Kannon

Kannon
Holzstatue, spätere Liao-Dynastie, Provinz Shanxi

Guanyin (chin. 觀音 / 观音, Guānyīn, W.-G. Kuan-yin) ist im ostasiatischen Mahayana-Buddhismus ein weiblicher Bodhisattva des Mitgefühls, wird aber im Volksglauben auch als Göttin verehrt.

Guānyīn ist die chinesische Variante des Bodhisattva Avalokiteshvara. In Japan ist sie unter dem Namen Kannon (観音), in Vietnam als Quan Âm oder Quan Thế Âm Bồ Tát bekannt. Ein weiterer, älterer Name für sie ist Guānzìzài (觀自在 / 观自在, jap. Kanjizai).

Als eine der am meisten verehrten Figuren des ostasiatischen Buddhismus findet sie sich zahlreich in Ikonographie, Texten und praktizierter Religion. Kannon ist die beliebteste Gottheit im buddhistischen Pantheon. Seit der Ankunft des Kults in Japan Ende des 6. Jahrhunderts suchen die Menschen bei ihr Trost und Glück.

Inhaltsverzeichnis

Etymologie

Porzellanstatue, Ming-Dynastie
Statue der Guanyin im Kloster Shuanglin Si in Pingyao
Statue der Guanyin in Mueang Boran in Thailand
Kannon-Statue in Ashibetsu, Hokkaidō

 / , guān ist das Schriftzeichen für „betrachten, anschauen, einen Blick auf etwas werfen“, oder „Anschauung, Ansicht“, , yīn ist „Ton, Laut, Schall“. Der Name ist die Kurzform von Guānshìyīn (觀世音 / 观世音, jap. K(w)anzeon) und bedeutet „die Töne der Welt wahrnehmend“.

Ursprünge

Das Lotos-Sutra aus dem Mahāyāna-Buddhismus wurde mehrfach ins Chinesische übersetzt. Die bedeutendste Übersetzung stammt von Kumarajiva und wurde im Jahre 406 fertiggestellt. Hierbei wurde der Name des Bodhisattvas Avalokiteshvara aus dem Sanskrit in den chinesischen Namen Guānshìyīn übersetzt.

Eine zentrale Rolle nimmt Guānyīn im Herz-Sutra ein.

In China entstanden viele Statuen. Zunächst wurde Guānyīn gemäß der Übersetzung als Mann dargestellt. Mit der Verbreitung im Land wurde der Inhalt des Sutra oft mit bestehenden religiösen Vorstellungen und Praktiken vermischt.

In der Táng-Dynastie (618 bis 907) herrschte Toleranz und es kam zu intensiven Begegnungen vieler Religionen. Das Lotos-Sutra war wegen der Betonung des Mitgefühls sehr beliebt. Aber gerade in der Volksfrömmigkeit bestand ein großes Bedürfnis nach einer Gottheit mit femininen Attributen. Eine beliebte Göttin jener Zeit war Xīwángmǔ (西王母), die Königinmutter des Westens (engl. Queen Mother of the West, Old Grandmother of the Mount Tàishān) aus dem Daoismus. Durch die Vermischung dieser und anderer religiöser Ideen entstand im Laufe der Zeit die „Göttin“ Guānyīn.

Im 9. und 10. Jahrhundert wurde Guānyīn im Nordwesten Chinas immer häufiger als Frau dargestellt. Im 12. Jahrhundert wurden auch in den religiösen Zentren alte Geschichten von Göttinnen und Helden mit Guānyīn in Verbindung gebracht.

Als portugiesische Jesuiten im späten 16. Jahrhundert nach China kamen, betrachteten chinesische Künstler die Madonna-Statuen als Darstellung Guānyīns und begannen neue Statuen nach diesem Vorbild herzustellen.

Andere Darstellungen von Guānyīn orientieren sich an Avalokiteshvara. Sie hat viele Augen, damit sie das Leid überall auf der Welt sieht, und viele Arme, damit sie überall helfen kann. Literarisch wird sie mit 1000 Augen und 1000 Armen beschrieben. Die meisten Statuen der „1000händigen“ Kannon (jap.: senju kannon) haben nur 42 Arme. Zugrundeliegend ist der Glaube, dass es 25 „Welten“ gäbe. Die Kannon hat 2 „normale“ Arme und 40 Arme, die in den Welten Lebewesen retten (in je einer Welt, und 24 davon daher nicht sichtbar). 40 × 25 = 1000, was den Namen erklärt. (Es gibt einige wenige Statuen, die tatsächlich 1000 Arme haben.)

In Japan wird sie oft als Juichimen Kannon mit elf Köpfen dargestellt. Diese symbolisieren die Eigenschaft, in alle Richtungen zu sehen (allsehend zu sein.) Die 11-köpfige Kannon des Yakushi-ji in Nara ist eine der berühmtesten.

Diese Bilder sollen die Idealvorstellung einer Gottheit ausdrücken, die alles sieht und jedem hilft und deshalb äußerst beschäftigt ist.

Mythen und Legenden

Es gibt unzählige Geschichten über die Macht und wundersame Hilfe, die von Guānyīn kommen soll. Die einzelnen Geschichten wiederum werden in verschiedenen Versionen erzählt. Die wichtigsten Geschichten kann man in drei Gruppen unterteilen:

Guānyīn als Schöpfer

In dieser Geschichte wird die Notwendigkeit eines weisen und gütigen Herrschers für das Zusammenleben eines Volkes beschrieben.

Am Anfang der Zeiten lebte Guānyīn mit allen Geschöpfen auf der Erde. Sie zeigte ihnen, wie sie leben mussten und wie sie mit anderen umgehen sollten. Unter ihrer Vormundschaft lebten alle glücklich zusammen. Bei Meinungsverschiedenheiten baten sie Guānyīn um Rat und es wurde eine gute Lösung gefunden.

Aber es kam der Tag, an dem Guānyīn in den Himmel zurückkehren musste. Nun brachen viele Feindseligkeiten unter den Tieren aus. Ihr Wehklagen war so laut, dass es schließlich von Guānyīn gehört wurde...

Die Legende von Miào Shàn

Diese Geschichte ist die berühmteste und hat am meisten zu ihrer Beliebtheit beigetragen.

Die Geschichte handelt von der Prinzessin Miào Shàn (妙善). Da der König und seine Frau schlechte Menschen sind, sehen sie nicht das Gute in ihrer Tochter. Durch die Schikanen ihrer Eltern lässt sie sich nicht vom rechten Weg abbringen. Miào Shàn entsagt der Welt und geht ins Kloster. Am Ende erkennen die Eltern die wahre Größe ihrer Tochter und werden bessere Menschen.

In manchen Darstellungen wird Miào Shàn als eine frühere Inkarnation von Guānyīn beschrieben.

Guānyīn und das Meer

An der Küste Chinas gab es viele Kulte um Meeresgöttinnen, die häufig nur regionale Bedeutung haben. Viele Geschichten erzählen von Reisenden oder Seeleuten, die auf wunderbare Weise gerettet wurden. Die alten Geschichten werden heute mit Guānyīn als Helferin erzählt.

Auf der Insel Pǔtuó, 110 km vor Nìngbō, an der Schifffahrtsroute von Japan nach Taiwan, liegt der Berg Pǔtuóshān. Dieser war früher ein heiliger Berg des Daoismus. Im späten 14. Jahrhundert wurde er zu einem Zentrum der Verehrung Guānyīns und zu einem heiligen Berg der Buddhisten.

Psychologische Deutung

Der Analytischen Psychologie in der Tradition Carl Gustav Jungs gilt Guānyīn als besonders deutliche Ausprägung des Mutterarchetyps.

Literatur

  • Martin Palmer, Jay Ramsay, Man-Ho Kwok: Kuan Yin. Myths and Prophecies of the Chinese Goddess of Compassion, Thorsons, San Francisco 1995, ISBN 1-85538-417-5
  • Chün-fang Yü: Kuan-yin, The Chinese Transformation of Avalokitesvara, Columbia University Press 2001, ISBN 0-231-12029-X
  • John Blofeld: Bodhisattva of Compassion. The Mystical Tradition of Kuan Yin, Shambhala, Boston 1988, ISBN 0-87773-126-8
  • Daniela Schenker: Kuan Yin - Begleiterin auf dem spirituellen Weg, Hans-Nietsch-Verlag, Freiburg 2006 (Darstellung aus esoterischer Sicht)

Weblinks

Kannon Ikonographie in Japan
Guanyin Legenden (Günter Trageser)
Religiöse Seiten
Anrufung von Kuan Yin

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