Soziale Gruppe


Soziale Gruppe

Der Begriff Soziale Gruppe bezeichnet eine Sammlung von mindestens drei Personen (umstritten, auch zwei wird genannt). Der Begriff "soziale Gruppe" grenzt sich damit, was die Dreizahl der Mitglieder angeht, von der Zweierbeziehung (Dyade) ab.

Eine Gruppe in der Steinzeit (Gemälde von Wasnezow, 19. Jh.)

Nach der soziologischen Definition müssen die Gruppenmitglieder in einer unmittelbaren Beziehung zueinander stehen. Jedes Mitglied muss sich dabei der anderen Mitglieder bewusst sein. Zwischen den Mitgliedern muss eine Interaktion möglich sein. Damit grenzt sich die Gruppe nach soziologischer Definition von einer Organisation ab, einer Sozialform, die eine sehr große Ausdehnung in Bezug auf Mitgliederzahl, sowie in Hinsicht auf eine komplexe Sozialstruktur haben kann (gelegentlich als formelle Gruppe bezeichnet); hier gibt es oft eine anonyme Struktur, formalisierte, anonyme Begegnungen u. a. Das heißt eine Gruppe ist aufgrund der nötigen Interaktion in ihrer Größe begrenzt.

In der Psychologie, insbesondere der Sozialpsychologie, wird die Gruppengröße nicht nach oben begrenzt. Es wird allerdings von einigen Wissenschaftlern zwischen Phänomenen in kleineren und größeren Gruppen unterschieden. Eine gängige sozialpsychologische Definition ist die von Tajfel und Turner (1986, The social identity theory of intergroup behavior). Sie definieren eine (soziale) Gruppe als eine Ansammlung von Individuen, die sich selber als Mitglieder derselben sozialen Kategorie wahrnehmen, die ein gewisses Maß an emotionaler Bindung an diese Kategorie aufweisen und die einen gewissen sozialen Konsens über die Beurteilung und ihre Mitgliedschaft in dieser Gruppe aufweisen. Tajfel und Turners Theorie wird auf Gruppen von Kleingruppen bis hin zu ethnischen Gruppen und Nationen angewendet.

Inhaltsverzeichnis

Soziologische Definition

Kennzeichnend für viele Gruppen ist ihre Abgrenzung gegenüber Nicht-Mitgliedern

Wichtiges Merkmal einer sozialen Gruppe ist im soziologischen Sinne ihre Überschaubarkeit, für die Gruppenmitglieder ebenso wie für Außenstehende. Soziale Gruppen werden daher häufig auch als Kleingruppen bezeichnet; als grober Richtwert gilt eine Mitgliederzahl von höchstens 25. Außerhalb der Soziologie, etwa in der Sozialpsychologie, wird auch bei sehr viel größeren Gruppen noch von sozialen Gruppen gesprochen.

Eine soziologische Definition von Friedhelm Neidhardt lautet: „Gruppe ist ein soziales System, dessen Sinnzusammenhang unmittelbar durch diffuse Mitgliederbeziehungen sowie durch relative Dauerhaftigkeit bestimmt ist.“ Kennzeichen einer Gruppe ist häufig eine wiederkehrende Interaktion zwischen Menschen, jedoch nicht zwangsläufig. Jemand gehört einer Gruppe an, wenn

  • ein sozialer Akteur sich der Gruppe zugehörig fühlt

und wenn

  • dies von der Gruppe nicht dementiert wird.

Damit die erste Bedingung erfüllt sein kann, muss diese Gruppe mindestens in der Vorstellung eines Akteurs existieren. Sie kann dann als Bezugsrahmen für soziale Vergleiche dienen und so als seine Bezugsgruppe wirken, obwohl sie z. B. nicht nur aus lebenden Akteuren bestehen muss (z. B. „meine Sippe“) oder vielleicht überhaupt nichts davon weiß, dass sie als Bezugsgruppe wirkt (z. B. „alle Menschen mit Selbstachtung“). Um die Gruppenzugehörigkeit überhaupt dementieren zu können, muss darüber hinaus eine „Gruppe“ so etwas wie eine Gruppenidentität (Wir-Gefühl) entwickelt haben (vgl. auch Eigengruppe).

Das Wir-Gefühl ist ein wesentlicher, konstituierender Ausgangsfaktor für den Erhalt und Bestand von Gruppen, denn dieses Gruppengefühl gründet in den Gefühlen von Zugehörigkeit und Zusammengehörigkeit. Unmittelbare Interaktion eines Mitgliedes mit jedem anderen, Vertrautheit und Intimität gehören ebenso zu den Qualitäten der Gruppe.

Organisationspsychologische Sicht

In der Organisationspsychologie wird die Gruppe als Mehrzahl von Personen gesehen, die über eine längerer Zeitspanne hinweg in direkter Interaktion zueinander stehen und durch ein Wir-Gefühl verbunden sind. Es bestehen Rollendifferenzierungen bzw, gemeinsame Normen, Werte und Ziele[1]. Soziale Gruppen können in formale und informelle Gruppen klassifiziert werden[2]:

• Die formalen Gruppen werden von der Organisationsleitung nach den jeweiligen Erfordernissen und Zielsetzungen gebildet, um bestimmte, geplante und definierte Aufgaben auszuführen und Teilziele zu erreichen, beispielsweise Arbeitsgruppe, Team, Ausschuss bzw. Qualitätszirkel.

• Die informelle Gruppe ist durch gefühlsmäßige Bindungen zwischen den Gruppenmitgliedern gekennzeichnet und haben damit von der formellen Organisation unabhängige Begründungen[3], z.B. als Freundschaftsgruppe, aber auch als Clique. Sie befriedigen am Arbeitsplatz und in ihrer Freizeit soziale Bedürfnisse.

Für die Vorgesetzten als Gruppenleiter ist es im Rahmen der Teamführung bedeutsam zu wissen, welches Mitglied als informeller Gruppenführer agiert, wie die sozialen Gruppen die Kommunikation in der Organisation beeinflussen und ob es möglicherweise Konfliktpotential gibt.

Struktur

Das soziale Zusammenleben innerhalb der Gruppe ist geprägt durch dauerhafte soziale Beziehungen und Kontakte, durch Eigen- und Zusammenhandeln, durch Einheit sozial Handelnder mit gemeinsamen Werten und Interessen, durch Unmittelbarkeit von Beziehungen, durch wechselseitige Wahrnehmung der Beteiligten, durch Anwesenheit und direkte Interaktion, sowie durch aufeinander abgestimmte soziale Rollen. Hiermit sind einige grundlegende, gruppensoziologische Merkmalbestimmungen genannt, die die Basis für die sozialen Prozesse innerhalb einer Gruppe ergeben und die im speziellen Sinne dann Gruppenprozesse genannt werden können. In der Interaktion der Individuen ergeben sie die Gruppendynamik.

Aufschlussreich sind bei der Untersuchung der Struktur zunächst die verschiedenen sozialen Rollen und Positionen (Status) in Hinblick auf die Verteilung von Macht, Kompetenz, Einfluss, Autorität oder anderer signifikanter Sozialressourcen. Wie auch der Blick auf Unterwerfung oder Anpassung als spezifische Verhaltensweisen, aus denen sich möglicherweise eine Hierarchie oder eine andere spezifische Struktur ergibt.

Ein weiterer wesentlicher Faktor ist das Innen-Außen-Verhältnis der Gruppe. Wie definiert sie sich nach innen als Gemeinschaft, z. B. über Inhalte, Gefühle, Rituale, Werte? Daraus folgt die Frage, wie sich die Gruppe überhaupt vom Umfeld, von anderen Gruppen (vgl. Fremdgruppe) oder der Gesellschaft abgrenzt. Die mehr oder weniger klar definierte Art und Weise dieser Grenze stellt einen bestimmenden Analysefaktor dar.

Einige Rollen innerhalb von Gruppen

In der Regel kristallisieren sich innerhalb kurzer Zeit in den Gruppen einzelne Positionen heraus, die von einzelnen Gruppenmitgliedern eingenommen und unterschiedlich ausgefüllt werden (die soziale Rolle kann unterschiedlich gespielt werden) oder aber von den anderen Gruppenmitgliedern einem Individuum zugesprochen werden. Mit den meisten Rollen identifizieren sich einzelne Gruppenmitglieder bewusst oder unbewusst, zugesprochene Rollen werden von ihnen akzeptiert oder aber abgelehnt. Man kann sagen, dass die Rollenübernahme und -zuschreibung sozial ausgehandelt wird.

Empirische Beispiele:

  • Ein informeller Gruppenführer (instrumental leader) hat die Funktion, die Gruppe zusammenzuhalten, und bestimmt und koordiniert die Gruppenziele. In Gruppen, in denen es keinen offiziellen Gruppenleiter gibt, wetteifern meist der Beliebteste und der Normentreueste ("Tüchtigste")[4] um diese Position (nach George C. Homans sind beide sozialen Rollen unvereinbar).
    • Wer beliebt ist (emotional leader), hat die Funktion, die Gruppe zusammenzuhalten; er wird von allen gemocht und verkörpert die emotionale Seite der Gruppenbedürfnisse. Da er die 'Strenge' der Gruppenmaßstäbe gerade nicht verkörpert, ist er als Gruppenführer meist erfolglos, oder er wird unbeliebter und kann so seine ursprüngliche Rolle verlieren.
    • Wer tüchtig ist, verkörpert die normativen Ziele der Gruppe. Damit kann er nicht der Beliebteste sein: "Es recht zu machen jedermann, ist eine Kunst, die keiner kann."
  • Mitläufer orientieren sich am Gruppenleiter.
  • Der Opponent hat eine besondere Beziehung zum informellen Gruppenführer und hat als starkes Mitglied ebenfalls Leitungsqualitäten, ist jedoch nicht zum Führer gemacht worden und macht diesem (un)bewusst seine Position streitig. Der Opponent ist oft auch dafür verantwortlich, dass soziale Konflikte akut werden. Die dabei entstehenden Aggressionen richten sich nicht selten gegen schwächere Mitglieder. Im Kleinen spielt er die Rolle der "Gegenelite" bei Vilfredo Pareto.
  • Der Opportunist kümmert sich vorrangig um die Durchsetzung seiner eigenen Interessen in der sozialen Gruppe.
  • Der Sündenbock ist allgemein das schwächste Gruppenmitglied, und er wird verantwortlich gemacht, wenn die Gruppe ein Ziel nicht erreicht hat und die Nennung der genauen Ursache dessen einer sozialen Zensur unterliegt. Dieser Außenseiter nimmt einen niedrigen Gruppenrang ein (Unbeliebtheit bzw. Kasper), kann aber durchaus auch eine bessere Position in der Gruppe haben, z.B. als Berater mit einer wenig beliebten Rolle (Selbstausgrenzung).

Die Gruppengröße

Für das Wohlfühlen in Gruppen, aber auch für deren Leistungsfähigkeit spielt die Größe eine entscheidende Rolle. Kleine Gruppen sind konfliktanfällig (beispielsweise die Dreiergruppe), zu große Gruppen (über zehn Teilnehmer) zerfallen häufig in Untergruppen. Es kann durchaus sinnvoll sein, von der 'optimalen Gruppengröße von fünf Teilnehmern' auszugehen[5].

Handeln und Verhalten

Menschen handeln bzw. verhalten sich in einer Gruppe anders als allein (Beispiel: Gruppenpolarisierung).

Gruppen, Verhaltensweisen zwischen Gruppen (Intergruppenverhalten) und Verhaltensweisen von Individuen innerhalb von Gruppen (Intragruppenverhalten) sind der primäre Forschungsgegenstand der Sozialpsychologie und spielen auch in der Soziologie eine Rolle, sowie, bezogen auf Gruppen in Organisationen, in der Organisationspsychologie.

Siehe auch: Gruppendynamik

Einzelnachweise

  1. L.v. Rosenstiel: Organisationspsychologie, 6. QAufl., Stuttgart 2007, S. 288
  2. A.B. Weinert: Organisations- und Personalpsychologie, 5. Aufl., Weinheim/Basel 2004, S. 394 f.
  3. H.J. Rahn: Erfolgreiche Teamführung, 6. Aufl., Hamburg 2010, S. 10
  4. P.R. Hofstätter: Gruppendynamik, Hamburg 1972, S. 140 ff.
  5. M. Sader: Psychologie der Gruppe, 8. Aufl., Weinheim/München 2002, S. 62 ff.

Literatur

  • G. C. Homans: Theorie der sozialen Gruppe, 6. Aufl., Opladen 1972
  • M. Sader: Psychologie der Gruppe, 8. Aufl., Weinheim/München 2002

Siehe auch


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