Die schöne Magelone


Die schöne Magelone
Titelblatt von Die schön Magelona, Augsburg 1535
Titelblatt der ersten niederdeutschen Ausgabe der schönen Magelona, Hamburg 1601

Die schöne Magelone ist ein Erzählstoff, der im 15. Jahrhundert in Frankreich als Prosaroman entstand und in Deutschland durch die Übersetzung von Veit Warbeck (Erstdruck Augsburg 1535) ungemein populär wurde.

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

Magelone ist die Tochter des Königs von Neapel. Magelone und Graf Peter von Provence verlieben sich ineinander, obwohl Magelone einem anderen versprochen ist, und fliehen gemeinsam vom Hof. Als ein Vogel den Ring der Magelone raubt und Peter ihn verfolgt, gerät er in türkische Sklaverei. Er kann zwar entkommen, aber erst nach jahrelanger Irrfahrt wieder seine Magelone in die Arme schließen, die inzwischen ein Armenspital gegründet hat.

Entstehung und Rezeption

Die Geschichte von der Magelone geht auf Erzählungen aus dem Umkreis der Sammlung Tausendundeine Nacht zurück. Vor allem in der Geschichte des Prinzen Kameralzaman von Khaledan und der chinesischen Prinzessin Budur finden wir die Motivkonstellation wieder. Der französische, anonyme Prosaroman Ystoire du vaillant chevalier Pierre filz du conte de provence et de la belle Maguelonne ist seit der Mitte des 15. Jahrhunderts in Handschriften und seit 1472 in zahlreichen Drucken überliefert. Er wurde zweimal ins Deutsche übersetzt. Während die erste Übersetzung (um 1470?) durch einen Anonymus ohne Resonanz blieb und nur in einer Handschrift vorliegt (Staatsbibliothek zu Berlin, derzeit in Krakau, mgq 1579, um 1525) entfaltete die 1527 von Veit Warbeck dem späteren Kurfürsten Johann Friedrich von Sachsen gewidmete Übertragung, die posthum 1535 bei Steiner in Augsburg erschien, eine um so größere Wirkung. Sie zählt, wiederholt gedruckt (allein Steiner brachte bis 1545 acht Auflagen heraus), zu den frühneuzeitlichen Volksbüchern, die begeistert verschlungen wurden.

Vermutlich das ergreifendste Zeugnis für die allgemeine Bekanntheit des Textes liefern die Archivalien der Nördlinger Hexenverfolgung. Im Kassiber der 1590 als Hexe verbrannten Rebecca Lemp an ihren Mann Peter vom 2. August 1590 heißt es: O Schaz Deiner vnschuldigen Magalona. Rebecca und ihr Mann Peter haben ihre Liebe also nach einem literarischen Muster stilisiert. Indem Rebekka Lemp den Namen Magelone annimmt, wirft sie auf die tragische Trennung von dem geliebten Ehemann Peter "„das Licht einer als verbindlich erfahrenen Geschichte von Liebe und Abenteuer. Weit davon entfernt, kokettes Spiel zu sein, bezeugt diese Anspielung die Wirkmächtigkeit eines literarischen Modells und erfüllt den sonst so schillernden Begriff literarischer Identifikation mit Leben."“[1].

Es gibt etliche Zeugnisse, in denen die Warbecksche Magelona im Kontext anderer frühneuzeitlicher Volksbücher erwähnt wird, beispielsweise in einem Roman von Johann Beer aus dem 17. Jahrhundert:

"Winterszeit setze ich mich über die Spanische Winter-Nächte, und wann das Gesind ihre Rupffen und das Werck spinnen, so laß ich ihnen durch meinen Jungen den Dietrich von Bern oder den Ritter Otto aus Ungarn vorlesen [...] und dergleichen, da seuftzen denn die alten Mütterlein zuweilen von Grund ihres Hertzens, wann so eine Zeitung von der Magelona kommt, und was der Narren-Possen mehr seyn mögen" (zitiert nach Steinlein 1982).

Ein aufgeklärt gesinnter Anonymus brach in der Berlinischen Monatsschrift 1785 (Jg. 6, S. 300) den Stab über das Werk: "Ein langweiliges Ding, das jedoch Jungfern und Frauen in vielen kleinen Städten mit großer Geduld lesen, vermuthlich weil sie nichts anders zu lesen haben".

Im 19. Jahrhundert fand der Stoff Aufnahme in die Volksbuchsammlungen von Gustav Schwab, G. O. Marbach und Karl Simrock.

Im 16. Jahrhundert behandelte Hans Sachs die Geschichte 1554/55 gleich dreimal. Mit anderen Namen legte Lope de Vega den Stoff seinem Drama Los tres diamantes (1609) zugrunde.

Zu Goethes Knabenzeit war die Magelone in einer günstigen Frankfurter Löschpapierausgabe verbreitet, und auch der deutsche Dichter hat sie als Kind gelesen.

Die bedeutendste literarische Bearbeitung legte 1797 Ludwig Tieck mit Liebesgeschichte der schönen Magelone und des Grafen Peter von Provence vor. 15 Romanzen daraus vertonte Johannes Brahms (op. 33).

Nach der Fassung im Buch der Liebe (Frankfurt am Main 1587) gab Hans-Gert Roloff Warbecks Magelone 1969 als Nr. 1575 von Reclams Universal-Bibliothek heraus.

Parodistisch näherte sich dem Stoff 2000 Peter Bichsel (Der Busant).

Literatur

  • Gertrud Klausner: Die drei Diamanten des Lope de Vega und die schöne Magelone; Berlin (Felber) 1909, Nachdruck Nendeln/FL (Kraus) 1977
  • Felix Karlinger (Hg.): Romanische Volksbücher. Querschnitte zur Stoffgeschichte und zur Funktion ausgewählter Texte; Darmstadt (WBG) 1978 ISBN 3-534-07154-9
  • Gmünder Volkshochschule (Hg.): Veit Warbeck und die kurzweilige Historia von der Schönen Magelone; Schwäbisch Gmünd 1985 (Ausstellungskatalog)
  • Werner Röcke, Minne, Weltflucht und Herrschaftslegitimation. Wandlungen des späthöfischen Romans am Beispiel der »Guten Frau« und Veit Warbecks »Magelone«; in: G. Stötzel (Hg.), Germanistik. Forschungsstand und Perspektiven, Bd.2, Berlin u. New York (1985), S. 144–159.
  • Armin Schulz: Poetik des Hybriden. Schema, Variation und intertextuelle Kombinatorik in der Minne- und Aventiureepik: Willehalm von Orlens - Partonopier und Meliur - Wilhelm von Österreich - Die schöne Magelone; Erich Schmidt Verlag Berlin 2000, ISBN 3-503-04964-9
  • Hans-Hugo Steinhoff: Magelone, in: Enzyklopädie des Märchens Band 8, Berlin (de Gruyter) 1996, Sp. 1414-1418 ISBN 3-11-014339-9
  • Hans-Hugo Steinhoff: Magelone, in: Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon; Band 5, Berlin (de Gruyter) 1985, Sp. 1142–1148 (ISBN 3-11-009909-8)
  • W. Theiß, Die »Schöne Magelona« und ihre Leser. Erzählstrategie und Publikumswechsel im 16. Jahrhundert; in: Euphorion 23 (1979), S. 132–148

Weblinks

Primärtexte

Sekundäres

Einzelnachweise

  1. Klaus Graf: Veit Warbeck, der Übersetzer der „Schönen Magelone“ (1527) und seine Familie, in: Einhorn-Jahrbuch Schwäbisch Gmünd 1986, Seite 139-150, hier Seite 139

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