Judenretter

Judenretter

Als Judenretter, Stille Helden, Judenhelfer, und in der Nachkriegszeit eventuell durch Israels Gedenkstätte Yad Vashem als „Gerechte unter den Völkern“ ausgezeichnet, werden Personen bezeichnet, die in der Zeit des Nationalsozialismus von 1938 bis 1945, in vielen Fällen erfolgreich, versucht haben, jüdische Mitmenschen vor der Deportation zu bewahren, also in Deutschland und im von Deutschland besetzten Teil Europas. Unterschlupf fanden sie wenige Tage, in vielen Fällen aber auch längere Zeit, und es gibt Fälle von Helfern, bei denen sich auch immer mehr Personen in einer Wohnung versammelt haben, weil sie keine andere Zuflucht hatten. Da diese Handlungen der Retter in der Regel als Widerständigkeit oder Ablehnung des NS-Regimes zu verstehen sind, wird auch von einem Rettungswiderstand gesprochen.

Zum Teil bestand die Hilfe im Beschaffen von falschen Papieren und Lebensmittelkarten. Dabei ging es also in der Regel nicht um Fluchthilfe über eine Außengrenze, sondern um das Überleben im Heimatland selbst. Erst im Weiteren ging es um Hilfe beim Übertritt über eine grüne Grenze nach Österreich, nach Spanien oder in die Schweiz oder um einen illegalen Grenzübertritt an einem Grenzübergang.

Über 1700 der geschätzt 7000 nur im Bereich von Berlin untergetauchten Personen sollen als „Illegale“ das Kriegsende überlebt haben. Die meisten von ihnen innerhalb der deutschen Grenzen. Denn wer in Berlin untertauchte bzw. versteckt wurde, musste danach sehr oft das Versteck wechseln. Das Kriegsende wurde also evtl. auch außerhalb von Berlin erlebt, wenn die Flucht überhaupt gelang. Aus Sicht der Nazi-Behörden waren diese Judenhelfer „Judenbegünstiger“ der Flüchtigen, die vom Polizeiapparat ebenfalls verfolgt wurden. Die genaue Zahl derjenigen, die sich dem Zugriff der Gestapo entzogen, kann für Deutschland heute kaum mehr exakt ermittelt werden. Zwischen 1941 und Kriegsende waren es schätzungsweise 10.000 bis 15.000 Personen, von denen bis 5.000 auf diese Weise in Deutschland überlebten.[1] Das heißt aber auch, die Zahl der „Stillen Helfenden“, der Mitverschworenen aus der Nazi-Sicht, bewegt sich in dieser Dimension (vielleicht auch das Drei- bis Fünffache; aber kaum wesentlich mehr Personen - aus heutiger Sicht eben doch so viele, leisteten praktischen Widerstand). In den von Deutschland besetzten Ländern dürften die Zahlen prozentual höher gewesen sein. Belgien wird als ein erfolgreiches Beispiel dieser Überlebens- und Widerstandsform gelten.

Die beiden Begriffe Judenretter und Judenhelfer unterscheiden sich inhaltlich nur wenig. Bei Judenretter schwingt der Erfolg der Handlung mit, der beim Wort Judenhelfer nicht unbedingt eingeschlossen ist. In den Ohren der Zeitgenossen hatte das Wort Judenhelfer evtl. einen herabsetzenden Beiklang (ähnlich zu dem eindeutig herabsetzend benutzten Begriff Judenfreund), der dem Wort Judenretter jedenfalls abgeht. Welcher Begriff im deutschsprachigen Raum damals (überhaupt oder alternativ / häufiger) verwendet wurde, ist nicht erforscht worden.

„Was ich Ihnen und Ihren Freunden tun konnte und durfte, war nicht nur eine Selbstverständlichkeit, sondern noch viel zu wenig, gemessen an der entsetzlichen Lage, in der sie sich alle damals befanden.“

Zitat eines Helfers: aus dem Jahr 1948 an einen Überlebenden[2]

Wenige jüdische Deutsche legten den Judenstern ab

Inhaltsverzeichnis

Der Zeitraum 1933 bis 1939

Vorausgegangen war bis 1938 die immer existenzbedrohender werdende Verfolgung von jüdischgläubigen Deutschen seit dem 1. April 1933. Zwischen 1933 und 1938 verlieren die meisten jüdischen Deutschen nach und nach ihre Berufe, ihre wirtschaftliche Existenz, viele ihre Wohnungen und alle jeglichen Zugang zum öffentlichen Leben. Es kommt zu einer Auswanderungswelle. Dennoch blieben in Deutschland viele Juden im Vertrauen auf die gegenüber dem Mittelalter veränderte Kultur ihres Heimatlandes. So weist W. Wette darauf hin, dass die Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 für viele eine schier unfassbare Bilanz jüdischen Lebens in Deutschland zog: 1406 Synagogen und Betstuben wurden in Deutschland niedergebrannt oder vollständig zerstört. Etwa 30.000 Menschen jüdischen Glaubens verschleppten die NSDAP- bzw. SS-Trupps und die Polizei in die Konzentrationslager.

Gedenkplatte an die Synagoge in Wittmund

Es wurden reichsweit sofort ungefähr 400 Menschen ermordet; weitere 400 Menschen kamen in den Tagen danach zu Tode und vermutlich mehrere Hundert Verfolgte nahmen sich aus Furcht vor dieser Entwicklung selbst das Leben. Insgesamt soll der von der NSDAP-Spitze inszenierte Gewaltakt (spöttisch Reichskristallnacht genannt) mehr als 1300 Menschenleben gefordert haben. Tausende waren bis dahin unter enormen finanziellen Verlusten ausgewandert oder illegal aus Deutschland geflohen. Aber auch die noch zurückgebliebenen Optimisten (es kann ja nicht lange dauern, bis eine andere Regierung drankommt) mussten nun einsehen, dass Hitler und seine Parteigenossen es mit dem Ende des Judentums bitter ernst meinten. Und auch Stillhalten und nicht in der Öffentlichkeit in Erscheinung zu treten bot nun keinen Schutz mehr. Von offenem Protest aus der nicht der Partei nahestehenden Bevölkerung gegen die Übergriffe und Morde gibt es fast nichts zu berichten. Und viele erlebten mit der Arisierungswelle unvorstellbare Begehrlichkeiten in ihrer direkten Nachbarschaft. Seit dem Kriegsbeginn gegen Polen wurde der Verfolgungsdruck massiv weiter erhöht. Bekannt wurde z. B. in Berlin, dass bei der Fabrikaktion Ende Februar 1943, einer Judenjagd in den Rüstungsbetrieben, etwa 4000 der dabei gesuchten deutschen Juden sich der Verhaftung gerade noch – zunächst – entziehen konnten.

Untertauchen von inländischen Flüchtlingen

Ohne Unterkunft konnte sich ein Flüchtling kaum längere Zeit verbergen. Mitgeführte Gepäckstücke würden bei Kontrollen einen Verdacht erregen. Ein längerer Aufenthalt in einer Gaststätte, Bibliothek oder einem Kino konnte Nachfragen zur Identität auslösen. Manche der Untergetauchten, die man zeitgenössisch auch „Illegale“ oder „U-Boote“ nannte[3], hatten ihr Verschwinden geplant, sich mit Helfern abgesprochen, Unterkunft und eine glaubhafte Legende für die Nachbarschaft gefunden und Lebensmittel gehortet.

Das Untertauchen einer Person in einem von Kriegswirtschaft geprägten Land über viele Wochen und Monate war auch rein technisch sehr schwierig durchzuführen. Ohne gültige Papiere konnte ein angebliches Untermietverhältnis nicht legalisiert werden. Lebensmittel waren auf dem freien Markt nur gegen Abschnitte von Lebensmittelkarten erhältlich, die eine Bezugsberechtigung voraussetzten. Regelmäßige Zukäufe auf dem Schwarzen Markt konnten auffallen und zur Entdeckung führen und verlangten außerdem erhebliche Geldmittel. Gefälschte Ausweispapiere oder verfälschte Dienstausweise waren ohne Beziehung kaum zu beschaffen.

Ein zufälliges Zusammentreffen mit Personen, die vom Verschwinden wussten und die zugleich potentielle Unterstützer der Naziregierung waren, musste möglichst vermieden werden. Die Gestapo versuchte gezielt Spitzel in solche Netzwerke einzuschleusen. In Berlin wurde ab Februar 1943 Stella Goldschlag als „Greiferin“ tätig und in den Niederlanden verdiente die so genannte Kolonne Henneicke an der Ergreifung von Juden.

Für Helfer wie Untergetauchte waren die beengten Wohnverhältnisse, die knappen Lebensmittel und die Angst vor der Entdeckung eine schwer erträgliche Belastung. Häufig mussten neue Helfer gesucht und Ausweichquartiere gefunden werden. Neue Untersuchungen gehen davon aus, dass „für jede untergetauchte Person bis zu zehn, bisweilen auch erheblich mehr, nichtjüdische Helfer aktiv wurden, um das Überleben im Untergrund zu ermöglichen.“[4] Hinzu kamen meist zahlreiche Mitwisser, die bewusst wegsahen und schwiegen.

Motive der Helfer

Entgegen einer früheren Hypothese, dass allen Helfern idealtypisch eine altruistische Persönlichkeitsstruktur eigen sei, lassen sich in der Schilderung konkreter Fälle, evtl. gleichzeitig, unterschiedliche Motive für die Hilfeleistung nachweisen.[5] Manche Helfer sprangen aus Nächstenliebe oder aus religiöser Überzeugung ein, andere wegen ihrer Opposition gegen das NS-Regime und wieder andere wollten Freunde nicht im Stich lassen. Manche knüpften ihre Hilfszusage an Geldzahlungen und Arbeitsleistungen oder erhofften eine Fürsprache nach dem absehbaren Kriegsende. Manche Helfer gerieten aus reinem Zufall in die Situation und handelten spontan, ohne die Konsequenzen abzuwägen. So irrte eine Jüdin ziellos durch Berlin und folgte einer ihr gänzlich unbekannten Frau bis in die Wohnung. Dort schilderte sie ihre verzweifelte Lage und drohte, sich das Leben zu nehmen. Die völlig fremde Frau versprach, sie für eine Nacht aufzunehmen und behielt die Flüchtige dann drei Jahre lang in ihrer Wohnung und unterstützte später noch eine weitere untergetauchte Jüdin.[6]

Gelegentlich bildeten sich kleine konspirative Netzwerke von Helfenden. Solche Netzwerke sind zum Teil aus den verfolgten politischen Parteien und Organisationen heraus entstanden zum anderen aus christlichen Gruppierungen.

Einzelne Personen

Nach unsicheren Schätzungen tauchten zwischen 1941 und Kriegsende 10.000 bis 15.000 Juden unter, davon mehr als 5.000 in Berlin.[7] 3.000 bis 5.000 gelang ein Überleben. Knapp 3.000 Helferinnen und Helfer wurden in Deutschland namentlich bekannt. Da bei der Unterbringung eines Untergetauchten oftmals zehn und mehr Helfer nacheinander halfen, lässt sich folgern, dass ein großer Teil der Helfer in der Öffentlichkeit unbekannt geblieben ist.

Viele der Helferinnen und Helfer waren in dem Sinne „gewöhnliche“ Deutsche, dass sie nicht durch ein Amt oder gesellschaftliche Stellung aus der Bevölkerung hervorgehoben waren. Sie kamen aus allen sozialen Schichten, es gab keine besonderen Schwerpunkte der Beteiligung von Personen einer bestimmten Konfession oder politischen Richtung. Beate Kosmala ist aufgefallen, dass die meisten von ihnen im Alter zwischen 40 und 50 Jahre waren. Knapp zwei Drittel der (bekanntgewordenen) Hilfe leistenden Personen waren Frauen. Es folgen einige Namen von Personen, deren Handeln überliefert ist:

Bestrafung von Helfern

Es gab zwar keine gesetzliche Bestimmung, die eine Hilfeleistung für Juden ausdrücklich verbot. Kurz nach der Einführung des Judensterns erging jedoch am 24. Oktober 1941 ein Runderlass des Reichssicherheitshauptamtes, der denjenigen deutschblütigen Bürgern eine Schutzhaft von drei Monaten androhte, die „in der Öffentlichkeit freundschaftliche Beziehungen zu Juden“ erkennen ließen.[10] Den „deutschblütigen Volksgenossen“ wurde beim Abholen der Lebensmittelkarten ein Flugblatt ausgehändigt, das diesen Erlass im Wortlaut enthielt.[11]

Jeder Unterstützer, der mit Lebensmitteln half, musste mit der Einlieferung ins Konzentrationslager rechnen. Wer Unterschlupf gewährt hatte, wurde wegen „verbotswidrigen Umgangs mit Juden“ festgenommen und von der Gestapo verhört. Oftmals wurde der Vorgang wegen weiterer Delikte wie Urkundenfälschung, Rundfunkverbrechen, Verstöße gegen die Kriegswirtschaftsverordung oder wegen Devisenvergehen an die Staatsanwaltschaft übergeben. Haftstrafen von mehr als 24 Monaten wurden selten ausgesprochen, wenn nicht zusätzlich Anklagepunkte nach der Volksschädlingsverordnung oder wegen Hochverrats hinzukamen.[12]

Im Gegensatz zu Polen mussten „Judenretter“ im Deutschen Reich nicht mit einer Todesstrafe rechnen. Aber schon die Haft in einem Konzentrationslager war mit unabsehbaren Folgen für Gesundheit und Leben verbunden. Die darüber hinaus zu erwartende Strafe blieb unberechenbar, dadurch wurde das „subjektive Gefühl der Angst in einer Atmosphäre totaler Rechtsunsicherheit“ vermittelt[13] ,die eine abschreckende Wirkung besaß.

Rehabilitation und Gedenken

Nach dem Krieg wurde Helfern kein Anspruch auf Entschädigung nach dem Bundesentschädigungsgesetz zugestanden und ihre Hilfeleistung nicht als Widerstandshandlung anerkannt, sofern sie nicht inhaftiert worden waren. Eine Ausnahme blieb die vom Innensenator Joachim Lipschitz veranlasste Ehrungsinitiative des Berliner Senats, in deren Verlauf zwischen 1958 bis 1966 nachweislich 738 Personen öffentlich als Helfer geehrt und bei Bedürftigkeit auch finanziell unterstützt wurden.[14]

Nach Deutung des Historikers Dennis Riffel fielen die „Judenhelfer“ aus dem kollektiven Erinnern und Gedenken heraus, weil der „überwiegende Teil der Deutschen nicht an die eigene, häufig unrühmliche Rolle“ erinnert werden wollte.[15]

Folgende Einrichtungen erforschen oder dokumentieren in Deutschland die Taten von Menschen, die Juden Hilfe leisteten:

Eine Besonderheit stellt der Fall der Suspendierung von Paul Grüninger in der Schweiz dar. Er war ein Polizeihauptmann in St. Gallen, der in der Zeit unmittelbar vor dem Zweiten Weltkrieg mehreren hundert, vielleicht einigen tausend Jüdinnen und Juden das Leben rettete, indem er ihnen nach Schweizer Normen illegal die Einreise in die Schweiz ermöglichte. Bereits 1939 wurde er für dieses Vergehen vom Dienst suspendiert und 1940 wegen Amtspflichtverletzung verurteilt. Erst 1995, 23 Jahre nach seinem Tod, hob das Bezirksgericht St. Gallen das Urteil gegen ihn auf und sprach Paul Grüninger frei.

Der Großindustrielle und Generaldirektor Eduard Schulte rettete durch persönlichen Einsatz nicht nur eine befreundete Familie, Rudy Boyko und seine Angehörigen. Sein Fall ist darüber hinaus beachtenswert, weil er einerseits in der Hierarchie des NS als Wehrwirtschaftsführer und Lieferant kriegswichtiger Güter (Zink) zunächst relativ weit oben angesiedelt war; über die Einzelrettung hinaus versuchte er, durch Weitergabe authentischer und beweiskräftiger Informationen über den gesamten Holocaust in Schlesien und Polen, insbes. die beginnenden industriemäßig organisierten Vergasungen, die Alliierten frühzeitig zum Eingreifen an diesem Punkt zu bewegen; wie wir wissen, vergeblich. Da Schulte keine Memoiren hinterließ, wissen wir nicht, ab wann und warum in ihm der Entschluss zur Judenrettung im Ganzen reifte.

Situation in Polen

Bei einer Gesamtbevölkerung von 33 Millionen lebten in Polen bei Kriegsbeginn etwa 3,5 Millionen meist nicht assimilierte Juden, denen ein Minderheitenstatus zuerkannt worden war und die sich meist auch durch Sprache, Kleidung und Kultur abhoben. Die Beziehungen zwischen den Volksgruppen waren nicht unproblematisch. Seit 1936 hatte sich auch in Polen der Antisemitismus verstärkt. Juden, die im östlichen von den Sowjets im September 1939 besetzten Teil Polens lebten oder sich dorthin geflüchtet und die die Rote Armee freudig begrüßt hatten, galten bei nationalbewussten Polen als illoyale Kollaborateure[17]

Solidarität und Gleichgültigkeit

Als die Juden von den Deutschen Besatzern in „Ghettos“ genannte Konzentrationslager gezwungen wurden, reagierte die übrige polnische Bevölkerung eher gleichgültig. Die Historikerin Beate Kosmala urteilt:

„Antisemitische kulturelle Traditionen, die im Krieg durch die massive und gezielte Propaganda verstärkten oder erzeugten antisemitischen Stereotypen, Demoralisierung durch Unterdrückung und Not hatten offenbar kein allgemeines Klima von Mitgefühl gegenüber den von der Vernichtung bedrohten Juden entstehen lassen, sondern in breiten Kreisen eher dumpfe Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal der Fremden.“ [18]

Abschreckend wirkte eine deutsche Verordnung vom 15. Oktober 1941, die flüchtenden Juden wie auch ihren Helfern die Todesstrafe androhte: „Juden, die den ihnen zugewiesenen Wohnbezirk verlassen, werden mit dem Tode bestraft. Die gleiche Strafe trifft Personen, die solchen Juden wissentlich Unterschlupf gewähren. Anstifter und Gehilfen werden wie der Täter, die versuchte Tat wird wie die vollendete bestraft.“  [19]

Trotzdem fanden sich zahlreiche Helfer: Aus Polen stammen - den strengen Kriterien von Yad Vashem folgend - etwa 6000 „Gerechte unter den Völkern“. Mit dieser Zahl nehme Polen den ersten Rang unter allen Nationen ein.[20]

Żegota

Da es kriminelle Spitzel („Szmalcowniki“) gab, die Schweigegelder von Flüchtlingen und Helfern erpressten, waren für ein Überleben gefälschte Geburtsurkunden und Ausweise fast unentbehrlich. Ab 1942 sorgte insgeheim der Rat für die Unterstützung der Juden (Original: Rada Pomocy Żydom) für zahlreiche Untergetauchte. Diese Organisation mit dem Tarnnamen Żegota stand unter der Schirmherrschaft der polnischen Exilregierung. Sie produzierte falsche Dokumente, besorgte Unterkünfte und verteilte regelmäßig Geldbeträge für Lebensmittel. Weit auseinander liegen die Schätzungen, wie viele Flüchtlinge von Żegota finanziell unterstützt wurden: Die Angaben schwanken für Warschau zwischen wenigen hundert bis viertausend.[21] Unter Einsatz ihres Lebens brachte Irena Sendler zahlreiche jüdische Kinder in Sicherheit.

Militärischer Untergrund

Die Heimatarmee (Armia Krajowa / AK) akzeptierte jüdische Freiwillige nur dann, wenn ihre Herkunft nicht offensichtlich war. Jüdische Partisanengruppen wurden nicht unterstützt, sondern zum Beispiel im Sommer 1943 sogar von AK-Einheiten angegriffen.[22] Waffenlieferungen an den jüdischen Widerstand unterblieben nicht allein aus Mangel an Material: Den jüdischen Kämpfern wurde eine wohlwollende Haltung gegenüber den Sowjets unterstellt. Auch der bewaffnete Aufstand im Warschauer Ghetto wurde von der AK nicht nachhaltig unterstützt.

Demgegenüber nahmen kommunistische Untergrundorganisationen, die allerdings nur wenig Rückhalt in der Bevölkerung fanden, flüchtige Juden vorbehaltlos auf und arbeiteten mit jüdischen Partisanen zusammen.

Rettung in Klöstern

Während der deutschen Besetzung sah sich auch die katholische Kirche Polens als Trägerin des Nationalgedankens der Überwachung und Verfolgung ausgesetzt. Die hohen Repräsentanten der katholischen Kirche setzten sich meist nicht öffentlich für die Juden ein; die Haltung im niederen Klerus war uneinheitlich.

Bedeutsam für die Rettung jüdischer Kinder wurden Ordensschwestern, die Waisenhäuser, Kinderkrippen und Internatsschulen betreuten. Zwischen Frühjahr 1942 und Sommer 1943 – also schon angesichts einer drohenden Todesstrafe – nahmen katholische Ordensschwestern zahlreiche jüdische Kinder auf, verschleierten deren Identität und entzogen sie der Deportation. Es gilt als gesichert, dass mindestens 1.500 jüdische Kinder in Klöstern und kirchlichen Einrichtungen überlebten. [23]

Deutungen

Die Angaben über die Gesamtzahl von Flüchtlingen, Geretteten und Rettern gehen weit auseinander. Einige Schätzungen belaufen sich auf 300.000 Juden, die durch Hilfeleistung von polnischen Judenrettern überlebten. Neue Untersuchungen hingegen halten selbst eine Zahl von 50.000 hierbei für zu hoch gegriffen. [24]

In den Augen vieler Juden war der Umfang der Hilfe in Polen gering und wird rückschauend von Erlebnissen mit Erpressern und Denunzianten überschattet; die Haltung der Bevölkerungsmehrheit wird von ihnen als „gleichgültig“ bezeichnet.[25] Eine Diskussion der Hilfeleistung während der Besatzungszeit und der polnisch-jüdischen Beziehungen, die sich auch in der Nachkriegszeit problematisch gestalteten, setzte in Polen erst in den späten 1980er Jahren ein.

Budapest, Uferpromenade der Donau, Gedenken an einen Pogrom und die Rettungsaktion von Károly Szabó

Literatur

Forschung

  • Bernward Dörner: Justiz und Judenmord. Todesurteile gegen Judenhelfer in Polen und der Tschechoslowakei 1942-1944. In: Ausbeutung, Vernichtung, Öffentlichkeit. Neue Studien zur nationalsozialistischen Lagerpolitik. Hrsg. von Norbert Frei, München 2000, S. 249-263.
  • Beate Kosmala, Claudia Schoppmann (Hrsg.): Überleben im Untergrund. Hilfe und Rettung für Juden in Deutschland 1941-1945. Reihe: Solidarität und Hilfe für Juden während der NS-Zeit Nr. 5, Metropol Verlag, Berlin 2002, ISBN 3-932482-86-7 (Rezension)
  • Beate Kosmala: Ungleiche Opfer in extremer Situation – Die Schwierigkeiten der Solidarität im okkupierten Polen. In: Wolfgang Benz, Juliane Wetzel (Hrsg.): Solidarität und Hilfe für Juden während der NS-Zeit. Band 1: Regionalstudien, Berlin 1996. ISBN 3-926893-43-5
  • Ad van Liempt: Kopfgeld. Bezahlte Denunziation von Juden in den besetzten Niederlanden. Siedler Verlag, 2005. ISBN 3-88680-801-7
  • Arno Lustiger: Rettungswiderstand. Über die Judenretter in Europa während der NS-Zeit. Wallstein, Göttingen, 2011. 462 Seiten. ISBN 978-3835309906
  • Wolfram Wette: Zivilcourage. Empörte, Helfer und Retter aus Wehrmacht, Polizei und SS. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 2004. ISBN 3-596-15852-4

Eigenberichte und Biographien

  • Else R. Behrend-Rosenfeld: Ich stand nicht allein. Erlebnisse einer Jüdin in Deutschland 1933-1944. Frankfurt am Main 1963
  • Franz Severin Berger, Christiane Holler, Holly Holunder: Überleben im Versteck. Schicksale in der NS-Zeit. Ueberreuter, 2002, ISBN 3-8000-3836-6
  • Alexander Bronowski: Es waren so wenige. Retter im Holocaust. (1. Auflage 1991) Hänssler, 2002, ISBN 3-7751-3811-0
  • Eugen Herman-Friede: Abgetaucht! Als U-Boot im Widerstand. Gerstenberg, Hildesheim 2004, ISBN 3-8067-5072-6
  • Dennis Riffel: Unbesungene Helden. Metropol-Verlag, Berlin 2007, ISBN 3-938690-22-4


Eine längere Literaturliste befindet sich hier - auf der dazugehörigen Diskussionsseite

Einzelnachweise

  1. Kosmala, a. a. O., S. 9
  2. schrieb K. Plagge einem der geretteten Juden 1948, cit. zdf.de, Zugriff 1. November 2007
  3. Beate Meyer; Lebensrettende Hilfe für Jüdinnen und Juden in Deutschland - ein Projektbericht. In: KZ-Gedenkstätte Neuengamme (Hrsg.): Hilfe oder Handel? Rettungsbemühungen für NS-Verfolgte. Bremen 2007, ISBN 978-3-86108-874-5 S. 207
  4. gemeint ist mit Untergrund hier die Illegalität nicht unbedingt eine organisierte Untergrundbewegung. Beate Kosmala, Claudia Schoppmann: Überleben im Untergrund – Zwischenbilanz eines Forschungsprojekts. S. 22; ISBN 3-932482-86-7
  5. Wolfgang Benz, Juliane Wetzel: Möglichkeiten und Formen der Hilfe für verfolgte Juden. In: Solidarität und Hilfe für Juden während der NS-Zeit, Band 1, Berlin 1996, ISBN 3-926893-43-5, S. 15
  6. Isabel Enzenbach: Zur Problematik des Begriffs „Retter“. S. 244. In: Beate Kosmala, Claudia Schoppmann (Hrsg): Solidarität und Hilfe für Juden während der NS-Zeit, Band 5, Berlin 2002, ISBN 3-932482-86-7
  7. Claudia Schoppmann: Rettung von Juden..., S. 114. In: ISBN 3-932482-86-7
  8. Am 16. Juli 1903 in Escherningken, Ostpreußen, geboren. Rechtsanwalt. Trat 1931 in die NSDAP ein. Bei Kriegsausbruch eingezogen. "Entscheidungsstelle über die Meldepflicht aus VO 6/41" im Generalkommissariat für Verwaltung und Justiz. Joh. Winter: Fiktive natürliche Väter. In taz vom 12. Juli 2003
  9. Der Freie Zahnarzt 2, 2010 S.8
  10. Peter Longerich: Davon haben wir nichts gewusst... München 2006, ISBN 3-88680-843-2, S. 181
  11. Beate Meyer: „Goldfasane“ und „Narzissen“. Die NSDAP im ehemals „roten“ Stadtteil Hamburg-Eimsbüttel. Hamburg 2002, ISBN 3-9808126-3-4, S. 104
  12. vergl. Beate Kosmala: Missglückte Hilfe und ihre Folgen: Die Ahndung der „Judenbegünstigung durch NS-Verfolgungsbehörden. In: ISBN 3-932482-86-7
  13. Beate Kosmala: Missglückte Hilfe..., S. 220 In: ISBN 3-932482-86-7
  14. Dennis Riffel: Unbesungene Helden. Metropol, Berlin 2007, ISBN 3-938690-22-4
  15. Denis Riffel: ‚Unbesungene Helden’: Der Umgang mit ‚Rettung’ im Nachkriegsdeutschland. In: Beate Kosmala, Claudia Schoppmann (Hrsg.): Überleben im Untergrund. Berlin 2002, ISBN 3-932482-86-7, S. 334
  16. http://www.gedenkstaette-stille-helden.de
  17. Beate Kosmala: Ungleiche Opfer in extremer Situation – Die Schwierigkeiten der Solidarität im okkupierten Polen. In: Wolfgang Benz, Juliane Wetzel Hrsg.): Solidarität und Hilfe für Juden während der NS-Zeit. Band 1: Regionalstudien, Berlin 1996, ISBN 3-926893-43-5
  18. Beate Kosmala: Ungleiche Opfer... ISBN 3-926893-43-5, S. 96
  19. Beate Kosmala: Ungleiche Opfer..., S. 40
  20. Jahr 2007; Beate Kosmala nennt auf S. 91 veraltete Zahlen
  21. Beate Kosmala: Ungleiche Opfer..., S. 43
  22. Beate Kosmala: Ungleiche Opfer..., S. 43
  23. Beate Kosmala: Ungleiche Opfer..., S. 66
  24. Beate Kosmala: Ungleiche Opfer..., S. 91
  25. Beate Kosmala: Ungleiche Opfer..., S. 92

Filme

  • Hermann Adler: Dokumentarfilm, 1968, ZDF
  • Im Schatten des Krieges. Geschichten von Opfern, Tätern und Rettern. Dokumentation, 45 Min., Produktion: ZDF, Erstsendung: 29. Juli 2007, Inhaltsangabe des ZDF
  • Die Greiferin. Die Geschichte einer jüdischen Gestapo-Agentin Eine tv-Dokumentation von Ferdinand Kroh. BRD. 1995. 43 Min. (Nach der Vita von Stella Goldschlag)
  • Nicht alle waren Mörder, Fernsehfilm, D, 2006, Michael Degen, Regie Jo Baier
  • Helene Maimann: Die Sterne verlöschen nicht - Überleben im Versteck. tv-Dokumentarfilm, Österreich, 2005, ORF, 45 Minuten. (Begleittext 3sat)

Weblinks


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