Anarchafeminismus

Anarchafeminismus
Anarchafeministische Fahne

Anarchafeminismus ist eine Bezeichnung aus den 1970er-Jahren und hat seine historischen Ursprünge im Feminismus sowie Radikalfeminismus mit Elementen anarchistischer Theorie und Praxis.

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

In den USA und in Europa hat der Feminimus, seit dem Aufkommen der feministischen Vorstellungen vor rund 200 Jahren und der daraus entstehenden Frauenbewegung, unzweifelhaft zur Verbesserung der Emanzipation beigetragen.

Die Wortschöpfung Anarchafeminismus wurde von US-amerikanischen Feministinnen Mitte der 1970er Jahre geprägt als Alternative zum klassischen Feminismus (teilweise auch „bürgerlicher Feminismus“ genannt), der sich in der Regel alleine gegen patriarchale Herrschaft wendet.[1] Der Anarchafeminismus lehnt jedoch alle Herrschaftsformen in allen Lebensbereichen ab. L. Susan Brown argumentierte: „Alleine Anarchafeministinnen stellen eine Theorie zur Verfügung, die alle Hierarchien und Formen von Herrschaft bekämpft, ob sie sexistisch, rassistisch, klassenbezogen oder staatlich sind“.[2]

Als Vorläufer des Anarchafeminismus können Frauen wie Emma Goldman, Luise Michel, Wera Figner, Voltairine de Cleyre, Ito Noe, Natascha Notkin, Milly Witkop und Virginie Barbet sowie zum Beispiel der Syndikalistische Frauenbund und die spanische anarchistische Frauenbewegung Mujeres Libres angesehen werden. Weitere Anarchafeministinnen sind Rosella Di Leo und Maria Matteo aus Italien sowie Luisa Capetillo aus Puerto Rico.

Janet Biehl

Der radikale Feminismus Ende der 1960er Jahre bis Mitte der 1970er Jahre entwickelte, so Janet Biehl, eine sozial-feministische Analyse. Soziale Institutionen hindern Frauen daran, ihre „ganze Humanität zu entfalten“.[3] Janet Biehl vertritt den sozialen Ökofeminismus, der auf dem Konzept des libertären Kommunalismus und der „Sozialen Ökologie“ von Murray Bookchin basiert. Biehl geht es um die Verbindung von Anarchismus und Feminismus, libertärem Sozialismus und sozialer Ökologie.[4]

Mit einem Vortrag im Haus der Demokratie am 19. Oktober 2001 in Berlin stellte Antje Schrupp die Frage „Feministischer Sozialismus? Gleichheit und Differenzen in der Geschichte des Sozialismus“ und erwähnte als Beispiel die Stellungnahme von André Léo, „die Teilnahme von Frauen an den militärischen Organisationen der Pariser Kommune“. Frauen wollten im deutsch-französischen Krieg die Gründung eines Frauenbataillons. Léo entschied sich dagegen, weil ihrer Meinung nach ein Frauenbataillon nichts an der Niederlage Frankreichs ändern würde. Jedoch befürwortete sie die Teilnahme von Frauen zur Verteidigung der Kommune an militärischen Aktionen, „weil buchstäblich jede Hand gebraucht wurde“.[5]

de Cleyre im Alter von 35 Jahren in Philadelphia

Vor allem die US-amerikanischen Feministinnen wie Peggy Kornegger und Carol Ehrlich versuchten, im kommunistischen Anarchismus von Peter Kropotkin das politische Gerüst für die angestrebte „feministische Revolutionierung der Gesellschaft“ zu finden. Für beide sind „Feministinnen natürliche Anarchistinnen“ und der kommunistische Anarchismus nehme die „geistigen, emotionalen und individuellen Aspekte der menschlichen Natur ernst“,[6] die auch Grundlage des Feminismus seien. Der Feminismus, wie ihn Kornegger und Ehrlich verstanden, unterschied sich von der klassischen Frauenbewegung dadurch, dass nicht nur das Patriarchat im Fokus ihrer Kritik stand, sondern die Abschaffung jeder Herrschaftsstrukturen inklusive matriarchaler Vorstellungen.

Allerdings sei es, so Silke Lohschelder, weder Kropotkin noch Michael Bakunin in ihren Analysen gelungen, die Problematik der Unterdrückung von Frauen konsequent auszuarbeiten. Dass der Mittelpunkt der Benachteiligungen der Frauen die autoritären, patriarchalen Kleinfamilienstrukturen sind, darüber waren beiden Anarchisten einig mit der feministischen Theorie.[7]

Gegenüber dem klassischen Feminismus geht der Anarchafeminismus weiter, indem er Anarchismus und Feminismus miteinander verbindet und auf dieser Basis jede Herrschaftsform ablehnt und sich widersetzt. Nach Lohschelder stimmen jedoch nicht alle radikalen Feministinnen mit dem anarchistischen Gedankengut überein.[8] Carol Ehrlich forderte eine revolutiönäre Praxis und bezog sich in ihren Vorschlägen auf die Die Gesellschaft des Spektakels der Situationisten, um damit das gesellschaftliche Klischee von der Frau zu durchbrechen: mit subversiven Aktionen wie der „Guerilla-Taktik“ vorzugehen, um die traditionellen Denkweisen von „Rebellion“ und politischem Handeln zu durchbrechen.[9]

Die Anarchistische Föderation Norwegens (ANORG) stellte auf dem dritten Kongress (1. bis 7. Juni 1982) zum Thema Anarchafeminismus „Fünf Hauptarten der Unterdrückung“ der Frauen auf: 1) Die ideologische Unterdrückung durch kulturelle Traditionen, Religion und Manipulation durch bestimmte Wertvorstellungen; 2) Hierarchische Organisationsstrukturen der staatlichen Macht; 3) Ökonomische Benachteiligungen (Ausbeutung) der Frauen unter anderem durch Unterbezahlung; 4) Gewalt in der Privatsphäre sowie in der Gesellschaft; 5) Es fehlt(e) an geeigneten Organisationsformen, die resultieren in Despotismus und infolge dessen das „Verantwortungsbewusstsein hemmt und Passivität und Gleichgültigkeit fördert“.[10] Die bestehenden Sexualvorstellungen in der Erziehung, der Arbeitswelt und in den Medien müsse, so ANORG, beseitigt werden und es sollten Arbeits-, Selbsthilfe- und Diskussionsgruppen gebildet werden, was im Laufe der Jahre realisiert wurde. Der Anarchafeminismus will, dass alle Menschen die gleichen Rechte haben und dass die Freiheit und Unabhängigkeit der Frauen in allen Lebensbereichen gleichbedeutend mit der der Männer ist. Eine freie Vereinigung von Frauen und Männern solle die traditionelle Familie mit ihrer patriarchalischen Struktur ersetzen (ANORG).

Literatur

Zeitschriften:

  • Schwarzer Faden, Sondernummer Feminismus - Anarchismus: Ron Hayley Eine Geschichte des Anarchafeminismus, S. 51 ff.
  • Schwarzer Faden, Sondernummer Feminismus - Anarchismus: Friederike Kamann Macht 'Macht' Frauen mächtig?, S. 15 ff.
  • Schwarzer Faden, Sondernummer Feminismus - Anarchismus: L. Susan Brown Warum Anarcha-Feminismus?, S. 20 ff.
  • Die Schwarze Botin, Anarcha-feministische Zeitschrift. Erschienen von 1976 bis 1987 in Berlin. Online−Kurzinformation in der DadA

Bücher:

  • Carol Ehrlich; Peggy Kornegger: Anarcha-Feminismus. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Gisela Kuhlendahl, Markus Schürmeister, Jörg Michael Heinrich und Jochen Schmück, bearbeitet von Cornelia Krasser. 1. Auflage. Libertad Verlag, Berlin (Gebrüder Schmück), 1979. - 121 S., div. Abb. (Edition Schwarze Kirschen; 1) - ISBN 3-922226-04-3
  • Silke Lohschelder (Hrsg.): AnarchaFeminismus. Auf den Spuren einer Utopie Münster: Unrast Verlag. ISBN 3-89771-200-8
  • Autorinnenkollektiv: Griff nach den Sternen, Ursprungstitel: Unser größter gemeinsamer Nenner, Broschüre der Frauen und Lesben des seit 1993 in der BRD bestehenden Anarchafeministinnentreffens , 2. überarbeitet Auflage 2006.Online verfügbar. PDF
  • Milly Witkop-Rocker, Hertha Barwich, Aimée Köster u. a.: Der Syndikalistische Frauenbund, Unrast Verlag, Münster 2007. ISBN 978-3-89771-915-6
  • AG Frauen der Libertären Aktion Winterthur: Anarchafeminismus: Ein Ansatz, der noch ausgearbeitet werden muss. Winterthur 2008. (Broschüre)

Siehe auch

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Was ist eigentlich Anarchafeminismus. Abgerufen am 21. April 2011
  2. Vgl. hierzu: Sondernummer Feminismus – Anarchismus in „Scharzer Faden“, Seite 21. L. Susan Brown, Warum Anarcha-Feminismus?
  3. In: „Schwarzer Faden“ Nr. 33, 1989. Seite 4. Online verfügbar auf „anarchismus.at“. Abgerufen am 21. April 2011
  4. J. Biehl: Der soziale Ökofeminismus. Kritik. Teil 1. Abgerufen am 21. April 2011
  5. Vortrag von Antje Schrupp. Abgerufen am 20. September 2011
  6. AG Anarchafeminismus der libertären Aktion Winthertur: Anarchafeminismus, Zitat nach Silke Lohschelder: Anarchafeminismus – auf den Spuren einer Utopie. Unrast-Verlag 2000, ISBN 3-89771-200-8
  7. Anarchafemismus. Auf den Spuren einer Utopie. Autor: Silke Lohschelder. In: Graswurzelrevolution Nr. 250, Sommer 2000. Abgerufen am 21. April 2011
  8. Silke Lohschelder in der Sondernummer „Feminismus – Anarchismus“ in „Schwarzer Faden“.
  9. Über Carol Ehrlich. Abgerufen am 21. April 2011
  10. Politisch–feministisches Programm der ANORG. Gekürzte Wiedergabe im Artikel. Erschienen in der Zeitschrift Trafik Nr. 11, Januar 1984. Online verfügbar auf „anarchismus.at“. Abgerufen am 21. April 2011

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