Dion von Syrakus


Dion von Syrakus

Dion von Syrakus (* 409 v. Chr.; † 354 v. Chr. in Syrakus) war ein griechischer Politiker auf Sizilien und Freund Platons. In seiner Heimatstadt Syrakus erlangte er am Ende seines Lebens für kurze Zeit eine tyrannenähnliche Machtstellung. Ob er sich bei seinem vergeblichen Versuch, eine neue Verfassung einzuführen, von Prinzipien der platonischen Staatstheorie leiten ließ, ist umstritten.

Inhaltsverzeichnis

Herkunft, Kindheit und Jugend

Dions Vater Hipparinos war einer der vornehmsten und angesehensten Bürger von Syrakus. Schon vor der Machtübernahme des Tyrannen Dionysios I. war er dessen Gefährte und Vertrauter. Dionysios heiratete 398, als er bereits Tyrann war, eine der Töchter des Hipparinos, Aristomache, eine ältere Schwester Dions. Dion ehelichte später (um 375) eine der Töchter aus dieser Ehe, seine Nichte Arete; somit war er sowohl Schwager als auch Schwiegersohn des Tyrannen.[1] Hipparinos starb, als seine Kinder noch unmündig waren. Daher übernahm Dionysios die Vormundschaft für die Kinder, und Dion wuchs in der Umgebung des Tyrannen auf. Damals brachte Dionysios in wechselhaften Kämpfen gegen die Karthager, die traditionellen Feinde von Syrakus, einen Großteil Siziliens unter seine Herrschaft.

Als der Philosoph Platon um 389/388 v. Chr.[2] nach Syrakus kam, begegnete er dem Jüngling Dion, und die beiden schlossen eine lebenslange Freundschaft. Eine späte Legende, wonach Dion den Tyrannen bewogen hatte, Platon nach Syrakus einzuladen, ist nicht glaubwürdig.[3] Es war jedoch vermutlich Dion, der dem Philosophen eine Audienz beim Tyrannen verschaffte. Dieses Gespräch verlief offenbar unerfreulich, und bald darauf reiste Platon ab.[4]

Politiker am Tyrannenhof

Platon berichtet, dass Dion zu einem überzeugten Anhänger der platonischen Philosophie wurde, welche die Tyrannenherrschaft grundsätzlich scharf missbilligte, und dass er daher innerlich in Opposition zu seinem Schwager trat und bei den Höflingen verhasst war.[5] Andererseits geht aus den Quellen hervor, dass Dions Verhältnis zu Dionysios ausgezeichnet war; er genoss das volle Vertrauen des Tyrannen, der ihm wichtige Gesandtschaften übertrug, darunter eine nach Karthago.[6] Dionysios gab sogar seinem Schatzmeister die Anweisung, Dion jeden gewünschten Betrag auszuzahlen, und machte ihn zu seinem Schwiegersohn. Damals erwarb Dion ein außerordentliches Vermögen, welches so groß war, dass er später aus privaten Mitteln ein Söldnerheer anwerben und finanzieren konnte.[7]

Als der Tyrann im Jahre 367 tödlich erkrankte, war die Frage der Nachfolge zunächst unklar, denn sein ältester Sohn Dionysios II. war nicht auf die Herrscherrolle vorbereitet worden.[8] Dionysios II. war kein Sohn von Dions Schwester Aristomache, sondern stammte aus einer anderen Ehe seines Vaters. Von Aristomache hatte Dionysios I. mehrere Kinder, darunter zwei noch jugendliche Söhne. Dion versuchte vergeblich, den todkranken Tyrannen zu einer Nachfolgeregelung zu bewegen, mit der seine Neffen an der Macht beteiligt worden wären, was ihm selbst eine sehr starke Stellung verschafft hätte.[9] Nachdem dann die Entscheidung zugunsten einer Alleinherrschaft von Dionysios II. gefallen war, gelang es Dion zunächst, trotz seiner Rivalität zum neuen Herrscher seine Machtstellung am Hof zu bewahren. Dabei kam ihm zugute, dass sein politischer Gegenspieler Philistos, ein prominenter Höfling, der jedoch bei Dionysios I. in Ungnade gefallen war, sich in der Ferne aufhielt.[10] Außerdem war die Frau Dionysios’ II., Sophrosyne, eine Schwester von Dions Gemahlin Arete und zugleich über ihre Mutter Aristomache, Dions Schwester, dessen Nichte.

Dion bewog den neuen Tyrannen, Platon als Berater an den Hof einzuladen; davon konnte er sich eine Stärkung seines Einflusses erhoffen. Er stellte Platon die Gelegenheit in Aussicht, die politischen Verhältnisse im Sinne der platonischen Staatsphilosophie umzugestalten. So kam es zur zweiten Sizilienreise Platons (366 v. Chr). Dionysios II. war jedoch misstrauisch; um ein Gegengewicht zu Dions Partei zu schaffen, berief er noch vor Platons Ankunft Philistos, den Anführer der Gegenpartei, an den Hof. Philistos war ein treuer Anhänger der Familie Dionysios' I. und der tyrannischen Staatsform, was ihn auch zum Gegner Platons machte.[11] Als Platon eintraf, bestand am Hof bereits eine starke Spannung zwischen den beiden feindlichen Parteien.[12]

Anscheinend beabsichtigte Dion schon damals, Dionysios entweder mit Platons Hilfe unter seinen Einfluss zu bringen oder ihn zu stürzen.[13] Da Dionysios sich zumindest oberflächlich für Philosophie interessierte und von Platons Persönlichkeit stark beeindruckt war, schien die erste Möglichkeit greifbar nahe zu sein. Dem widersetzte sich jedoch die Partei des Philistos, für die das den Untergang bedeutet hätte. Sie versuchte Dionysios davon zu überzeugen, dass Dion ihn nur mit der Philosophie von der Politik ablenken wolle, um auf diesem Weg doch noch seinen Neffen die Macht zu verschaffen bzw. sie selbst zu ergreifen. Dion schrieb einen Brief an Bevollmächtigte der Karthager, worin er sich ihnen als Berater und Vermittler für die bevorstehenden Verhandlungen mit Dionysios empfahl. Dieser Brief wurde abgefangen und gelangte in die Hände des Tyrannen, der ihn Philistos vorlas. Darauf beschuldigte Dionysios Dion des Landesverrats und schickte ihn in die Verbannung.[14] Im Spätsommer 366 fuhr Dion nach Griechenland. Aus Rücksicht auf seine zahlreichen, teils prominenten Angehörigen, Freunde und Anhänger, zu denen die Gattin des Tyrannen und Platon gehörten, wurde Dions Abwesenheit als vorübergehend dargestellt und sein Vermögen nicht angetastet. Im folgenden Jahr reiste Platon ab, nachdem ihm Dionysios eine Begnadigung Dions in Aussicht gestellt hatte.

Im Exil in Griechenland

In Griechenland wurde Dion bestens aufgenommen.[15] In Korinth, wo er längere Zeit lebte, stieß er auf Sympathie; in Sparta wurde ihm das Bürgerrecht verliehen, obwohl die Spartaner mit dem Tyrannen von Syrakus verbündet waren; in Athen trat er in Platons Akademie ein.[16] Da ihm die Einkünfte aus seinem Vermögen aus Syrakus zuflossen, verfügte er über reichliche Mittel. Zunächst hoffte er auf die Erlaubnis zur Rückkehr in die Heimat. 361 reiste Platon auf Drängen von Dionysios, der ihm erneut die Rehabilitierung Dions zusagte, zum dritten Mal nach Sizilien. Dionysios wollte Platon für sich gewinnen, Platons Absicht war es hingegen, seinem Freund Dion zu helfen. In der Begleitung Platons befanden sich einige seiner Schüler, darunter Speusippos und Xenokrates. Speusippos, der später Platons Nachfolger als Scholarch (Leiter der Akademie) wurde, war ein radikaler Anhänger Dions. Er zog in der Stadt Erkundigungen über die Stimmung der Bürger ein, um die Chancen für einen gewaltsamen Sturz des Tyrannen zu prüfen, was Dionysios aller Wahrscheinlichkeit nach nicht verborgen blieb.[17] Das dadurch entstandene Misstrauen brachte Platon in Schwierigkeiten. Von einer Begnadigung Dions war nun keine Rede mehr, vielmehr konfiszierte Dionysios die in Syrakus verbliebenen Besitztümer des Verbannten. Außerdem befahl Dionysios seiner Halbschwester Arete, Dions Gattin, die mit ihrem Sohn Hipparinos in Syrakus geblieben war, ihre Ehe aufzulösen und einen seiner Günstlinge zu heiraten, einen hohen Offizier namens Timokrates. Ob dieser Befehl ausgeführt wurde, ist unklar,[18] doch war unter diesen Umständen an eine Versöhnung der Rivalen nicht mehr zu denken. Im folgenden Jahr reiste Platon, der nichts erreicht hatte, ab.

Rückkehr und militärischer Sieg

Süditalien zur Zeit Dions

Auf seiner Heimreise traf Platon Dion in Olympia und setzte ihn von dem Scheitern seiner Bemühungen in Kenntnis. In diesem Stadium des Konflikts kam für Dion, der anscheinend schon zuvor gegen Dionysios agitiert hatte,[19] nur noch eine militärische Lösung in Betracht. Er begann Söldner anzuwerben und fand für seine Pläne in der Akademie starken Rückhalt. Platon, der durch die Regeln der zwischen ihm und Dionysios bestehenden Gastfreundschaft gebunden war, hielt sich heraus, duldete aber die Beteiligung seiner Schüler an der Unternehmung.[20] Syrakus war zwar die größte Militärmacht der damaligen griechischen Welt, aber Speusippos berichtete Dion, dass angesichts der allgemeinen Verhasstheit des Tyrannen eine kleine Truppe für den Umsturz ausreiche, da die Angreifer in Sizilien wirksame Unterstützung finden würden.[21]

Vom Sammelplatz auf der Insel Zakynthos aus wagte Dion im Jahre 357 mit rund 800 Mann auf fünf Schiffen die Überfahrt. Unter den Teilnehmern waren nur zwei bis drei Dutzend Griechen aus Sizilien.[22] Die kleine Flotte landete in Sizilien an einer Küste im Westen bei Herakleia Minoa, einer Stadt, die sich unter der Kontrolle der Karthager befand. Diese waren die traditionellen Feinde der sizilischen Griechen und besonders der Syrakuser, doch Dion scheint ein dauerhaftes Vertrauensverhältnis zu ihnen gehabt zu haben.[23] Die Karthager nahmen die Truppe gut auf, verpflegten sie und gewährten ihr logistische Unterstützung. Dionysios war mit seiner Flotte nach Unteritalien gefahren, da er den Angriff aus dieser Richtung erwartete. Diesen Umstand nutzte Dion zu einem raschen Vormarsch. Eine Reihe von Städten entzogen sich nun der Herrschaft des Dionysios und schlossen sich dem Aufstand an, so dass das Heer sich auf einige tausend Mann vergrößerte. In Syrakus hatte der abwesende Dionysios kaum noch Anhänger, die Stadtbevölkerung erhob sich gegen ihn. Die Syrakuser bereiteten Dion einen begeisterten Empfang und wählte ihn und seinen Bruder Megakles zu Heerführern mit unbeschränkter Vollmacht (strategoí autokrátores).[24] Nur in der Stadtfestung, die sich auf der Insel Ortygia befand, konnten sich die Söldner des Tyrannen halten. Dorthin kehrte der inzwischen von der Niederlage verständigte Tyrann zurück und begann Verhandlungen mit Dion, die erfolglos verliefen.

Ein Überraschungsangriff der Söldner des Dionysios wurde in schweren Kämpfen zurückgeschlagen. Dennoch befand sich der Tyrann in einer relativ günstigen Lage; er konnte sich auf die Truppen seines fähigen Befehlshabers Philistos verlassen, seine Flotte beherrschte weitgehend das Meer, und Dions Schwester, Gattin und Sohn befanden sich in seiner Gewalt. Diese Situation änderte sich jedoch, als aus Griechenland eine Flotte unter Herakleides von Syrakus zur Unterstützung Dions und der Syrakuser eintraf. Herakleides übernahm als Nauarch das Kommando über die syrakusischen Seestreitkräfte. Eine Seeschlacht endete mit dem Sieg der Syrakuser und dem Tod des Philistos. Darauf begann Dionysios erneut Verhandlungen mit dem Ziel eines Friedensschlusses, um für sich freien Abzug aus Ortygia zu erreichen; anscheinend versuchte er, einen Teil seines Machtbereichs und seiner Besitztümer außerhalb der Stadt zu retten.[25] Der Vorschlag scheiterte an der Siegesgewissheit der Syrakuser. Schließlich konnte Dionysios mit einigen Schiffen, beladen mit Schätzen, aus Ortygia entkommen, ohne dabei die Festung aufzugeben; ein Teil seiner Truppen blieb mit den gefangenen Angehörigen Dions dort.

Äußerer Krieg und innere Machtkämpfe

Schon bald nach Dions triumphalem Einzug in Syrakus kam es in der Stadt zu Spannungen zwischen seinen Anhängern und Kreisen, die ihn verdächtigten, der Bürgerschaft nicht Freiheit zu bringen, sondern für sich selbst nach einer neuen Tyrannenherrschaft zu streben. Seine Verdienste und seine militärischen Erfolge, bei denen er sich auch durch persönliche Tapferkeit auszeichnete, konnten diesen Konflikt nur zeitweilig in den Hintergrund drängen. Dabei spielte der Umstand eine Rolle, dass er ein vornehmer und sehr reicher Bürger war, welcher der Tyrannenherrschaft langjährige Dienste geleistet hatte und mit dem Tyrannen verschwägert war. Er galt daher als Aristokrat. Man verdächtigte ihn, auch im Interesse seiner gefangenen Familie eine Einigung mit Dionysios hinter dem Rücken der Bürgerschaft in Betracht zu ziehen – eine Lösung, auf welche die Friedensvorschläge des Dionysios tatsächlich abzielten.[26]

Die aus diesen Gründen Dion misstrauisch oder feindlich gegenüberstehende radikaldemokratische Partei fand schließlich in Herakleides einen Anführer. Herakleides war einer der Organisatoren der Opposition gegen Dionysios II. im Exil gewesen und hatte sich dann als Offizier bewährt. Nach seiner Einsetzung zum Befehlshaber der syrakusischen Flotte unterstand er Dions Oberbefehl, profilierte sich aber zunehmend als dessen Rivale.[27] Im Sommer 356 fasste die Volksversammlung Beschlüsse, die einen entscheidenden Sieg der Partei des Herakleides bedeuteten. Beschlossen wurde eine Neuverteilung des Grundbesitzes und die Beendigung der Zahlungen an die Söldner; außerdem wurden neue Befehlshaber gewählt, unter denen Herakleides war, nicht jedoch Dion.[28] Darauf zog sich Dion mit seinen Söldnern in die Stadt Leontinoi zurück, deren Bürger sich dem Machtbereich von Syrakus entziehen wollten. Die Leontiner hießen ihn willkommen und verliehen seinen Söldnern das Bürgerrecht.[29] Als jedoch ein Überraschungsangriff von Truppen des Dionysios die Syrakuser in schwere Bedrängnis brachte, riefen sie Dion zurück. Es gelang ihm, die Streitmacht des Tyrannen, die bereits den größten Teil der Stadt erobert und verwüstet hatte, zurückzuschlagen. Die demokratische Partei, die in dieser Krise militärisch versagt hatte, geriet in Misskredit. Es kam zu einer Machtteilung; Dion wurde vom Volk wieder zum Oberbefehlshaber gewählt und Herakleides erhielt das Kommando über die Flotte.

Diese Einigung hatte aber nicht lange Bestand, denn die fundamentalen Konflikte um die Grundbesitzfrage und die künftige Verfassung konnten nicht entschärft werden. Dion setzte die Wiederherstellung der früheren Besitzverhältnisse durch.[30] Inzwischen war, nachdem zu Lande und zu Wasser mancherlei Kämpfe mit wechselndem Erfolg stattgefunden hatten, die Lage der Besatzung von Ortygia unhaltbar geworden. Man einigte sich auf freien Abzug, und Dions Familie wurde freigelassen. Damit fiel ganz Syrakus in die Hand Dions.

Nun machte sich Dion energisch daran, seine politischen Vorstellungen zu verwirklichen. Schon vor dem Fall der Inselfestung hatte er einen Beschluss durchgesetzt, die künftig angeblich nicht mehr benötigte Flotte, die eine Hochburg seiner demokratischen Gegner war, aufzulösen.[31] Er berief ein Kollegium (synhédrion), das als gesetzgebende Versammlung eine neue, undemokratische Verfassung ausarbeiten sollte. Dem Synhedrion gehörten neben Syrakusern auch Bürger Korinths, der Mutterstadt von Syrakus, an. Um Herakleides einzubinden, ernannte er ihn zu einem Mitglied dieses Gremiums. Herakleides weigerte sich jedoch, dort mitzuarbeiten, da er die Zielsetzung völlig missbilligte, und begann wieder gegen Dion zu agitieren. Der Umstand, dass Dion den Oberbefehl nach dem Sieg nicht niederlegte und die Festung nicht zerstören ließ, nährte den Verdacht, dass er nach der Tyrannenherrschaft strebte.[32] Der Konflikt eskalierte erneut, und Herakleides wurde von Anhängern Dions ermordet, wenn nicht auf Dions Befehl, so doch zumindest mit dessen Billigung.

Niedergang und Tod

Der Mord an Herakleides erregte ungeheueres Aufsehen. In weiten Kreisen der Bevölkerung setzte sich die Überzeugung durch, dass Dion die Gewaltherrschaft wolle und faktisch bereits der neue Tyrann sei. Daran änderte auch der Umstand nichts, dass die gesetzgebende Versammlung ihre Tätigkeit fortsetzte und im Sinne von Dions Wünschen eine Verfassung mit vorwiegend aristokratischen Elementen ausarbeitete.[33] Da Dions Rückhalt in der Bürgerschaft dramatisch geschwunden war, war die Aufrechterhaltung seiner Machtposition mehr denn je von der Zuverlässigkeit der Söldner und damit von deren Finanzierung abhängig. Nach dem Sieg über Dionysios wurden die Söldner aber für die äußere Sicherheit nicht mehr benötigt, und die Volksversammlung lehnte ihre fortdauernde Besoldung ab. Dion, dessen eigene Mittel erschöpft waren, versuchte mit Zwangsmassnahmen wie der Konfiskation von Gütern seiner Gegner die benötigten Mittel aufzutreiben und musste auch seine Anhänger zu Zahlungen verpflichten. Dennoch kam es zu Rückständen bei der Soldauszahlung. Damit erregte Dion allgemeinen Unmut, und sogar bei den Söldnern, welche die Unhaltbarkeit der Lage erkannten, schwand die Loyalität.[34]

Ein Vertrauter Dions, der Offizier Kallippos aus Athen, machte sich diese Lage zunutze und unternahm einen Staatsstreich. Seine Anhänger besetzten Schlüsselstellungen in der Stadt, drangen in Dions Haus ein und ermordeten ihn. Die Berichte über Dions Tod sind in den Einzelheiten widersprüchlich, stimmen aber darin überein, dass von den anwesenden zahlreichen Freunden und Leibwächtern niemand bereit war, für ihn zu kämpfen. Kallippos rechtfertigte sein Vorgehen als Tyrannenmord.[35] Ein Bericht, wonach es nach dem Mord zu einem Stimmungsumschwung zugunsten von Dions Partei kam und ein öffentliches Begräbnis stattfand, ist kaum glaubwürdig, zumindest stark übertrieben.[36] Kallippos konnte sich als führender Politiker durchsetzen. Eine Tyrannenherrschaft hat er aber nicht – wie manchmal fälschlich behauptet wird – errichtet, vielmehr blieben die demokratischen Einrichtungen bestehen.[37] Der Kampf gegen die in Sizilien verbliebenen Anhänger des Dionysios wurde fortgesetzt.

Platon dichtete auf den Tod seines Freundes ein Epigramm.[38] An die überlebenden Verwandten und Parteigänger Dions richtete er seinen siebenten Brief, in dem er ausführlich seine Sicht der Vorgänge schilderte.[39]

Dions Schwester Aristomache und seine Gattin Arete wurden nach seinem Tod ins Gefängnis geworfen, wo Arete einen Sohn gebar. Sie hatte bereits einen Sohn, der nach seinem Großvater Hipparinos hieß.[40] Die Frauen wurden später, nach dem Sturz des Kallippos, befreit und nach Griechenland geschickt, kamen aber auf der Überfahrt ums Leben.[41] Hipparinos soll selbst seinem Leben ein Ende gesetzt haben, doch wird dieser Bericht von der Forschung nicht für glaubwürdig gehalten.[42]

Rezeption

Die Urteile der Nachwelt über Dion sind zwiespältig. Ausschlaggebend war in der Antike die Meinung Platons, der unerschütterlich an der Überzeugung festhielt, dass sein Freund ein edler, vorbildlicher Philosoph war, der aus Patriotismus handelte. Platon schrieb, Dion habe seine Heimatstadt und ganz Sizilien von der Knechtschaft befreien und Syrakus mit den besten Gesetzen ausstatten wollen, um seinen Mitbürgern die größten Wohltaten zu erweisen.[43] Demnach war es Dions Absicht, den platonischen Idealstaat soweit möglich zu verwirklichen. Die Mitglieder der platonischen Akademie, darunter Speusippos und der Offizier Timonides von Leukas, der an Dions Feldzug teilgenommen hatte und einen Bericht darüber verfasste, teilten diese Auffassung und trugen zu ihrer Verbreitung bei. Auch spätere Autoren zeichneten ein positives Bild. Plutarch schilderte Dion als Helden und führte als problematischen Charakterzug nur „Schroffheit im Umgang und unbeugsame Strenge“ an.[44] Es gab auch Dion feindlich gesinnte Autoren, deren Werke aber verloren sind; Spuren dieser Tradition finden sich bei Cornelius Nepos.[45]

Die Überlieferung, die Dion als tragisch gescheiterten Idealisten darstellt, hat auch in der Neuzeit eine starke Wirkung entfaltet, besonders in philosophisch orientierten Kreisen, wo Platons Wort viel galt und gilt.[46] Historiker wie Helmut Berve, von dem eine gründliche Untersuchung stammt, haben sich um ein ausgewogenes Urteil bemüht und die Gründe für Dions Scheitern analysiert. Hermann Bengtson kam zu einer negativen Gesamteinschätzung von Dions Charakter und staatsmännischen Fähigkeiten.[47] Besonders kontrovers diskutiert wird die Frage, ob bzw. inwieweit Dion tatsächlich von der platonischen Staatsphilosophie geprägt war und unter deren Einfluss idealistische, mehr oder weniger utopische Ziele anstrebte. Das Spektrum der Meinungen schwankt zwischen der Ansicht, dass er ein begeisterter Platoniker war, und der Deutung, dass er ausschließlich an seiner persönlichen Macht interessiert war und dass er Platon und dessen Schüler als Werkzeuge in den Dienst dieses Ehrgeizes zu stellen wusste.[48] Dass Dion nicht die Absicht hatte, selbst Tyrann zu werden, lässt sich aus dem Umstand folgern, dass er wiederholt gute Gelegenheiten zu einem solchen Schritt nicht nutzte.[49]

Einigkeit besteht unter den Historikern darüber, dass die Ermordung des Herakleides – unabhängig von der Frage ihrer moralischen oder philosophischen Bewertung – ein verhängnisvoller Fehler war, der zum Untergang Dions beitrug. Schwer nachvollziehbar ist Dions Entscheidung, die syrakusische Flotte aufzulösen. Dieser rein innenpolitisch motivierte Schritt stand in Einklang mit Platons prinzipiellem Misstrauen gegen das See- und Flottenwesen. Für eine Hafenstadt und Seemacht wie Syrakus war das aber keine realistische Option.[50]

Literatur

  • Helmut Berve: Dion. Verlag der Akademie der Wissenschaften und der Literatur u. a., Mainz 1957 (Akademie der Wissenschaften und der Literatur. Abhandlungen der Geistes- und Sozialwissenschaftlichen Klasse. 1956, 10, ISSN 0002-2977).
  • Hermann Breitenbach: Platon und Dion. Skizze eines ideal-politischen Reformversuches im Altertum. Artemis, Zürich 1960 (Lebendige Antike).
  • Kurt von Fritz: Platon in Sizilien und das Problem der Philosophenherrschaft. de Gruyter, Berlin 1968.
  • Jürgen Sprute: Dions syrakusanische Politik und die politischen Ideale Platons. In: Hermes. 100, 1972, S. 294–313.

Anmerkungen

  1. Zur Rolle des Hipparinos siehe Berve S. 18f. Eine Übersicht über die genealogischen Verhältnisse bietet die Stammtafel bei Debra Nails: The People of Plato. A prosopography of Plato and other Socratics, Indianapolis 2002, S. 130; vgl. S. 45f. zu Dions Gattin Arete.
  2. Dies ist die gängige Datierung; Nails S. 129, 247f. tritt für eine Spätdatierung (um 384/383) ein, die sich aus ihrer Umdatierung von Platons Geburt (S. 243-247) ergibt.
  3. Berve S. 19.
  4. Karl Friedrich Stroheker: Dionysios I. Gestalt und Geschichte des Tyrannen von Syrakus, Wiesbaden 1958, S. 101-105; Kai Trampedach: Platon, die Akademie und die zeitgenössische Politik, Stuttgart 1994, S. 105-107; Breitenbach S. 15; Berve S. 19f.
  5. Platon, Siebenter Brief 327a-b; Nails S. 129, 131; Berve S. 20f.
  6. Stroheker S. 158, Trampedach S. 107.
  7. Berve S. 23f., 66; anders Breitenbach S.84f., der einen Großteil des Familienvermögens auf Dions Vater zurückführt. Zu Dions Stellung unter Dionysios I. siehe Sprute S. 296, Stroheker S. 157, von Fritz S. 63f., Berve S. 20-25.
  8. Nails S. 135, Stroheker S. 181f., Breitenbach S. 18f., Berve S. 27f.
  9. Sprute S. 297-299, Trampedach S. 109, von Fritz S. 65f., Berve S. 25f.
  10. Nails S. 239f., Stroheker S. 158f., 244.
  11. Nails S. 239f., Stroheker S.157, Trampedach S. 109, Breitenbach S. 20f., Berve S. 32.
  12. Nails S. 131.
  13. Berve S. 33, Sprute S. 299, von Fritz S. 68 Anm. 110.
  14. Platon, Siebenter Brief 329c; Plutarch, Dion 14f.; siehe dazu Sprute S. 299f., Trampedach S. 109f., Breitenbach S. 28f., Berve S. 36-38.
  15. Nails S. 131, Trampedach S. 111, Berve S. 43f.
  16. Plutarch, Dion 17.
  17. Trampedach S. 110, von Fritz S. 70, Berve S. 53.
  18. Nails S. 45, Berve S. 60.
  19. Sprute S. 300, Trampedach S. 110.
  20. Sprute S. 301, Trampedach S. 111f., von Fritz S. 59f., Berve S. 65f.
  21. Berve S. 65, von Fritz S. 72.
  22. Nails S. 131, Berve S. 66-69.
  23. Sprute S. 308f., Berve S. 70f.
  24. Plutarch, Dion 29.
  25. Berve S. 83-85, von Fritz S. 88f.
  26. Berve S. 74f., 77f., 82f., von Fritz S. 76f., 79-83.
  27. Siehe zu dieser Entwicklung Gustav Adolf Lehmann: Dion und Herakleides, in: Historia 19, 1970, S. 401-406.
  28. Plutarch, Dion 37-38; Trampedach S. 114f., Breitenbach S. 49, von Fritz S. 90, Berve S. 86f.
  29. Plutarch, Dion 40.
  30. Trampedach S. 115f., Berve S. 95.
  31. Sprute S. 303f., Berve S. 100f.
  32. Berve S. 103; vgl. Sprute S. 302f.
  33. Sprute S. 307, 310f., Trampedach S. 121.
  34. Berve S. 112-114, Sprute S. 311f., Trampedach S. 121. Zur Problematik der Finanzierung der Söldner siehe auch Alexander Schüller: Warum musste Dion sterben? In: David Engels u.a. (Hrsg.): Zwischen Ideal und Wirklichkeit. Herrschaft auf Sizilien von der Antike bis zum Spätmittelalter, Stuttgart 2010, S. 37−61, hier: 78−87.
  35. Trampedach S. 122f., Berve S. 115-121.
  36. Berve S. 121-123.
  37. Berve S. 123f., Trampedach S. 124, L. J. Sanders, Callippus, in: Mouseion. Journal of the Classical Association of Canada 2 (2002) S. 17-20.
  38. Übersetzung bei Michael Erler, Platon, München 2006, S. 19.
  39. Zu den politischen Aktivitäten von Dions Anhängern nach seinem Tod siehe Henry D. Westlake, Friends and Successors of Dion, in: Historia 32 (1983) S. 161-172.
  40. Nails S. 168; als Motiv für die Inhaftierung betrachtet Sanders S. 18f. die Befürchtung, dass Dions Parteigänger dynastische Ansprüche erheben könnten.
  41. Berve S.120, Westlake S. 168.
  42. Berve S. 117.
  43. Platon, Siebenter Brief 335e-336b, 351a-b.
  44. Plutarch, Dion 52. Zu Plutarchs Darstellung siehe Alexander Schüller: Warum musste Dion sterben? In: David Engels u.a. (Hrsg.): Zwischen Ideal und Wirklichkeit. Herrschaft auf Sizilien von der Antike bis zum Spätmittelalter, Stuttgart 2010, S. 37−61, hier: 70−73.
  45. Berve S. 9-11, 15, Sprute S. 295 Anm. 3, Trampedach S. 102-104, Alexander Schüller: Warum musste Dion sterben? In: David Engels u.a. (Hrsg.): Zwischen Ideal und Wirklichkeit. Herrschaft auf Sizilien von der Antike bis zum Spätmittelalter, Stuttgart 2010, S. 37−61, hier: 63−70.
  46. Ein profilierter Vertreter dieser Richtung war Hermann Breitenbach, siehe Breitenbach (1960). Siehe zu dieser Rezeption Nails S. 132, Sprute S. 294f.
  47. Hermann Bengtson, Griechische Geschichte, 8. Auflage, München 1994, S. 266.
  48. Sprute S. 294-301, 304-313, Stroheker S. 182, Trampedach S. 108, 111f., 115-122, von Fritz S. 64-68, Berve S. 62-65, 131, Wolfgang Orth, Der Syrakusaner Herakleides als Politiker, in: Historia 28, 1979, S. 57 und Anm. 19.
  49. Sprute S. 301f., Trampedach S. 118, von Fritz S. 104f., Berve S. 93.
  50. Trampedach S. 117f., Breitenbach S. 56f., Berve S. 100f.

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