Martin Waldseemüller


Martin Waldseemüller
Waldseemüller-Karte
Detail der Karte von 1507, auf der sich die Bezeichnung „America“ zum ersten Mal befindet.

Martin Waldseemüller, auch Waltzemüller (der Sitte der Gelehrten jener Zeit folgend, wandelte er seinen Namen in die gräcisierte Form „Hylocomylus“ oder „Ilacomilus“ um) (* um 1470 in Wolfenweiler bei Freiburg im Breisgau; † 16. März 1520 in Saint-Dié)[1] war ein deutscher Kartograf der Renaissance. Er erstellt die erste Weltkarte, auf der die Landmassen im Westen erstmals mit dem Namen „Amerika“ bezeichnet werden – nach Amerigo Vespucci.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Waldseemüller wurde nicht – wie früher häufig angenommen – in Radolfzell oder Freiburg im Breisgau geboren, sondern in Schallstadt-Wolfenweiler, als Sohn eines Metzgers.

Im Alter von etwa 20 Jahren wurde er 1490 unter dem Namen Martinus Waltzemüller an der Universität Freiburg immatrikuliert. Er studierte Mathematik und Geographie. Einer seiner Lehrer war Gregor Reisch, der ihn mit der Kosmographie bekannt machte. Während des Studiums lernte er auch den Elsässer Matthias Ringmann kennen.

Martin Waldseemüller. Posthumes Fantasieporträt von Gaston Save (1844–1901)

Nach seinem Studium reisten Waldseemüller und Ringmann gemeinsam in den Ort St. Didel[2] (Saint-Dié-des-Vosges) auf der Westseite der Vogesen im Herzogtum Lothringen. Das dortige Kloster entwickelte sich im Mittelalter zu einem Zentrum der humanistischen Bewegung. Der Freiburger lehrte dort als Professor für Kosmologie, arbeitete jedoch gleichzeitig zusammen mit Ringmann, der Professor für Latein war, als Kartograf.

Um das Jahr 1522 starb Martin Waldseemüller in Saint-Dié.

Werk

Hylacomylus

Eine der ersten Schriften, die Waldseemüller in Frankreich verfasste, war Hylacomylus. Es stellte eine Beschreibung der Reisen des italienischen Seefahrers Amerigo Vespucci dar.

Waldseemüller-Karte

Das bekannteste Werk Waldseemüllers ist die von ihm mit Hilfe seines Partners Ringmann 1507 erstellte Weltkarte. Sie ist, zusammen mit einem Erdglobus und einer Beischrift als dreiteiliges Projekt anzusehen, dem Waldseemüller den lateinischen Namen

Universalis cosmographia secundum Ptholomaei traditionem et Americi Vespucii aliorumque lustrationes,

gab, auf Deutsch:

„Die vollständige Kosmografie nach der Überlieferung des Ptolemäus sowie nach dem Augenschein Amerigo Vespuccis und anderer“

Der Globus und die Karte, welche zusammengefaltet eine Größe von 34,2 Zentimeter mal 18 Zentimeter hat, sind die ersten kartografischen Zeugnisse, die die „Neue Welt“ als einen neuen Kontinent sehen und ihn mit Amerika betiteln.

Entstehung und Einfluss

„Hier stand das Elternhaus zum Hechtkopf von Martin Waldseemüller Hylacomylus ca 1472-1522 Buchdrucker, Humanist und bedeutendster Kosmograph seiner Zeit. Seine berühmte in St. Dié 1507 gedruckte Weltkarte weist erstmals den von Mathias Ringmann-Philesius Vogesigena geprägten Namen America für den 1492 entdeckten Erdteil auf.“ Gedenktafel gegenüber dem Gebäude Löwenstrasse 16 in Freiburg. Das Geburtshaus selbst wurde während des II. Weltkrieges bei einem Bombenangriff zerstört. Heute steht ein Teil des Kollegien-Gebäudes III der Universität Freiburg an dieser Stelle.

Die Karte besteht aus zwölf rechteckigen Einzelstücken und wurde zuerst als Holzstich vorgearbeitet. Es wird angenommen, dass sie im Auftrag und mit Förderung von René II., des Herzogs von Lothringen entstand. Dieser verfügte über gute Kontakte zu den europäischen Königshäusern und auf Grund der zentralen Lage seines Reiches besaß er große Macht. Man geht davon aus, dass man ihm, von dem man wusste, dass er sich sehr für Kartografie interessierte, anstatt von Bestechungsgeldern neue geographische Informationen zukommen ließ, die Seefahrer auf ihrem Weg gen Westen gesammelt hatten. Dieses Wissen gab er an Waldseemüller weiter.

Ausgehend von Vespuccis Reisebericht Mundus Novus, welcher in Europa veröffentlicht wurde, vertrat Waldseemüller als erster die Ansicht, dass die Inseln, – die Kolumbus entdeckt, Westindische Inseln getauft und als Indien, also Asien vorgelagerte Inseln, angesehen hatte, – in Wirklichkeit einen neuen, unbekannten Kontinent im Weltmeer darstellten. Er sah Vespucci, wie auch schon im Hylacomylus erwähnt, als den wahren Entdecker des Kontinents, da dieser auch ausführlich die Küste erkundet und sie beschrieben hatte. Auf Anregung Ringmanns trug Waldseemüller für die neue Landmasse zu Ehren Vespuccis den Namen „America“ ein. (Ob dies mit oder ohne Vespuccis Wissen geschah, konnte nicht endgültig geklärt werden.) Er verweiblichte dafür Vespuccis Vornamen, eine durchaus übliche Praxis, da alle damals bekannten Kontinente – Europa, Asien (=Asia) und Afrika – ebenfalls bereits eine weibliche Endung besaßen.

Detail der Waldseemüller-Karte, welches Amerigo Vespucci neben der östlichen Hemisphäre der Welt mit dem neuen Kontinent zeigt

Aufbau

Die zwölf einzelnen Teile der Karte, vier in der Länge und drei in der Breite, sind je 46 Zentimeter breit und 62 Zentimeter lang. Insgesamt hat die Karte also Abmessungen von 1,38 Meter mal 2,48 Meter. Sie ist auf Europa zentriert und als flächentreue Kegelprojektion angelegt, so dass die Meridiane gekrümmt sind. Am Nordpol befinden sich noch einmal zwei kleine Darstellungen der Westlichen und der Östlichen Hemisphäre. Durch diese wird besonders deutlich, dass der neue Kontinent nicht an Asien grenzt, sondern separat im Meer liegt. An der westlichen Hemisphäre steht Claudius Ptolemäus, an der östlichen Vespucci. Dadurch soll verdeutlicht werden, dass diese Karte das alte Wissen mit dem neuen verbindet.

Verbreitung

Die Karte wurde mehrfach kopiert. Es existierten ungefähr 1.000 Exemplare, welche an namhafte Kaufleute, Adelige und Geistliche geschickt wurden.

Bedeutung

Die Bedeutung der Karte für die damalige Wissenschaft und deren Weltanschauung war groß. Stieß sie in konservativen Kreisen anfangs auf Ablehnung, wurde sie von Wissenschaftlern und Gleichgesinnten schon bald angenommen. Man sah sie als jenen Maßstab an, nach dem sich andere Kartografen zu richten hatten.

Wiederentdeckung und heutige Situation

Die Waldseemüller-Karte in der Library of Congress (2007)

Von den zahlreichen Kopien der Karte existiert nach heutiger Forschung nur noch ein einziges Exemplar. Es gehörte ursprünglich Johannes Schöner, einem Nürnberger Wissenschaftler des 15. und 16. Jahrhunderts. 1836 schrieb Alexander von Humboldt, dass er "den Namen des geheimnisvollen Mannes" auffand, welcher "zuerst den namen Amerika zur Bezeichnung des neuen Kontinentes vorschlug"[3] Im Jahre 1901 wurde das Stück auf Schloss Wolfegg in Oberschwaben wiederentdeckt. Über Jahrzehnte versuchte die Library of Congress in Washington D. C. das gut erhaltene Stück zu erwerben, doch es blieb noch für ein Jahrhundert im Besitz des Hauses zu Waldburg-Wolfegg und Waldsee – und der Öffentlichkeit nicht zugänglich, da die Sicherheitsvorkehrungen zu aufwändig gewesen wären und auch staatliche Einrichtungen in Deutschland derartige Kosten nicht übernehmen wollten und konnten. Am 27. Juni 2001 veräußerte das Oberhaupt des Hauses, Johannes zu Waldburg-Wolfegg, die Karte. Seiner Aussage am 18. November 2007 im Rahmen der Gesprächsreihe Adel verpflichtet im Stuttgarter Haus der Geschichte zufolge wurden 10 Millionen US-Dollar aufgewendet. Das ist der höchste Preis, der je für ein kartografisches Gut gezahlt wurde.

Titelblatt der Kartenbegleitschrift Cosmographiae introductio

Beim Verkauf wurde, begleitet von öffentlicher Kritik, durch eine Sondergenehmigung der Bundesrepublik Deutschland und des Landes Baden-Württemberg der Schutz als national wertvolles Kulturgut gemäß dem Kulturgutschutzgesetz bewusst umgangen. Gerhard Schröder hatte sich persönlich für eine Ausnahmeregelung eingesetzt.[3] Die symbolische Übergabe erfolgte am 30. April 2007 durch die Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland, Angela Merkel, im Rahmen einer feierlichen Zeremonie in der Library of Congress, Washington, D.C. Die Bundeskanzlerin betonte in ihrer Rede, dass die Verdienste der USA für die deutsche Entwicklung in der Nachkriegszeit seinerzeit den Ausschlag dafür gegeben hätten, die Waldseemüllerkarte als Zeichen der transatlantischen Verbundenheit und als Hinweis auf die zahlreichen deutschen Wurzeln der USA an die Library of Congress zu übergeben. Unter den Gästen der Übergabezeremonie befand sich neben dem Mehrheitsführer der Demokraten im Repräsentantenhaus, Steny Hoyer, auch Johannes zu Waldburg-Wolfegg, der ursprüngliche Eigentümer der Karte. 2005 war die Karte von der UNESCO zum Weltdokumentenerbe erklärt worden. Sie ist heute für die Öffentlichkeit allgemein zugänglich unter aufwändigen Sicherheitsvorkehrungen in Washington ausgestellt. Für die adäquate Präsentation der Karte wurden nochmals 1,5 Mio. Dollar investiert.

Auf der Hausburg des Fürstengeschlechtes wird heute noch ein Faksimile gezeigt, hergestellt im Jahr 1901 nach dem Fund der originalen Waldseemüller-Karte. Die Burg beherbergt ein Museum und ist von April bis Oktober der Öffentlichkeit zugänglich.


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