Diogenes Laertios


Diogenes Laertios

Diogenes Laertios (altgriechisch Διογένης Λαέρτιος, Diogénes Laértios, latinisiert Diogenes Laertius) war ein spätantiker Philosophiehistoriker, der wahrscheinlich im 3. Jahrhundert n. Chr.[1] eine Geschichte der griechischen Philosophie in 10 Bänden schrieb.

Inhaltsverzeichnis

Zur Person

Über das Leben und die Person Diogenes ist praktisch nichts bekannt, auch seine Datierung (3. Jahrhundert n. Chr.) kann lediglich indirekt aus seinem Stil sowie den Lebensdaten der von ihm behandelten Personen erschlossen werden: der späteste von ihm genannte (IX 116) Philosoph ist ein Schüler des Sextus Empiricus, Diogenes führt sonst kaum Philosophen der römischen Kaiserzeit auf und übergeht erstaunlicherweise den zu seiner Zeit vorherrschenden Mittelplatonismus ganz.

Aus seinem Beinamen Laertios hat man Rückschlüsse auf seine Herkunft ziehen wollen; so wurde er von dem Ort Laerte in Karien bzw. Kilikien oder von dem römischen Familiennamen Laertii abgeleitet. In der heutigen Forschung wird der Name aber meist auf Laertes, den Vater des Odysseus bezogen, nach dem schon Homer Odysseus diogenes Laertiades nennt. Der Beiname ist mithin lediglich als literarisch verspieltes Unterscheidungsmerkmal gegenüber anderen Griechen namens Diogenes zu deuten, so dass man aus ihm keine Informationen ableiten kann.

Aus einer Stelle mit dem Wortlaut „bei uns“ (IX 109) hat man darauf geschlossen, dass Diogenes aus Bithynien stammen könnte, doch bleibt dies unsicher. Für eine Herkunft aus der Provinz spräche immerhin, dass seine Gelehrsamkeit etwas altmodisch wirkt und er in einer gewissen ‚antiquarischen Tendenz‘ besonders gern ältere und entlegene Quellen benutzt. Das Werk selbst bestätigt, dass Diogenes zwar eine gewisse Bildung und Belesenheit besaß, aber selbst kein eigenständiger oder kritischer Denker war, also wohl auch kein ‚Fachphilosoph‘, der in Athen o. ä. studiert oder weite Bildungsreisen ausgeführt hätte.

Mitunter wurde die Vermutung geäußert, Diogenes sei identisch mit dem aus einem größeren Inschriftfund bekannt gewordenen Diogenes von Oinoanda, jedoch bleibt dies Spekulation. Als Argument für die Identifikation wurde angeführt, dass Diogenes von Oinoanda Epikureer war, Diogenes Laertios dem hellenistischen Philosophen aber ein ganzes Buch widmet und daher, wie angenommen wird, große Sympathien für den Epikureismus hegte.

Das Werk

Allgemeine Charakteristik

Der genaue Titel des Werkes variiert in den Handschriften und Ausgaben etwas. Die häufigsten Formulierungen Über Leben und Lehren berühmter Philosophen oder Zusammenstellung über Leben und Lehren der Philosophen (altgriechisch φιλοσόφων βίων καὶ δογμάτων συναγωγή) deutet bereits den kompendienhaften Charakter des Werkes an, das Biographie und Doxographie verbindet. Diese Zusammenstellung ist außerordentlich untypisch, da Biographie und Doxographie in der römischen Kaiserzeit weit verbreitete, aber sonst strikt voneinander getrennte Literaturgattungen darstellen. Diogenes lässt sich kaum einer philosophischen Schule zuordnen, obwohl man vielfach annimmt, er sei Skeptiker gewesen. Er scheint eine isolierte Gestalt gewesen zu sein und seine Kompilation aus Liebhaberei zusammengestellt zu haben. Sein Werk ist frei von Polemik - soweit sie nicht aus den Quellen übernommen wurde - und es hat in der spätantiken Literatur auch keinerlei Spuren in Form von Zitaten bei späteren Autoren hinterlassen.

Diogenes beabsichtigte also nicht, ein wissenschaftliches Werk im heutigen Sinne zu schreiben. Ihm kam es vielmehr darauf an, seine umfangreich, aber unkritisch gesammelten biographischen Nachrichten, anekdotenhaften Geschichten und sentenzenartigen Meinungsäußerungen unterhaltsam darzustellen. Das Werk besteht hauptsächlich aus Exzerpten und Zitaten aus dritter oder vierter Hand, Diogenes scheint die Originaltexte kaum selbst gelesen zu haben, die zu seiner Zeit vielfach auch schon nicht mehr erhalten waren.

Die Identifikation der Quellen ist seit dem neunzehnten Jahrhundert die Hauptfrage der Forschung. Diogenes stützt sich vermutlich auf Werke von Favorinus und Diokles von Magnesia, doch kann man im Einzelnen nicht sicher nachweisen, wer seine Gewährsmänner waren. Wahrscheinlich hat er auch Sammlungen von Aussprüchen und Apophthegmensammlungen benutzt. Deshalb sind seine biographischen Details zum Leben der antiken Philosophen auch selten authentisch: in erster Linie handelt es sich (von Buch 10 abgesehen) um Anekdoten, Klatsch oder Spott. Aufgrund seiner unkritischen Machart ist Diogenes’ Werk nur mit größter Vorsicht zu benutzen. Da es jedoch die umfangreichste erhaltene doxographische Quelle zur Philosophie der griechischen Antike darstellt, ist man mangels besserer Quellen dennoch auf Diogenes angewiesen.

Der Aufbau (siehe Tabelle) ist weder systematisch noch durchgängig nach den Lebenszeiten der behandelten Personen geordnet, sondern nach den philosophischen Schulen, denen Diogenes gemäß antiker, aber oft ziemlich willkürlicher Sitte die Philosophen zuordnet. Laut Diogenes (Buch 1) gab es nur zwei philosophische Richtungen, eine ‚ionische‘ und eine ‚italische‘. Diesen beiden Strömungen ordnet er (z. T. wenig sinnvoll) die einzelnen Philosophen unter. Im letzten Buch finden sich ausnahmsweise Texte aus erster Hand, und zwar Briefe und das Testament Epikurs, für die Diogenes in diesem Fall eine hervorragende Quelle darstellt.

Diogenes Laertios' Werk mag teilweise geschmäht sein, doch Nietzsche sagte über ihn: „Er ist der Nachtwächter der griechischen Philosophiegeschichte, man kann nicht in sie hinein, ohne dass einem nicht von ihm der Schlüssel gegeben wird.“

Inhaltsübersicht

1. Buch Die Sieben Weisen und die Philosophietheorie des Autors (ionische und italische Schule)
2. Buch Anaximander, Anaxagoras, Sokrates und die sog. kleineren Sokratiker
3. Buch Platon
4. Buch Die Schüler Platons
5. Buch Aristoteles und seine Schüler (der Peripatos)
6. Buch Antisthenes und die Kyniker
7. Buch Zenon, Kleanthes und Chrysippos. Teile dieses Buches sind jedoch verloren
8. Buch Pythagoras, Empedokles und andere Pythagoreer
9. Buch Heraklit, Xenophanes, Parmenides, Zenon von Elea, Leukippos, Demokrit, Protagoras, Pyrrhon von Elis und Timon
10. Buch Epikur

Exkurs: Bedeutung als Quelle zur antiken Logik

Diogenes Laertios galt als Quelle für die Kenntnis der stoischen Logik. Seit der Wiederentdeckung der stoischen Aussagenlogik durch Jan Łukasiewicz haben die betreffenden Texte aber noch an Interesse gewonnen.

Aus dem Werk geht eindeutig hervor, dass die Aussagenlogik nicht erst auf die stoische Schule zurückgeht, sondern von den ‚Dialektikern‘ (die früher mit den ‚Megarikern‘ identifiziert wurden) entwickelt wurde. Die Begründer der Stoa, Zenon und Chrysippos, haben die aussagenlogischen Ansätze der Dialektiker Diodoros Kronos und Philon von Megara übernommen und modifiziert.

Bei Diogenes findet man bereits eine konsequente Lehre von den „unbeweisbaren“ Argumenten, das sind die Axiome der stoischen Aussagenlogik. Aus einer Stelle von Diogenes’ Berichten geht sogar hervor, dass Philon eine wahrheitsfunktionale Theorie der materialen Implikation vertreten hat, wie sie nach ihm erst wieder Ludwig Wittgenstein in seiner Logisch-philosophischen Abhandlung entwickelte. Auch für die Trugschlüsse, mit denen sich die Stoiker und vor allem die Dialektiker sehr ausführlich beschäftigt haben, ist das Werk von Diogenes eine wichtige Quelle.

Textausgaben und Übersetzungen

  • Herbert S. Long (Hrsg.): Diogenis Laertii vitae philosophorum. Clarendon Press, Oxford 1964 (die ältere Standardausgabe, gilt als problematisch)
  • Miroslav Markovich, Hans Gärtner (Hrsg): Diogenis Laertii vitae philosophorum. 3 Bände. Teubner, Stuttgart/Leipzig 1999 (Bände 1 und 2) und Saur, München/Leipzig 2002 (Band 3: Indices) (maßgebliche Edition)
  • Otto Apelt, Hans Günter Zekl, Klaus Reich: Diogenes Laertius, Leben und Meinungen berühmter Philosophen. 3. Auflage, Meiner, Hamburg 1998, ISBN 978-3-7873-1361-7 (nur Übersetzung)
  • Fritz Jürß: Diogenes Laertios, Leben und Lehre der Philosophen. Reclam, Stuttgart 1998, ISBN 978-3-15-009669-7 (nur Übersetzung)

Literatur

  • Aufstieg und Niedergang der römischen Welt (ANRW) Reihe II Bd. 36.5 und 36.6. De Gruyter, Berlin 1992 (darin 13 Aufsätze zu Diogenes Laertios)
  • Diogene Laerzio storico del pensiero antico (= Elenchos. Rivista di studi sul pensiero antico Bd. 7, Napoli 1986) (neun Aufsätze über Diogenes Laertios)
  • Tiziano Dorandi: Laertiana. De Gruyter, Berlin 2009, ISBN 978-3-11-020914-3 (wichtig für die Rezeptionsgeschichte)
  • Jørgen Mejer: Diogenes Laertius and his Hellenistic Background. Steiner, Wiesbaden 1978, ISBN 3-515-02686-X
  • Jørgen Mejer: Diogène Laërce. In: Richard Goulet (Hrsg.): Dictionnaire des philosophes antiques, Bd. 2, CNRS Éditions, Paris 1994, ISBN 2-271-05195-9, S. 824–833

Weblinks

 Commons: Diogenes Laertios – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wikisource: Diogenes Laertios – Quellen und Volltexte (Griechisch)
Textausgaben und Übersetzungen
  • H. S. Long: Vitae, altgriechischer Text, Oxford 1964.
  • R. D. Hicks: Vitae, englische Übersetzung und altgriechischer Text, Cambridge 1925.
  • Philippe Remacle: Vitae, altgriechischer Text und französische Übersetzung, Paris 1840.
Literatur

Einzelnachweise

  1. Einleitung zur Übersetzung von Fritz Jürß, S. 21–22.

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