Dorothea Schlözer

Dorothea Schlözer
Dorothea von Rodde-Schlözer
Dorothea Schlözer

Freifrau Dorothea von Rodde-Schlözer (* 18. August 1770 in Göttingen; † 12. Juli 1825 in Avignon, Frankreich) war Doktorin der Philosophie und Salonière. Sie zählt zu den als „Universitätsmamsellen“ bekannten Gruppe Göttinger Gelehrtentöchter des 18. Jahrhunderts.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Frau Doktor

Die Tochter des Göttinger Professors für Staatsrecht und Geschichte August Ludwig von Schlözer, lernte mit vier Jahren schreiben und begann mit fünf Geometrie, Französisch und Latein zu studieren. Als Sechzehnjährige beherrschte sie zehn Sprachen. Zwar war Belletristik und Poesie vom Unterricht ausgeschlossen (nur die Aeneis durfte gelesen werden − als historisches Werk), so wurde der musische Unterricht nicht vernachlässigt: Zeichnen und selbstverständlich Musik gehörten dazu. „Mein Dortgen spielte schon 1778 öffentlich auf dem Klavier in einem Konzert; voriges Jahr sang sie öffentlich zu unserem Universitätskonzert“, vermerkt der Vater stolz.[1]

Ansichten und Erziehungsmethoden des Vaters fanden in der Göttinger Umgebung nur wenig Verständnis. Caroline Michaelis, auch eine der Professorentöchter, urteilt:

Man schäzt ein Frauenzimmer nur nach dem, was sie als Frauenzimmer ist. Ein redendes Beispiel davon habe ich an der Prinzeßin von Gallizin, die hier war,[2] gesehen, sie war eine Fürstinn, hatte viel Gelehrsamkeit und Kenntniße, und war mit alledem der Gegenstand des Spotts und nichts weniger als geachtet.[1]

Caroline Michaelis sollte in späteren Jahren weniger eng denken, doch ihre damalige Sicht entsprach sicher dem, was man sich in der Göttinger Academia über Vater Schlözers Ehrgeiz dachte.

1781 durfte Dorothea ihren Vater auf einer Studienreise nach Rom begleiten, wo sie unter anderem die Bekanntschaft von Wilhelm Heinse, dem Dichter des „Ardinghello“ machten, dem es eine Vergnügen machte, für die 11jährige Dorothea den Cicerone zu machen. Davon schien dem Vater dann doch einiges bedenklich:

Dem Statüenbegücken bin ich gram geworden; es ist soviel Unzüchtiges dabei. Auch Dortchen gewöhnt sich die Kunstsprache an: sie schwatzt von weichem Fleisch an marmornen Statüen.[3]
Professor Schlözer mit Frau und seinen fünf Kindern, Tochter Dorothea mit Globus

Zum 50. Jahrestag der Inauguration der Universität Göttingen, am 17. September 1787, wurde sie mit 17 Jahren rite (also mit der schlechtestmöglichen Note) zum Dr. phil. promoviert. Dieses Promotionsverfahren ging auf eine Initiative von Johann David Michaelis zurück. Es umfasste eine nichtöffentliche Prüfung in deutscher (nicht lateinischer) Sprache, ohne Vorlage einer Dissertation und ihre Verteidigung. Das Promotionsexamen erfolgte am 25. August im Hause des Dekans der philosophischen Fakultät (Michaelishaus) durch acht Professoren über 3½ Stunden und betraf die Gebiete der klassischen Literatur (Horaz), Bergbau, Baukunst und Mathematik. Dorothea von Schlözer wurde damit als zweite Frau in Deutschland promoviert.[4] Schiller bezeichnete die Promotion in einem Brief an Körner als „Schlözers Farce mit seiner Tochter, die doch ganz erbärmlich ist“.[5]

Zusammen mit ihrem Vater verfasste sie ein Fachbuch zur Münz-, Geld- und Bergwerks-Geschichte des russischen Kaiserreichs im 18. Jahrhundert, das 1791 bei Vandenhoeck & Ruprecht in Göttingen herausgegeben wurde.

Lübeck

Sie heiratete 1792 den Reichsfreiherrn (1803) und Bürgermeister (1806) Mattheus Rodde in Lübeck und bekam drei Kinder: Augusta (1794-1820), Dorothea (* 1796) und August Ludwig (1798-1821). Fortan unterschrieb sie mit Rodde-Schlözer und kann damit als die Erfinderin des deutschen Doppelnamens gelten.

1794 lernte sie bei einem Besuch nach der Geburt des ersten Kindes in Göttingen den französischen Gelehrten Charles de Villers kennen, der ab Juli 1797 zum ständigen Hausgast der Roddes wurde. Diese Dreiecksbeziehung endete erst mit Villers Tod 1815. In den folgenden Jahren führte Dorothea Schlözer in Lübeck einen aufgeklärten Salon, verkehrte aber auch mit den intellektuellen Kreisen in der benachbarten Residenzstadt Eutin, damals das „Weimar des Nordens“. Zu den dortigen Freunden gehörten Johann Heinrich Voß, Friedrich Heinrich Jacobi und Friedrich Leopold Graf zu Stolberg.

Paris

Porträtbüste Dr. Dorothea von Rodde-Schlözer (Jean-Antoine Houdon, 1806)

Im Jahr 1801 reiste Schlözer in Zusammenhang mit einer diplomatischen Mission ihres Mannes nach Paris. Villers und ihre Kinder begleiteten sie. In Paris besuchten sie Villers Schwester und lernten den Hamburger Schriftsteller Friedrich Johann Lorenz Meyer kennen, der über seinen Aufenthalt einen Bericht verfasste.[6] Vor allem aber suchte sie Kontakt zu den französischen Gelehrten und Wissenschaftlern, die sie ehrten, indem sie Schlözer an einer Sitzung der Ersten Klasse des Nationalinstituts teilnehmen ließen, wo sie auf dem Sitz des Ersten Konsuls Bonaparte Platz nehmen durfte, den sie im Juli schon bei einer Theateraufführung gesehen hatten. Sie machte damals die Bekanntschaft u. a. des Naturforschers La Cépède, des Geologen Dolomieu und des Philologen Fauriel. Außerdem besuchte sie Galerien, lernte die Maler Jacques-Louis David und Jean-Baptiste Isabey kennen und wurde selbst zum Gegenstand künstlerischen Schaffens: Anicet Charles Gabriel Lemonnier fertigte ein Porträt und Jean-Antoine Houdon schuf eine Büste.

Ein zweites Mal wurde Rodde auf Diplomatenmission geschickt und wieder fuhren auch Schlözer und Villers mit nach Paris, diesmal von 1803 bis 1805. Diesmal wurde Dorothea dem Kaiserpaar vorgestellt, wobei die Kaiserin Joséphine sich besonders für „Le Docteur“ Rodde interessierte, da sie im Salon ihrer Tante, der Dichterin Fanny de Beauharnais verkehrte.[7] Auch besuchte sie das Ehepaar Friedrich und Dorothea Schlegel (geborene Brendel Mendelssohn), das sich von 1802 bis 1804 in Paris aufhielt. Auf dem Heimweg im Juli 1805 machten Dorothea und Villers in Göttingen Station, wo der 70. Geburtstag von Dorotheas Vater zu feiern war.[8]

Plünderung Lübecks

Im November 1806 kam es zu der Schlacht bei Lübeck zwischen drei französischen Armeecorps und den vor ihnen fliehenden preußischen Truppen unter von Blücher. In deren Folge erlebten die Bürger des neutralen Lübeck Plünderungen und Misshandlungen durch die in die Stadt eindringenden Franzosen. Villers, der französischer Artillerieoffizier im Exil war, konnte sich um die Familie in diesen kritischen Tagen verdient machen. Mit seinem Artilleriesäbel, einem Hut mit Kokarde und einem blauen Militärmantel stellte er sich vor die Tür des Roddeschen Hauses und gab vor, Quartiermacher eines Generals zu sein, wodurch es ihm gelang, eine Plünderung des Hauses zu verhindern.

Bankrott des Ehemannes und Rückkehr nach Göttingen

Im September 1809 starb Schlözers Vater und zur Regelung der Erbschaft reiste Schlözer im Frühjahr 1810 für längere Zeit nach Göttingen. Im September erreichte sie dort aus Lübeck die Nachricht vom Bankrott ihres Mannes, der über die umfangreichen von ihm betriebenen Kreditgeschäfte die Übersicht verloren hatte. Die Schulden betrugen am Ende ungeheure 2,7 Millionen Mark Courant. Für Schlözer bestand nun die Gefahr, dass auch sie selbst alles verlieren würde, inklusive des Erbes ihres Vaters, da nach dem Lübeckischen Gewohnheitsrecht die Ehefrau in vollem Umfang für die Schulden ihres Mannes in Anspruch genommen werden konnte. Mit Hilfe von Villers konnte das durch ein Verfahren abgewandt werden. In der Folge übersiedelte die Familie Rodde nach Göttingen, wo Schlözer ein Haus in der Langen Geismarstraße Nr. 49 kaufte. An diesem Haus sind heute Gedenktafeln für sie und für Villers angebracht.[9]

Ihre letzten Jahre waren von Siechtum und Todesfällen überschattet: Seit dem Bankrott alterte ihr Mann schnell, ertaubte, wurde kindisch und zum Pflegefall, der seine Umgebung erheblich belastete: „Daß aber diejenigen, die mit ihm an eine Galeere geschmiedet sind, nicht halb verrückt werden, ist mir unerklärlich,“ urteilte Karl Sieveking damals. 1815 starb Villers, am 13. Oktober 1820 erlag Dorotheas älteste Tochter Augusta der Schwindsucht, am 29. April starb der einzige Sohn August Ludwig, ebenfalls an der Schwindsucht. Dann erkrankte auch noch die jüngste Tochter Dorothea, genannt Dortchen. Zur Kur wurde eine Reise in den Süden empfohlen, man fuhr nach Marseille, das man im Dezember empfindlich kalt fand. Am 12. Juni verließ man Marseille. Dorothea war zu diesem Zeitpunkt bereits krank. In Avignon war dann eine Weiterreise mit der Kranken nicht möglich. Am 12. Juli 1825 starb Dorothea Freifrau von Rodde an einer Lungenentzündung. Sie wurde auf dem Friedhof Saint-Véran in Avignon beigesetzt, wo ihr Grab heute noch existiert. Ihr Ehemann überlebte sie um fünf Monate.[10]

Würdigung

Die Berufliche Schule der Hansestadt Lübeck für Ernährung - Gesundheit - Sozialwesen erhielt im Jahr 1970 den Namen Dorothea-Schlözer-Schule.[11] Die Georg-August-Universität Göttingen fördert seit 2009 Wissenschaftlerinnen im Rahmen des Dorothea Schlözer-Programm und ehrt seit 1958 mit der Dorothea Schlözer-Medaille Frauen, die sich für Wissenschaft und Frauenbildung engagieren.[12] Am 6. Mai 2011 wurde vom Landesfrauenrat Niedersachsen in Göttingen der frauenORT Dorothea Schlözer eingeweiht.

Werke

August Ludwig Schlözer und Dorothea Schlözer: Münz-, Geld- und Bergwerks-Geschichte des russischen Kaiserthums, vom J. 1700 bis 1789. Vandenhoek und Ruprecht, Göttingen, 1791

Literatur

  • (Anonymus K.) Dorothea Schlözern, gebohren den 10ten August 1770. In: Annalen der Braunschweig-Lüneburgischen Churlande, 2. Jg., 1. Stück, Celle und Lüneburg 1788, S. 119-130.
  • Erich Ebstein, Vergessene zeitgenössische Urteile über Dorothea Schlözer, in: Niedersächsisches Jahrbuch 1924, Neue Folge der Zeitschrift des Historischen Vereins für Niedersachsen, Hildesheim 1924, S.146-155.
  • Alken Bruns (Hrsg.): Lübecker Lebensläufe. Wachholtz, Neumünster 1993, ISBN 3-529-02729-4
  • Carsten Erich CarstensRodde, Dorothea Freifrau von. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 29, Duncker & Humblot, Leipzig 1889, S. 1 f.
  • Lieselotte Jolanda Eberhard: Von der berühmten, gelehrten, schönen und trefflichen Dorothea Schlözer, Doctor der Philosophie, verehelichte von Rodde in Lübeck. Eine Sammlung von Bildern und historischen Texten. (= (Kleine Hefte zur Stadtgeschichte; Band 12). Schmidt-Römhild, Lübeck 1995, ISBN 3-7950-3111-7
  • Theodor Heuss: August Ludwig von Schlözer und seine Tochter. In: Ders.: Schattenbeschwörung. Randfiguren der Geschichte. Wunderlich, Stuttgart/Tübingen 1947; Klöpfer und Meyer, Tübingen 1999, ISBN 3-931402-52-5
  • Bärbel Kern, Horst Kern: Madame Doctorin Schlözer. Ein Frauenleben in den Widersprüchen der Aufklärung. Beck, München 1988, ISBN 3-406-33304-4
  • Eckart Kleßmann: Universitätsmamsellen : fünf aufgeklärte Frauen zwischen Rokoko, Revolution und Romantik. Die Andere Bibliothek Bd. 281. Eichborn, Frankfurt am Main 2008, ISBN 978-3-8218-4588-3
  • Martha Küssner: Dorothea Schlözer. Ein Göttinger Gedenken. Musterschmidt, Göttingen u. a. 1976, ISBN 3-7881-8030-7
  • Leopold von Schlözer: Dorothea von Schlözer. Ein deutsches Frauenleben um die Jahrhundertwende. 1770-1825. Deuerlich, Göttingen 1937
  • Ute Seidler: Zwischen Aufbruch und Konvention. Dorothea Schlözer. In: Kornelia Duwe u. a. (Hrsg.): Göttingen ohne Gänseliesel. Texte und Bilder zur Stadtgeschichte. Wartberg, Gudensberg-Gleichen 1989, ISBN 3-925277-26-9

Weblinks

 Commons: Dorothea Schlözer – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. a b Kleßmann Universitätsmamsellen 2008 S. 108
  2. Amalie von Gallitzin hatte 1781 sich eine zeitlang in Göttingen aufgehalten.
  3. Kleßmann Universitätsmamsellen 2008 S. 116
  4. Die erste in Deutschland promovierte Frau war Dorothea Christiane Erxleben, die am 6. Mai 1755 als Medizinerin examiniert wurde.
  5. Brief Schillers an Christian Gottfried Körner, 6. Oktober 1787. Zitiert in: Rolf Engelsing: Der Bürger als Leser. Stuttgart 1974, S. 297
  6. Fragmente aus Paris, Hamburg, 1797
  7. Fanny de Beauharnais war Großmutter von Joséphines Adoptivtochter Stéphanie de Beauharnais.
  8. Kleßmann Universitätsmamsellen 2008 S. 214-220
  9. Kleßmann Universitätsmamsellen 2008 S. 265f
  10. Kleßmann Universitätsmamsellen 2008 S. 307ff
  11. Dorothea-Schlözer-Schule
  12. Dorothea Schlözer-Programm

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