Judengang

Judengang
Gräberfeld C, Teilansicht

Der Jüdische Friedhof in der Schönhauser Allee 23–25 liegt in der Nähe des Senefelderplatzes im Ortsteil Prenzlauer Berg (Bezirk Pankow) von Berlin. Er wurde hauptsächlich zwischen 1827 und 1880 genutzt. Während jener Zeit durchlebte die Jüdische Gemeinde bedeutende politische und kulturelle Veränderungen, die auch auf diesem Friedhof ihren Ausdruck fanden.

Inhaltsverzeichnis

Die Vorgeschichte

In größeren Städten wurden Friedhöfe im allgemeinen vor den Toren angelegt. So entstand 1672 auch der erste größere jüdische Friedhof Berlins. Er wurde unmittelbar vor dem Spandauer Tor der Berliner Festungsanlagen gegründet, auf einem Gelände an der heutigen Großen Hamburger Straße. Bald jedoch war dieser Begräbnisplatz von der schnell wachsenden Spandauer Vorstadt eingeschlossen. Eine weiter außen liegende Akzisemauer, an deren Toren Zoll erhoben wurde, bildete die neue Stadtgrenze. 1774 forderte die Gesundheitsbehörde, auch innerhalb dieser Mauer keine Beisetzungen mehr zuzulassen. In Paragraph 184 des Preußischen Allgemeinen Landrechts wurde dann 1794 verfügt, dass „in Kirchen und bewohnten Gegenden keine Leichen beerdigt werden sollen“. Aber erst 1817 und noch einmal 1824 richtete die preußische Regierung dringende Aufforderungen an die Jüdische Gemeinde Berlins, den alten Friedhof zu schließen und ein geeignetes Gelände außerhalb der Stadt vorzuschlagen.

Der Friedhof

Entstehung und Aussehen

Übersichtsplan

Im Oktober 1824 erwarb die Jüdische Gemeinde von dem Meiereibesitzer Wilhelm Gotthold Büttner für 5800 Taler ein Grundstück von etwa 5 Hektar, beinahe zehnmal so groß wie der bisherige Friedhof. Es lag vor dem Schönhauser Tor der Akzisemauer an einem alten Weg zum Dorf Pankow, der, nachdem man ihn gepflastert hatte, zunächst Pankower Chaussee und seit 1841 Schönhauser Allee genannt wurde. Der neue Friedhof wurde nach den Plänen des Stadtbaurats Friedrich Wilhelm Langerhans angelegt und am 29. Juni 1827 unter dem Rabbiner Jacob Joseph Oettinger mit der Grablegung einer Sara Meyer, geb. Benda eingeweiht. Bis 1880 wurden hier alle Juden beigesetzt, die in Berlin gestorben waren. Vereinzelte Beerdigungen auf reservierten Flächen gab es noch bis in die 1970er Jahre. Der Friedhof mit rund 22.800 Einzelgräbern und 750 Erbbegräbnissen ist der älteste erkennbare jüdische Begräbnisort Berlins, sein Vorgänger ist nur noch als Gedenkstätte und Parkanlage erhalten. Als sich um 1880 angesichts der rasch zunehmenden Einwohnerzahl Berlins abzeichnete, dass die Fläche an der Schönhauser Allee nicht ausreichen würde, wurde der Jüdische Friedhof in Weißensee angelegt, heute der größte seiner Art in Europa.

An der Schönhauser Allee entstanden 1827 einige kleinere, klassizistische Friedhofsbauten. 1892 wurden sie durch eine neue Trauerhalle und ein Verwaltungsgebäude im historisierenden Stil des späten 19. Jahrhunderts ersetzt, die Entwürfe lieferte der Architekt Johann Hoeniger. Das Friedhofsgelände wird gegliedert durch mehrere Hauptwege, von denen einer dem Verlauf der Friedhofsmauer folgt. An diesen relativ breiten Wegen liegen aufwändig gestaltete Einzel- und Familiengrabstätten. Auf den dazwischen liegenden Grabfeldern (A–L) finden sich überwiegend sehr einfache Grabmale, zum Teil auch Gräber, die nur durch Nummernsteine gekennzeichnet sind, sodass manche dieser Flächen noch an das Aussehen früherer jüdischer Friedhöfe erinnern. In einer Ehrenreihe wurden Verstorbene bestattet, die sich um die Jüdische Gemeinde oder das Judentum im allgemeinen verdient gemacht hatten. Abweichend von der Tradition des orthodoxen Judentums wurden auf diesem Friedhof als Ergebnis innerjüdischer Reformen auch Feuerbestattungen möglich.

Die Gräber

Wandgrab

Die tiefgreifenden Änderungen des jüdischen Lebens im Berlin des 19. Jahrhundert hinterließen gerade auf dem Friedhof an der Schönhauser Allee deutliche Spuren. Die gesellschaftliche Gleichberechtigung der Juden kam schrittweise voran. Die Juden ihrerseits waren zunehmend bereit, sich in die Gesellschaft, die sie umgab, kulturell zu integrieren. Die vorher sehr einheitliche jüdische Friedhofskultur veränderte sich und glich sich in mancher Hinsicht der Umgebung an. Deutsche Inschriften hatte es auf jüdischen Grabsteinen im 18. Jahrhundert noch nicht gegeben. Nun erschienen sie zunächst ergänzend auf den Rückseiten, bald aber auch auf den Vorderseiten der Steine, wo sie das hergebrachte hebräische Schema verdrängten. In manchen Fällen sah man scheinbar hebräische Inschriften – tatsächlich waren es deutsche Texte, in hebräischen Lettern geschrieben. Oft war der Davidstern der einzige Hinweis auf die Religionszugehörigkeit des Verstorbenen.

Auf dem alten jüdischen Friedhof hatte es kaum Unterschiede zwischen den einzelnen Grabmalen gegeben – sie waren annähernd gleich geformt und bestanden einheitlich aus Sandstein. An der Schönhauser Allee entstanden nun Grabstellen von sehr unterschiedlichem Aussehen. Sie spiegelten vielfach die gesellschaftliche Stellung und den materiellen Wohlstand einer Person oder einer Familie wider. Statt Sandstein wurden jetzt auch Granit und Marmor verwendet. Einen ganz neuen Typus bildeten die Wandgräber entlang der Friedhofsmauer. Sie wurden oft aus verputztem Backsteinmauerwerk gestaltet, auf der Rückwand war der Familiennamen angebracht. Davor stand, der Tradition entsprechend, für jeden Verstorbenen eine eigene Stele; später, wie im Fall der Familie Beer/Meyerbeer, wurden auch Namenstafeln in die Rück- und Seitenwände eingefügt. Diese Gräber waren nicht nur Ausdruck eines gesteigerten Repräsentationsbedürfnisses, sondern eines Gefühls bis dahin unbekannter Sicherheit und Sesshaftigkeit – sie waren als Erbbegräbnisse auch für zukünftige Generationen angelegt.

Einige ausgewählte Grabstellen

In der Abteilung L steht das Grabmal Gerson von Bleichröder. Der Hofbankier, Bankier der preußischen Regierung und Finanzberater Otto von Bismarcks war 1872 als erster nicht getaufter Jude in Preußen in den erblichen Adelsstand erhoben worden. Bei dem damals viel beschäftigten Bildhauer Reinhold Begas hatte er ein Familienmausoleum aus Carrara-Marmor bestellt, dessen Kosten Begas auf 75 000 Mark veranschlagte, eine enorm hohe Summe. Ausgeführt wurde schließlich ein wesentlich schlichteres, neobarockes Grabmal mit hohem Postament und reich geschmückter Amphore.

Das Grabmal für Salomon Haberland und seine Frau Olga in der Abteilung L besteht vollständig aus Marmor und entstand um 1920. Die eigentümlich antikisierende Form zeigt vier ionische Säulen in einem Rahmen, der links mit Darstellungen von Eidechsen und Farnen, rechts mit Palmen und Vögeln und oben mit Glaubenssymbolen und Palmzweigen geschmückt ist. Haberland war ein erfolgreicher Bauunternehmer, der hauptsächlich durch die Erschließung und Bebauung des so genannten Bayerischen Viertels bekannt geworden ist.

Der Maler Max Liebermann wurde im frei stehenden Erbbegräbnis seiner großbürgerlichen Familie in der Nähe der südöstlichen Friedhofsmauer beigesetzt. Der Entwurf für die L-förmige, mit Motiven der Neorenaissance gestaltete Anlage stammte von dem seinerzeit bekannten Architekten Hans Grisebach. Liebermann hatte sich als einer der ersten deutschen Maler mit der Arbeitswelt auseinandergesetzt. Seit 1898 war er Mitglied der Akademie der Künste, seit 1920 ihr Präsident. Nachdem die Nationalsozialisten 1933 die Macht übernommen hatten, verzichtete er auf sein Amt.

Eine Besonderheit ist das Grabmal von Sophie Loewe, eine pyramidenförmige Mauer, erbaut auf der dreieckigen Fläche des Erbbegräbnisses der Familie Loewe an einer Wegeeinmündung nahe der Friedhofsmauer im Feld G. Ludwig Loewe, wohlhabender Fabrikant und fortschrittlicher Politiker, hatte es für seine jung verstorbene Ehefrau errichten lassen. Noch ungewöhnlicher als die äußere Form des Grabmals ist das Porträtmedaillon der Verstorbenen – ein bewusster, emanzipatorischer Verstoß gegen die Tradition der Bildnislosigkeit in der jüdischen Friedhofskultur und das erste Beispiel dieser Art in Berlin.

Der Jurist Hermann Makower war Anwalt des Hauses Hohenzollern, Fachbuchautor und Vorsteher der Jüdischen Gemeinde in Berlin. Die Grabmale Makowers und seiner Frau liegen in Abteilung B. Die beiden Sarkophage bestehen aus Marmor, sie sind mit konkav geschwungenen Wänden und filigranem Dekor historisierend im Stil des Rokoko gestaltet.

Das Grabmal des Kaufmanns Moritz Manheimer und seiner Frau Bertha in der Südwestecke des Friedhofs ist ein reich verziertes Erbbegräbnis, aus gelben Ziegelsteinen gemauert, eine Mischung von dekorativen Elementen aus den verschiedensten historischen Stilrichtungen: Romanik, Renaissance, Manierismus und Klassizismus. Das Ehepaar Manheimer hatte in Berlin verschiedene soziale Einrichtungen ins Leben gerufen und finanziert. Ihr Grab liegt in unmittelbarer Nähe jenes Gebäudes, in dem sich einst die 2. Altersversorgungsanstalt der Jüdischen Gemeinde befand, ein Altersheim, dessen Gebäude sie 1880 gestiftet hatten.

Der Komponist und Generalmusikdirektor der königlichen Oper in Berlin Giacomo Meyerbeer, ursprünglich Jacob Meyer Beer, liegt im Erbbegräbnis der Familie Beer an der nördlichen Friedhofsmauer begraben. Das Grab besteht aus einer hohen Rückwand und zwei Seitenflügeln, alle spätklassizistisch gegliedert. Die meisten Gedenktafeln sind in die Wände eingelassen, so auch die für Amalie Beer, die Mutter des Komponisten, die einen der bekannten Berliner Salons des 19. Jahrhunderts unterhielt. Die Marmortafel für Giacomo Meyerbeer steht rechts hervorgehoben auf einem Sockel.

Drei einfache, gleich geformte schwarze Granitsteine in der Abteilung L bezeichnen das Familiengrab von James Simon, seiner Frau Agnes und ihrer sehr jung gestorbenen Tochter Marie Luise. Simon, Kaufmann und kenntnisreicher Kunstsammler, war um die Jahrhundertwende einer der reichsten Männer in der Hauptstadt des Kaiserreichs. Große Teile seines Einkommens verwendete er für soziale Zwecke. Er finanzierte bedeutende Ausgrabungen im Vorderen Orient und überließ den Berliner Museen Hunderte seiner Kunstschätze, darunter die Porträtplastik der Nofretete.

Krieg und Vandalismus

Die Eingangsbebauung von 1892, darunter die Trauerhalle, wurden im Zweiten Weltkrieg zerstört. Auch manche der Grabstätten fielen Bomben- oder Granateinschlägen zum Opfer. Inschriften, Verzierungen und Grabgitter aus Metall wurden in der Zeit des Nationalsozialismus geraubt und eingeschmolzen. Gegen Kriegsende hob man auf dem Friedhofsgelände Splittergräben aus und befestigte sie mit Grabsteinen, andere Steine wurden von den Gräbern entfernt und willkürlich übereinander gehäuft.

1988 wurden über 100 Grabsteine von randalierenden Jugendlichen umgestürzt. Ähnliche Vorfälle von Grabschändung wiederholten sich, so beispielsweise im Jahr 1997, als 28 Grabsteine, darunter einige, die kurz zuvor restauriert worden waren, von Unbekannten umgestoßen und teilweise zerstört wurden. Die Polizei ließ wissen, es gebe „keine Hinweise auf eine antisemitische Tat“.

Das Lapidarium

Blick ins Lapidarium

Bei den umfangreichen Restaurierungsarbeiten, die nach 1990 auf dem Friedhof vorgenommen wurden, konnten nicht alle der zum Teil stark verwitterten und beschädigten Steine einem bestimmten Grab zugeordnet werden. Um ihnen dennoch einen würdigen „Ort der Bewahrung“ zu geben, wurde das Lapidarium errichtet. Das Gebäude wurde von der Jüdischen Gemeinde in Berlin und dem Landesdenkmalamt in Auftrag gegeben, nach den Plänen der Architekten Ruth Golan und Kay Zareh auf den Fundamenten der kriegszerstörten Trauerhalle erbaut und am 10. Juni 2005 fertiggestellt. Das Lapidarium (lat. lapis = der Stein) enthält mehr als 60 Grabsteine aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert sowie Schautafeln über jüdische Friedhofskultur und jüdische Trauerrituale.

Gedenktafeln

Nach Kriegsende 1945 blieb der Friedhof zunächst geschlossen. Die Ruinen der zerstörten Gebäude am Eingang wurden erst in den 1950er Jahren abgetragen. Seit den 1970er Jahren mahnt hier an der Friedhofsmauer eine Gedenktafel: Dieser Jüdische Friedhof wurde / 1827 / seiner Bestimmung übergeben / In der Zeit von / 1933 – 1945 / wurde er von den Faschisten / zerstört / Der Nachwelt soll er als / Mahnung erhalten bleiben.

An der Stelle der zerstörten Trauerhalle entstand 1961 eine Gedenkwand, die später dem Neubau des Lapidariums weichen musste. In neuer Gestaltung findet sich der alte Text nun auf einer Mauer gleich rechts neben dem Eingang: Hier stehst Du / schweigend / doch / wenn Du / Dich wendest / schweige nicht.

Im Nordwesten des Friedhofs erinnert eine Metalltafel an unbekannte Kriegsgegner, die vergeblich versucht hatten, sich auf dem Gelände zu verstecken. Die Tafel ist am Boden neben einem vergitterten Schacht platziert und trägt den Text: Den Tod anderer / nicht zu wollen / das war ihr Tod / Hier verbargen sich am Ende des / Jahres 1944 Kriegsgegner / Sie wurden von der SS entdeckt / an den Bäumen erhängt / und hier verscharrt.

Der Judengang

Der „Judengang“

An der Außenseite des Friedhofs, zwischen der südöstlichen Begrenzungsmauer und den Höfen der daran anschließenden Bebauung, erstreckt sich zwischen Senefelderplatz und Kollwitzplatz der so genannte „Judengang“, zuweilen auch als „Judenweg“ oder „Kommunikation“ bezeichnet. Er ist etwa sieben Meter breit und 400 Meter lang. Sein heutiger Eingang befindet sich in der Knaackstraße 41 am Kollwitzplatz und wird nur für Führungen geöffnet. Die Umstände seiner Entstehung sind nicht eindeutig belegt. Die Quellen sprechen meist davon, dass dieser Weg zu einem Hintereingang des Friedhofs angelegt werden musste, weil König Friedrich Wilhelm III. bei seinen Fahrten zum Lustschloss Schönhausen auf der Schönhauser Allee keinem Leichenzug begegnen wollte. Ein Grund für diesen Seiteneingang wird aber auch aus der Halacha, der religiösen Richtlinie des Judentums hergeleitet[1]. Der „Judengang“ wurde 2003 als Gartendenkmal neu hergerichtet, den unmittelbaren Anwohnern steht er als „halbprivater Grünraum“ zur Verfügung.

Grabstätten bedeutender Persönlichkeiten

(* = Ehrengrab des Landes Berlin)

Literatur

  • Alfred Etzold, Joachim Fait, Peter Kirchner, Heinz Knobloch: Jüdische Friedhöfe in Berlin. Henschelverlag, Berlin 1987. ISBN 3-362-00146-7
  • Nathanja Hüttenmeister: Umstrittene Räume - jüdische Friedhöfe in Berlin. Große Hamburger Straße und Schönhauser Allee (= Minima judaica, Bd. 5); Berlin: Metropol 2005.
  • Rosemarie Köhler / Ulrich Kratz-Whan: Der Jüdische Friedhof Schönhauser Allee; Berlin: Haude & Spener 1992.

Weblinks

Einzelnachweise

  1. http://www.berlin.de/aktuell/03_02/_html/ereignisse11.html

Siehe auch

52.53467413.4136519444447Koordinaten: 52° 32′ 5″ N, 13° 24′ 49″ O


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