Glorifizierung


Glorifizierung

Unter Glorifizierung (lat. glorificare = rühmen, preisen, verherrlichen) versteht man die in unangemessener Weise beschönigende Darstellung bestimmter Sachverhalte. Ziel der Glorifizierung ist es allgemein, negative Aspekte aus Vergangenheit und Gegenwart sowie die möglichen negativen Folgen zukünftigen Handelns aus den Köpfen der Menschen zu verdrängen.

Inhaltsverzeichnis

Beispiele

Obwohl Glorifizierung oft ganz gezielt zur Manipulation eingesetzt wird, muss doch jeder einzelne Fall für sich betrachtet werden:

"Gute alte Zeit"

Mit Aussagen wie "Früher war alles besser als heute" wird die Gute Alte Zeit glorifiziert, wobei hier oft verkannt wird, dass technischer und medizinischer Fortschritt für eine erhebliche Verbesserung der allgemeinen Lebensbedingungen gesorgt haben. Die Glorifizierung ist somit auch ein ganz alltägliches Phänomen. Zum Beispiel kommen nicht selten Gespräche vor, wo Erinnerungen aus der Armeezeit oder dem früheren Berufsleben aufkommen, bei denen besonders angenehme Dinge dann zum Maßstab der Reflexion genommen werden. Die durchschnittliche Wirklichkeit der jeweiligen Situation, die keineswegs immer so angenehm gewesen ist wie die geschilderten Eindrücke wird indes dabei nicht reflektiert.

Als weiteres Beispiel kann hier das Phänomen des immer wieder aufflackernden Rechtsradikalismus und Neonazismus angeführt werden: In Zeiten, die von den betroffenen Personen als schwierig und belastend empfunden werden, besinnen sie sich auf die "guten alten Werte" aus einer Zeit, "in der noch Zucht und Ordnung herrschte". Dabei wird jedoch verkannt, dass mit den auf den ersten Blick ja durchaus positiv zu sehenden Rahmenbedingungen erhebliche negative Nebenwirkungen verbunden sind. Diese werden aus der Betrachtung ausgeblendet, damit die verbleibenden Aspekte einer vergangenen Zeit umso problemloser glorifiziert werden können.

"Hurra-Mentalität"

Zu Beginn des Ersten Weltkrieges war zu beobachten, dass viele Soldaten mit Begeisterung in den Krieg zogen. Man kann diese scheinbar paradoxe Einstellung nur aus der Sicht der damaligen Zeit verstehen, als Militarismus und Soldatentum in weitaus höherem Maße glorifiziert wurden, als dies heute der Fall ist. Dieses war ein Kennzeichen des Wilhelminismus.

Dabei wurde der Tod auf dem "Feld der Ehre" für Kaiser, Volk und Vaterland (später dann für Führer, Volk und Vaterland) als ein erstrebenswertes, im Wortsinne von glorificare (gloriam facere) "Ehre machendes" Ziel dargestellt. Das damit verbundene Leiden der Hinterbliebenen wurde ausgeblendet, so dass der Krieg nur noch als eine Form der Waffenparade dargestellt und somit glorifiziert wurde.

Ein Phänomen, das auf den ersten Blick gewisse Ähnlichkeiten mit der wilhelminischen Hurra-Mentalität aufweist, ist die Loyalität bis in den Tod, die z.B. bei Kriegern im japanischen Kulturkreis auftaucht. Hier waren es insbesondere die Kamikaze-Flieger, die für Ihren Tennō bereitwillig in den Tod gingen. Dieses für westliche Wertemaßstäbe paradoxe Verhalten ist jedoch nicht auf eine gezielte Glorifizierung des "Heldentodes" zurückzuführen, sondern entspringt einem jahrtausendealten Wertesystem, das dem individuellen Leben einen erheblich geringeren Stellenwert beimisst, als dies in anderen Kulturkreisen der Fall ist.

Ideologische Führer

Kennzeichen vieler Ideologien (im Gegensatz zur wertfreien Idee) ist es, dass ein begrenzter Personenkreis, in vielen Fällen sogar nur eine einzelne Person, als unfehlbar und über jeden Zweifel erhaben auftritt. Um zu verhindern, dass diese Idolgestalten als ganz normale Menschen wahrgenommen werden, wird ganz gezielt ein glorifizierender Personenkult eingesetzt. Dies ist vor allem in absolutistischen und diktatorischen Herrschaftssystemen sichtbar, wobei hier zu beachten ist, dass sich die Betrachtung eines solchen Systems von innen heraus oft von der äußeren Betrachtung radikal unterscheidet.

Als geradezu ideales Beispiel kann die Situation in Nordkorea angeführt werden, wo der 1994 verstorbene Kim Il-sung seit 1998 als "ewiger Präsident" verehrt wird. Dies hat zur Folge, dass das Amt des Staatspräsidenten seither nicht mehr besetzt wird, was jedoch den Nachfolger von Kim Il-sung, seinen Sohn Kim Jong-il, nicht daran hindert, einen nach westlichen Maßstäben betrachtet noch viel bizarreren Kult um seine Person aufzubauen.

Den meisten Diktatoren wird nachgesagt, dass sie ihren Weg an die Macht mit glorifizierenden Elementen ausschmücken. So hat z.B. der oben genannte Kim Il-sung im Jahr 1937 mit 180 Partisanen einen Überfall auf eine mit 30 Japanischen Polizisten besetzte Grenzstation durchgeführt. Dieser Überfall wurde, unter grober Missachtung der tatsächlichen Kräfteverhältnisse, zur "Schlacht von Pochonbo" hochstilisiert.

Auch Saddam Hussein stellte sich in seiner offiziellen Biografie als erfolgreichen und genialen Feldherrn und Strategen dar, obwohl sich seine Leistungen auf diesem Gebiet in Grenzen gehalten haben.

Geschichtsschreibung

Es gilt der Grundsatz, dass die Geschichte immer von den Siegern geschrieben wird. Dies hat zur Folge, dass die Taten, die zum Sieg geführt haben, regelmäßig glorifiziert, das heißt beschönigt und von unangenehmen Nebeneffekten bereinigt werden. Die Glorifizierung ist Bestandteil der Geschichtspolitik.

Die Glorifizierung und damit eng verwandt die Romantisierung sind Betrachtungsweisen von Geschichte, wobei diese entweder auf einige wenige Merkmale reduziert wahrgenommen und dargestellt wird oder dass bestimmte an Handlungen beteiligte Personen versuchen, ihre Rolle zu verharmlosen beziehungsweise gar noch eine positive Konnotation zu geben oder von sonstigen unangenehm erscheinenden Nebeneffekten zu bereinigen. Auch werden Ereignisse wie Schlachten aus der Sicht der Sieger regelmäßig glorifiziert. Dieses wiederum ist kein Zufall, sondern zumeist Bestandteil einer Geschichtspolitik. Der Glorifizierung geht oft auch die regelrechte Geschichtsfälschung einher, zumindest die Geschichtsklitterung. So hat Erich Ludendorff mit seiner "Dolchstoßlegende" ein solches Beispiel geliefert, wo der Zusammenbruch des Heeres des Deutschen Kaiserreich nach Ludendorff nicht an der Front geschah, sondern dass die Armee im Rücken "erdolcht" worden sei. Damit versuchte Ludendorf nicht bloß von der eigenen Schuld des Militärs abzulenken, sondern die Schuld auf andere Personenkreise zu übertragen.

Häufig werden auch Einzelpersonen herausgestellt (Napoleon, Barbarossa, Helmut Kohl), denen besonderes geschichtliches Wirken zugeschrieben wird (Historische Persönlichkeit). Dass an der Ausführung ihrer Pläne jeweils Millionen von Individuen beteiligt waren; dass auch Gruppen von Menschen, oder Einzelpersonen, die zu keiner gesellschaftlichen Elite gehören und nicht prominent wurden, Geschichte machen können (z.B. 68er, Arbeiterbewegung, Bevölkerung der DDR bei der Wende) wird in der Geschichtsschreibung manchmal übersehen.

Verwandte Phänomene

Eng verwandt mit der Glorifizierung ist die Romantisierung, bei der bestimmte Lebensumstände nur auf die wenigen positiven Elemente reduziert dargestellt werden. Beispiele: Romantisierung des Lebens im Mittelalter (das, entgegen dem heute oft empfundenen romantisierten Bild, nicht nur aus Minnesang und edlen Turnieren bestand), Romantisierung des Cowboy-Berufs (der nicht nur aus Lagerfeuerromantik im Monument Valley besteht). Nicht wenig zu dieser Art Glorifizierung haben in den 1960er Jahren die sogenannten Italo-Western-Filme beigetragen. Auch für zahllose Historienfilme dieser Art allerlei Provenienz lässt sich das sagen.

Glorifizierung in der Kunst

Die Glorifizierung finden wir in der Literatur vor wie u.a. in der Verherrlichung des Krieges im Roman von Ernst Jünger: In Stahlgewittern von 1920. Sehr in Anspruch genommen für die Glorifizierung werden Vorstellungen von Ritterlichkeit und Rittertum des Mittelalters bei Thomas Malory und Cervantes (dort satirisch-humorvoll) wie auch in der Malerei von Romantik und Neoromantik unter anderem bei Moritz von Schwind.

Der Glorifizierung von Herrschern für siegreiche Schlachten diente schon seit der römischen Antike die Erbauung des Triumphbogens. Als Beispiel hierfür dienen die Triumphbögen für die römischen Kaiser Titus, Septimius Severus und Konstantin I. Auch der Triumphbogen in Paris für Napoleon I. steht in dieser Tradition. Häufiges Merkmal bei dieser Art von Kunst ist ihre Monumentalität.


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