Allgäustraße

Allgäustraße

Die Allgäustraße ist eine Römerstraße der Provinz Raetia, von Augsburg ausgehend in Richtung Südwesten nach Kempten und Bregenz führend, dann nach Chur und Como abschwenkend. Ein lateinischer Name ist nicht bekannt, auch ein deutscher hat sich nicht eingebürgert. „Allgäustraße“ wird hier nach dem Vorgang von Gerold Walser verwandt.[1]

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

Die Römer haben immer Wert auf gute Straßenverbindungen gelegt. Es ist daher anzunehmen, dass sie außer der Via Claudia Augusta als der Hauptroute nach Süden bald auch eine weitere angelegt haben, die gleichzeitig die wichtige Verbindung nach Gallien herstellte. Raetien, und damit seine Hauptstadt, haben immer viel engere Beziehungen zum Westen (Germania superior gehabt als nach Osten hin, schon weil die kleine Provinz dem Obergermanischen Kommando unterstand (faktisch sicher auch noch, als sie selbst über eine Legion verfügte); sie gehörte auch dem Gallischen Sonderreich des 3. Jahrhunderts an.

Vermutlich bestand die Straße schon vor dem Vierkaiserjahr (68/69 nach Chr.), jedenfalls spielte sie im folgenden Jahr eine Rolle, als Vespasian Truppen zum Rheinknie bei Basel gegen die aufständischen Bataver-Kohorten verlegte. Auch bei der Revolte des Legaten Lucius Antonius Saturninus gegen Kaiser Domitian wurden Auxilia aus Rätien nach Vindonissa abgeordnet. Damals hatte man aber schon den Nachteil des weiten Umwegs zum mittleren Rhein deutlich verspürt und eine Straße von Straßburg durch das Kinzigtal an die obere Donau bauen lassen. Noch zu flavischer Zeit kam hinzu die Verbindung der beiden Provinzhauptstädte Mainz und Augsburg über Cannstatt, wodurch die Verbindung nach Westen durch die Allgäustraße vorerst ihre militärische Bedeutung verlor. Das änderte sich erst wieder, als nach dem Verlust des Limesgebietes und der so genannten Agri decumates das von den Römern beherrschte Gebiet wieder auf die Anfangszeit der Okkupation beschränkt war.[2]. Selbstverständlich blieb die wirtschaftliche Bedeutung immer gewahrt, etwa für den Absatz der Töpferei in Schwabmünchen.

Allerdings bot die gute Straße auch den Einfällen streifender Alamannen vorzügliche Bedingungen, schnell tief in die Provinz einzudringen. Daher wurde nach der Rückverlegung des Limes an die Flussgrenzen generell das Hinterland durch kleine Befestigungen und dislozierte Einheiten gesichert. Auch an unserer Straße wurde, neben einer Kette von Wachttürmen, ein kleines Kastell (Burgus) auf dem Goldberg bei Türkheim erbaut, das vermutlich den Namen Rostrum Nemaviae trug.

Quellen

Die Straße ist sowohl in der Tabula Peutingeriana wie im Itinerarium Antonini aufgeführt, wobei erstere im Bereich zwischen Kempten und dem Bodensee Verwirrung mit der Straße von Epfach nach Bregenz zeigt. Auch sonst sind Distanzangaben und Identifikation, wie üblich, oft unsicher (Walser S. 31f.; 37). Die Meilensteine sind ohne besondere Aussagekraft, zumal die meisten nur durch alte Abschriften bekannt und mittlerweile verschollen sind.[3]

Verlauf

Während die Via Claudia die rätische Hauptstadt Augsburg nach Südosten hin über das heutige Haunstetten verließ, lief die Allgäustraße über Göggingen. Von der Porta Praetoria (Haupttor), nahe dem Punkt, wo heute Äußeres Pfaffengässchen und Karmelitengasse sich treffen, lief sie, zunächst zusammen mit der Straße nach Günzburg („Guntia“) parallel zur Jesuitengasse / Köhlergasse zum Westtor der Stadt und schnurgerade weiter Richtung Frölichstraße / Hauptbahnhof. Hier schwenkte sie ab nach Südwesten in Richtung Göggingen. An verschiedenen Stellen sind Niederlassungen und Bestattungsplätze nachgewiesen; bei der Gögginger Brücke wurden Skulpturen gefunden. Über die jetzige Gögginger Straße und den Römerweg verlief sie weiter nach Inningen[4] und Bobingen, wo überall Reste bereits vorgeschichtlicher Siedlungen gefunden worden sind. Wegen der Hochwassergefahr der reißenden Wertach konnte die Straße nicht nahe am Fluss angelegt werden, sondern zog auf seiner östlichen Seite in Richtung Allgäu, auf der fruchtbaren Hochterrasse zum Lech hin, wo noch heute im Wesentlichen die Staatsstraße 2035 verläuft; diese biegt in den Ortschaften immer nach Südwesten ab zu den später am Fluss erweiterten Siedlungen, um dann wieder in die alte Richtung zurückzuschwenken, während die Römerstraße geradeaus verlief.

Weitere Stationen bilden Schwabmünchen, Goldberg bei Türkheim, Schlingen bei Bad Wörishofen, Kaufbeuren, Kempten, Großholzleute bei Isny im Allgäu, Bregenz, Altenstadt bei Feldkirch, Maienfeld, Chur, Andeer am Hinterrhein, Splügenpass, Chiavenna, Como, Mailand.

Siehe auch

Literatur

Die ältere Literatur zur Straße ist gesammelt von: Friedrich Wagner: Bibliographie der bayerischen Vor- und Frühgeschichte 1884 - 1959. Harrassowitz, Wiesbaden 1964 (Bibliographien der Kommission für Bayerische Landesgeschichte 6) Nr. 3376-3387. Hinweise auf die Straße finden sich in den meisten Behandlungen der Provinz, ohne genauere Erörterung. Am systematischsten ist noch:

  • Gerold Walser: Die römischen Straßen und Meilensteine in Raetien. Württembergisches Landesmuseum, Stuttgart 1983 (Kleine Schriften zur Kenntnis der römischen Besetzungsgeschichte Südwestdeutschlands, Nr. 29).

Zu den Befestigungen

  • Ludwig Ohlenroth: Römische Burgi an der Straße Augsburg - Kempten - Bregenz .- In: Berichte der Römisch-Germanischen Kommission 29 (1940), S. 122 - 156.

Abbildungen, Pläne und Fotos

  • Pläne
    • Zum Verlauf in Augsburg: Gunther Gottlieb (Hrsg.): Geschichte der Stadt Augsburg von der Römerzeit bis zur Gegenwart. Theiss, Stuttgart 1984. ISBN 3-8062-0283-4. S. 42 (auf dem mittelalterlichen Stadtgrundriss), S. 44 (Innenstadt)
    • Zum Verlauf bis Bregenz: Wolfgang Czysz in Wolfgang Czysz (u.a.): Die Römer in Bayern. Theiss, Stuttgart 1995. ISBN 3-8062-1058-6. S. 195 (severische Erneuerungen)
    • Braasch, Otto: Archäologische Luftbilder früher Straßen und Gräber an Lech und Wertach.- In: Josef Bellot (u.a., Hrsg.): Forschungen zur provinzialrömischen Archäologie in Bayerisch-Schwaben. Histor. Verein für Schwaben, Augsburg 1985 (Schwäbische Geschichtsquellen und Forschungen ; 14), S. 117 - 146. S. 145: Großformatige Karte der Gegend südlich von Augsburg (Straßen, Wasserleitung, Wassereinzugsgebiet)
    • Erwin Keller (Red.): Die Römer in Schwaben. Jubiläumsausstellung 2000 Jahre Augsburg, veranstaltet vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege und der Stadt Augsburg, Zeughaus, 23. Mai - 3. November 1985. Lipp [in Komm.], München 1985. ISBN 3-87490-901-8 (Arbeitshefte des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege ; 27), S. 10 (Taf. II): Römerstraßen und Meilensteine, Städte und Dörfer der mittleren Kaiserzeit in Westrätien
  • Luftbilder:
    • Braasch S. 124/25: Plan und Foto einer Ansicht bei Bad Wörishofen. Obertägig ist die Straße im Bodenrelief nicht mehr erhalten, abschnittsweise sind Materialgruben erkennbar, während Hinweise auf Straßengräben fehlen.
    • Erwin Keller (Red.): Die Römer in Schwaben. S. 144 (Taf. VIII): Felsgeleise bei Buchenberg, Lkr. Oberallgäu.

Einzelnachweise

  1. S. 10, nicht unbedingt technisch gemeint.- Zeichnung S. 11.
  2. Kemkes, Martin: Vom Rhein an den Limes und wieder zurück. Die Besetzungsgeschichte Südwestdeutschlands.- In: Imperium Romanum - Roms Provinzen an Neckar, Rhein und Donau. Große Landesausstellung Baden-Württemberg 2005. Theiss, Stuttgart 1905, ISBN 3-8062-1945-1, S. 44 - 53. Fünf große farbige Karten zu den einzelnen Ausbaustufen bzw. zum Rückbau 260/270 n. Chr.
  3. Walser, Steine Nr. 19-31, S. 58 und 74-79. Die Steine sind jetzt veröffentlicht in CIL XVII, Nr. 4,33 - 4,48 mit einer Karte der "Via ex Italia per Brigantiam Augustam" im Folioformat auf S. 16
  4. Zwischen den Ortsteilen ist der Meilenstein Nr. 47 wieder aufgerichtet worden; er ist nur noch 92 cm hoch, senkrecht halbiert, und an der Oberfläche stark beschädigt

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