Gruber-De-Gasperi-Abkommen


Gruber-De-Gasperi-Abkommen

Das Gruber-De-Gasperi-Abkommen (auch Pariser Abkommen genannt) wurde am 5. September 1946 in Paris zwischen Österreich und Italien abgeschlossen. Der Vertrag regelt den Schutz der deutschsprachigen Einwohner der Region Trentino-Südtirol. Das Abkommen wurde vom österreichischen Außenminister Karl Gruber und dem italienischen Ministerpräsidenten Alcide De Gasperi unterzeichnet.

Inhaltsverzeichnis

Vorgeschichte

Südtirol war nach dem Ersten Weltkrieg durch den Vertrag von Saint Germain von Österreich nach Italien gekommen. Unter dem Faschismus wurden die deutschsprachige Mehrheit unterdückt (s. Geschichte Südtirols, Italianisierung).

Nach dem zweiten Weltkrieg, als die Grenzen in Europa neu gezogen wurden, gab es Bestrebungen, Südtirol wieder an Österreich anzugliedern.

Die Alliierten wollten die Italienisch-Österreichische Grenze nicht verändern, drangen aber auf den Schutz der deutschsprachigen Bevölkerung Südtirols.

Geschichte

Der österreichischen Außenminister Gruber strebte zunächst eine Eingliedung Südtirols in Österreich ein, während der italienischen Ministerpräsidenten Alcide De Gasperi Österreich eine Autonomie für die Region Trentino-Südtirol anbot.

Gruber war vom vorliegenden Entwurf nicht begeistert, wurde aber durch Zuspruch Großbritanniens zur Unterzeichnung gedrängt.

Sehr umstritten war die territoriale Abgrenzung des Abkommens, das bis zum Zweiten Autonomiestatut von 1972 für heftige Proteste sorgte. Entscheidender Passus war nämlich der Autonomieanspruch für die Region Trentino-Südtirol, in der die italienischsprachige Bevölkerung die Mehrheit hatte (200.000 deutschsprachige Südtiroler gegenüber 500.000 italienischsprachigen Einwohnern). Dennoch blieb es dabei und das Abkommen wurde durch Aufnahme der Autonomie im Jahr 1948 in der Verfassung der Republik Italien endgültig ratifiziert.

In dem Abkommen werden Autonomierechte für eine Selbstverwaltung und Gesetzgebung in Südtirol eingeräumt. Auch das deutschsprachige Schulwesen wurde darin garantiert. Österreich wurde als Schutzmacht anerkannt.

Nicht erwähnt wurde die Minderheit der Dolomiten-Ladiner, die in der Folge nur in Südtirol eigene Rechte besaßen. Die Ladiner hatten den Anschluss aller ladinischen Gemeinden im Trentino und der Provinz Belluno an Südtirol gefordert.

Der Vertrag ist ein Anhang des 1947 geschlossenen Friedensvertrages zwischen Italien und Österreich.

1972 wurde das Pariser Abkommen durch das Zweite Autonomiestatut ergänzt und verbessert. Es dauerte jedoch bis 1992, dass die Autonomie Südtirols im vollen Umfang realisiert wurde (siehe Geschichte Südtirols).

Wortlaut des Abkommens

1. Den deutschsprachigen Einwohnern der Provinz Bozen und der benachbarten zweisprachigen Ortschaften der Provinz Trient wird volle Gleichberechtigung mit den italienischsprachigen Einwohnern im Rahmen besonderer Maßnahmen zum Schutze des Volkscharakters und der kulturellen und wirtschaftlichen Entwicklung des deutschsprachigen Bevölkerungsteiles zugesichert werden.

In Übereinstimmung mit schon getroffenen oder in Vorbereitung befindlichen gesetzgeberischen Maßnahmen wird den Staatsbürgern deutscher Sprache insbesondere folgendes gewährt werden:

a) Volks- und Mittelschulunterricht in der Muttersprache;

Zweisprachiges Busschild (2007)

b) Gleichstellung der deutschen und italienischen Sprache in den öffentlichen Ämtern und amtlichen Urkunden sowie bei den zweisprachigen Ortsbezeichnungen;

c) das Recht, die in den letzten Jahren italianisierten Familiennamen wiederherzustellen;

d) Gleichberechtigung hinsichtlich der Einstellung in öffentliche Ämter, um ein angemesseneres Verhältnis der Stellenverteilung zwischen den beiden Volksgruppen zu erzielen.


2. Der Bevölkerung der oben erwähnten Gebiete wird die Ausübung einer autonomen regionalen Gesetzgebungs- und Vollzugsgewalt gewährt werden. Der Rahmen für die Anwendung dieser Autonomiemaßnahmen wird in Beratung auch mit einheimischen deutschsprachigen Repräsentanten festgelegt werden.

3. In der Absicht, gutnachbarliche Beziehungen zwischen Österreich und Italien herzustellen, verpflichtet sich die italienische Regierung, in Beratung mit der österreichischen Regierung binnen einem Jahr nach Unterzeichnung dieses Vertrages:

a) in einem Geist der Billigkeit und Weitherzigkeit die Frage der Staatsbürgerschaftsoptionen, die sich aus dem Hitler-Mussolini-Abkommen von 1939 ergeben, zu revidieren;

b) zu einem Abkommen zur wechselseitigen Anerkennung der Gültigkeit gewisser akademischer Grade und Universitätsdiplome zu gelangen;

c) ein Abkommen für den freien Personen- und Güterdurchgangsverkehr zwischen Nord- und Osttirol auf dem Schienenwege und in möglichst weitgehendem Umfange auch auf dem Straßenwege auszuarbeiten;

d) besondere Vereinbarungen zur Erleichterung eines erweiterten Grenzverkehrs und eines örtlichen Austausches gewisser Mengen charakteristischer Erzeugnisse und Güter zwischen Österreich und Italien zu schließen.

Literatur

  • Rolf Steininger: Autonomie oder Selbstbestimmung? Die Südtirolfrage 1945/46 und das Gruber-De Gasperi-Abkommen. Studienverlag, Innsbruck u. a. 2008, ISBN 978-3-7065-4332-3 (Innsbrucker Forschungen zur Zeitgeschichte 2).

Weblinks


Wikimedia Foundation.

Schlagen Sie auch in anderen Wörterbüchern nach:

  • Gruber — Gruber,   1) [gry bɛːr], Francis, französischer Maler, * Nancy 15. 3. 1912, ✝ Paris 1. 12. 1948; Schüler von O. Friesz und C. Dufresne in Paris. Gruber entwickelte einen expressiv realistischen Stil. Er orientierte sich v. a. an G. Braque, aber… …   Universal-Lexikon

  • Gruber-Degasperi-Abkommen — Das Gruber De Gasperi Abkommen (auch Pariser Abkommen genannt) wurde am 5. September 1946 in Paris zwischen Österreich und Italien abgeschlossen. Das Abkommen wurde vom österreichischen Außenminister Karl Gruber und dem italienischen… …   Deutsch Wikipedia

  • Alcide de Gasperi — oder eigentlich Degasperi (* 3. April 1881 in Pieve Tesino bei Trient, damals Österreich Ungarn; † 19. August 1954 in Sella di Valsugana, Italien) war ein italienischer Staatsmann und Politiker. Er gilt als einer der Gründerväter der Europäischen …   Deutsch Wikipedia

  • Accord De Gasperi-Gruber — L’Accord De Gasperi Gruber, en italien Accordo De Gasperi Gruber et en allemand Gruber De Gasperi Abkommen, qui a été signé le 5 septembre 1946 à Paris. Il porte les noms des deux ministres des affaires étrangères italien (Alcide De Gasperi)[Note …   Wikipédia en Français

  • Pariser Abkommen — Mit dem Begriff Vertrag von Paris können verschiedene Vertragsschlüsse gemeint sein. In der französischen Hauptstadt Paris wurden mehrfach internationale Verträge geschlossen. Friedensverträge siehe unter Pariser Frieden, hier der Vollständigkeit …   Deutsch Wikipedia

  • Alcide De Gasperi — oder eigentlich Degasperi (* 3. April 1881 in Pieve Tesino bei Trient, Tirol, Österreich Ungarn; † 19. August 1954 im Ortsteil Sella von Borgo Valsugana, Italien) war ein italienischer Staatsmann und Politiker. Er gilt als einer der Gründerväter… …   Deutsch Wikipedia

  • Karl Gruber (ÖVP) — Karl Gruber (* 3. Mai 1909 in Innsbruck; † 1. Februar 1995 ebenda) war ein österreichischer Politiker und Diplomat. Leben Karl Gruber wurde als dritter Sohn von Maria und Peter Gruber in Innsbruck geboren. Seine Familie war politisch stark im… …   Deutsch Wikipedia

  • De Gasperi — De Gạsperi,   Alcide, italienischer Politiker, * Pieve Tesino (bei Trient) 3. 4. 1881, ✝ Sella (heute zu Borgo Valsugana, Provinz Trient) 19. 8. 1954; trat als Herausgeber des »Trentino« für den Anschluss seiner Heimat an Italien ein. 1911 18… …   Universal-Lexikon

  • Südtirol Paket — Das Südtirol Paket umfasst sämtliche Bestimmungen, die nach zähen Verhandlungen zwischen der österreichischen und der italienischen Regierung zum Ausbau der Südtiroler Autonomie getroffen wurden, und ist die Grundlage für das Zweite… …   Deutsch Wikipedia

  • Südtirolpaket — Das Südtirol Paket umfasst sämtliche Bestimmungen, die nach zähen Verhandlungen zwischen der österreichischen und der italienischen Regierung zum Ausbau der Südtiroler Autonomie getroffen wurden, und ist die Grundlage für das Zweite… …   Deutsch Wikipedia


Share the article and excerpts

Direct link
Do a right-click on the link above
and select “Copy Link”

We are using cookies for the best presentation of our site. Continuing to use this site, you agree with this.