Entschulung

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Deschooling ist eine bezeichnung für die Antischulbewegung in den USA.

Das Wort „deschooling“ prägte Ivan Illich als erstes. „Deschooling“ kann man am besten mit „Entschulung“ übersetzen. Bekannt ist sein 1971 erschienenes Buch „Deschooling Society“. Er war aber nicht der erste und alleinige Vertreter der Antischulbewegung. Vor ihm kritisierte schon Paul Goodman das etablierte Schulsystem. Schon 1947 stellte er sich die Frage über die Beziehung zwischen dem Menschen und der ihn umgebenden modernen, städtischen, industriellen Umgebung[1]. 1960, in seinem Buch „Growing Up“, argumentiert er, dass die Jugendlichen verfehlen, erwachsen zu werden, weil sie in einer Gesellschaft leben, die nicht dazu geeignet ist, darin aufzuwachsen. In seinem 1962 erschienenen Buch „Compulsory Miseducation“ stellt er die Frage: „Seit der Schulbesuch Pflicht ist, muss die Schule nicht immer wieder nachweisen, dass sie nützlich ist?“ (Ebd.)

In der Umbruchszeit nach 1967/68 wurde in den USA, aber auch in der Deutschland sowie vielen anderen Ländern, über das existierende Schulsystem diskutiert. Die bekanntesten drei amerikanischen Entschulungs-Autoren waren John Caldwell Holt, Everett Reimer und Ivan Illich. John Holt veröffentlichte „How Children Fail“ 1964, „How Children Learn“ 1967 und „The Underachieving School“ sowie „What Do I Do Monday?“ 1970. John Holt ist eher ein Schulreformer. Sein Blickwinkel ist mehr die Perspektive des Schülers. Wie lernen die Schüler wirklich? Er beobachtet, was in den Klassenzimmern geschieht, und fasst es wie folgt zusammen: „Was im Klassenzimmer passiert, ist nicht das, was die Lehrer denken.[2]

Everett Reimer und Ivan Illich sind radikaler in ihren Aussagen. Das macht z. B. der Buchtitel von Everett Reimer deutlich: „Schafft die Schule ab! Befreiung von der Lernmaschine“. Originaltitel: „School is Dead: Alternatives in Education. An Indictment of the System and a Strategy of Revolution“ (1971). Der englische Untertitel deutet schon die Nähe zu den „revolutionären“ Studentenunruhen von 1967/68 (siehe 68er-Bewegung) an.

Am bekanntesten in Deutschland ist Ivan Illich. Er arbeitete mit Everett Reimer in der Nähe von Mexiko – in Cuernavaca – in einem „Institut“ (CIDOC = Centro Intercultural de Documentacion) zusammen[3] . An diesem „Institut“ lernten und lehrten damals 350 Studenten. Heute ist Ivan Illich bekannt durch seine Bücher zum Thema Gesundheit und Medizin. Vor seinem Engagement als „Deschooler“ war er Priester in New York.

In Deutschland sind Jürgen Zimmer und Hartmut von Hentig die bekanntesten „Deschooler“. Hartmut von Hentig plädiert aber nicht für die Abschaffung der Schule, sondern für eine radikale Reform. Aufbauend auf diesen Autoren plädiert Eugen Füner für ein „ganz“ anderes Bildungskonzept. Auch der französische Soziologen Pierre Bourdieu (Die Illusion der Chancengleichheit, Homo academicus u. a.) kritisiert das Schulsystem ähnlich.

Das Wort „Deschooling“ wird auch von Unschoolern benutzt, um den Prozess zu beschreiben, wobei Unschooler (Eltern und Kinder) sich dem schulischem Denken abwenden.

Inhaltsverzeichnis

Kritik des etablierten Schulsystems

Ian Lister fasst in einem Artikel die Argumente der "Deschooler" zusammen. So behauptet er, dass die "Deschooler" keine "Theorien des Wissens" als Ausgangspunkt haben, sondern eher vom Problem – die Schule als Institution – ausgehen. Die "Deschooler" sind also keine Humanisten – "Feiertagsdidaktiker" (Hilbert Meyer) –, die schöne Bildungsziele haben und sie mit Hilfe einer Theorie durch die Schule an die Menschheit bringen wollen, sondern sie gehen von der Unzulänglichkeit der Schule aus und überlegen dann, was zu tun ist.

Im Prinzip geht es den "Deschoolern" darum, das Monopol der Schule auf die Vermittlung von Wissen und auf die Vergabe von Titeln und Berechtigungen zu brechen. Indirekt kritisieren die "Deschooler" das System, welches die Schule umgibt: Kapitalismus.

Eugen Füner allerdings analysiert die Grundstruktur der Schule, wie sie seit Comenius besteht. Aus dem Widerspruch dieser Struktur zu den Anforderungen einer modernen, demokratischen, wandlungsfähigen Gesellschaft folgert er, dass die Schule sich überlebt hat.

Die Schule hat nach Ansicht der "Deschooler" folgende Funktion:

  • custodial care [Verwaltungsobhut]
  • social role selection [soziale Selektion]
  • indoctrination [Belehrung]
  • and education/learning[4][Erziehung/Lernen]

Ihre Definition von Schule lautet: "We define schools as institutions which require full-time attendance of specific age groups in teacher-supervised classrooms for the study of graded curricula."[5]

Ins Deutsche übertragen lautet die Definition etwa: "Wir definieren Schulen als Einrichtungen, die die Vollzeit-Anwesenheit bestimmter Altersgruppen in von Lehrern beaufsichtigten Klassenräumen zum Studium klassenstufenabhängiger Lehrpläne erfordern."

Im folgenden sind einige von 31 Kritikpunkten der "Deschooler" aus Ian Listers Artikel aufgeführt:

  • Mehr Schulen bedeuteten nicht unbedingt mehr Bildung.
  • Schule verhindere Lernen statt es zu fördern. Schulen seien weltfremd und machten die Welt nicht erfahrbar. Sie nehmen den Unterprivilegierten die Möglichkeit zur Kontrolle, ihr eigenes Lernen zu gestalten.
  • Schulen verfehlten, das zu lehren was sie vorgeben zu lehren.
  • Die Fehler der Schule würden individualisiert und damit personalisiert; dabei liege der Fehler im Schulsystem.
  • Wenn die Schule versagt, vergrößere sie sich.
  • Schule sei eine moderne Idee. In ihrer heutigen Form existiere sie seit Napoleon/Preußen. Vielleicht sei die Schule nur eine Erscheinung in der Geschichte und verschwinde wieder in der Zukunft, wenn die Bedingungen sich verändern.
  • Die Schule sei ein politischer Akteur. Die Schule werde explizit vom geschriebenen Lehrplan und implizit vom "heimlichen Lehrplan" ("hidden curriculum") dazu benutzt, um politisch zu erziehen – jeweils im Sinne dessen, der gerade die Macht im Staate hat: z. B. Nazi-Deutschland. Außerdem würden die Eliten dazu erzogen zu "führen", während die Mehrheit dazu erzogen werde, geführt zu werden.
  • Die Schule als Lehrer für die Ökonomie. Die große Leistung im 19. Jhdt. sei es gewesen, die Menschen darauf vorzubereiten, die Leiden der harten, sich ständig wiederholenden Arbeit bis an ihr Lebensende zu ertragen. Die Schule erziehe zu: Pünktlichkeit, Gehorsam, Fleiß, ... (siehe: Protestantische Ethik)
  • Die konservativen Lehrer.
  • Die Kindheit – eine neue Kreation.
  • "Schulalter" – ein verrücktes Konzept.
  • Schule als Institution. Paul Goodman und Ivan Illich haben Schulen, Gefängnisse, Hospitäler, Psychiatrien, Kasernen und die Kirche verglichen. Jede dieser Institutionen habe einen Aufseher, Vermittler und die Teilnahme sei Pflicht. Es bestehe in jeder Institution ein Unterschied zwischen dem was sie offiziell zu tun vorgeben und dem was die Mitarbeiter täglich verrichten.
Was bringe die Schule in eine solch angreifbare Position? Schule wähle aus. Schulzeugnisse werden behandelt wie das Sakrament. Die Schule biete ein Leben nach der Schule an – aber abhängig von der "Güte" des Abschlusszeugnisses. Aber selbst ein Abschluss führe heute zur "Akademikerarbeitslosigkeit". Die Versprechen der Schule seien falsch. - Siehe dazu auch den von Erving Goffmann geprägten Begriff totale Institution.
  • Lehren und Lernen. Es sei eine Illusion zu glauben, dass das Gelernte ein Resultat von lernen in der Schule ist. James Herdton schreibt: "Niemand lernt etwas in der Schule, aber Mittelklassekinder lernen genügend woanders und geben dann vor, dass die Schule ihnen etwas beigebracht hat."
  • Schule lehre vor allem den "heimlichen Lehrplan" ("hidden curriculum").
Schule gebe vor zu lehren, wie man lernt, wie man mit Menschen umgeht – Toleranz, ... Aber nach Ivan Illich lehre Schule hauptsächlich das "hidden curriculum". Hilbert Meyer versteht unter "hidden curriculum": Es geht "um die Einübung in hierarchisches Denken, in Leistungskonkurrenz und Normkonformität." (Bd. I, S. 65) Ivan Illich vergleicht in diesem Zusammenhang das heutige Schulsystem mit dem chinesischen Beamtenprüfungssystem. Dieses war über Jahrhunderte stabil. Hier wird Wissen als Tauschwert begriffen und nicht für eine Teilnahme der Individuen in seiner Kultur – Wissen als Gebrauchswert. (Vgl. II, S. 4)
  • Zertifikate als Pass und Kreditkarte.
  • Schule und Gleichheit: Die Elite und die Armen. Weltweit habe die Schule bzw. die Schulbildung es nicht geschafft, die großen Ungleichheiten aufzuheben.

Alternativen

Die "Deschooler" streben das Ideal einer von Herrschaft, instrumentellem Handeln, ökonomischer Rationalität und Entfremdung befreiten Welt an. Um dies zu erreichen, streben sie eine gebildete, aufgeklärte, aber entschulte Gesellschaft an.

Die "Deschooler" begnügen sich nicht damit, nur das existierende Schulsystem zu kritisieren, sondern bieten auch Alternativen an. Im folgendenwird nur Ivan Illich näher betrachtet, der mit Everett Reimer zusammenarbeitet und sich somit von ihm kaum unterscheidet.

Nach Ivan Illich hat ein gutes Erziehungssystem drei Bestrebungen:

  • freier Zugang zu den Bildungseinrichtungen in jedem Alter
  • jeder darf lehren
  • freie Meinungsäußerung und -diskussion ermöglichen[6]

Ivan Illich glaubt, dass 4 Kanäle oder "learning exchanges" alle Ressourcen für reales Lernen beinhalten können:

  • Dinge, Information
  • Menschen als Modell für Geschicklichkeit und Werte, "
  • peers, Kritik
  • Ältere."[7]
  • "The child grows up in a world of things,
  • surrounded by people who serve as models for skills and values.
  • He find peers who challenge him to argue, to compete, to cooperate, and to understand;
  • and, if the child is lucky, he is exposed to confrontation or criticism by an experienced elder who really cares."[8]

Auf Deutsch etwa:

  • Das Kind wächst in einer Welt der Dinge auf,
  • umgeben von Leuten, die als Beispiel für Fähigkeiten und Werte dienen.
  • Es findet Gefährten, die es zu Argumentation, Wettbewerb, Zusammenarbeit und Verständnis herausfordern;
  • und, wenn das Kind Glück hat, ist es Konfrontation und Kritik von Älteren ausgesetzt, denen es wirklich etwas bedeutet.

Dies sind vier verschiedene Möglichkeiten, die es jedem erlauben, Zugang zu allen möglichen Bildungsressourcen zu erlangen, die es ihm wiederum erlauben, seine Ziele zu definieren und zu erreichen.

Erreicht werden soll dies durch ein Bildungs- bzw. Kommunikationsnetzwerk. Dies kann wie folgt aussehen.[9]

  1. Ein Referenzservice für bildende Objekte, der den Zugang zu Dingen erleichtert, die man für formale Bildung benötigt, also Büchereien, Labore, Veranstaltungsräume mit entsprechenden Medien (Tafel, Video, PC) usw.
  2. Eine Fähigkeitenaustauschliste, die es Personen erlaubt, ihre Fähigkeiten in eine Liste einzutragen. In dieser Liste muss auch die Bedingung stehen, unter der sie gewillt ist, als Modell für andere zur Verfügung zu stehen, und die Adresse, unter der sie zu erreichen ist.
  3. Gleichgesinntentreffen. Ein Kommunikationsnetzwerk, das es Personen erlaubt, die Lernaktivität zu beschreiben, mit der sie in Berührung kommen wollen.
  4. Ein Referenzservice für "educators at large", aufgelistet mit Adresse, Selbstbeschreibung von Fachleuten, Fachlaien, Journalisten usw., mit den Bedingungen, unter der sie ihren Service anbieten.

Finanziert werden soll dies entweder durch ein Budget einer Gemeinschaft, oder die Gemeinschaft gibt einigen Mitgliedern Geld, damit diese das Netzwerk von Lernaktivitäten gestalten.[10] An anderer Stelle spricht Ivan Illich von einer Art "Bank", bei der man etwas "gutgeschrieben" bekommt, wenn man etwas von seinen Fähigkeiten abgibt, bzw. etwas abgezogen bekommt, wenn man Fähigkeiten von anderen erlernt.[11]

Siehe auch

Literatur

  • Pierre Bourdieu; Jean-Claude Passeron: Die Illusion der Chancengleichheit : Untersuchungen z. Soziologie d. Bildungswesens am Beisp. Frankreichs, Stuttgart: Klett, 1971
  • Pierre Bourdieu: Homo Academicus. Frankfurt am Main : Suhrkamp, 1988
  • Heinrich Dauber, Etienne Verne (Hg.): freiheit zum lernen. alternativen zur lebenslänglichen verschulung. die einheit von lernen, leben und arbeiten, Reinbek bei Hamburg 1976 - mit einem Vorwort von Ivan Illich - konsequenterweise muss die Entschulung der Gesellschaft nicht nur die Schule selbst sondern auch das Konzept des 'lebenslangen Lernens' angreifen
  • Eugen Füner: Ist die Schule noch zu retten? Ideen und Vorschläge für ein ganz anderes Bildungskonzept, Kirchhain, 2006
  • Paul Goodman: Compulsory mis-education, dt. Das Verhängnis der Schule, Frankfurt am Main : Athenäum-Fischer-Taschenbuch-Verlag, 1975
  • Paul Goodman: Growing up absurd: Problems of Youth in the Organized System, dt. Aufwachsen im Widerspruch : über d. Entfremdung d. Jugend in d. verwalteten Welt, Darmstadt : Verlag Darmstädter Blätter Schwarz, 1972
  • Marianne Gronemeyer: Lernen mit beschränkter Haftung. Über das Scheitern der Schule. Darmstadt, 1996
  • Hartmut von Hentig: Cuernavaca oder Alternativen zur Schule? München, 1972
  • Ivan Illich: The Breakdown of School: A Problem or a Sympton? In: Interchange, vol. 2, no 4, 4, 1971
  • Ivan Illich: The Deschooling of Society. In: Rusk, B. (ed.): Alternatives in Education. Toronto, 1971
  • Ian Lister: The challenge of Deschooling. In: Lister, I. (ed.): Deschooling: A Reader, London, 1974
  • Everett Reimer: Schafft die Schule ab! Befreiung aus der Lernmaschine. Hamburg, 1972
  • Bertrand Stern: Schluß mit Schule! - das Menschenrecht, sich frei zu bilden. tologo verlag, Leipzig 2006, ISBN 3-9810444-5-2

Weblinks

Fußnoten

  1. Ian Lister: The challenge of Deschooling. In: Ian Lister (ed.): Deschooling: A Reader, London, 1974, S. 2
  2. Ian Lister: The challenge of Deschooling. In: Ian Lister (ed.): Deschooling: A Reader, London, 1974, S. 2
  3. Hartmut von Hentig: Cuernavaca oder Alternativen zur Schule? München, 1972 Vgl. S. 14)
  4. Ian Lister: The challenge of Deschooling. In: Ian Lister (ed.): Deschooling: A Reader, London, 1974, S. 2
  5. Ian Lister: The challenge of Deschooling. In: Ian Lister (ed.): Deschooling: A Reader, London, 1974, S. 2 (er zitiert Ivan Illich)
  6. vgl., Ivan Illich: The Deschooling of Society. In: Rusk, B. (ed.): Alternatives in Education. Toronto, 1971, S. 106
  7. vergleiche auch: Evertt Reimer: Schafft die Schule ab! Befreiung aus der Lernmaschine. Hamburg, 1972, S. 84-100
  8. Ivan Illich: The Deschooling of Society. In: Rusk, B. (ed.): Alternatives in Education. Toronto, 1971, S. 107
  9. vgl., Ivan Illich: The Deschooling of Society. In: Rusk, B. (ed.): Alternatives in Education. Toronto, 1971, S. 10gf
  10. Ivan Illich: The Deschooling of Society. In: Rusk, B. (ed.): Alternatives in Education. Toronto, 1971, S. 122
  11. Ivan Illich: The Deschooling of Society. In: Rusk, B. (ed.): Alternatives in Education. Toronto, 1971, S. 116

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