Erinnerungsverfälschung

Erinnerungsverfälschung
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Der Begriff Erinnerungsverfälschung oder Erinnerungsfälschung bezeichnet in der Gedächtnisforschung das unabsichtliche Verfälschen von Gedächtnisinhalten beim Erinnern. Dabei kann man zwei verschiedene Formen der Erinnerungsfälschung unterscheiden. Zum einen kann eine Person davon überzeugt sein, sie hätte etwas erlebt, was sie aber in dieser Form gar nicht erlebt hatte (positive Erinnerungsfälschung). Oder jemand könnte überzeugt sein, er könne etwas bestimmtes niemals erlebt haben, obwohl der dies in Wirklichkeit erlebt hat (negative Erinnerungsfälschung). Eine besondere Form der Erinnerungsfälschung sind Pseudoerinnerungen. Darunter versteht man Erinnerungen an ganze Ereignisse, welche jedoch niemals stattgefunden haben. Sie unterscheiden sich von der bewussten Falschaussage (Lüge) dadurch, dass der Betreffende selbst seine Aussage für richtig hält

Inhaltsverzeichnis

Erläuterungen

Da Wahrnehmung und Erinnern aktive Verarbeitungsprozesse sind, können dabei manchmal Fehler auftreten. Während Wahrnehmungstäuschungen bereits seit längerem untersucht und erforscht wurden, war dies bei Erinnerungstäuschungen erst seit den 1960er Jahren in vergleichbarer Form der Fall. Seitdem ist es in Experimenten gelungen durch unterschiedliche Verfahren die Erinnerungen von Probanten in Bezug auf schwerwiegende Einzelheiten zu verzerren oder gar Pseudoerinnerungen an neue Ereignisse ins Gedächtnis einzupflanzen.

Erinnerungsfälschungen können als Folge einer Suggestion oder einer Hypnose wie auch spontan (ohne äußere Beeinflussung) unter Stress oder bei Erschöpfungszuständen auftreten. Der Begriff ist damit methodisch abgrenzbar gegen pathologische Wahnvorstellungen, wie sie als Symptom einiger psychischer Störungen auftreten können. Wesentlich ist, dass die gedankliche und gefühlsmäßige Reproduktion des Gedächtnisinhaltes als Abbild eines vergangenen, wachbewussten Geschehens erlebt wird - anders als bei einer Erinnerung an einen Traum, eine Vision oder eine aktive Imagination: Dort ist dem Erinnernden bewusst, dass seiner Erinnerung keine solche äußere Realität entspricht. Auch im Fall einer lückenhaften, vagen Erinnerung ist sich der Erinnernde dieser Unvollständigkeit und Unvollkommenheit bewusst.

Hirnphysiologische Experimente (zum Beispiel zur Gesichtserkennung) haben gezeigt, dass auch Gedächtnisinhalte, an die sich ein Mensch korrekt erinnert, die Beteiligung unbewusster psychischer Abläufe in entscheidendem Umfang erfordert: Entgegen gängiger Annahme können nicht alle zutreffend reproduzierbaren Gedächtnisinhalte vor ihrer Speicherung vollständig durch das Nadelöhr des Bewusstseins laufen, sie gelangen also nicht oder nur ausnahmsweise in vollem Umfang zur Bewusstheit.

Experimente

Berühmtheitsfrage

Die Berühmtheitsfrage ist ein Experiment in Bezug auf eine spezielle Form der Erinnerungsfälschung, der sogenannten Quellenverwechslung. In einer ersten Phase des Experiments werden den Versuchspersonen beiläufig mehrere Namen präsentiert, welche diese beispielsweise nach Aussprechbarkeit beurteilen sollen. Am nächsten Tag werden in einer zweiten Phase diese Namen zusammen mit neuen Namen und Namen berühmter Personen dargeboten. Nun sollen die Versuchspersonen entscheiden, welche dieser Namen berühmten Personen zuzuordnen wären. Fälschlicherweise werden hierbei überzufällig oft Namen der am Tag zuvor gelesenen Personen als berühmt genannt. Offenbar war den Probanden nicht bewußt, ob sie diese Namen nun aus Zeitung und Fernsehen, oder aus der ersten Phase des Experiments kannten. Unbewusste Prozesse führen dann zu einer Verwechslung der Informationsquelle.

Lost in the mall

Ein Experiment bezüglich Pseudoerinnerungen ist Lost in the mall. Den Versuchspersonen wurden kurze Berichte über Erlebnisse in der Kindheit, die angeblich von Verwandten verfasst wurden, gegeben. Sie sollten sich wieder an diese erinnern, doch sie wussten nicht, dass eine dieser Erzählungen falsch war: Die jeweilige Versuchsperson soll sich im Alter von 5 bis 6 Jahren im Einkaufszentrum verirrt haben und dann von einem Erwachsenen gerettet worden sein. 6 von 24 Versuchspersonen behaupteten, sich daran erinnern zu können, obwohl dieses Ereignis nie stattgefunden hatte.

Beispiele

Positive Erinnerungsfälschung

Der Gedächtnisforscher Ulrich Neisser erinnerte sich lebhaft, dass er ein Baseballspiel am Fernsehen verfolgte, als ihn die Nachricht der Bombardierung von Pearl Harbor erreichte. Erst einige Jahre später wurde ihm klar, dass seine Erinnerung nicht stimmen könne. Die Bombardierung von Pearl-Harbor erfolgte im Dezember und somit zu einer Zeit, wo keine Baseballspiele stattfinden.[1]

Negative Erinnerungsfälschung

Williams und Banyard machten im Jahr 1997 eine Untersuchung bei Frauen und Männern, die wegen sexuellen Kindesmissbrauchs in die Notaufnahme eines Krankenhauses eingeliefert wurden. Sie fanden heraus, dass 17 Jahre später 38% der weiblichen und 55% der männlichen Opfer sich nicht mehr an den dokumentierten Missbrauch erinnerten und somit einer negativen Erinnerungsfälschung unterlagen.[2]

Verwandte Begriffe

False-Memory-Phänomene

Durch die False Memory Syndrome Foundation wurde ab dem Jahr 1996 in der amerikanischen Öffentlichkeit der Begriff false memory für die Phänomene der Erinnerungsfälschung bekannt gemacht. Später wurde dieser Begriff von der wissenschaftlichen Literatur übernommen und löste den bereits existierenden Begriff der memory errors ab. Kritiker sind der Meinung, dass die polemischen Öffentlichkeitsarbeit der False Memory Syndrome Foundation zu zahlreiche Missverständnissen in Bezug auf diesen Begriff geführt hätte und dieser folglich vermieden werden sollte.

Falsche Erinnerung

In der deutschsprachigen Literatur wird auch der Begriff Falsche Erinnerung verwendet. Er ist synonym zum Begriff der false memory.

Bedeutung

Die Erinnerungsfälschung spielt nur in Ausnahmefällen eine Rolle, da das menschliche Gedächtnis wichtige Ereignisse im allgemeinen mit ausreichender Genauigkeit wiedergibt[3] Nicht haltbar ist jedoch die weit verbreitete Meinung, dass die eigenen Erinnerungen fotografisch exakt mit der damaligen Wirklichkeit übereinstimmen müssten. In der Gedächtnisforschung gilt es als unbestritten, dass Erinnerungen keine objektiven Wiedergaben, sondern subjektive Rekonstruktionen sind. Von besonderer Bedeutung ist dies bei der Glaubhaftigkeitsbeurteilung von Zeugenaussagen bei sexuellem Missbrauch. Während Zeugenaussagen im allgemeinen der freien Beweiswürdigung des Richters unterliegen, werden Opfer eines sexuellen Missbrauchs mehrheitlich einer gutachterlichen Glaubhaftigkeitsbeurteilung unter Berücksichtigung einer eventuellen Pseudoerinnerung unterzogen.

Erinnerungsfälschung bei Kindern

Wie im Artikel bereits angedeutet, kann man Kindern durch wiederholtes suggestives Befragen in Kombination mit inhaltlichen Vorgaben Pseudoerinnerungen für gar nicht stattgefundene Ereignisse einpflanzen. Diese sind im Nachhinein nur schwer von realen Erinnerungen zu unterscheiden. Aufgrund dieses Phänomens wird beim Verdacht eines kindlichen sexuellen Missbrauchs geprüft, ob eine Beeinflussung der Aussage des Kindes durch eine vorangegangene suggestive Befragung stattgefunden haben könnte. Diese Klärung wird von einem Sachverständigen unter anderem im Rahmen der aussagepsychologischen Glaubhaftigkeitsbeurteilung vorgenommen.

Eingepflanzte Kindheitserinnerungen bei Erwachsenen

Auch bei Erwachsenen soll es möglich sein, eine Pseudoerinnerung an einen sexuellen Missbrauch oder andere Traumata in der Kindheit zu erzeugen. Dies wäre insbesondere dann möglich, wenn Therapeuten durch spezielle Verfahren (z.B. Hypnose, Deutungen, Traumanalyse, Amobarbital-Interview) ein vormals vergessenes Kindheitstrauma aufdecken wollen und könne zu Ausildung eines sogenannten False-Memory-Syndroms führen. Bei Studien widersetzten sich jedoch die Mehrheit der erwachsenen Versuchspersonen dem Versuch einer Fremdsuggestion. Weiterhin wird die Übertragbarbeit der Forschungsergebnisse von allgemeinen Laborstudien auf die Gedächtnisprozesse während einer aufdeckenden Psychotherapie von Kritikern angezweifelt.

Siehe auch

Medizin und Wissenschaft

  • Déjà-vu - psychologisches Phänomen eine neue Situation schon einmal erlebt, gesehen oder geträumt zu haben
  • Regressionshypnose - Rückholung von Erinnerungen an das traumatisierende Ereignis mittels Hypnose
  • Sam Stone - Experiment zur Beeinflussbarkeit von Kindergartenkinder
  • Deckerinnerung - falsche Erinnerung deckt früheres und bedeutsameren Erlebnis zu
  • Kryptomnesie - Phänomen, dass sich jemand fälschlicherweise aber gutgläubig als Urheber eines Gedankens oder einer Schöpfung versteht

False Memory Syndrome Foundation

Falschbeschuldigung

Literatur

  • Elizabeth Loftus, Katherine Ketcham: Die therapierte Erinnerung - Über den zweifelhaften Versuch, sexuellen Missbrauch erst Jahre später nachzuweisen. Bastei Lübbe, Bergisch Gladbach 1995, ISBN 3-404-60443-1.
  • Martin Gardner: Falsche Erinnerungen (I+ II). In: Gero von Randow: Der Fremdling im Glas. Rowohlt, Reinbek 1996, ISBN 3-499-19665-4, S. 133-157.
  • Vielfalt e.V. (Hrsg.): Traumatische Erinnerungen, Band I: Forschung und Therapie. Bremen 2002.
  • Martha Schalleck: Rotkäppchens Schweigen. Die Tricks der Kindesmissbraucher und ihrer Helfer. Autorenverl. Artep, Freiburg/Br. 2006, ISBN 3-936544-80-8.
  • Wissenschaftliche Anforderungen an aussagepsychologische Begutachtungen (Glaubhaftigkeitsgutachten). (BGHSt 45, 164)

Anmerkungen und Einzelnachweise

  1. David G. Myers: Psychologie Springer, Berlin, Jahr 2008, S. 405
  2. Ulrich Sachsse: Traumazentrierte Psychotherapie. Schattauer, Stuttgart 2004, ISBN 3-7945-1971-X, S. 418.
  3. Die Validität des autobiographischen Gedächtnisses. In: Kindheit und Entwicklung. 11 (4) Hogrefe-Verlag, Göttingen 2002, S. 234.

Weblinks


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