Inge Viett

Inge Viett
Inge Viett auf einem Fahndungsplakat aus dem Jahr 1986

Inge Viett (* 12. Januar 1944 in Stemwarde bei Hamburg) war Angehörige der Bewegung 2. Juni und schloss sich 1980 der Rote Armee Fraktion an. 1982 tauchte sie, wie bereits zwei Jahre zuvor acht andere RAF-Aussteiger, in der DDR unter. Seit ihrer Haftzeit ist sie als Autorin tätig.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Nachdem das Jugendamt ihrer Mutter das Sorgerecht entzogen hatte, lebte Inge Viett ab 1946 zunächst in einem Kinderheim. 1950 kam sie zu einer Pflegefamilie nach Schleswig-Holstein, aus der sie nach neun Jahren floh. In Hamburg schlug sich Viett mit Gelegenheitsjobs durch, strippte in St. Pauli und begann sich zu politisieren. 1968 zog sie nach West-Berlin, beteiligte sich an Demonstrationen der APO und wurde schließlich Mitglied der Bewegung 2. Juni.

Viett war u. a. an der Lorenz-Entführung 1975 und an einer Gefangenenbefreiung 1978 beteiligt. Am 7. Mai 1972 sowie am 9. September 1975 wurde sie verhaftet, brach aber beide Male aus dem Gefängnis aus. Am 7. Juli 1976 flohen Inge Viett, Gabriele Rollnik, Monika Berberich und Juliane Plambeck aus der Frauenhaftanstalt Lehrter Straße in Berlin. Sie setzten sich über die Agentenschleuse im Bahnhof Berlin Friedrichstraße mit Hilfe der Staatssicherheit in die DDR ab. Im August 1981 schoss sie in Paris aus vier Metern Entfernung auf den Polizisten Francis Violleau. Der Beamte erlitt eine Querschnittslähmung und starb 2000 im Alter von 54 Jahren an den Folgen der Verletzung.[1]

Flucht in die DDR

1982 konnte sich Viett erneut mit Hilfe der Stasi der Strafverfolgung entziehen. Sie floh in die DDR. Dort lebte sie zunächst unter dem Namen Eva-Maria Sommer in Dresden und absolvierte eine Ausbildung zur Repro-Fotografin. Nachdem der Verdacht aufkam, dass es sich bei ihr um die in der Bundesrepublik Gesuchte handele, musste sie 1987 nach Magdeburg übersiedeln. Dort lebte sie als Eva Schnell und war für die Organisation der Kinderferienlager des im Magdeburger Stadtteil Salbke ansässigen VEB Schwermaschinenbau Karl Liebknecht verantwortlich. Nach dem Mauerfall wurde Viett am 12. Juni 1990 in Magdeburg verhaftet. Vom Oberlandesgericht Koblenz wurde sie 1992 aufgrund der Schüsse auf den Polizisten in Paris wegen versuchten Mordes zu dreizehn Jahren Haft verurteilt.

Nach der Haft

Im Januar 1997 wurde Viett nach Verbüßung der halben Strafe aus der Haft entlassen und die Reststrafe wurde zur Bewährung ausgesetzt. Schon während ihrer Haftzeit erschien ihr erstes Buch, bis heute ist sie weiterhin als Autorin tätig. Viett hat sich nie von den bewaffneten Aktionen der RAF distanziert. Der Regisseur Volker Schlöndorff benutzte Motive aus ihrer Autobiographie für seinen Film Die Stille nach dem Schuss. Daraufhin warf Viett ihm und Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase vor, ein Plagiat begangen zu haben.[2] Die beiden Parteien konnten sich außergerichtlich einigen.

Viett veröffentlichte am 24. Februar 2007 in der Tageszeitung „junge Welt“ einen Beitrag, in dem sie u. a. schreibt, dass der „politisch/militärische Angriff“ damals „für uns der angemessene Ausdruck für unseren Widerstand gegen den Kapitalismus“ gewesen sei. Rückblickend beklagt sie, „dass dem Guerillakampf in der BRD und in allen imperialistischen Staaten verdammt mehr Erfahrung, Klugheit, Ausdauer und Unterstützung zu wünschen gewesen wären“. Dieser Zeitungsbeitrag ist mit dem Titel Lust auf Freiheit überschrieben. Die bewaffneten Aktionen der RAF bezeichnete sie in diesem Beitrag als „Klassenkampf von unten“. Vor vierzig Jahren habe es eine kleine Schar von Menschen gegeben, die entschlossen den Kampf gegen die deutsche Elite und ihr Machtsystem aufgenommen hätten, so Viett. Inspiriert worden sei man dabei von den antikolonialen und nationalen Befreiungsbewegungen.

Bei einer Demonstration gegen ein Gelöbnis der Bundeswehr am 20. Juli 2008 wurde Viett vorläufig festgenommen.[3] In diesem Zusammenhang griff die Berliner Ausgabe der BILD-Zeitung Viett auf ihrer Titelseite äußerst scharf an.[4] Ein Prozess vor dem Berliner Amtsgericht wegen „versuchter Gefangenenbefreiung“ endete am 22. Oktober 2009 mit einem Freispruch. Allerdings wurde Viett wegen „Widerstands gegen die Staatsgewalt“ zu 225 Euro Geldstrafe verurteilt.[5][6]

Am 8. Januar 2011 sprach sie im Rahmen der Podiumsdiskussion bei der Internationalen Rosa-Luxemburg-Konferenz in Berlin davon, dass „der Aufbau einer revolutionären kommunistischen Organisation mit geheimen Strukturen“ das Gebot der Stunde sei.[7] Auf dem Weg zum Kommunismus sei eine „kämpferische Praxis“ gefragt, bei der die „bürgerliche Rechtsordnung“ kein Maßstab sein könne. Wörtlich erklärte sie: „Wenn Deutschland Krieg führt und als Anti-Kriegsaktion Bundeswehr-Ausrüstung abgefackelt wird, dann ist das eine legitime Aktion, wie auch Sabotage im Betrieb an Rüstungsgütern. Auch wilde Streikaktionen, Betriebs- oder Hausbesetzungen, militante antifaschistische Aktionen, Gegenwehr bei Polizeiattacken etc.“ Der CDU-Innenpolitiker Wolfgang Bosbach bezeichnete dies als einen „Aufruf zum gewaltsamen Kampf gegen den Staat“.[8] Im Juni 2011 wurde gegen Viett Anklage wegen der mutmaßlichen Billigung von Straftaten erhoben.[9]

Werke

  • Inge Viett: Einsprüche! Briefe aus dem Gefängnis. Edition Nautilus, Hamburg 1996, ISBN 3-89401-266-8
  • Inge Viett: Nie war ich furchtloser: Autobiographie. Edition Nautilus, Hamburg 1997, ISBN 3-89401-270-6
  • Inge Viett: Cuba libre bittersüß: Reisebericht. Edition Nautilus, Hamburg 1999, ISBN 3-89401-340-0
  • Inge Viett: Morengas Erben: eine Reise durch Namibia. Edition Nautilus, Hamburg 2004, ISBN 3-89401-447-4

Film

  • Große Freiheit - kleine Freiheit, Kristina Konrad (Regie), Dokumentarfilm, Deutschland 2000, s/w, 83 Min.
    Dokumentation über Inge Viett aus Deutschland und María Barhoum aus Uruguay, zwei Frauen, die Ende der 1960er Jahre für eine revolutionäre Veränderung der Welt kämpften.
  • Die Stille nach dem Schuss, halbfiktionales Drama von Regisseur Volker Schlöndorff nach Motiven und Handlung der Autobiografie von Inge Viett. [10]

Einzelnachweise

  1. Willi Winkler: Die Geschichte der RAF, 2. Aufl., Hamburg 2008, S. 381.
  2. Inge Viett: Kasperletheater im Niemandsland. In: konkret, Nr. 4, 2000.
  3. Bericht im Der Tagesspiegel: Ex-Terroristin Inge Viett wieder frei, anlässlich des Bundeswehr-Gelöbnisses am Brandenburger Tor mit Bild vom Juli 2008
  4. [1] Matthias Lukaschewitsch: "Wer stopft der Ex-Terroristin das Schandmaul?" (in: BILD, Regionalausgabe Berlin, 6. März 2009, Titelschlagzeile)
  5. Prozessbericht junge Welt vom 23. Oktober 2009
  6. stern.de vom 22. Oktober 2009
  7. http://www.tagesspiegel.de/berlin/ex-terroristin-viett-im-visier-der-justiz/3695480.html
  8. Tagesspiegel, 11. Januar 2011
  9. Anklage gegen Inge Viett: „Gewalt gebilligt“ in: faz.net vom 5. Juni 2011
  10. konkret, Nr. 4, 2000

Weblinks


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