Clara Viebig

Clara Viebig
Clara Viebig, Berlin, 1890

Clara Viebig (* 17. Juli 1860 in Trier; † 31. Juli 1952 in Berlin) war eine naturalistische Erzählerin, deren Werke um die Jahrhundertwende in den bürgerlichen Haushalten zur Standardbibliothek gehörten. Einige Werke werden der Heimatkunst zugerechnet.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Viebig war die Tochter des Oberregierungsrates Ernst Viebig und dessen Ehefrau Clara. Die Familie stammte ursprünglich aus Posen und kam durch die Versetzung des Vaters nach Trier. 1868 wurde der Vater zum Stellvertreter des Regierungspräsidenten befördert und musste mit seiner Familie nach Düsseldorf umziehen. Nach dem Tod des Vaters zog Clara mit ihrer Mutter nach Berlin.

Clara Viebig um 1900

Dort studierte Clara Viebig Gesang an der Hochschule für Musik und verdiente sich durch Stundengeben ein Zubrot. Nach eigenen Aussagen war die Lektüre der Werke Émile Zolas, speziell Germinal ausschlaggebend für ihr eigenes literarisches Schaffen. Mit 34 Jahren konnte sie mit einer Erzählung in einer Berliner Zeitung auch schriftstellerisch debütieren. Zwei Jahre später heiratete sie in Berlin den Verleger Friedrich Theodor Cohn und veröffentlichte fortan in dessen Verlag F. Fontane & Co. fast alle ihre Werke. Ihr gemeinsamer Sohn Ernst Viebig (1897-1959) wurde Komponist und Dirigent. Die Familie lebte in Berlin-Zehlendorf in großbürgerlichen Verhältnissen. Während des Ersten Weltkrieges zeigte Viebig sich patriotisch und schrieb entsprechende Artikel in Zeitungen und Zeitschriften.

Zwischen den Jahren 1898 bis 1933 unternahm Viebig allein oder mit ihrem Ehemann immer wieder Vortragsreisen nach Basel, Den Haag, Luxemburg, New York City, Paris, Sankt Petersburg und Wien. Anlässlich ihres 70. Geburtstages ehrte die Stadt Düsseldorf Clara Viebig mit der Benennung einer Straße. Im Dresdner Stadtteil Löbtau gibt es ebenfalls seit den 1960er Jahren eine Clara-Viebig-Straße.

Nach der Machtergreifung 1933 war Viebigs literarisches Schaffen stark eingeschränkt, und das Ehepaar war immer stärkeren Repressalien ausgesetzt. So konnte Viebig wegen ihres jüdischen Ehemanns nicht Mitglied der Reichsschrifttumskammer werden. 1936 starb Cohn, und sechs Jahre später ließ sich Viebig, die sich mit den Nazis arrangiert hatte und weiter publizieren durfte, in Mittelwalde (Schlesien) nieder. Erst 1946 kehrte sie nach Berlin zurück. Dort verstarb sie im Alter von 92 Jahren am 31. Juli 1952. Ihre letzte Ruhestätte fand sie – auf eigenen Wunsch – in Düsseldorf auf dem Nordfriedhof, im Ehrengrab ihres Vaters.

Künstlerisches Schaffen

Ihren großen literarischen Durchbruch hatte Viebig 1900 mit ihrem Roman Das Weiberdorf. Bereits der Vorabdruck in der Frankfurter Zeitung entfachte eine überregionale kontroverse Diskussion, die sich zu einem Skandal auswuchs, als die katholische Kirche dieses Werk auf den Index Librorum Prohibitorum setzte.

Ihre Erzählungen und Romane spielten vorzugsweise in der Eifel, die durch Clara Viebig in den Rang einer Literaturlandschaft erhoben wurde. Clara Viebig ist auch heute noch weithin als „Eifeldichterin“ bekannt, obwohl die Breite ihres literarischen Werks diese Charakterisierung als zweifelhaft erscheinen lässt.

In ihrem Roman Das Schlafende Heer, in dem sie als Schauplatz ihrer Dichtung den deutschen Osten wählte, wird der Kampf um die Vorherrschaft zwischen Germanen und Polen zu wuchtigen Szenen und Bildern verdichtet. Sie zeigt wieder einmal, wie mangelndes Verständnis für die jeweils anderen dem jeweils Überlegenen Sieg und Herrschaft entreißen kann. Der vor allem die polnischen Landarbeiter mit Sympathie zeichnende Gestus des Romans brachte der Autorin nicht nur in Deutschland, sondern auch in Polen heftige Kritik ein.

Nachleben

Mit der Erforschung des Lebens und Schaffens der Schriftstellerin beschäftigt sich die am 31. Juli 1992 in Bad Bertrich gegründete Clara-Viebig-Gesellschaft. Sie erstellte eine Wanderausstellung zum 50. Todestag, sammelt Sekundärliteratur und arbeitet an einer Datenbank, in der Briefe von und an Clara Viebig erschlossen werden. Die Gesellschaft ist Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Literarischer Gesellschaften und Gedenkstätten.

Werke

  • Kinder der Eifel (1897)
  • Barbara Holzer (1897)
  • Dilettanten des Lebens (1897)
  • Rheinlandstöchter (1897)
  • Vor Tau und Tag (1898)
  • Dilettanten des Lebens (1899)
  • Es lebe die Kunst (1899)
  • Das Weiberdorf. Bad Bertrich: Rhein-Mosel-Verl. 2003. ISBN 3-9297-4500-3 (Repr. d. Ausg. Berlin 1900)
  • Das tägliche Brod (1900)
  • Die Rosenkranzjungfer (1900)
  • Die Wacht am Rhein (1902)
  • Vom Müller Hannes (1903)
  • Das schlafende Heer (1904)
  • Der Kampf um den Mann. Zyklus aus vier Einaktern (1905)
  • Naturgewalten (1905)
  • Einer Mutter Sohn (1906)
  • Absolvo te! (1907)
  • Das Kreuz im Venn (1908)
  • Die vor den Toren (1910)
  • Das Eisen im Feuer (1913)
  • Heimat 1914
  • Eine Handvoll Erde (1915)
  • Kinder der Eifel (1916)
  • Töchter der Hekuba (1917)
  • Das rote Meer (1920)
  • Unter dem Freiheitsbaum. Bad Bertrich: Rhein-Mosel-Verl., 2000. ISBN 3-9297-4541-0 (Repr. d. Ausg. Berlin 1922)
  • Menschen und Straßen (1923)
  • Der einsame Mann (1924)
  • Franzosenzeit (1925
  • Die goldenen Berge (1928)
  • Charlotte von Weiß (1929)
  • Die mit den tausend Kindern (1929)
  • Prinzen, Prälaten und Sansculotten (1931)
  • Menschen unter Zwang (1932)
  • Insel der Hoffnung (1933)
  • Der Vielgeliebte und die Vielgehaßte (1935)

Literatur

  • Christel Aretz (Hrsg.): Clara Viebig im Spiegel der Presse. Dokumentation. Mosel-Eifel-Verlag, Bad Bertrich 2000, ISBN 3-932838-06-8
  • Michel Durand: Les romans Berlinois de Clara Viebig (1860-1952). Contribution à l'étude du naturalisme tardif en Allemagne. (= Contacts; Série 3, Etudes et documents; 19). Lang, Bern u. a. 1993, ISBN 3-906750-84-1
  • Waldemar Gubisch: Untersuchungen zur Erzählkunst Clara Viebigs. Dissertation, Universität Münster 1926
  • Anke Susanne Hoffmann: Von den Rändern her gelesen - Analysen und Kommentare zur Funktionalität der Dimension „Natur“ im novellistischen Œuvre Clara Viebigs. Dissertation, Universität Trier 2005 (Volltext)
  • Barbara Krauß-Theim: Naturalismus und Heimatkunst bei Clara Viebig. Darwinistisch-evolutionäre Naturvorstellungen und ihre ästhetischen Reaktionsformen. Lang, Frankfurt am Main u. a. 1992, ISBN 3-631-44812-0
  • Helmut Kreuzer: „Schinderhannes“ - ein Räuber um 1800 bei Clara Viebig, Carl Zuckmayer und Gerd Fuchs. Zum 200. Jahrestag der Hinrichtung Johannes Bücklers in Mainz am 21. November 1803. In: Reinhard Breymayer (Hrsg.): In dem milden und glücklichen Schwaben und in der Neuen Welt. Beiträge zur Goethezeit. Akademischer Verlag, Stuttgart 2005, ISBN 3-88099-428-5, S.179-197
  • Urszula Michalska: Clara Viebig. Versuch einer Monographie. (= Prace Wydzialu Filologicznego; Seria Filologia germańska; 6). Poznan 1968
  • Andrea Müller: Mutterfiguren und Mütterlichkeit im Werk Clara Viebigs. Tectum, Marburg 2002, ISBN 3-8288-8346-X
  • Maria-Regina Neft: Clara Viebigs Eifelwerke (1897-1914). Imagination und Realität bei der Darstellung einer Landschaft und ihrer Bewohner. (= Bonner kleine Reihe zur Alltagskultur; 4). Waxmann, Münster 1998, ISBN 3-89325-653-9
  • Volker Neuhaus,Michel Durand (Hrsg.): Die Provinz des Weiblichen. Zum erzählerischen Werk von Clara Viebig = Terroirs au féminin. (= Convergences; 26). Lang, Bern u. a. 2004, ISBN 3-906770-17-6
  • Gottlieb Scheufler: Clara Viebig. Beute, Erfurt 1927
  • Carola Stern, Ingke Brodersen: Kommen Sie, Cohn!. Kiepenheuer und Witsch, Köln 2006, ISBN 3-462-03724-2 (Doppelbiografie und Familiengeschichte von Fritz Theodor Cohn und Clara Viebig)
  • Charlotte Marlo Werner: Schreibendes Leben. Die Dichterin Clara Viebig. MEDU-Verlag, Dreieich 2009, ISBN 978-3-938926-77-2
  • Sascha Wingenroth: Clara Viebig und der Frauenroman des deutschen Naturalismus. Dissertation, Universität Freiburg i. Br. 1936

Weblinks



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