Memphis (Ägypten)


Memphis (Ägypten)
Memphis in Hieroglyphen
Y5
n
nfr V10A p
p
M17 M17 V11A O24 niwt

Men-nefer-(Pepi)
Mn-nfr-(Pjpj)
Es bleibt die Schönheit (des Pepi) [1]
Stätte des Guten
O36 T3

Inb(u)-hedj
Jnb(w)-ḥḏ
Weiße Mauer(n)
O6 D28 Q3
X1
V28

Hut-ka-Ptah
wt-k3-Pt
Ka-Haus des Ptah
U38 N16
N16
O49

Mechat-taui
Mḫ3.t-t3.wj
Waage der Beiden Länder [2]
S34
N35
N16
N16
O49
N25

Anch-taui
Anḫ-t3.wj
Leben der Beiden Länder [2]
Griechisch Memphis (Μεμφις)
Lepsius-Projekt tw 1-1-12.jpg
Ruinen von Memphis
Memphis (Ägypten) (Ägypten)
Memphis
Memphis
Kairo..
Kairo..
Karte von Ägypten

Memphis (altägyptisch Men-nefer, Inbu-hedj, Hut-ka-Ptah; biblisch Noph, Movh; arabisch ‏منف‎) war die Hauptstadt des ersten Gaus von Unterägypten. Ihre Ruinen befinden sich in der Nähe der Ortschaften Mit Rahina und Helwan etwa 18 km südlich von Kairo.

Manetho berichtet, dass Memphis der Legende nach von König Menes 3000 v. Chr. gegründet wurde. Während des Alten Reiches war sie Hauptstadt von Ägypten und blieb eine wichtige Stadt in der ägyptischen Geschichte. Memphis stand unter dem Schutz des Gottes Ptah, dem Schutzpatron der Handwerker, dessen Tempel Hut-Ka-Ptah sich im Zentrum der Stadt befand.[3]

Die Stadt nahm eine strategische Position an der Mündung des Nildeltas ein und beherbergte deshalb viele Werk- und Produktionsstätten, darunter auch für Waffen. Der Aufstieg und das Scheitern von Memphis sind eng mit der Geschichte des gesamten Landes verbunden. Aufgrund des Aufstiegs Alexandrias verlor Memphis seine wirtschaftliche Rolle im Land und wurde aufgegeben. Mit dem Edikt von Thessaloniki endete auch seine religiöse Bedeutung.

Inhaltsverzeichnis

Lage

Die heutigen Überreste nahe Mit-Rahina stammen aus jüngerer Zeit. 1982 durchgeführte Untersuchungen haben gezeigt, das die Siedlungsschichten der Stadt nicht übereinander, sondern nebeneinander liegen. Der Standort von Memphis hatte sich im Laufe der Jahrtausende, wahrscheinlich bedingt durch Änderungen im Nilverlauf, verschoben. Der Fluss war im Altertum nicht reguliert und konnte bei hohen Überschwemmungen in ein anderes Bett zurückfließen.[4]

Die Stadt des Alten Reiches lag, wie Bohrungen im Gelände gezeigt haben, viel weiter im Norden, neben den Mastabas der 1. und 2. Dynastie und dem modernen Ort Abusir. In der 1. Zwischenzeit verschob sich das Stadtgebiet weiter nach Süden, in die Gegend der Pyramiden des Alten Reiches von Sakkara. Im Mittleren Reich lag es dann weiter im Osten, dort wo heute die wenigen Ruinen zu sehen sind. Dies blieb dann auch der Standort der Stadt bis in die römische Zeit.

Gründung

Über die Stadtgründung existieren keine gesicherten Fakten. Es gibt einen Bericht von Herodot, der sich angeblich auf die Priester des Ptahtempels beruft. Der Ägyptologe A. Badawi räumt dem Bericht aber eine gewisse Glaubwürdigkeit ein.

Demnach soll die Stadt von Menes gegründet worden sein. Er leitete den Nil um und baute einen Damm zum Schutz des trockengelegten Gebietes, auf dem die Stadt errichtet werden sollte. Der Damm diente auch zum Schutz des Gaus vor einem erneuten Eindringen des Wassers. Danach baute Menes eine Festungsstadt und den Ptah-Tempel, mit einem vom Nilwasser gespeisten See.[5] Nach Badawi war dieser Damm noch Anfang des 20. Jahrhunderts nahe des modernen Ortes Koschescheh zu sehen und verschwand erst mit der Modernisierung des ägyptischen Bewässerungssystems. Sicher ist, dass zu Beginn des Alten Reiches bei Memphis ein Damm gebaut werden sollte, der heute als Sadd-el-Kafara bekannt ist.[6]

Nach Manetho erbaute „Athotis“ (Aha oder Teti I.) den Königspalast in Memphis.[7]

Namen

Die heutige Bezeichnung „Memphis“ in ihrer griechischen Form Μεμφις geht auf das altägyptische Wort „Men-nefer“ zurück und bedeutet in etwa bleibend und vollkommen. Der Begriff wurde mit ziemlicher Sicherheit vom Namen der Pyramidenstadt des Königs Pepi I. im Süden von Sakkara abgeleitet.[8] In ihrer vollständigen Form hieß die Stadt „Nut men-nefer-Pepi-meri-Ra“ (Stadt von‚ bleibend und vollkommen ist Pepi, geliebt von Ra). Die offizielle Bezeichnung „Men-nefer“ erscheint jedoch erst in den Inschriften des Neuen Reiches.

Ursprünglich wurde die Stadt mit „Inebu-Hedj“ (Weiße Mauern) bezeichnet und ist in dieser Form seit dem König Chasechemui (2. Dynastie) und Djoser (3. Dynastie) belegt. Gebräuchlicher wurde die Singularform „Ineb-Hedj“ (Weiße Mauer), die zum ersten Mal auf dem Palermostein der 5. Dynastie erscheint und noch von den antiken Historikern Herodot und Diodor parallel zu „Men-nefer“ verwendet wurde. Herodot führt den Namen auf einen Stadtteil zurück, dessen Gebäude komplett aus weißem Kalkstein bestanden. Aufgrund der Wortbedeutung wird jedoch davon ausgegangen, dass Memphis zunächst als Festungsstadt errichtet wurde, die mit einer weißen Mauer umgeben war.[8]

Zeitweise wurden Memphis oder Bezirke der Stadt auch nach anderen Pyramidenstädten benannt. So diente im Mittleren Reich der Name des Pyramidenkomplexes des Teti „Djed-sut-Teti“ (Ewig sind die Stätten des Teti) aus der 6. Dynastie als Bezeichnung für die gesamte Stadt, im Neuen Reich hingegen nur noch für einen bestimmten Bezirk.

Seit dem Neuen Reich verwendete man den Namen des zentralen Ptah-Tempels „Hut-ka-Ptah“ (Tempel des Kas von Ptah). Bekannt ist auch die Metapher „Mechat taui“ (Waage der Beiden Länder), da sich die Stadt genau an der Grenze zwischen Oberägypten und dem nördlichen Nildelta befand.

Weitere Bezeichnungen sind „Nut-Ptah“ (Stadt des Ptah) und „Nut-Ta-tenen“ (Stadt des Ta-tenen) nach den beiden Stadtgöttern Ptah und Tatenen. Der Begriff „Anch-taui“ (Leben der Beiden Länder) war zunächst ein Toponym für die Katzengöttin Bastet, ab dem Mittleren Reich auch für Ptah und konnte als Bezeichnung für Memphis oder die Nekropole der Stadt verwendet werden.[8]

Geschichte

Frühzeit

Memphis spielte bereits seit der Reichseinigung eine bedeutende Rolle im Land, vor allem in Kunst, Wissenschaft, Religion und Militär. Die Herrscher der Thinitenzeit, die auch kleinere Gräber in Abydos besaßen, legten in Sakkara-Nord eine erste Königsnekropole an. Ungeklärt ist, welche Gräber davon echt und bei welchen es sich nur um Kenotaphe handelt. Nach Barry J. Kemp gehören die Grabbauten in Memphis zu hohen Würdenträgern aus dieser Zeit und nach Jean-Philippe Lauer ließen sich erst die letzten drei Könige der 2. Dynastie in Memphis begraben, was darauf hinweist, dass die Stadt zu dieser Zeit begann eine besondere Rolle als Reichshauptstadt einzunehmen.

Die Stadt galt schon sehr früh als religiöses Zentrum. Seit dem Beginn der ägyptischen Geschichte 3000 v. Chr. sind typische memphitische Kulthandlungen wie das Königsritual „Vereinigung der Beiden Länder“ und der Kultlauf des Königs um die Mauer belegt.[9] Ebenso geht der Kult des Stadtgottes Ptah und des heiligen Apis-Stieres bis auf die 1. Dynastie zurück.[10]

Altes Reich und Erste Zwischenzeit

Djoser-Pyramide auf der memphitischen Nekropole.

Seit Beginn des Altes Reiches und bis zum Ende der 6. Dynastie stieg Memphis zur Residenzstadt und zentralen Verwaltungsstadt Ägyptens auf. Das ägyptische Königreich wurde zum ersten Mal von einer straff und hierarchisch organisierten Zentralregierung verwaltet, mit einem direkt dem Pharao unterstelltem Wesir an der Spitze. Alle wichtigen, das Land betreffende Entscheidungen wurden von der dritten bis zur sechsten Dynastie in Memphis getroffen. Im Laufe des Alten Reiches kam es zur Anlage von ausgedehnten Königs- und Beamtennekropolen im nahegelegenen Sakkara, Dahschur, Gizeh und Abu Roasch. Die architektonische Gestaltung und künstlerische Ausschmückung mit Reliefs und Grabstatuen zeugen von einem hohen Standard der memphitischen Kunst.[10]

Nach dem Untergang des Alten Reiches zum Ende der sechsten Dynastie verlor Memphis seine zentrale Bedeutung als Landeshauptstadt. In der 7. Dynastie und 8. Dynastie residierten nur noch machtlose und unbedeutende Könige in der Stadt, bis Gaufürsten aus Herakleopolis ab der 10. Dynastie die Macht im Land übernahmen.

Mittleres Reich und Zweite Zwischenzeit

Gruppenstatue zweier Hohepriester des Ptah aus der 12. Dynastie.

Mentuhotep II., der das Land in der 11. Dynastie erneut einigen konnte, regierte von nun an in Theben. Da der Ruf der memphitischen Kunst immer noch sehr gut war, holte er Künstler aus Memphis wie z.B. den Bildhauer Antefnacht nach Oberägypten. Den memphitischen Künstlern ist es zu verdanken, dass die thebanische Kunst im Mittleren Reich einen enormen Aufschwung erhielt.[11] Der Begründer der nachfolgenden 12. Dynastie Amenemhet II. grenzte sich von seinen Vorgängern ab und setzte die memphitische Tradition des Pyramidengrabes dreißig Kilometer von Memphis entfernt in Lischt fort. Die Könige der zwölften Dynastie verehrten wieder den Gott Ptah, indem sie für die Vergrößerung und den Ausbau des Haupttempels sorgten, reiche Opferstiftungen einrichteten und Statuen aufstellen ließen. Amenemhet II. stellte im Ptahtempel eine Gedenkstele auf, die von seinen wirtschaftlichen und militärischen Aktivitäten im Vorderen Orient berichtet.

In der von Krisen geprägten 13. Dynastie ließen sich zwei Könige in Gräbern neben der Mastabat al-Fir’aun in Sakkara bestatten und versuchten damit erneut an die Traditionen des Alten Reiches anzuknüpfen. In der darauffolgenden Zeit drangen die Hyksos in Unterägypten ein und eroberten die Stadt Memphis. Flavius Josephus, der sich auf Manetho bezieht, berichtet in seinem Werk Über die Ursprünglichkeit des Judentums über den Hyksos-König Salitis:

„Er lebte auch in Memphis und ließ sowohl die oberen und unteren Regionen Tribut zollen, errichtete Garnisonen an ihren Orten, um vor allem den Osten gegen die Assyrer zu sichern, die damals die größte Macht waren. Sie bauten dafür eine Stadt, die angemessen für diesen Zweck war und die am Bubastis-Kanal lag. Aus mythologischen Gründen wurde die Stadt Avaris genannt.“

Flavius Josephus

In Avaris, der Hykos-Hauptstadt, wurden viele Statuen gefunden, die aus Memphis stammen und mit dem Namen der Hyksos-Herrscher versehen waren.

Neues Reich

18. Dynastie

Nach Vertreibung der Hyksos und Gründung des Neuen Reiches stieg Theben als neue Reichshauptstadt auf. Memphis begann hingegen den Großteil seiner einstigen militärischen, wirtschaftlichen und administrativen Stellung zurückzuerlangen. Die Stadt diente vor allem als Hauptquartier für die Armee und als Ausgangspunkt für militärische Expeditionen in den Vorderen Orient. Ahmose I. nahm die Kalksteinsteinbrüche von Tura in Betrieb und ordnete Verschönerungen am Tempel des Ptah und am Amuntempel in Theben an, womit er die Gleichwertigkeit beider Gottheiten betonte. Zudem sorgte er dafür, dass die Hauptgötter der religiösen Zentren in Unterägypten, Memphis und Heliopolis, gleichwertig behandelt wurden. Auf einer Felsstele in Tura berücksichtigte er in seinen Titeln gleichermaßen Atum als Hauptgott von Heliopolis und Ptah aus Memphis.[12]

Bogenschütze auf Streitwagen

In der 18. Dynastie wurde es üblich, dass die Kronprinzen ihre militärische Ausbildung in memphitischen Kasernen absolvierten. Memphis wurde somit zur „Kronprinzenresidenz“, da die Kronprinzen begannen, eigene Domänen und Palastanlagen einzurichten. Einer der ersten war Amunmose, der in Memphis als Armeegeneral diente, wo die Feldzüge seines Vaters Thutmosis I. ihren Ausgang nahmen. Thutmosis III. befehligte gegen Ende der Regierung von Königin Hatschepsut die ägyptische Armee in Memphis und leitete einige kleinere militärische Unternehmungen.[13] Auch Amenhotep II. und Thutmosis IV. absolvierten ihre Militärausbildung in Memphis und übten sich als Bogenschützen auf Schießübungsplätzen auf dem Gizeh-Plateau nördlich der Stadt. Auf dem Tagesprogramm stand die Jagd nach Löwen und Wildstieren in der Wüste. In Memphis wurden spezielle Werkstätten für Waffenschmiede und Streitwagenbauer eingerichtet und damit eine Waffenindustrie aufgebaut, die zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor der Stadt wurde.[13]

Thutmosis III. erweiterte den Hafen von Memphis (peru nefer) und richtete Schiffswerften ein, um eine moderne Flotte für die Fluss- und Seeschifffahrt aufzubauen. Er stellte syrische Schiffszimmerer ein, die Erfahrungen mit dem Bau von Seeschiffen aus ihrer Heimat mitbrachten. Die Flotte diente zum schnellen Transport der Truppenkontingente, der Waffen und der Versorgungsgüter für die Soldaten in Vorderasien. Durch die günstige Lage zog die Stadt viele Menschen aus den Nachbarländern an, Kaufleute, Handwerker und Musiker, die sich in der Stadt niederließen und ihre Kultur und Religion mitbrachten.[12] Memphis wuchs somit mehr und mehr zu einer blühenden und weltoffenen Metropole heran.

Amenophis III. setzte die Arbeit seiner Vorgänger fort und versuchte Memphis eine führende Rolle als zweite Landeshauptstadt zu verschaffen. In erster Linie wollte er die Übermacht Thebens schwächen und Memphis erneut als bedeutendes religiöses Zentrum etablieren.[13] Als erster Herrscher schickte er seinen ältesten Sohn Thutmosis nicht wie üblich zum Militär, sondern ließ ihn eine Priesterausbildung im Ptahtempel beginnen. Thutmosis sollte dort den Rang eines Hohepriesters und das höchste ägyptische Priesteramt eines „Prophetenvorstehers von Ober- und Unterägypten“ bekleiden, das bis dahin nur von den Hohepriestern des Amun in Karnak ausgeübt wurde. Amenophis III. gründete die erste Apis-Kapelle und ließ einen eigenen Verehrungstempel Hut Neb-Maat-Re („Tempel des Neb-Maat-Re“) errichten, den er mit einer umfangreichen Opferstiftung versah. Gleichzeitig setzte er einen hohen Würdenträger namens Amenhotep in die Vermögensverwaltung ein und vertraute ihm viele weitere wichtige Ämter an.

Nach der Regierung Echnatons, der die Landeshauptstadt nach Mittelägypten verlegte, wurde die Reichsverwaltung unter Tutanchamun vollständig nach Memphis überführt, während Theben nur noch Sitz der königlichen Residenz blieb. Haremhab, der seine militärische Laufbahn bereits unter Amenophis III. begonnen hatte, nahm Memphis wieder als Ausgangspunkt für Feldzüge nach Vorderasien und ließ sich ein Beamtengrab in der memphitischen Nekropole von Sakkara einrichten.[13]

Ramessidenzeit

Statue des Prinz Chaemwaset, British Museum London.

Unter den Ramessiden blieb Memphis Sitz der Zentralverwaltung und Kommandozentrale für die Armee. Es wurden alte und neu hinzugekommene Königs- und Götterfeste gefeiert und die Stadt als heiliger Kultort erneut in den Vordergrund gerückt. Der Hauptgott Ptah verschmolz mit Re aus Heliopolis und dem thebanischen Amun zur Dreiergottheit Amun-Ra-Ptah, wobei alle drei religiösen Zentren gleichwertig blieben.

Unter Ramses II. wurde die neue Delta-Hauptstadt Pi-Ramesse gebaut, doch behielt Memphis seine herausragende Rolle als zweite Landeshauptstadt bei. Ramses II. setzte seinen Sohn Chaemwaset als Hohepriester des Ptah ein, der zahlreiche Bauvorhaben seines Vaters in Memphis beaufsichtigte und auch sein erstes traditionelles Regierungsjubiläum in der Stadt ausrichtete. Zudem restaurierte Chaemwaset die Pyramiden in den Nekropolen vor den Toren der Stadt. Ramses II. ließ viele verschiedene Denkmäler errichten, darunter die Westhalle des Ptahtempels, einen Pylon und einen kleinen Tempel der Hathor. Der steigende Wohlstand brachte viele bedeutende Beamte und Priester hervor, die in der nahegelegenen Nekropole aufwendige und künstlerisch ausgewogen gestaltete Gräber anlegten und in ihrer Ausschmückung den thebanischen Beamtengräbern glichen.[12]

Zeit des Niedergangs

In der Dritten Zwischenzeit, als Ägypten wieder geteilt war, wurde Memphis von verschiedenen Fremdherrschern eingenommen. Die neuen Machthaber verschonten die heiligen Stätten und errichteten eigene neue Kultanlagen. So baute der Libyer-König Scheschonq I. (22. Dynastie) ein neues Balsamierungshaus für die Apis-Stiere. Auch Tefnacht, Bokchoris und der Kuschitenkönig Pianchi verschonten die Tempel. Nachdem Pianchi die Stadt nach heftigen Kämpfen eroberte, richteten die nachfolgenden Kuschitenkönige ihre Residenz in Memphis ein. Schabaka zeigte großes Interesse an der ägyptischen Religion und ließ einen Ritualtext zu Ehren des Gottes Ptah, der als Denkmal memphitischer Theologie bekannt ist, auf eine Granitplatte übertragen und im Tempel des Ptah aufstellen. Erst als Ägypten von den Assyrern erobert wurde, wurden auch die Tempel und Kultanlagen von Memphis geplündert und zerstört.[14]

Ruinen des Apries-Palastes.

In der Restaurierungsphase der 26. Dynastie (Saitenzeit) kam es zum Aufleben der alten Kulte. Psammetich I. baute einen Propylon vor dem Ptah-Tempel, erneuerte den Tempel des Serapis und baute weitere Galerien und Begräbniskammern im Serapeum. Die darauffolgenden Könige Necho II., Apries und Amasis verewigten sich in den Tempelanlagen und intensivierten den Kult des Apis. Von König Apries sind zudem Überreste einer Palastanlage nördlich des Ptah-Tempels erhalten. Nach Invasion der Perser unter Kambyses II. kam es erneut zur Zerstörung der heiligen Stätten und zur Schlachtung der heiligen Apis-Stiere. Sein Nachfolger Dareios I. ließ einige zerstörte Tempel wieder aufbauen. Während der Perserzeit zogen viele Ausländer in die Stadt und der Handel mit weit entfernten Ländern blühte auf. Nach Vertreibung der Perser mit Hilfe von Athen und Sparta regierten die Könige der 29. Dynastie und 30. Dynastie wieder von Memphis, das nun allerdings mehr einer Festung als einer blühenden Stadt glich.[14]

Daraufhin eroberten die Perser Memphis ein zweites Mal, wurden aber 332 v. Chr. von Alexander dem Großen vertrieben. Dieser respektierte den Glauben der Ägypter, verehrte die ägyptischen Götter und den Apis-Stier und ließ sich in Memphis zum Pharao krönen. Es kam zur Austragung von Spielen und Wettkämpfen und zur Erneuerung des kulturellen Lebens. Nach Gründung der neuen Hauptstadt Alexandria direkt am Mittelmeer verlor Memphis seine Bedeutung als wichtige Hafenstadt, blieb aber nach wie vor bedeutend. Die Ptolemäer-Könige bauten in den darauffolgenden dreihundert Jahren weiterhin am Ptah-Tempel. Auch unter der römischen Herrschaft blieb Memphis eine bevölkerungsreiche, blühende Handelsstadt, auch wenn sie schon lange nicht mehr dieselbe Bedeutung als Residenz- und Verwaltungszentrum innehatte wie zur Zeit des Neuen Reiches.[14]

Koptische und arabische Zeit

In der koptischen Zeit ist von Memphis kaum etwas bekannt. 639 eroberten die arabischen Truppen Ägypten, das bis zu dieser Zeit unter römischer Herrschaft stand. Nach Flinders Petrie wurde der Kapitulationsvertrag zwischen dem römischen Gouverneur und den Arabern in Memphis unterzeichnet.[15] 641 gründete der islamische Truppenführer Amr ibn al-As nördlich von Memphis die Stadt Fustat, die den arabischen Stadtkern von Kairo bilden sollte.[14] Die Gebäude der Stadt, sowie die Moscheen und Stadtmauern wurden mit Baumaterial aus Memphis errichtet, das als Steinbruch diente. Alle Tempel und Paläste wurden abgetragen, Architekturteile wie Ornamente oder Säulen in die neuen Gebäude von Kairo verbaut. Übrig blieben nur noch wenige Ruinen, die durch die Natur zurückerobert wurden. Die Nilschlammziegel boten einen fruchtbaren Boden, auf dem Dattelpalmen gepflanzt und Felder angelegt wurden.[14]

Archäologie

Forschungsgeschichte

Die heutige Lage der Stadt war bis Ende des sechzehnten Jahrhunderts unbekannt und blieb bis zur Expedition Napoleons von Gelehrten umstritten. Nach der Entdeckung einer Kolossalstatue von Ramses II. durch Giovanni Battista Caviglia wurde das Gelände in den 1820ern Anziehungspunkt für Archäologen und Antiquitätenhändler. Mitte des neunzehnten Jahrhunderts wurde die Ausgrabungsstätte von Joseph Hekekyan und Auguste Mariette erkundet. Von 1907 bis 1913 leitete Flinders Petrie Ausgrabungen für die British School of Archeology in Egypt. Bis Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts wurden die Forschungen durch Ausgrabungsteams des Museums der Pennsylvania-Universität und der Universität Kairo fortgesetzt. Die heutigen archäologischen Forschungsarbeiten umfassen das Apishaus-Projekt des American Research Center in Egypt, Ausgrabungen durch die Ägyptische Altertümerverwaltung und der Kairo-Universität, sowie geoarchäologische Erkundungen der Egypt Exploration Society.[16]

Ruinen

Lage des Ruinenfeldes von Memphis

Die Metapher Waage der beiden Länder bezieht sich auf die günstige geographische Lage von Memphis zwischen Ober- und Unterägypten. Zur damaligen Zeit dürfte Memphis nahe dem alten Nilbett auf der westlichen Seite gelegen haben – die heutigen Ruinen liegen ca. 3 km vom Nil entfernt.

Davon zeugen die Ruinen, die im 19. und 20. Jahrhundert ausgegraben wurden, u. a. die Tempel von Ptah, Isis und Re, das Serapeum, zwei kolossale Statuen von Ramses II., eine Alabaster-Sphinx und viele Wohnhäuser.

Neben den Gräberfeldern auf dem West- und Ostufer (Dahschur, Sakkara, Abusir und Gizeh im Westen, Helwan, Ma'asara, Tura und Maadi im Osten) liefert Memphis einzigartiges Fundmaterial, das von der Geschichte und Kultur des dynastischen und hellenistischen Ägyptens zeugt. Obwohl die jetzige Ruinenfläche häufig übersehen wird, ist sie eine der größten Fundstätten Ägyptens und zieht sich zehn Kilometer entlang des Nils. Sie ist in einzelne Schutthügel unterteilt, die Tells oder Koms genannt werden. Zwischen den Koms befinden sich drei größere Senken (Birkas), die auf flacherem Gelände die Lage von heiligen Stätten markieren. Der südliche Bereich ist bisher am meisten erforscht worden.[17]

Kom el-Rabia, Kom Sabkha

Kom el-Rabia ist einer der kleinsten Koms und liegt im Südwesten des Ptah-Tempels. Er beherbergt zwei kleine Tempel für Ptah und Hathor und wurde von Ramses II. erbaut (19. Dynastie). Der Tempel wurde in der Spätzeit wiederverwendet und in römischer Zeit überbaut. Weitere Überreste sind ein Bau aus der 21. Dynastie, Teile eines griechischen Tempels und Laconicums, sowie ein Badehaus im südlicheren Kom Sabkha. Jüngere Ausgrabungen auf der Westseite von el-Rabia haben zudem mehrere Besiedlungssschichten vom Mittleren Reich bis zur Spätzeit freigelegt, die allerdings eine Lücke zwischen der 13. und 18. Dynastie aufweisen. Die Funde weisen darauf hin, dass die frühen Bauphasen der Stadt unterhalb und jenseits des westlichen Ruinenfeldes liegen.[17]

Kom el-Oala, Kom Helul

Kom el-Oala befindet sich südöstlich des Tempelkomplexes und beherbergt einen kleinen Tempel und einen Palast des Merenptah. Von den beiden Bauwerken sind nur noch wenige Überreste vorhanden, der Grundriss wurde jedoch noch bis in römische Zeit respektiert, obwohl die Grundmauern bis dahin schon längst unter einer späteren Konstruktion verschwunden waren. In Kom Helul weiter südlich fand Flinders Petrie eine Fayence-Werkstatt aus griechisch-römischer Zeit.[17]

Tempelanlage des Ptah

Die Anlage bedeckt das zentrale Birka und wurde wahrscheinlich auf einer vom Nil zurückgewonnenen Landfläche errichtet. In den Ausmaßen ihres trapezförmigen Grundrisses (410 × 580 × 480 × 630 m)[18] konkurrierte sie mit dem Amun-Re-Tempel in Karnak. Die Umfassungsmauer wurde von Kolossalstatuen gesäumt, die sich insbesondere an den vier Haupteingängen befanden. Am Nord- und Südtor standen zudem Sphinxstatuen. Über die innere Struktur des Tempels ist nur wenig bekannt. Am Westtor stand eine Hypostylhalle, die möglicherweise an ein Sedfest von Ramses II. erinnerte. In der südwestlichen Ecke der Anlage befand sich ein Tempel aus der Spätzeit für den Kult des Apis-Stieres.[17]

Kom el-Fachri

Südlich des Dorfes Mit Rahina befinden sich ein Friedhof aus der 1. Zwischenzeit und Siedlungsreste aus dem frühen Mittleren Reich. Die noch intakten Gräber sind nur schlecht erhalten und beinhalteten wahrscheinlich eine Familiengruft. Die entdeckten Grabbeigaben und Dekorationen ähneln zeitgenössischen Gräbern in Sakkara. Jüngere Ausgrabungen im Osten haben Besiedlungsschichten aus der 18. Dynastie freigelegt, einschließlich Einrichtungen für die Lagerung von Getreide.[19]

Stadtstruktur

Überreste vom Tempel der Hathor

Aus Texten des Neuen Reiches (ca. 1550 v. Chr.) und von Ausgrabungen geht die Struktur der Stadt hervor: im Westen die Nekropolen von Sakkara, im Osten der Haupthafen Peru-nefer (Gute Ausfahrt), im Süden ein Tempel der Göttin Hathor (Herrin der südlichen Sykomore) und im Norden der Tempel der Göttin Neith (nördlich ihrer Mauer). Im Zentrum lag der Königspalast, eine Militär-Garnison mit Arsenal [20] und nördlich davon der Tempel des Stadtgottes Ptah.

Freilichtmuseum

In dem kleinen Dorf Mit Rahina befindet sich ein Freilichtmuseum. Hauptstücke sind die liegende Kolossalstatue von Ramses II., die im Inneren des Museumsgebäudes gezeigt wird, eine stehende Kolossalstatue von Ramses II. sowie eine Alabastersphinx . Weitere Stücke sind in einem Skulpturengarten zu sehen.

Nach Aussage von Wafaa el-Saddik, die von 2004 bis 2010 Direktorin des Ägyptischen Museums in Kairo war, wurde in Zusammenhang mit der Revolution in Ägypten am 29. Januar 2011 das Museum und die Magazine „komplett ausgeraubt“. Über die entstandenen Verluste gibt es noch keine genaueren Informationen.[21]

Literatur

  • David G. Jeffreys: The Survey of Memphis. London 1985, ISBN 0-85698-099-4
  • Wolfgang Helck/ Eberhard Otto: Memphis, in: Kleines Lexikon der Ägyptologie, Harrassowitz, Wiesbaden 1999, ISBN 3-447-04027-0, S. 184-186
  • David G. Jeffreys: Memphis. In: Kathryn A. Bard (Hrsg.): Encyclopedia of the Archaeology of Ancient Egypt. Routledge, London 1999, ISBN 0415185890, S. 488-490.
  • Hans Bonnet: Memphis. in: Lexikon der ägyptischen Religionsgeschichte. Nikol, Hamburg 2000, ISBN 3-937872-08-6, S. 446-450
  • Gabriele Höber-Kamel: Memphis – Geschichte einer Metropole. Kemet Heft 2, Kemet, Berlin 2002, ISSN 0943-5972

Weblinks

 Commons: Freilichtmuseum Memphis – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Manfred Görg: Ägyptische Religion: Wurzeln - Wege - Wirkungen. Kohlhammer, Stuttgart 2007, S. 49.
  2. a b Thesaurus Linguae Aegyptiae.
  3. Aus dem Namen dieses Tempels leitete sich das griechischen Wort Aegyptus (Αἴγυπτος) als Bezeichnung für das Land Ägypten ab.
  4. D. G. Jeffreys: The Survey of Memphis I, London, 1985.
  5. Herodot: Historien II, 99.
  6. Kamel: Kemet Heft 2/2002, S. 6.
  7. * Gerald P. Verbrugghe, John M. Wickersham: Berossos and Manetho, introduced and translated. Native traditions in ancient Mesopotamia and Egypt. University of Michigan Press, Ann Arbor (Michigan) 2000, ISBN 0-472-08687-1, S. 131 und 187.
  8. a b c Höber-Kamel: Kemet Heft 2/2002, S. 5.
  9. Belegt auf dem Palermostein.
  10. a b Höber-Kamel: Kemet Heft 2/2002, S. 7.
  11. Höber-Kamel: Kemet Heft 2/2002, S. 7–8.
  12. a b c Höber-Kamel: Kemet Heft 2/2002, S. 9–11.
  13. a b c d Höber-Kamel: Kemet Heft 2/2002, S. 8–9.
  14. a b c d e Höber-Kamel: Kemet Heft 2/2002, S. 11.
  15. Nach anderen Quellen in Babylon.
  16. David G. Jeffreys: Memphis. In: Kathryn A. Bard (Hrsg.): Encyclopedia of the Archaeology of Ancient Egypt. Routledge, London 1999, ISBN 0415185890, S. 488.
  17. a b c d Jeffreys: Encyclopedia of the Archaeology of Ancient Egypt, 1999, S. 489
  18. Arnold: Lexikon der ägyptischen Baukunst, 2000, S. 197
  19. Jeffreys: Encyclopedia of the Archaeology of Ancient Egypt, 1999, S. 489-490
  20. In Memphis waren zahlreiche griechische und karische Söldner stationiert, von denen zwar die meisten nach Beendigung der Tätigkeit zurück in die Heimat gingen, ein Teil jedoch blieb in Memphis und vermischte sich mit der einheimischen Bevölkerung (daher die Karomemphitai und die Hellenomemphitai), vgl. Murray, Das frühe Griechenland, S. 288
  21. „Das waren unsere eigenen Leute“ Interview mit Wafaa el-Saddik auf Die Zeit-Online vom 30. Januar 2011

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