Mystiker


Mystiker
Die mittelalterliche Mystikerin Birgitta von Schweden

Der Ausdruck Mystik (von griech. griechisch μυστικός mystikós „geheimnisvoll“) bezeichnet heute im allgemeinen Sprachgebrauch Berichte und Aussagen über die Erfahrung einer höchsten Wirklichkeit sowie die Bemühungen um eine solche Erfahrung.

Inhaltsverzeichnis

Begriffsbestimmung

Begriffsgeschichte

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Der deutsche Ausdruck "Mystik" geht zurück auf das griechische griechisch μυστικός mystikós „geheimnisvoll“. Dieses steht in Verbindung mit griechisch μύειν myein, „sich schließen, zusammen gehen“, was zunächst auf die Augen bezogen war, sowie mit griechisch μυέειν myéein, beginnen oder initiiert werden. Diese Ausdrücke wurden anfangs auf Mysterien und Geheimriten bezogen und später auch generell im Sinne von dunkel und geheimnisvoll verwendet.

In der Spätantike findet der Ausdruck dann auch in philosophischen Kontexten Verwendung, wenn der verborgene Sinn einer Äußerung angesprochen ist, und wird insbesondere von Proklos auf den Bereich des Göttlichen bezogen.[1]

Die neuzeitliche Verwendung im Sinne einer spezifischen Variante religiöser Praxis und einer spezifischen Sorte religiöser Literatur ist, folgt man dem Mystikforscher Michel de Certeau, Ergebnis einer Begriffsverschiebung, die an der substantivischen Verwendung kenntlich ist: es wird nicht mehr gesprochen von "mystischer Theologie" als einem konstitutiven Bestandteil religiösen Denkens, sondern von "Mystik" als einem Typus außergewöhnlicher Verfahren.

Ähnlich wie hin und wieder Mystik selbst bezeichnen davon abgeleitete Wörter wie Mystizismus und mystisch in der heutigen Umgangssprache auch als unverständlich, rätselhaft oder unsinnig empfundene Redeweisen – ohne dass ein Bezug auf spezifische Traditionen religiöser Mystik mitgemeint wäre.

Mystikbegriff

Das Thema „Mystik“ ist Forschungsgegenstand innerhalb der Theologien der Offenbarungsreligionen und der Religionswissenschaften, in Kultur-, Geschichts- und Literaturwissenschaft, in der Philosophie und Psychologie. Ein fachwissenschaftlicher Konsens zur Begriffsbestimmung konnte bisher nicht hergestellt werden.

Im alltäglichen Sprachgebrauch sowie in populärer Literatur steht das Thema „Mystik“ meist in Beziehung zu religiösen oder spirituellen Erfahrungen, die als solche nicht objektiv zugänglich scheinen. Die Literatur, in welcher der Ausdruck „Mystik“ in unterschiedlichem Sinne verwendet wird, ist vielfältig.

Trotz aller Unklarheiten lassen sich Merkmale angeben, die zumeist für mystisches Erleben für typisch gehalten werden. Auch ist für mehrere Personen unstrittig, dass diese weithin als Mystiker gelten.

Religionsgeschichtliche Perspektive

Religionsgeschichtlich versteht man unter Mystik eine Form religiösen und damit auf ein Absolutes oder Jenseits ausgerichteten Erlebens und Beschreibens. Mystische Erfahrungen werden deswegen stets im Rahmen des individuellen Kontext ausgedrückt.

In theistischen Religionen ist das transzendente Element stets Gott. Als Gotteserfahrung gedeutete mystische Erlebnisse kennen u. a. Strömungen des Judentums, des Christentums, des Islams und des Hinduismus. Sie finden in unterschiedlichsten Begriffen und Wendungen Ausdruck, die von späteren Mystikern für die Darlegung ihrer mystischen Theologie oder Berichte ihrer Gotteserfahrung verwendet wurden: Nacht und Dunkelheit, Feuer (Mose), „sanftes, leises Säuseln“ (1 Kön 19,12), Liebe (Johannesbriefe), göttliches Du, Gott als innerstes Innen (z.B. bei Augustinus); göttliche Mutter (Ramakrishna).

Nichttheistische Traditionen wie Buddhismus, Jainismus und Daoismus setzen mystische Erfahrungen mit einer letztendlichen Wirklichkeit ohne Bezug auf eine göttliche Wesenheit in Beziehung.

Mystik in den Weltreligionen

→ siehe auch: Liste von Mystikern

Christliche Mystik

siehe Hauptartikel Christliche Mystik

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Biblische Motive

In späteren Texten mystischer Literatur werden zahlreiche biblische Motive wiederkehrend rezipiert. Beispielsweise wird die Seligpreisung „Selig, die ein reines Herz haben, denn sie werden Gott schauen.“ (Mt 5,8) auf eine Reinheit von Affekten, sinnlichen Wahrnehmungen und Handlungsmotiven bezogen.

Mittelalter

Im Anschluss an Paulus verbinden bereits frühe christliche Theologen wie Augustinus die Lehre von der Kirche mit der Eucharistie und damit dem Leib Christi. Daran knüpft Thomas von Aquin an: die Kirche sei der mystische Leib Christi.[2] Diese These ist nicht selbstverständlich, denn zumeist wurde der Ausdruck "mystischer Leib" direkt auf die Eucharistie bezogen, und erst von daher die Kirche als wahrer Leib Christi.[3] Im Anschluss daran bestimmte die katholische „GlaubensenzyklikaMystici corporis, dass der mystische Leib Christi und die Römisch-katholische Kirche „ein und dasselbe“ sind.

Ein großer Teil der hochmittelalterlichen Literatur zur mystischen Theologie besteht in Kommentaren zum Werk des Pseudo-Dionysius Areopagita. Es bilden sich zwei Auslegungstraditionen heraus: eine stärker affektive mystische Theologie, wie sie etwa von Hugo von St. Victor, Thomas Gallus, Robert Grosseteste, Vinzenz von Aggsbach vertreten wurde, und eine stärker intellektuelle, wie sie etwa von Jean Gerson, Nicolaus von Kues und anderen vertreten wird.

Jean Gerson unterscheidet die Theologia mystica als experimentelle Erkenntnis Gottes bzw. Erfahrungswissen von Gott (cognitio dei experimentalis) von einem lehrhaft vermittelbaren theoretischen Wissen von Gott (cognitio dei doctrinalis).

Mystische Praktiken

Im christlichen Kontext wurden, wie auch in anderen Religionen, unterschiedliche Auffassungen darüber vertreten, ob mystische Erfahrungen durch bestimmte religiöse Techniken vorbereitbar oder gänzlich davon unabhängig sind.

Ansatzpunkte für den interreligiösen Dialog

Zahlreiche Autoren haben im Kontext der Mystik naheliegende Ansatzstellen für einen interreligiösen Dialog gesehen - insbesondere mit dem Buddhismus. Beispielsweise war Daisetz T. Suzuki bereits in den 1950er Jahren von Meister Eckhart beeindruckt.

Hinduistische Mystik

Nach hinduistischen Lehren ist eine Einheitserfahrung mit dem göttlichen Brahman möglich. Das ist in Worten kaum wiederzugeben, da Begriffe es nicht fassen. Typische Beschreibungen bedienen sich Metaphern wie: das Bewusstsein weitet sich ins Unendliche, ist ohne Grenzen, man erfährt sich aufgehoben in einer Wirklichkeit unaussprechlichen Lichts und unaussprechlicher Einheit (Brahman). Dieser Einheitserfahrung entspricht die Lehre der Einheit von Atman („Seele“) und göttlichem Brahman.

Das Einssein fassen verschiedene Vertreter unterschiedlich auf:

  • pantheistisch: Wie ein Salzklumpen sich im Wasser auflöst, gehe der Atman im göttlichen Brahman auf.
  • panentheistisch: Die Seelen behalten einen Eigenstand, wenngleich mit dem Brahman unauflöslich verbunden.
  • monotheistisch: Einheit in Vielfalt. Qualitative Einheit und gleichzeitige individuelle Vielfalt, die der Seele eine ewige mystische Liebesverbindung mit Gott ermöglicht (Vishishta-Advaita).

Nach hinduistischer Lehre ist die alltägliche Wahrnehmung auf Vieles gerichtet, die mystische Erfahrung aber eine Einheitserfahrung. Das göttliche Eine ist in Allem gegenwärtig, jedoch nicht einfachhin erfahrbar. Es zu erfahren setzt voraus, die Wahrnehmungsart zu ändern. Dazu dienen Konzentrationstechniken des Yoga (Meditation) und die Askese (Enthaltung, Verzicht). Askese führt zur Freiheit gegenüber weltlichen Bedürfnissen. Dies kann u.a. Essen und Trinken, Sexualität oder Machtstreben einschränken.

Buddhistische Mystik

In der buddhistischen Mystik, die insbesondere in den Strömungen des Mahayana und Vajrayana verbreitet ist, geht es wie in allen buddhistischen Schulen nicht um direkte Erfahrung eines göttlichen Wesens. Die Natur des Geistes wird als nicht-dual verstanden. Dies ist jedoch in der Regel nicht bewusst und wird durch das Anhaften am Ich verschleiert. Aus dieser grundlegenden Unwissenheit entsteht die Vorstellung eines unabhängig von anderen Phänomenen existierenden Ichs. Damit geht das Auftreten der Geistesgifte Verwirrung/Unwissenheit, Hass, Gier, Neid und Stolz einher, die Ursachen allen Leidens. Ziel ist es, die Geistesgifte in ursprüngliche Weisheit umzuwandeln, die Ich-Vorstellung aufzulösen und die den unerleuchteten Wesen eigene Aufspaltung der Phänomene in Subjekt und Objekt zu überwinden. Die den fühlenden Wesen innewohnende, bis dahin verschleierte Buddhanatur wird als immer schon zugrundeliegend erkannt. Wer dies erreicht wird erleuchtet oder schlicht Buddha genannt. Praktiken wie Meditation, Gebet, Opferdarbringungen, verschiedene Yogas und spezielle tantrische Techniken sollen dies ermöglichen.

Daoistische Mystik

Die in China entstandene Philosophie und Religion des Daoismus besitzt in ihren verschiedenen Formen eine spezifische Mystik. Schon die ältesten Texte die sich mit dem Dao, dem Urgrund des Daseins, befassen, das Daodejing und Zhuangzi, beschäftigen sich mit der Idee des Erlangens des Ureinen und der mystischen Inneschau sowie einer bestimmten geistigen Haltung, die den daoistischen Mystiker auszeichnet. Die ab dem 2. Jh. entstandene daoistische Religion hatte dann in ihren verschiedenen Schulen einen ausgeprägten Hang zu mystischen Formen von Ritual und Magie, Meditation und Innenschau, basierend auf komplexen Annahmen über die Natur des Dao und des daraus entstandenen Kosmos.

Islamische Mystik

Vertreter des Sufismus (islamische Mystiker) lehren, dass Gott in jeden Menschen einen göttlichen Funken gelegt hat, der im tiefsten Herzen verborgen ist. Diesen Funken verschleiert die Liebe zu allem, was nicht Gott ist - etwa Wichtignehmen der (materiellen) Welt, sowie Achtlosigkeit und Vergesslichkeit (siehe Nafs). Nach dem Propheten Mohammed sagt Gott den Menschen: „Es gibt siebzigtausend Schleier zwischen euch und Mir, aber keinen zwischen Mir und euch.“

Die Sufis praktizieren eine tägliche Übung namens Dhikr, was Gedenken (also Gedenken an Gott, bzw. Dhikrullah) bedeutet. Da rezitieren sie bestimmte Stellen aus dem Koran und wiederholen eine bestimmte Anzahl der neunundneunzig Attribute Gottes. Darüber hinaus kennen die meisten sufischen Orden (Tariqas) ein wöchentliches Zusammentreffen in sogenannten Tekkes, bei dem neben der Pflege der Gemeinschaft und dem gemeinsamen Gebet ebenfalls ein Dhikr ausgeführt wird. Je nach Orden kann dieser Dhikr auch Musik, bestimmte Körperbewegungen und Atmungsübungen beinhalten.

Einer der wichtigsten Vertreter der islamischen Mystik war Yunus Emre.

siehe auch: Kategorie:Sufi

Jüdische Mystik

Im Judentum hat die Mystik besonders in der Kabbala eine breite Tradition. Mehr auf rationale Sicht des Glaubens bedachte Denker haben diese Bewegung oft kritisiert.

Nennenswerte Vertreter und Quellen sind:

Mystik als Forschungsgegenstand

Die meisten fachwissenschaftlichen Forschungsansätze analysieren Berichte über mystische Erfahrungen, psychologische Korrelate oder philosophisch-theologische Interpretationskategorien derselben.

Zu den bekannteren Forschern zählen für die jeweiligen Einzelwissenschaften beispielsweise:

Dabei ist eine nähere Bestimmung des Begriffs sehr unterschiedlich und teilweise kontrovers. Zur Problematik trägt bei, dass das Thema Mystik unterschiedlichste Wissenschaftsdisziplinen betrifft, innerhalb welcher nochmals sehr unterschiedliche Forschungsrichtungen existieren.

Rezeptionen, Ansätze und Wortmeldungen aus Philosophie und Psychologie

  • Der analytische Psychologe Carl Gustav Jung versteht Mystik als religionsunabhängige innere Kontemplation jenseits der Spaltung in verschiedene Konfessionen und Bekenntnisse. Ein Vorbild für ihn ist der Schweizer Mystiker Niklaus von Flüe (Bruder Klaus).
  • Ludwig Wittgenstein hat sich, u.a. in Tagebüchern und zum Schluss seines Tractatus Logico-Philosophicus und anderen Schriften, über Mystik geäußert: „Es gibt allerdings Unaussprechliches: Dies zeigt sich, es ist das Mystische.“[4]
  • Einige Theoretiker aus dem Kontext der Systemtheorie haben Studien zur Mystik vorgelegt, darunter Niklas Luhmann und Peter Fuchs.
  • der Psychologe Erich Fromm, der einem säkularen Judentum nahesteht und u.a. von Maimonides und Meister Eckhart beeinflusst wurde, hat sich auch zu Zusammenhängen von Mystik und Politik geäußert (u.a. am Ende seines Werks Haben oder Sein)
  • Karl Jaspers kritisierte eine "Auflösung des Subjekt-Objektverhältnisses, d.h. der Aufhebung sowohl der Ausbreitung der gegenständlichen Welt, wie der persönlichen Individualität... In der mystischen Einstellung fehlt alles Rationale: Es gibt keine logische Form, keinen Gegensatz, keinen Widerspruch. Alle Relativitäten des Gegenständlichen, alle Unendlichkeiten und Antinomien bestehen nicht.“[5] Als ein Gegenkonzept zur Mystik entwickelte Jaspers das Konzept des „Umgreifenden“[6], in das der Mensch in einem ständigen Kampf auch klar denkend und sich der offenen Diskussion stellend eindringen könne.

Übergreifende und spezielle Aspekte

Mystik und Lebenswelt

Weltabgewandtheit (Vermeidung von körperlichen Freuden durch Fasten, Askese und Zölibat oder den Rückzug in die Einsamkeit als Eremit) hat in vielen Religionen eine lange Tradition. Teilweise wird beansprucht, eine solche Haltung sei Vorbedingung mystischer Erfahrung. Andere Traditionen betonen die Zusammengehörigkeit von Kontemplation und aktivem Leben. Die christliche Mystik spricht in diesem Zusammenhang von „vita activa“ und „vita contemplativa“. Beide Seiten gehören etwa für Meister Eckhart stets zusammen. Teilweise wird auch ein wesentlicher Zusammenhang von Mystik und Politik beansprucht, wie er sich etwa bei Nikolaus von Flüe, Meister Eckhart, Martin Luther, Juliane von Krüdener, Mahatma Gandhi, Dag Hammarskjöld, Dalai Lama u.a. findet.

Auch Traditionen des Zen betonen, dass Spiritualität und Alltag nicht entkoppelt werden dürfen. So beschreiben etwa die Verse „Der Ochse und sein Hirte“ den Entwicklungsweg eines Zen-Schülers im alten Japan und enden mit der Rückkehr auf den Marktplatz. Auch der Zen-Meister Willigis Jäger betont: „Ein spiritueller Weg, der nicht in den Alltag führt, ist ein Irrweg.

Erfahrung und Erfahrenes

In der mystischen Erfahrung lassen sich Erfahrung und Erfahrenes unterscheiden. Die christliche Mystik bezeichnet die Erfahrung als Mysterium oder Unio Mystica, im buddhistischen Kulturraum wird sie etwa als Satori oder Kensho benannt, im hinduistischen Raum als Nirvikalpa Samadhi. Sie bezieht sich immer auf das Erfahrene, die höchste Wirklichkeit, die im christlichen Kulturraum mit Gott, im buddhistischen Raum etwa mit Nirwana, im hinduistischen mit Atman/Brahman bezeichnet wird. Diese höchste Wirklichkeit hat stets ihren spezifischen individuellen Hintergrund (Religion, Kultur, Wissenschaft). Aus phänomenologischer Sicht ist daher unentscheidbar, ob die in unterschiedlichen Strömungen beschriebene höchste Wirklichkeit identisch ist und gleich erlebt wird.

Abgrenzung zur Prophetie

Die von religiösen Strömungen im Judentum und Christentum beanspruchte mystische Erfahrung wird als Glaubenserfahrung verstanden, als intensive Form der Spiritualität. Dabei ist teilweise beansprucht, das Göttliche nicht mehr personal zu erfahren. Dieses Merkmal kann zumindest religionsphänomenologisch von Prophetien abgrenzen, sofern hier Gott stets als personales Gegenüber erfahren wird.

Mystik und Unsagbarkeit

Viele Berichte von mystischer Erfahrung betonen, dass kein Begriff und keine Aussage auch nur annähernd passen. Das Erfahrene ist, abhängig von soziokulturellen Bedingungen, vielfältig umschreibbar.

Vor theistischem Hintergrund liegt der Name Gott nahe. Atheisten sprechen etwa von der wahren Natur allen Seins oder der tiefen kosmischen Einheit aller Dinge. Gleichwohl heben viele Beschreibungen die Erfahrungsweise von weltlicher Objekterkenntnis ab. Beispielsweise, da hier kein Ich einem Höheren gegenüberstehe, sondern von diesem Höheren „umfasst“ werde. Bei gleichzeitiger Nichtbenennbarkeit und dem Verlangen, von der Erfahrung dennoch nicht nur zu schweigen, bedient sich Mystik oft ungewöhnlicher Stilmittel.

  • Verschiedene biblische Texte sprechen von der Entzogenheit, Unsichtbarkeit, Nichtabbildbarkeit und Unnennbarkeit Gottes. (Beispielsweise 1 Tim 6,16: „Gott, der in unzugänglichem Licht wohnt, den kein Mensch gesehen hat.“)
  • Buddha hat das mystisch Erfahrene nicht als göttlich bezeichnet. Die höchste Wirklichkeit sei kein göttliches Wesen, das mit Verstand und Willen ausgestattet sei und handele, sondern alles überstrahlender Friede und Glückseligkeit. Die höchste Wirklichkeit bewahre Menschen auch nicht vor Unglück oder befreie nicht aus Lebensgefahren, wenn man sie in Gebeten inständig darum bäte, sondern in der Welt geschehe viel unabänderliches Leid, und dennoch sei alles in dieser höchsten Wirklichkeit geborgen. Die höchste Wirklichkeit erschaffe nicht die vielen Weltdinge wie die Quelle einen Bach hervorbringe oder wie ein Künstler sein Kunstwerk erschaffe. Über die Entstehung der Weltdinge sei nichts wissbar. Die höchste Wirklichkeit sei einfach da als souveräne, unantastbare, absolut erfüllende Wirklichkeit, die Menschen prinzipiell wahrnehmen können. Aus der mystischen Erfahrung heraus werden alle Phänomene auch als Leerheit (Nichts) beschrieben, in dem Sinne, dass sie leer von einem ihnen innewohnenden Sein sind. Das mystisch Erfahrene wird auch als Wirklichkeit beschrieben, in der es kein Leid, keinen Tod und keine Entwicklung mehr gibt, die eine absolute Erfüllung und Seligkeit bedeutet – ganz anders jedoch, als man sich Glückseligkeit vorstellen könnte und zu sagen wüsste.
  • Laozi nennt die allem Sein zugrunde liegende Wirklichkeit Dao. „Das Dao ist namenlos verborgen/ und doch ist es das Dao, das alles erhält und vollendet.“ Er meint, dass über die höchste Wirklichkeit keine rationale Aussage gemacht werden könne, sie jedoch erfahrbar sei. Wer dem Dao folge und in Übereinstimmung mit seiner Natur handle, „zu dem kommen die zehntausend Dinge. Sie kommen zu ihm und leiden keinen Schaden, finden Frieden, finden Ruhe, finden Einigkeit.“
  • Von Thomas von Aquin, dem wirkungsgeschichtlich bedeutenden mittelalterlichen Theologen, wird legendarisch berichtet, er habe nach einer mystischen Erfahrung seine Bücher verbrennen wollen, da er dadurch erkannt habe, dass alle Gott zuschreibbaren Begriffe mehr falsch als richtig sind. Tatsächlich reflektiert die thomanische Analogielehre die Beschreibbarkeit und Unbeschreibbarkeit Gottes.
  • In philosophisch-theologischen Traditionen reflektiert die „negative Theologie“ auf diesen Widerspruch. Wichtige Vertreter sind (wobei die Zuordnungen teils umstritten sind) Nikolaus von Kues, Meister Eckhart.

Mystik und Rationalität

Häufig werden Mystik und Rationalität einander entgegengesetzt. Eine Beurteilung des Verhältnisses ist abhängig davon, wie beide Begriffe verstanden werden.

Viele mittelalterliche Autoren unterscheiden ratio (Vernunft) und intellectus (Verstand) in der Weise, dass der Intellekt als diskursives Vermögen verstanden Unterscheidungen trifft; während die Ratio höheren Ranges ist, weil auf Einheit ausgerichtet. Dass mystische Erfahrung kein Fall diskursiven Erkennens sein kann, bestreitet kein Mystiker. Eine solche Trennung der Hierarchien ermöglicht, den Anschein eines Gegensatzes aufzulösen. Oft wird für mystische Erfahrung eine höhere (nämlich absolute) Gewissheit gegenüber sonstigem für wahr gehaltenem reklamiert.

Bezieht man Rationalität auf die aristotelisch durchformte Wissenschaftskultur des Mittelalters, so stehen dieser viele Mystiker aus Kontexten mittelalterlicher Laienbewegungen fern. Auch viele Mystiker, die sich philosophisch-theologisch artikulieren, suchen Denkformen, die der aristotelischen Wissenschaftstheorie ferner stehen und stärker einem weisheitlichen Konzept des Wissens und höchsten Wissens nahestehen. Einige greifen dazu zurück auf die Konzeptionen von Augustinus, Boethius und der so genannten Schule von Chartres.

In modernen Kontexten unterscheidet sich ein Zugang zur höchsten Wahrheit durch unmittelbare individuelle Erfahrung von der Methodik neuzeitlicher Wissenschaft, da diese Verallgemeinerbarkeit und Reproduzierbarkeit beansprucht.

Mystik und Widerstand

In ihrem wohl bekanntestem Werk, dem 1997 erschienen Buch Mystik und Widerstand, spricht sich die evangelisch-lutherische Theologin Dorothee Sölle für die Überwindung des vermeintlichen Gegensatzes von kontemplativer Transzendenzerfahrung und politisch-gesellschaftlichem Engagement aus. Sie zeigt auf, dass z.B. Persönlichkeiten wie der Sklavenbefreier und Quäker John Woolman, der ehemalige Generalsekretär der UNO Dag Hammarskjöld und der Bürgerrechtler Martin Luther King ihre Kraft zum Widerstand gegen gesellschaftliches Unrecht aus ihren mystischen Erfahrungen schöpften. Mystische Erfahrung bedeute demnach kein bewusstes Abwenden von der Welt, sondern die direkte Transzendenzerfahrung fördere gerade ein demokratisches Glaubensverständnis.

Spezifika mystischer Erfahrung

Mystische Erfahrung und andere Bewusstseinszustände

Mystiker beschreiben ihre Erfahrungen sprachabhängig in Redewendungen und Bildern ihres Kulturkreises. Viele betonen allerdings die Notwendigkeit, von allen Bildern zu lassen. Bekannt dafür ist in christlichen Kontexten Meister Eckhart, daneben auch das Bilderverbot in dem selten vollständig zitierten ersten der "Zehn Gebote" Moses'.

Halluzinationen treten im Wachzustand auf. Von mystischen Erlebnissen sind sie schwer unterscheidbar. Anhand einer Reihe von Merkmalen wie Inhalte der Erfahrung, Dauer, Kommunikationsfähigkeit, Ausdruck, Vokabular und Emotionalität versucht man Unterschiede zwischen mystischen und psychotischen Zuständen zu fassen. Als wesentlich für mystische Erfahrungen wird etwa die Umorganisation handlungsleitender Motive, Affekte, Welt- und Selbstbildvorstellungen herausgestellt. Ob mystische Erfahrung nur eine Halluzination ist, lässt sich objektiv nicht klären.

Mystische Erfahrungen werden in einem Bewusstseinszustand eigener Art erlebt, der auch als mystisches Bewusstsein bezeichnet wird. Es fällt allerdings durchaus nicht leicht, sie allein aufgrund ihrer Beschreibungen in ihrer Art immer sicher auch von Bewusstseinszuständen anderer Art zu unterscheiden – etwa von (über "Begeisterung" deutlich hinausgehenden) enthusiastischen, fanatischen bis ekstatischen Erlebnissen verschiedener Art.

Literatur

Nachschlagewerke
  • Peter Dinzelbacher (Hrsg.): Wörterbuch der Mystik. 2. Aufl. Kröner, Stuttgart 1998, ISBN 3-520-45602-8
Allgemeine Literatur
  • Karl Albert: Einführung in die philosophische Mystik. WBG, Darmstadt 1996, ISBN 3-534-12948-2
  • Bernard McGinn: Presence of God: a History of Western Christian Mysticism. 5 Bde., auch in deutscher Übersetzung. s.u., bei Herder, 1994ffBd. 1 mit einem Überblick zu Forschungsgeschichte und Mystikbegriffen: 265ff
  • R. Norman: Rediscovery of Mysticism, in: Gareth Jones (Hg): The Blackwell Companion to Modern Theology, Blackwell Publishing 2004, 459ff;
  • Michael Sells: Mystical Languages of Unsaying. Chicago; University of Chicago Press 1994u.a. zu Plotin, Eriugena, Ibn Arabi, Marguerite Porete und Meister Eckhart
  • M.O. Olivetti (Hg.): Theologie negative, Padua 2002.
Islam (und Sufismus)
  • A. J. Arberry: Sufism - An Account of the Mystics of Islam. London: George Allen & Unwin LTD 1972.
  • Annemarie Schimmel: Sufismus. Eine Einführung in die islamische Mystik. 2. Aufl. Beck, München 2003, ISBN 3-406-46028-3
  • Annemarie Schimmel: Mystische Dimensionen des Islam. Die Geschichte des Sufismus. Insel, Frankfurt a.M. u.a. 1995, ISBN 3-458-33415-7

siehe auch: Literaturliste Sufismus

Christentum
  • Klaus Berger: Was ist biblische Spiritualität? (GTB 1456) ISBN 3-579-01456-0
  • Peter Dinzelbacher: Christliche Mystik im Abendland. Ihre Geschichte von den Anfängen bis zum Ende des Mittelalters. Schöningh, Paderborn u.a. 1994, ISBN 3-506-72016-3
  • Bernard McGinn: Die Mystik im Abendland, Herder
    • Band 1. Ursprünge, ISBN 978-3-451-23381-4
    • Band 2. Entfaltung, ISBN 978-3-451-23382-1
    • Band 3. Blüte. Männer und Frauen der neuen Mystik (1200 -1350), ISBN 978-3-451-23383-8
    • Band 4. The Harvest of Mysticism in Medieval Germany (dt. Übers. in Vorb.)
  • Dietmar Mieth: Die Einheit von vita activa und vita contemplativa in den deutschen Predigten und Traktaten Meister Eckharts und bei Johannes Tauler. 1969.
  • Erwin Möde: Christliche Spiritualität und Mystik. Eine systematische Hinführung, Regensburg 2009, ISBN 978-3-7917-2182-8
  • Kurt Ruh: Geschichte der abendländischen Mystik. 5 Bde. Beck, München 1990-1999.
  • Korbinian Schmidt: Mystische Erfahrung. Einheit oder Vielfalt? LIT Verlag, Münster-Hamburg-Berlin-Wien-London 2006, ISBN 3-8258-9423-1
  • D. Turner: The Darkness of God, Negativity in Christian Mysticism, Cambridge 1995. u.a. zu Pseudo-Dionysius, Augustinus, Bonaventura, Meister Eckhart, Johannes vom Kreuz
Judentum (auch Kabbala)
  • Daniel C. Matt (Hrsg.): Das Herz der Kabbala. Jüdische Mystik aus zwei Jahrtausenden. Barth, Bern 1996, ISBN 3-502-65450-6
  • Gershom Scholem: Von der mystischen Gestalt der Gottheit. Studien zu Grundbegriffen der Kabbala. Suhrkamp, Frankfurt a.M. 1977, ISBN 3-518-07809-7
Buddhismus
  • Daisetz T. Suzuki: Der westliche und der östliche Weg. Über christliche und buddhistische Mystik. Neuaufl. Ullstein, Frankfurt am Main 1995.

Weblinks

Überblicke
Sonstiges

Einzelnachweise

  1. Vgl. Art. Mystik, mystisch, in: Historisches Wörterbuch der Philosophie, 6, 628 mit exemplarischen Belegen
  2. Summa Theologiae, II, q. 8 a. 1 c. 3 c
  3. M. Schmaus, Der Glaube der Kirche, Bd. V/1, 2. A. 1992, 119.154
  4. Ludwig Wittgenstein: Tractatus Logico-Philosophicus, 1922, Satz 6.522 (Hervorhebung durch Kursivsatz gemäß Quelle)
  5. Karl Jaspers: Psychologie der Weltanschauungen, Heidelberg 1919 (Neuauflage 1954 mit einem kritischen Vorwort des Verfassers), ISBN 3-492-11988-3, S. 85 (zum Thema Mystik und mystische Einstellung auch: Seiten 85-89, 119, 160-166, 191-198, 440-462)
  6. Karl Jaspers: Einführung in die Philosophie, 1953, ISBN 3-492-04667-3, S. 24-31

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