Antiangiogenese

Antiangiogenese

Antiangiogenese ist ein Fachausdruck aus der Medizin. Wörtlich übersetzt heißt der Begriff gegen die Gefäßneubildung gerichtet. Man bezeichnet damit die medikamentöse Methode, die Gefäßneubildung in Tumoren (die Angiogenese) zu verhindern oder einzudämmen, um damit das Tumorwachstum zu unterbinden. Da es sich um eine zielgenaue Hemmung der Angiogenese handelt, spricht man von zielgerichteter Therapie (targeted therapy).

Überschreiten bösartige solide Tumoren eine Größe von wenigen Millimeter, so können die Krebsgeschwülste aus dem umliegenden Gewebe nicht mehr genug Sauerstoff und Nährstoffe aufnehmen: Sie brauchen eigene Blutgefäße, um weiter zu wachsen und Metastasen bilden zu können. Die Neubildung und das Wachstum von Adern, die Angiogenese, werden – bei Tumoren wie bei gesundem Gewebe – von biologischen Wachstums- und Steuerungsfaktoren, z. B. VEGF (vascular endothelial growth factor), reguliert. Unterbleibt die Neubildung von Blutgefäßen bei Tumoren, so ist der Zustand der Tumor Dormancy erreicht.[1]

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

Der US-amerikanische Krebsforscher Judah Folkman entwickelte schon in den 1970er Jahren die Modellvorstellung, dass man durch eine Blockade dieser Angiogenese auch das Krebswachstum hemmen könnte. Daraus entwickelte sich die Vorstellung Tumoren regelrecht auszuhungern und vom Körper des Patienten „abzunabeln“ – die Antiangiogenese.

Vom Modell zur Therapie war der Weg jedoch weit: Viele Schritte in der Gefäßbildung sind noch nicht identifiziert. Bekannt sind inzwischen mehrere natürliche Steuerungsfaktoren, die das „stop-and-go“ beim Aderwachstum regeln, wie der Gefäßwachstumsfaktor VEGF (Vascular Endothelial Growth Factor). Auch einige künstliche Substanzen greifen in die Angiogenese ein. Sie sind schwer zu identifizieren, herzustellen beziehungsweise gentechnisch nachzubauen und zu reinigen. Der erste gentechnisch hergestellte Angiogenese-Hemmer, der für die medizinische Anwendung zugelassen wurde, war der VEGF-Antikörper Bevacizumab.

Substanzen

Bevacizumab

Der humanisierte monoklonale Antikörper Bevacizumab hemmt die Angiogenese von Tumoren, indem er den vom Tumor freigesetzten Gefäßwachstumsfaktor VEGF bindet und neutralisiert. Für diese gezielte VEGF-Hemmung wird ein dreifacher Wirkmechanismus postuliert:[2][3][4]

  • neu entstandene, unreife Blutgefäße bilden sich zurück
  • die Bildung neuer Gefäße wird unterbunden
  • die Durchlässigkeit bereits ausgereifter Blutgefäße wird normalisiert, wodurch die in Kombination mit Bevacizumab eingesetzten Chemotherapeutika besser der Tumor erreichen und somit gezielter wirken

Bevacizumab ist unter dem Handelsnamen Avastin (Roche Pharma AG) als Medikament zur Therapie folgender Krebserkrankungen zugelassen: Darmkrebs, Lungenkrebs, Brustkrebs, Nierenzellkrebs. Es laufen augenblicklich zahlreiche Studien, die die Wirksamkeit bei anderen Tumoren untersuchen. Hierzu gehören z. B. Studien zur Anwendung von Bevacizumab beim Ovarialkrebs [5] oder Pankreaskrebs.

Quellen

  1. N. Almog: Molecular mechanisms underlying tumor dormancy. In: Cancer Lett 294, 2010, S. 139–146. PMID 20363069
  2. C. G. Willet u. a.: Direct evidence that the VEGF-specific antibody bevacizumab has antivascular effects in human rectal cancer. In: Nature Medicine 10, 2004, S.  145–147. PMID 14745444
  3. M. R. Mancuso u. a.: Rapid vascular regrowth in tumors after reversal of VEGF-inhibition. In: The Journal of Clinical Investigation 116, 2006, S. 2610–2621. PMID 17016557
  4. Jain u. a.: Normalization of tumor vasculature: an emerging concept in antiangiogenic therapy. In: Science 307, 2005, S. 58–62. PMID 15637262
  5. Burger RA. ASCO 2010. Abstract LBA001

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