Johann (Joinville)

Johann (Joinville)
Wappen der Herren von Joinville

Johann von Joinville (frz.: Jean de Joinville, * 1224 oder 1225; † 24. Dezember 1317) war Herr von Joinville und Seneschall der Grafschaft Champagne. Außerdem war er Vertrauter von König Ludwig IX. von Frankreich und gilt mit seinem Buch über ihn als erster französischsprachiger Biograph in einem modernen Sinne.

Inhaltsverzeichnis

Herkunft

Johann stammte aus einer Familie, die nicht zuletzt durch reiche Heiraten in den Hochadel aufgestiegen war und in der das (Richter-)Amt des Seneschalls der Champagne erblich war. Im Alter von ca. acht Jahren verlor er seinen Vater, Simon von Joinville, wonach er von seiner Mutter Beatrix erzogen wurde, einer Tochter des Grafen Stephan III. von Auxonne.

Leben

Johann von Joinville
(Merry-Joseph Blondel, 19. Jhd)

1241 ist Johann erstmals in seinem Rang als Seneschall nachweisbar, und zwar bei einem Hoftag in Saumur, wo er u.a. Zeuge der Schwertleite des Prinzen Alfons von Poitiers wurde. Anschließend unternahm er eine Pilgerfahrt nach Santiago de Compostela. Nach seiner Rückkehr heiratete er.

1245 oder 46 nahm er erstmals an Kampfhandlungen teil anlässlich der Fehde eines Onkels, des Grafen von Chalon.

Ostern 1248, inzwischen war er Vater zweier Kinder, darunter eines Sohnes, nahm er das Kreuz, wie es schon mehrere Vorfahren von ihm getan hatten, und schloss sich mit zehn von ihm besoldeten Rittern dem Kreuzzug an, zu dem König Ludwig IX. von Marseille aus aufbrach. Während der längeren Zwischenstation auf Zypern trat er, nicht zuletzt wohl aus finanziellen Gründen, dem königlichen Gefolge bei.

Bei der Landung des Kreuzfahrerheeres an der ägyptischen Küste Anfang 1249 und der Einnahme der Hafenstadt Damiette zeichnete Johann sich aus. Wenig später nahm an der desaströsen Belagerung von al-Mansura teil, an welcher der Kreuzzug scheiterte. Auf dem Rückzug nach Damiette geriet er im Februar zusammen mit dem König in Gefangenschaft der Mamlukentruppen des ayyubidischen Sultans. Er sollte getötet werden, wurde aber verschont, als sich herausstellte, dass er Verwandter des bei den Muslimen populären Stauferkaisers Friedrich II. war. Gegen Zahlung eines hohen Lösegeldes wurde er im Mai freigelassen, gemeinsam mit König Ludwig, mit dem er sich nach Akkon in Palästina einschiffte. Hier blieb er vier Jahre lang mit ihm zusammen und folgte ihm 1254 zurück nach Frankreich. In diesen Jahren täglichen Umgangs wurde er zum engen Vertrauten seines Königs, was er in der Folgezeit als Mitglied des Kronrates blieb.

1267 wurde er von Ludwig gedrängt, an einem neuerlichen Kreuzzug teilzunehmen, dem Siebten, der nach Tunis führen sollte. Er lehnte jedoch ab, weil er seine Vasallen und auch (denn er war unlängst eine neue Ehe eingegangen und wieder Vater geworden) die Familie („[sa] gent“) nicht im Stich lassen wollte. Überdies hielt er das Vorhaben für falsch – nicht zu Unrecht, denn Ludwig kam 1270 in Tunis ums Leben, ohne Erfolge erzielt zu haben.

1282 gehörte er zu den Zeugen im Kanonisierungsverfahren, das für Ludwig eröffnet worden war und 1290 mit seiner Heiligsprechung endete. Der Wortlaut seiner Aussage ist erhalten.

Er nahm noch als Hochbetagter an mehreren Kriegszügen teil und starb im für mittelalterliche Verhältnisse biblischen Alter von gut 90 Jahren.

Literarisches Schaffen

Einnahme von Damiette 1249
Joinville, mit altem Familienwappen, reitet vor König Ludwig IX. in die Stadt ein
(Miniatur aus dem 14. Jahrhundert; Bibliothèque nationale de France, Paris)

Gegen 1305 begann Johann (der in Akkon schon einen Kommentar des Credo verfasst hatte) auf Bitten Königin Johannas mit der Niederschrift von Le Livre des saintes paroles et des bons faits de nostre saint roi Louis ("Das Buch von den heiligen Worten und guten Taten unseres heiligen Königs Ludwig"). Es sollte der Belehrung und Erbauung des Kronprinzen (des späteren Ludwig X.) dienen und wurde 1309 fertiggestellt und König Philipp IV. gewidmet.

Naturgemäß verfolgte das Werk neben seinem pädagogischen Zweck auch politische Ziele, nämlich die Stärkung der Dynastie durch die Präsentation eines mustergültigen Herrschers aus ihren Reihen. Johann bringt sich aber auch selbst zur Geltung, denn er erzählt als erster Chronist in der französischen Literatur in der 1. Person. Der Form nach ist sein Werk ein lebendiger Bericht von seinen vielen Begegnungen mit Ludwig und mischt insofern Gattungsmerkmale von Biografie, Autobiografie, Chronik und Reisebericht, aber auch der meist lateinisch verfassten Exempla-Literatur der Zeit.

Johanns Image eines ersten Biografen im modernen Sinn resultiert daraus, dass er bestrebt ist, die dargestellte Person trotz aller Sympathie möglichst objektiv darzustellen, d.h. in den unterschiedlichsten, sowohl alltäglichen wie offiziellen Situationen, und ihn weniger als Heiligen denn als guten Christen und König zu zeigen, der durchaus auch diese oder jene Schwäche aufweist.

Sein Werk erzielte offenbar keine weite Verbreitung, denn nur wenige Manuskripte sind erhalten. Immerhin wurde es 1547 unter dem Titel Vie de Saint Louis gedruckt. Erst im 19. Jahrhundert fand es stärkere Beachtung bei französischen Historikern und Literarhistorikern. Eine deutsche Übersetzung (Th. Nissle) erschien 1854. Während des Renouveau catholique wurde Johann besonders eifrig von Charles Peguy rezipiert, der in ihm einen frühen Repräsentanten der „Sendung Frankreichs“ in der Welt erblickt.

Vorfahren

Gottfried III.
Herr von Joinville
Felicite
von Brienne
Guido I.
Herr von Dampierre
Helvide
von Baudement
Wilhelm II. von Thiern
Graf von Chalon
? Stephan II.
Graf von Auxonne
Judith
von Lothringen
Nichte von Friedrich Barbarossa
Gottfried IV.
Herr von Joinville
Helvide
von Dampierre
Beatrix von Thiern
Gräfin von Chalon
Stephan III.
Graf von Auxonne
Simon
Herr von Joinville
Beatrix
von Auxonne
Johann (Jean de Joinville)
Herr von Joinville

Familie und Nachkommen

In erster Ehe heiratete er um das Jahr 1244 Adelheid (Adelaide) von Grandpré, mit der er folgende Kinder hatte:

  • Margarethe (verheiratet mit Dreux I. von Charny)
  • Johann (Jean) "Boutefeu", Herr von Ancerville (starb vor seinem Vater)

In zweiter Ehe vermählte er sich mit Alix de Reynel, von der er folgende Kinder hatte:

  • Anselm (Anseau), Herr von Joinville, Marschall von Frankreich
  • Andreas (André), Herr von Beaupré


Literatur

  • Simonnet, Jules :"Essai sur l'histoire de la généalogie des sires de Joinville (1008-1386) accompagné de chartes", Société historique et archéologique de Langres, 1875, F. Dangien

Belletristik:

Die Gestalt des Jean de Joinville wurde vom deutschen Autor Peter Berling in den ersten beiden Bänden seines 'Grals-Zyklus' verwendet. Während er im ersten Band Die Kinder des Gral (1991) nur einen kurzen Auftritt als Randfigur hat, nimmt er in Das Blut der Könige (1993) eine zentrale Rolle des Erzählers wahr. Ähnlich wie in seinem historischen Werk werden hier große Teile der Geschichte, die vor dem Hintergrund des Kreuzzuges nach Ägypten spielt, aus der Ich-Perspektive Jeans erzählt. Zusammen mit dem Franziskanermönch Wilhelm von Rubruk verfasst er dabei ein geheimes Diarium, dessen fiktionaler Inhalt mit tatsächlichen historischen Ereignissen kunstvoll verwoben ist.

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