<lat.> = „Einsicht“, „Weisheit“) zur scientia (<lat.> = „Wissen(-schaft)“, „Kenntnis“ – zu: scire = „wissen“, „verstehen“) war die Überwindung einer eher berufsethisch orientierten „weisheitlichen“ Pastoraltheologie. Anders als diese Pastoraltheologie, die sich auf Regeln für die Amtsführung des Pfarrers/Pastors beschränkt und die lediglich (wertvolles) Berufswissen vom Mentor zum Kandidaten weitergab, vertritt die Praktische Theologie ein umfassenderes Verständnis von Praxis; strittig jedoch bleibt, ob nur die explizit kirchliche Praxis oder der Gesamtzusammenhang von Religion und gesellschaftlichem Handeln Gegenstand der Praktischen Theologie sein soll. Der spezifische Gegenstandsbereich der Praktischen Theologie lässt sich durch Funktionen (Kommunikation, Bildung, Beratung und Hilfe, Leitung und Organisation) sowie durch deren Handlungsfelder (Gottesdienst, Predigt, Kasualien, kirchliche Publizistik, Religionsunterricht, Konfirmandenunterricht, Jugendarbeit, Erwachsenenbildung, Seelsorge, Diakonie, Gemeindeleitung, Kirchenrecht) beschreiben. Die Praktische Theologie arbeitet als empirische Wissenschaft mit den etablierten Methoden der Sozialforschung, mit denen der Psychologie/Tiefenpsychologie und mit hermeneutischen Verfahren.

Subdisziplinen

Lehrende der Praktischen Theologie

Emeritierte Lehrende der Praktischen Theologie

Literatur

  • Christian Bäumler u. a.: Methoden der empirischen Sozialforschung in der praktischen Theologie. Eine Einführung. München 1976.
  • P. C. Bloth, K.-F. Daiber u. a. (Hg.): Handbuch der praktischen Theologie. 4 Bde. Gütersloh 1981–1987.
  • K.-F. Daiber: Grundriß der praktischen Theologie als Handlungswissenschaft. München 1977.
  • W. Gräb: Lebensgeschichten – Lebensentwürfe – Sinndeutungen: Eine praktische Theologie gelebter Religion. Gütersloh 1998.
  • W. Gräb: Handbuch der Praktischen Theologie. Gütersloh 2007.
  • Christian Grethlein, H. Schwier (Hg.): Praktische Theologie. Eine Theorie- und Problemgeschichte, APrTh 33, Leipzig 2007.
  • G. Lämmermann: Einleitung in die Praktische Theologie. Handlungstheoreine und Handlungsfelder. Stuttgart u. a. 2001.
  • Norbert Mette, H. Steinkamp: Sozialwissenschaften und Praktische Theologie (Leitfaden der Theologie 11). Düsseldorf 1983.
  • M. Meyer-Blanck u. B. Weyel: Arbeitsbuch praktische Theologie. Ein Begleitbuch zu Studium und Examen. Gütersloh 1999.
  • M. Nicol: Grundwissen Praktische Theologie: ein Arbeitsbuch. Stuttgart 2000.
  • G. Otto: Grundlegung der Praktischen Theologie (= „Praktische Theologie“). Bd. 1. 1986.
  • G. Otto: Handlungsfelder der Praktischen Theologie (= „Praktische Theologie“). Bd. 2. München 1988.
  • D. Rössler: Grundriß der Praktischen Theologie, Berlin/New York 1986.
  • H. Schröer: Kompendium der Praktischen Theologie. Stuttgart 1998.
  • F. Schweitzer u. J. A. van der Ven (Hg.): Practical Theology – International Perspectives (= „Erfahrung und Theologie: Schriften zur Praktischen Theologie“). Bd. 34. Frankfurt am Main u. a. 1999.
  • W. Steck: Praktische Theologie: Horizonte der Religion – Konturen des neuzeitlichen Christentums – Strukturen der religiösen Lebenswelt (Praktische Theologie I). Stuttgart u. a. 2000.
  • J. van der Ven: Paradigmenentwicklung in der Praktischen Theologie. Kampen 1993.
  • E. Winkler: Praktische Theologie – Elementar. Ein Lehr- und Arbeitsbuch. Neukirchen 1997.

Weblinks


Wikimedia Foundation.

Schlagen Sie auch in anderen Wörterbüchern nach:

  • praktische Theologie — prạktische Theologie,   im katholischen Sprachgebrauch auch Pastoraltheologie, seit F. D. E. Schleiermacher Bezeichnung für diejenige theologische Teildisziplin, deren Gegenstand die Vermittlung theologischer Erkenntnisse in die Praxis der… …   Universal-Lexikon

  • Praktische Theologie —    heißt in der Organisation der kath. Theologie eine aus mehreren Einzelfächern oder Disziplinen bestehende Sektion, die vor allem Pastoraltheologie mit ihren Einzelfächern, Religionspädagogik, je nach der Standortbestimmung u.… …   Neues Theologisches Wörterbuch

  • Theologie — (gr. θεολογία theología, von θεός theós „Gott“ und logie) bedeutet übertragen „die Lehre von Gott“ oder Göttern im allgemeinen, und im besonderen die Lehre vom Inhalt des (meist christlichen) Glaubens und den Glaubensdokumenten …   Deutsch Wikipedia

  • Theologie — Religionswissenschaft; Gottesgelehrtheit * * * The|o|lo|gie [teolo gi:], die; , Theologien [teolo gi:ən]: wissenschaftliche Lehre von einer als wahr vorausgesetzten [christlichen] Religion, ihrer Offenbarung, Überlieferung und Geschichte:… …   Universal-Lexikon

  • Theolŏgie — (v. gr.), 1) bei den Griechen die Kenntniß u. Lehre von den Göttern u. den göttlichen Dingen; daher nannten sie denjenigen einen Theologos, welcher Theogonien (s.d.) dichtete, wie Orpheus u. Hesiodos, od. über göttliche Dinge u. den Ursprung der… …   Pierer's Universal-Lexikon

  • Theologie — (griech.), bei den Griechen die Lehre von den Göttern und göttlichen Dingen. Daher nannten die Griechen denjenigen einen Theologos, der über das Wesen und die Geschichte der Götter Auskunft zu erteilen vermochte. So führen diesen Namen der Syrer… …   Meyers Großes Konversations-Lexikon

  • Theologie — Theologīe (grch., »Lehre von Gott«), Gotteslehre. Die heutige Bedeutung von T. als Gesamtumfang der Wissenschaft von der christl. Religion gewann das Wort erst seit dem 12. Jahrh. (zuerst bei Abälard). Nach den verschiedenen Erkenntnisquellen… …   Kleines Konversations-Lexikon

  • Theologie — Theologie, griech., Gotteslehre, dann Gottesgelehrsamkeit, näher die Lehre, welche den religiösen Glauben eines Volkes, einer Secte oder Schule entwickelt und darstellt u. deren Princip u. Mittelpunkt die Idee Gottes ist; im engern und… …   Herders Conversations-Lexikon

  • Praktische Wissenschaft (Aristoteles) — Aristoteles Büste Aristoteles (griechisch Ἀριστoτέλης, * 384 v. Chr. in Stageira (Stagira) auf der Halbinsel Chalkidike; † 322 v. Chr. in Chalkis auf der Insel Euboia …   Deutsch Wikipedia

  • Theologie —    (griech. = Rede über Gott), ein aus der griech. Antike stammender Begriff, der vor allem die hymnische, mythische u. philosophische Rede von Gott bezeichnete. Es ist hier nicht möglich, auf die unterschiedlichen Konzeptionen (auch… …   Neues Theologisches Wörterbuch


Share the article and excerpts

Direct link
Do a right-click on the link above
and select “Copy Link”

We are using cookies for the best presentation of our site. Continuing to use this site, you agree with this.