Herbert Marcuse


Herbert Marcuse
Herbert Marcuse (1955)

Herbert Marcuse [marˈkuːzə] (* 19. Juli 1898 in Berlin; † 29. Juli 1979 in Starnberg) war ein deutsch-amerikanischer Philosoph, Politologe und Soziologe.

Inhaltsverzeichnis

Leben und Werk

Ausbildung und frühe Forschungen

Herbert Marcuse wurde als Sohn eines jüdischen Textilfabrikanten aus Pommern in Berlin geboren. 1916, nach dem Notabitur, wurde er zum kaiserlichen Heer einberufen. 1917 trat er der SPD bei. Nach dem militärischen Zusammenbruch Deutschlands wurde er 1918 in den Soldatenrat in Reinickendorf gewählt, aus dem er nach eigenen Angaben austrat, als frühere Generäle hineingewählt wurden.[1]

1918 begann Marcuse mit dem Studium der Germanistik und der neueren deutschen Literaturgeschichte im Hauptfach, der Philosophie und der Nationalökonomie im Nebenfach, zunächst vier Semester in Berlin, dann vier Semester in Freiburg. Nach der Ermordung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg verließ Marcuse Anfang 1919 die SPD. Zu diesem Zeitpunkt sei ihm klar gewesen, äußerte er in einem Gespräch mit Jürgen Habermas 1977, dass seine politische Haltung nur kompromisslos gegen die Politik der SPD gerichtet sein konnte und in diesem Sinne revolutionär gewesen sei.[2]

1922 wurde Marcuse mit einer Arbeit über den deutschen Künstlerroman promoviert. Anschließend war er im Buchhandel und Verlagswesen in Berlin tätig. 1924 heiratete er Sophie Wertheim. 1928 setzte er seine Philosophiestudien bei Edmund Husserl und Martin Heidegger fort. Einerseits bewunderte er Heideggers „Konkrete Philosophie“, kritisierte aber zugleich dessen Individualismus und unhistorische Herangehensweise. Seine Absicht, sich bei Heidegger in Freiburg über Hegels Ontologie und die Theorie der Geschichtlichkeit zu habilitieren, scheiterte wohl hauptsächlich an dessen damaliger Begeisterung für den Nationalsozialismus. Das Werk wurde 1932 dennoch veröffentlicht.

In diesem Jahr beschäftigte sich Marcuse auch mit den im Rahmen der ersten Marx-Engels-Gesamtausgabe erstmals veröffentlichten Ökonomisch-philosophischen Manuskripten von Karl Marx. Marx’ Jugendschriften von 1844 beeinflussten Marcuses Philosophieren erheblich. Er verfasste 1932 erste Interpretationen der Manuskripte in der Zeitschrift Die Gesellschaft. Dort kritisierte er mit Marx den Kapitalismus als ultimative Krise des menschlichen Wesens. Unter kapitalistischen Verhältnissen träten Wesen und Existenz des Menschen auseinander, der Mensch sei „entfremdet“ und könne sich nicht seinen Möglichkeiten entsprechend entfalten. Obwohl bei Marx die „Wesensphilosophie“ später in den Hintergrund trat oder, nach anderer Lesart, aufgegeben wurde, blieb sie für Marcuse auch in späteren Werken bestimmend.

Emigration

Nach der Machtübertragung an Hitler verließ Marcuse 1933 Deutschland und ging in die Schweiz. In Genf stieß er zu dem aus Frankfurt am Main emigrierten Institut für Sozialforschung, das von Max Horkheimer geleitet wurde. Kurzfristig arbeitete Marcuse auch für die Pariser Außenstelle des Instituts, bevor er 1934 endgültig in die Vereinigten Staaten emigrierte.

In der Zeitschrift des Instituts für Sozialforschung erschien 1934 Marcuses Aufsatz Der Kampf gegen den Liberalismus in der totalitären Staatsauffassung, in dem er sich unter anderem mit Heideggers Stellung zum Nationalsozialismus auseinandersetzt. Er referiert darin insbesondere Heideggers Rektoratsrede, in der ausgeführt wird, die Wissenschaft solle dem Dienst am Volk gewidmet werden. Die geistige Bewegung sei Macht zur Bewahrung der „erd- und bluthaften“ Kräfte des Volkes; darüber hinaus zitiert er einen Satz Heideggers aus der Freiburger Studentenzeitung vom November 1933: „Der Führer selbst und allein ist die heutige und künftige deutsche Wirklichkeit und ihr Gesetz.“[3] An Heidegger wandte sich Marcuse 1947 und forderte ihn auf, sich öffentlich vom Nationalsozialismus zu distanzieren, was dieser jedoch ablehnte.[4]

Im nach New York übergesiedelten Institut für Sozialforschung erhielt Marcuse eine feste Anstellung. Die ökonomische Situation des Instituts und das Drängen Max Horkheimers zwangen Marcuse 1942 dazu, eine neue Stellung in Washington, D.C. beim Office of Strategic Services (OSS) anzunehmen. Hier war er in einer Gruppe tätig, zu der unter anderem auch die Intellektuellen H. Stuart Hughes und Franz Neumann gehörten. Für eine OSS-Nachfolgeorganisation arbeitete er nach dem Krieg bis 1951 auch zeitweise als Europasektions-Leiter. 1951 bis 1954 arbeitete er an den Russian Institutes der New Yorker Columbia University und in Harvard an Studien über den Sowjet-Marxismus.[5]

1954 erhielt Marcuse seine erste Professur für Philosophie und Politikwissenschaft an der Brandeis University in Waltham (Massachusetts). 1964 wurde er Professor für Politikwissenschaft an der University of California, San Diego. Neben seiner dortigen Lehrtätigkeit nahm er 1965 eine außerordentliche Professur an der Freien Universität Berlin an.

Einfluss auf die Studentenbewegung

Grab auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof, Berlin.

In den USA erschienen seine beiden Hauptwerke Eros and Civilization 1955 und One-Dimensional Man 1964. Beide Werke und die Schriften zur Repressiven Toleranz 1965 und zu dem Sammelband Studien über Autorität und Familie von 1936 gehören zu den wichtigsten Arbeiten der Kritischen Theorie und zählten zu den Standardwerken der Studentenbewegung in aller Welt, vorwiegend in den USA und Deutschland. 1967 und 1969 verbrachte er mehrere Monate in Europa. Marcuse hielt Vorträge mit Diskussionen vor Studenten in Berlin, Paris, London und Rom.

Herbert Marcuse setzte sich kritisch mit dem Sowjet-Marxismus auseinander. Er stellte die Frage, ob sich der Marxismus im Stalinismus bis zur Unkenntlichkeit verwandelt habe. Noch kurz vor seinem Tod bezeichnete er das Buch Die Alternative. Zur Kritik des real existierenden Sozialismus von Rudolf Bahro als eines der wichtigsten Werke immanenter Kritik aus dem sowjetischen Machtbereich. 1955 führte er eine Kontroverse mit Erich Fromm.[6]

Marcuse starb an den Folgen eines Hirnschlags während eines Deutschlandbesuches bei Jürgen Habermas in Starnberg. Nach seinem Tod wurde die Urne von seiner Frau in die USA überführt, die Asche wurde jedoch nicht bestattet, geriet in Vergessenheit und gelangte erst im Jahr 2003 in den Besitz seines Sohnes Peter und seines Enkels Harold. Die Nachkommen entschlossen sich schließlich dazu, Marcuse in seiner Geburtsstadt Berlin bestatten zu lassen. Die Beerdigung fand im Sommer 2003 unter großer Anteilnahme der Medien auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin statt, auf dem auch Bertolt Brecht, Heinrich Mann, Johann Gottlieb Fichte und Georg Wilhelm Friedrich Hegel bestattet sind.[7] Im Anschluss daran richtete das Philosophische Institut der Freien Universität Berlin eine Veranstaltung zur Aktualität der Philosophie Herbert Marcuses im Auditorium Maximum der FU Berlin aus, wo Marcuse 1967 seinen berühmten Vortrag Das Ende der Utopie gehalten hatte.

Schriften

Werkausgabe

  • Herbert Marcuse: Schriften. 9 Bände. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1978–1989, ISBN 3-518-57997-5 (Nachdruck dieser Ausgabe: Zu Klampen Verlag, Springe 2004, ISBN 3-934-92046-2).
  • Herbert Marcuse: Nachgelassene Schriften. Hrsg. von Peter-Erwin Jansen. 6 Bände. Dietrich zu Klampen, Lüneburg/Springe 1999–2009.
    • Bd. 1: Das Schicksal der bürgerlichen Demokratie. Aus dem Amerikanischen von Michael Haupt, Einleitung von Oskar Negt. 1999, ISBN 3-924245-83-5.
    • Bd. 2: Kunst und Befreiung. Übersetzt von Michael Haupt und Stephan Bundschuh, Einleitung von Gerhard Schweppenhäuser. 2000, ISBN 3-924245-84-3.
    • Bd. 3: Philosophie und Psychologie. Aus dem Amerikanischen von Cornelia Lösch, Einleitung von Alfred Schmidt. 2002, ISBN 3-924245-85-1.
    • Bd. 4: Die Studentenbewegung und ihre Folgen. Aus dem Amerikanischen von Thomas Laugstien, Einleitung von Wolfgang Kraushaar. 2004, ISBN 3-924245-86-X.
    • Bd. 5: Feindanalysen. Über die Deutschen. Aus dem Amerikanischen von Michael Haupt, Einleitung von Detlev Claussen. 2007, ISBN 978-3-924245-86-3.
    • Bd. 6: Ökologie und Gesellschaftskritik. Aus dem Amerikanischen und Französischen von Thomas Laugstien, Einleitung von Iring Fetscher. 2009, ISBN 978-3-924245-87-0.

Einzelwerke (nach Erscheinungsjahr der dt. EA)

  • Hegels Ontologie und die Theorie der Geschichtlichkeit. Klostermann, Frankfurt am Main 1932 (3. Aufl. 1975, ISBN 3-465-00309-8).
  • Herbert Marcuse: Der Kampf gegen den Liberalismus in der totalitären Staatsauffassung. In: Zeitschrift für Sozialforschung 3, 1934, Heft 2, S. 161–194.
  • Autorität und Familie in der deutschen Soziologie bis 1933. In: Studien über Autorität und Familie. Forschungsberichte aus dem Institut für Sozialforschung. Paris 1936.
  • Eros und Kultur. Ein philosophischer Beitrag zu Sigmund Freud. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Marianne von Eckardt-Jaffe. Klett, Stuttgart 1955 (Originalausgabe: Eros and Civilisation. 1955; Neuauflage unter dem Titel: Triebstruktur und Gesellschaft. Ein philosophischer Beitrag zu Sigmund Freud. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1965, 17. Auflage 1995, ISBN 3-518-01158-8).
  • Kultur und Gesellschaft 1. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1965.
  • Kultur und Gesellschaft 2. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1965.
  • Der eindimensionale Mensch. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1967.
  • Psychoanalyse und Politik. Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 1968 (6. Auflage 1980, ISBN 3-434-30071-6; vier Vorträge: Trieblehre und Freiheit. Die Idee des Fortschritts im Licht der Psychoanlalyse. 1956, Das Problem der Gewalt in der Opposition. Das Ende der Utopie. 1967).
  • Ideen zu einer kritischen Theorie der Gesellschaft. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1969.
  • Repressive Toleranz. In: Robert Paul Wolff, Barrington Moore, Herbert Marcuse: Kritik der reinen Toleranz. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1970. ISBN 3-518-10181-1.
  • Versuch über die Befreiung. Suhrkampg, Frankfurt am Main 1973. ISBN 3-518-10329-6.
  • Die Gesellschaftslehre des sowjetischen Marxismus. Luchterhand, Darmstadt/Neuwied 1974, ISBN 3-472-61182-0 (Originaltitel: Soviet-Marxism. A critical Analysis. 1958).
  • Die Permanenz der Kunst. Wider eine bestimmte marxistische Ästhetik. Hanser, München 1977, ISBN 3-446-12200-1.
  • Protosozialismus und Spätkapitalismus – Versuch einer revolutionstheoretischen Synthese von Bahros Ansatz. In: Kritik Nr. 19, Hrsg. von Ulf Wolter, ISSN 0170-4761, Verlag Olle & Wolter, Berlin 1978 (Auch in: Herbert Marcuse: Spuren der Befreiung, Hrsg. von Detlev Claussen, Luchterhand, Darmstadt/Neuwied 1981; englisch in: Ulf Wolter (Hrsg.): Rudolf Bahro – Critical Responses. M.E.Sharpe, White Plains, N.Y. 1980, ISBN 978-0-87332-159-4 online auf opentheory.org).

Literatur

  • Hans Albert: Wissenschaft und Verantwortung. Max Webers Idee rationaler Praxis und die totale Vernunft der politischen Theologie. In: Ders.: Kritischer Rationalismus. Vier Kapitel zur Kritik des illusionären Denkens (UTB; 2138). Mohr Siebeck, Tübingen 2000, ISBN 3-8252-2138-5 (Replik auf Herbert Marcuse: Industrialisierung und Kapitalismus. In: Otto Stammer (Hrsg.): Max Weber und die Soziologie heute. Verhandlungen des 15. deutschen Soziologentages. Mohr, Tübingen 1965)
  • Roger Behrens: Übersetzungen, Studien zu Herbert Marcuse. Konkrete Philosophie, Praxis und kritische Theorie. Ventil Verlag, Mainz 2000, ISBN 3-930559-58-7.
  • Hauke Brunkhorst, Gertrud Koch: Herbert Marcuse. Eine Einführung. Junius, Hamburg 1997, ISBN 3-88506-833-8; Nachdruck Panorama Verlag, Wiesbaden 2005, ISBN 3-926642-61-0.
  • Andrew Feenberg: Heidegger and Marcuse : the catastrophe and redemption of history, New York [u.a.] : Routledge, 2005, ISBN 0-415-94178-4.
  • Bernard Görlich: Die Wette mit Freud. Drei Studien zu Herbert Marcuse. Nexus, Frankfurt am Main 1991, ISBN 3-923301-39-1
  • Jürgen Habermas (Hrsg.): Antworten auf Herbert Marcuse. Suhrkamp, Frankfurt/M. 1968 (mit einer Auswahlbibliografie der Schriften von Herbert Marcuse).
  • Jürgen Habermas: Herbert Marcuse über Kunst und Revolution. (1973) In: J.H.: Politik, Kunst und Religion. Essays über zeitgenössische Philosophen. Reclam, Stuttgart 1978 (aktuelle Neuauflage 2006) ISBN 3-15-009902-1, S. 96–102
  • Douglas Kellner: Herbert Marcuse and the Crisis of Marxism. Macmillan, London, 1984, ISBN 978-0-520-05295-6
  • Tim B. Müller: Krieger und Gelehrte. Herbert Marcuse und die Denksysteme im Kalten Krieg. Hamburger Edition, Hamburg 2010.
  • Paul Mattick: Kritik an Herbert Marcuse. Der eindimensionale Mensch in der Klassengesellschaft. Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt/M. 1969.
  • Rolf Wiggershaus: Die Frankfurter Schule. Geschichte, theoretische Entwicklung, politische Bedeutung. 6. Aufl. Dtv, München 2001, ISBN 3-423-30174-0.

Weblinks

 Commons: Herbert Marcuse – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Selbstauskunft in: Jürgen Habermas: Gespräch mit Herbert Marcuse (1977). In: Jürgen Habermas: Politisch-philosophische Profile. Erweiterte Ausgabe, Frankfurt am Main 1987, ISBN 3-518-28259-X, S. 269.
  2. Selbstauskunft in: Jürgen Habermas: Gespräch mit Herbert Marcuse (1977). In: Jürgen Habermas: Politisch-philosophische Profile. Erweiterte Ausgabe, Frankfurt am Main 1987, ISBN 3-518-28259-X, S. 268.
  3. Herbert Marcuse: Der Kampf gegen den Liberalismus in der totalitären Staatsauffassung. In: Zeitschrift für Sozialforschung 3, 1934, Heft 2, S. 161–194.
  4. Vgl. Brief Heideggers in: Martin Heidegger: Gesamtausgabe. Band 16: Reden und andere Zeugnisse eines Lebensweges (1910–1976). Klostermann, 2000, S. 430f.
  5. Zu Marcuses Tätigkeit im Zweiten Weltkrieg und im Kalten Krieg vgl. Tim B. Müller: Krieger und Gelehrte. Herbert Marcuse und die Denksysteme im Kalten Krieg. Hamburger Edition, Hamburg 2010.
  6. Daniel Burston: Verdrängung, Realität und die Autonomie der Theorie in der Fromm-Marcuse Kontroverse. Übersetzt von Karl von Zimmermann. In: erich-fromm.de, 2003 (PDF-Datei; 58 kB).
  7. Hendrik Werner: Die Asche meines Vaters. 24 Jahre nach seinem Tod ist der Philosoph Herbert Marcuse in Berlin beigesetzt worden. In: Die Welt, 19. Juli 2003.

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