Schwarze Pädagogik

Schwarze Pädagogik

Schwarze Pädagogik ist ein negativ wertender Sammelbegriff für Erziehungsmethoden, die Gewalt und Einschüchterung als Mittel enthalten. Der Begriff wurde 1977 von der Soziologin Katharina Rutschky mit der Veröffentlichung eines Buches unter gleichem Titel eingeführt. Die Begriffsprägung schloss an eine Kritik repressiver Pädagogik an, die spätestens seit Ende des 19. Jahrhunderts artikuliert wurde.

Alice Miller arbeitete in ihren Studien Am Anfang war Erziehung (1980) und Du sollst nicht merken (1981) den Begriff weiter aus.

Inhaltsverzeichnis

Ziele und Mittel der Schwarzen Pädagogik

Schwarze Pädagogik zielt nach Katharina Rutschky auf die Installation eines gesellschaftlichen Über-Ichs im Kind, auf die Heranbildung einer grundsätzlichen Triebabwehr in der Psyche des Kindes, die Abhärtung für das spätere Leben und die Instrumentalisierung von Körperteilen und Sinnen zugunsten gesellschaftlich definierter Funktionen.

Unausgesprochen dient die Schwarze Pädagogik der Rationalisierung von Sadismus und der Abwehr eigener Gefühle des Erziehers oder der Bezugsperson. Die Schwarze Pädagogik bedient sich dabei der Mittel des Initiationsritus (z. B. Verinnerlichung einer Todesdrohung), der Hinzufügung von Schmerz (auch seelischem), der umfassenden Überwachung des Kindes (Körperkontrolle, strenger Verhaltenskodex, Forderung unbedingten Gehorsams), der Tabuisierung von Berührung, der Versagung grundlegender Bedürfnisse und eines übertriebenen Ordnungsdrills.

Alice Miller arbeitet in ihrer Auseinandersetzung mit der Schwarzen Pädagogik besonders einen Aspekt heraus, nämlich wie Kinder dazu gebracht werden, nicht zu merken, dass sie unter der Gewalt von Erwachsenen missbraucht wurden, auch und besonders in der Form sexuellen Missbrauchs.[1]

Geschichtlicher Hintergrund

Die früher sehr verbreiteten Vorstellungen von der „bösen Kindsnatur“ oder der notwendigen „Abrichtung“ zeugen von Aberglauben und dem Wunsch, Menschen formen zu können, wie man es als Dressur mit Tieren praktiziert.

Diese ersten Jahre haben unter anderem auch den Vorteil, dass man da Gewalt und Zwang brauchen kann. Die Kinder vergessen mit den Jahren alles, was ihnen in der ersten Kindheit begegnet ist. Kann man da den Kindern den Willen nehmen, so erinnern sie sich hiernach niemals mehr, dass sie einen Willen gehabt haben.

Johann Georg Sulzer: Versuch von der Erziehung und Unterweisung der Kinder, 1748

Heute immer bekannter wird die in vielen Ländern in Heimen auch von kirchlichen Orden (Magdalenenheime in Irland oder Arme Dienstmägde Jesu Christi) praktizierte Heimerziehung, die bis ins späte zwanzigste Jahrhundert hinein den Willen von Kindern und jungen Erwachsenen gebrochen hat.[2] Obwohl einige Handlungen im Rahmen der Erziehung in diesen Institutionen schon lange strafbar waren, wird die Geschichte der Schwarzen Pädagogik in diesen Institutionen erst langsam aufgearbeitet oder erst bekannt. Gerade das katholische Ideal des Gehorsams begünstigte körperliche Strafen in Heimen. Folgende zusammenfassende Aussage (Heise.de) über Peter Wensierskis Buch Schläge im Namen des Herrn zeigt, wie lebendig die Schwarze Pädagogik bis vor kurzem war: „...das Netz der westdeutschen Kinder- und Jugendheime bis in die Siebziger hinein eher einem Kindergulag glich als einem Fürsorgesystem. 3000 und mehr Heime gab es in dieser Zeit, zu 80 Prozent waren sie in christlicher Hand, die katholischen Einrichtungen überwogen bei weitem, wobei evangelische nicht fehlten. Wensierski rechnet mit mehreren Hunderttausend Menschen, die durch diese Einrichtungen gegangen sind.“ [3][4]

In der Deutschen Demokratischen Republik wurde das Schlagen von Kindern in Schulen 1949 verboten, in der Bundesrepublik Deutschland 1973. Erst im Jahr 2000 wurde durch eine Gesetzesänderung das elterliche Züchtigungsrecht abgeschafft.

Mit dem Werk Am Anfang war Erziehung (1980) von Alice Miller gilt die Möglichkeit schwerer Schäden bei Kindern durch jedwede Form körperlicher (wie auch psychischer) Gewalt als erwiesen:

Unter der ‚Schwarzen Pädagogik‘ verstehe ich eine Erziehung, die darauf ausgerichtet ist, den Willen des Kindes zu brechen, es mit Hilfe der offenen oder verborgenen Machtausübung, Manipulation und Erpressung zum gehorsamen Untertan zu machen.

A. Miller: Evas Erwachen, 2001

Alice Miller führt ihre Auseinandersetzung mit der Schwarzen Pädagogik in ihrem Buch Du sollst nicht merken (1981) weiter und sieht sie als Grundlage einer von ihr so bezeichneten „Schwarzen Psychoanalyse“ [5]

Vertreter dieser Theorie

Zu den Themen der Soziologin Katharina Rutschky, die mit ihrem gleich lautenden Werk von 1977 den Begriff der Schwarzen Pädagogik prägte, gehören u.a. Erziehung, Feminismuskritik, Missbrauch.

Die ehemalige Psychoanalytikerin und Kindheitsforscherin Alice Miller kam, auch als Folge ihrer therapeutischen Tätigkeit, zur Auffassung, die eigene Kindheit aufarbeiten zu müssen, um ihre Klienten besser zu verstehen. Schwarze Pädagogik ist für sie ein Verhalten, das durch Verklärung von Generation zu Generation weitergegeben wird. Sie führt zu der Entwicklung eines „falschen Selbst“ im Sinne Donald Winnicotts.

Die unbewusst gebliebenen und dadurch immer noch wirkenden Annahmen aus jahrhundertealten Erziehungsmethoden stellt der Philosoph Michel Foucault dar, indem er immer wieder von Gesellschaftsnormen als der „Dressur des Menschen durch die Gesellschaft“ spricht.

Diskussion und Kritik

Weitgehend unumstritten ist der Begriff der Schwarzen Pädagogik, wenn es um Misshandlungen von Kindern geht. Wo immer unter dem Deckmantel der pädagogischen Beratung Anleitungen für Quälereien gegeben werden, stößt das auf breite Ablehnung.

Alice Miller bezeichnet mit dem Begriff Schwarze Pädagogik alle Verhaltensweisen, die einen ansatzweise manipulativen und repressiven Charakter haben. „Jeder Klaps ist eine Demütigung“ ist eine der Thesen, die von ihr mit Nachdruck vertreten werden. Kritiker betrachten solche Forderungen als „zu weitgehend“. Diskussionen um den Begriff der Schwarzen Pädagogik münden daher häufig in Diskussionen um die Frage, ob ein Klaps als schädigend betrachtet werden muss oder nicht, was Alice Miller definitiv bejaht. Ein prototypischer Vertreter der Schwarzen Pädagogik war nach Alice Miller Moritz Schreber.

Siehe auch

Literatur

Weblinks

Fußnoten

  1. Alice Miller: Du sollst nicht merken, Frankfurt am Main 1981, S. 29ff u.a.
  2. Alexander Markus Homes: Heimerziehung. Lebenshilfe oder Beugehaft?, Neuauflage von 2006 mit dem Untertitel „Gewalt und Lust im Namen Gottes“; es werden auch aktuelle Fälle von Missständen in kirchlichen Einrichtungen geschildert (ISBN 3-8334-4780-X)
  3. http://www.heise.de/tp/r4/artikel/22/22605/1.html
  4. Peter Wensierski: Schläge im Namen des Herrn. Die verdrängte Geschichte der Heimkinder in der Bundesrepublik, München 2006, ISBN 3-4210-5892-X, www.schlaege.com
  5. Miller: Du sollst nicht merken, Frankfurt am Main 1981, S. 29

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