Jane Addams


Jane Addams
Jane Addams 1914, Moffett Studio

Jane Laura Addams (* 6. September 1860 in Cedarville, Stephenson County, Illinois; † 21. Mai 1935 in Chicago, Illinois) war eine US-amerikanische Feministin, Soziologin und engagierte Journalistin der Friedensbewegung Anfang der 1920er Jahre. Sie war eine Wegbereiterin der Sozialen Arbeit und gründete 1889 in Chicago das Hull House, das heute als Museum besteht. 1931 erhielt sie zusammen mit Nicholas Murray Butler den Friedensnobelpreis.

Inhaltsverzeichnis

Leben und Werk

Familie, Bildung, Privatleben

Jane Addams' Eltern waren John H. Addams (1822–1881), Mühlenbesitzer und später republikanischer Staatssenator in Illinois, und Sarah Weber Addams, geborene Weber (1817–1863). Sie hatte vier Schwestern und drei Brüder: Mary Catherine Addams (1845–1894); Georgiana Addams (1849–1850); Martha Addams (1850–1867); John Weber Addams (1852–1918); Sarah Alice Addams (1853–1915); Horace Addams (1855–1855); George Weber Addams (1857–1859). Als Addams zwei Jahre alt war, verstarb ihre Mutter. Danach vermählte sich ihr Vater 1864 erneut. Er heiratete die Witwe Anna Hostetter Haldeman (1828–1919). Diese brachte zwei eigene Kinder mit in die Familie, Henry Winfield Haldeman (1848–1905) und George Bowman Haldeman (1861–1909).

Nach ihrem Schulabschluss wollte Addams am Smith College studieren, aber ihr Vater gestattete ihr nicht, so weit weg zu fahren. Ihren College-Abschluss machte sie stattdessen am Rockford Female Seminary, dem heutigen Rockford College in Rockford. Hier lernte sie Ellen Gates Starr kennen, mit der sie eine intensive Freundschaft begann. Nach ihrem Abschluss in Rockford studierte Addams Medizin, brach das Studium jedoch ab, weil sie aus der schweren Arbeit wenig Inspiration nahm. Wie in ihrer Zeit für unverheiratete Frauen üblich, kehrte sie in ihr Elternhaus zurück, um betagte Familienangehörige zu pflegen.

1881 starb ihr Vater, und sie verfiel in eine tiefe Depression. Zwei Jahre später bereiste sie gemeinsam mit ihrer Stiefmutter England und Deutschland, später außerdem Spanien, Italien und Frankreich. Nach ihrer Rückkehr aus Europa erneuerte sie ihre Freundschaft mit Starr, und die beiden reisten gemeinsam nach London, um Toynbee House zu besuchen.

1890 lernte Addams Mary Rozet Smith kennen und fing mit ihr eine lesbische Beziehung an, die bis zu Smiths Tod (1933) andauerte, und die Addams als eine „Ehe“ bezeichnete, auch wenn diese weder gesetzliche noch kirchliche Anerkennung hatte. Smith war die Tochter eines wohlhabenden Papierfabrikanten und leitenden Angestellten der Illinois Central Railroad. Sie pflegte Addams, wenn sie krank war, und führte auch ihren Briefwechsel, sogar mit engen Verwandten, wie Neffen und Nichten. Zwar hat Addams den Großteil der Briefe zerstört, die sie auf Reisen von Smith erhielt, aber aus den Briefen, die von Addams an Smith gingen, ist eine tiefe Zuneigung erkennbar. Die beiden erwarben 1904 zusammen ein Ferienhaus in Bar Harbor, an der Küste von Maine.

Jane Addams heiratete nicht und hatte auch keine Kinder. In ihrer Kindheit wurde sie in der Society of Friends, bekannt als die Quäker, erzogen, obwohl ihr Vater allen vier örtlich anwesenden Kirchengemeinden Spenden zukommen ließ. In Chicago war sie Mitglied einer presbyterianischen Gemeinde, besuchte aber öfters unitarische Versammlungen, wo sie auch Vorträge hielt. Am 21. Mai 1935 starb sie an Krebs.

Soziale Arbeit und politisches Wirken

Nach ihrer Rückkehr aus Europa 1885 begann Jane Addams mit ihrer sozialen Arbeit. Sie betreute schwarze Waisenkinder in Baltimore und war in mehreren karitativen Organisationen tätig. 1889 gründete sie mit Ellen Gates Starr zusammen das Hull House in Chicago, eines der ersten so genannten „Siedlungshäuser“ der USA, und wurde somit bedeutendste Vertreterin der amerikanischen Settlement-Bewegung. Diese war inspiriert vom Toynbee Hall im südlichen London, welches von Samuel Augustus Barnett 1884 gegründet wurde. Die Settlementbewegung war eine grundlegende Bewegung innerhalb des anglikanischen Sozialwesens und der Gemeinwesenarbeit. Jane Addams kaufte das Haus von dem Erbe, welches ihr Vater hinterlassen hatte.

„Siedlungshäuser“ waren Zentren, die den Armen eines Viertels Bildungs- und Sozialleistungen anboten und soziale Reformen vorantrieben. Hull House wurde jede Woche von etwa 2.000 Menschen besucht. Hull House konnte Einrichtungen anbieten wie eine Abendschule für Erwachsene, einen Kindergarten, Vereine für ältere Kinder, eine öffentliche Küche, eine Kunstgalerie, ein Kaffeehaus, eine Turnhalle, ein Schwimmbad, eine Buchbinderei, eine Musikschule, eine Schauspieltruppe, eine Bibliothek und verschiedene Arbeitsmaßnahmen.

Hull House diente auch als soziale Institution für Frauen. Addams war befreundet mit ihren Kollegen von der Chicagoer Schule der Soziologie, und hatte durch ihre Arbeit in angewandter Soziologie auf diese Einfluss. Obwohl die wissenschaftlichen Soziologen jener Zeit die angewandte Soziologie als Sozialarbeit definierten, betrachtete sich Addams selbst nicht als Sozialarbeiterin. Sie war eine Mitautorin der Hull-House Maps and Papers in 1893, welche die Arbeitsgebiete und Methoden der Chicagoer Soziologie-Schule definierten. Mit George Herbert Mead zusammen arbeitete sie zu verschiedenen Themen der Sozialreform, wie z. B. den Rechten der Frauen oder dem Arbeitsstreik der Textilgewerkschaft 1910. Addams verband die zentralen Ideen des symbolischen Interaktionismus mit den Theorien des kulturellen Feminismus und des Pragmatismus um ihre solzialarbeiterische und soziologische Ideen zu bilden.

1911 half sie bei der Gründung der National Foundation of Settlements and Neighborhood Centers und war die erste Präsidentin dieser Vereinigung. Betroffen vom Beginn des Ersten Weltkrieges gründete sie 1915 die Women’s International League for Peace and Freedom. Sie sprach sich gegen die Beteiligung der USA im Krieg aus und unterstützte damit die Meinung des Präsidenten Woodrow Wilson. Im gleichen Jahr übernahm sie die Leitung der großen internationalen Frauenkonferenz in Den Haag, bei der über 1.500 Frauen aus 28 Ländern anwesend waren. Jane Addams war ebenfalls eine Mitbegründerin der American Civil Liberties Union und der National Association for the Advancement of Colored People (NAACP). Außerdem war sie Mitglied der American Anti-Imperialist League und der American Sociology Association. Sie war auch führend in der Bewegung für das Frauenwahlrecht.

1929 wurde sie Ehrenpräsidentin der Women’s International League for Peace and Freedom und zwei Jahre später erhielt sie als erste Amerikanerin den Friedensnobelpreis für ihr soziales Engagement. 1935, kurz vor ihrem Tod, nahm sie an der Feier zum 20-jährigen Bestehen der Women’s International League for Peace and Freedom teil.

Theorie

Jane Addams lebte in Chicago zur Zeit der Industrialisierung. Diese brachte eine Reihe von sozialen Problemen mit sich, auf die die amerikanische Gesellschaft nicht vorbereitet war. Addams lebte in dem so genannten Hull-House in einem Chicagoer Armenviertel. Sie wollte am Leben der Armen teilnehmen und ihre Lebensbedingungen verbessern. Ihre Theorie entstand aus der Reflexion ihrer dortigen Tätigkeit.

1. Soziale und industrielle Probleme als Gegenstandbereich

Sie sah soziale und industrielle Probleme als Gegenstandsbereich ihrer Sozialarbeitstheorie. Dabei waren ihr vor allem drei Gesichtspunkte wichtig:
- die Bedingungen und Auslöser, die zu sozialen Problemen führen
- die Möglichkeiten diese nachhaltig zu beseitigen
- Hunger und Krieg empfand sie als größte Bedrohungen für die Menschen

Somit die Bekämpfung derer als Aufgabe und Wirkungsbereich von sozialem Handeln.

2. Drei große Erklärungslinien

a. Die ökologisch-territoriale Aufspaltung der Klassen

- unterschiedliche Bevölkerungsschichten leben getrennt in unterschiedlichen Distrikten
- auch in den Fabriken als einzigem Berührungspunkt nach Positionen und Funktionen getrennt

b. Die männlich-militaristische Organisation der Städte

- männliche Elite herrscht in der Stadt
- deren defensiv-militärisches Leitbild verhindert soziale Verbesserungen für die Armen und die Erledigung sozialer städtischer Haushaltsaufgaben
- die Festung Stadt muss gegen innere und äußere Feinde verteidigt werden

c. Das Geschäftsinteresse internationaler Wirtschaftskonzerne

- die Geschäftsinteressen internationaler Wirtschaftskonzerne mit ihren riesigen Kapitalansammlungen blockieren politische Veränderungen

3. Ziele und Aufgaben Sozialer Arbeit

Als die wichtigsten Ziele sieht Jane Addams im Rahmen einer Ethik der Zusammengehörigkeit (solidarity) aller Menschen:

  1. die Demokratie ins soziale Leben zu übertragen
  2. zum Fortschritt der Menschheit beitragen
  3. zur Lösung sozialer und industrieller Probleme beitragen
  4. die christliche Lehre menschlich aufzufassen und anzuwenden

Der Weg zu diesen Zielen sei das Aushandeln von Vereinbarungen, Verträgen und Bündnissen zwischen gesellschaftlichen Gruppen und Nationen.

4. Eine dynamische Friedenstheorie

- Haupthindernis für den Frieden in der Welt ist die generell hohe Akzeptanz des Krieges und seine moralische Rechtfertigung in der Gesellschaft
- Forderung nach neuen, aktiven und streitbaren Friedensidealen
- Destruktivität moderner Industriegesellschaften als Feind des Friedens
- Soziale Empathie als Bedingungen einer ‚Kosmopolitischen Liebe’

5. Die Bedeutung und Rechte der Frauen

Frauen sollen nicht mehr benachteiligt werden. Verpflichtung der Frauen für ‚Brot und Frieden’ ernst nehmen und sich gegen die Männer und ihre Interessen durchsetzen

Jane Adams' Theorie ist auch heute noch aktuell. Auch heute noch gilt die Verbindung von sozialer Gerechtigkeit, Sozialbewusstsein und Frieden genauso wie Verknüpfung mit politischem Handeln.

Viele von ihr als Ursachen für soziale Ungleichheit erkannten Probleme gibt es weiterhin. So kritisierte sie, dass die Geschäftsinteressen internationaler Wirtschaftskonzerne mit ihren riesigen Kapitalansammlungen politische Veränderungen zu blockieren versuchen.

Auch ihre Kritik an der Begründung von Kriegen als Mittel Zivilisationen zu entwickeln ist gerade in den letzten Jahren wieder aktuell geworden. Zwar wurden die von Adams geschilderten sozialen und industriellen Probleme in einigen Staaten entschärft, international gelöst sind sie jedoch nicht. So wurden zwar erhebliche Schritte hin zu einer Gleichberechtigung der Geschlechter unternommen, erreicht ist diese jedoch noch nicht.

Werke

  • Democracy and social ethics. New York: Macmillan, 1902.
  • Children in American street trades. New York: National Child Labor Committee, 1905.
  • New ideals of peace. Chautauqua, N.Y.: Chautauqua Press, 1907.
  • The Wage-earning woman and the state. Boston: Boston Equal Suffrage Association for Good Government, [191?].
  • Symposium: child labor on the stage. New York: National Child Labor Committee, [1911?].

Literatur

  • Irene Stratenwerth: Das Gefühl, die Welt ein Stück weiterbringen zu müssen. In: Charlotte Kerner (Hrsg.): Nicht nur Madame Curie – Frauen, die den Nobelpreis bekamen. Belz Verlag, Weinheim und Basel 1999, ISBN 3-407-80862-3.
  • Dorothy Ross: Jane Addams (1860–1935), Häuslicher Feminismus und die Möglichkeiten der Sozialwissenschaften. In: Claudia Honegger und Theresa Wobbe (Hrsg.): Frauen in der Soziologie. Neun Porträts. C.H. Beck, München 1998, ISBN 3-406-39298-9.
  • Mary Jo Deegan: Jane Addams and the Men of the Chicago School, 1892–1918. Transaction Books, New Brunswick 1988, ISBN 0-88738-077-8.
  • Anja Schüler: Frauenbewegung und soziale Reform. Jane Addams und Alice Salomon im transatlantischen Dialog, 1889–1933. Franz Steiner Verlag 2004, ISBN 3-515-08411-8.
  • Silvia Staub-Bernasconi: Soziale Arbeit als Handlungswissenschaft. Kap. 2, Jane Adams (1860–1935) – Systemtheoretikerin der ersten Stunde, S. 49-74, Haupt UTB. Weinheim Basel, ISBN 3-8252-2786-3.
  • Cathy Eberhart, Peter Herrmann, Ming-Fang Chen (Hg.): Jane Addams (1860–1935). Sozialarbeit, Sozialpädagogik und Reformpolitik. Europäischer Hochschulverlag, Bremen 2009 (Studien zur vergleichender Sozialpädagogik und internationaler Sozialarbeit und Sozialpolitik, Bd. 6), ISBN 978-3-941482-32-6

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