Datumsgrenze


Datumsgrenze
Die aktuelle Datumsgrenze auf dem oder nahe beim 180. Längengrad. Die erhebliche Ausbuchtung nach Osten südlich des Äquators hat der Inselstaat Kiribati 1994 vorgenommen. Status: 2008

Die Datumsgrenze verläuft in der Nähe des 180. Längengrads durch den Pazifischen Ozean. Beim Überschreiten dieser Grenze ist das Kalenderdatum zu wechseln. Reist man von West nach Ost, gelangt man in den vorangegangenen, bei umgekehrter Richtung in den nächsten Kalendertag.

Es ist notwendig, bei östlicher, das heißt der Sonne entgegengesetzter Reise die Uhr bei jedem Wechsel der Zeitzone vorzustellen. Würde man an der Datumsgrenze das Datum nicht zurück stellen, hätte man nach einer Erdumrundung 24 Stunden (= 1 Tag) Zeit "erzeugt", was grundsätzlich nicht möglich ist. Die "Tilgung" von Zeit bei umgekehrter Reiserichtung wäre ebenso eine Illusion. Beim Überschreiten der Datumsgrenze wird eine Reise durch alle Zeitzonen in der Gegenrichtung um die ganze Erde simuliert. Hilfreich ist die Vorstellung, dasjenige Datum anzunehmen, das ein Reisender mitbringt, der in der Gegenrichtung bis an die Datumsgrenze gereist ist. Der West-, das heißt mit der Sonne Reisende hat seine Uhr fortwährend zurück gestellt. Sein Datum ist um einen Tag kleiner als das des Ostreisenden.

Grundsätzlich könnte jeder Längengrad Datumsgrenze sein. Die heutige Lage ist Folge einer internationalen Vereinbarung. Die meisten Menschen leben weit weg von dieser Grenze. Dass bei ihren Nachbarn Mitternacht und damit der Datumswechsel etwas früher oder später eintritt, hat wegen der dünnen Besiedlung keine großen Auswirkungen. Für die an der Datumsgrenze lebenden Menschen besteht die ungewöhnliche Situation, dass nahe, aber auf der anderen Seite der Grenze lebende Nachbarn immer ein anderes Datum haben.

Inhaltsverzeichnis

Notwendigkeit einer Datumsgrenze

Notwendigkeit der Datumsgrenze
Blick auf den Nordpol der ruhend gedachten Erde
Zeitangaben in Wahrer Ortszeit

Die Uhrzeit ist prinzipiell am Gang der Sonne (Erdrotation) ausgerichtet, welche den Tagesablauf des Menschen vorgibt. Daraus ergibt sich, dass jeder Ort mit einer anderen geografischen Länge eine entsprechend andere Uhrzeit hat. Der Versatz beträgt 1 Stunde pro 15°, da 24 Stunden 360° entsprechen.

Betrachtet man ein in sich abgeschlossenes Gebiet der Erde, so lässt sich leicht für dieses Gebiet eine einheitliche Datumsskala festlegen, die nacheinander von Ost nach West durchlaufen wird. Reist man um einen bestimmten Winkel in westliche Richtung, so muss man die Uhrzeit entsprechend reduzieren, reist man in östliche Richtung, so muss man die Uhrzeit entsprechend erhöhen. Überschreitet man bei der Reise Mitternacht, befindet man sich im nächsten bzw. vorhergehenden Tag.

Betrachtet man jedoch die Erde als Ganzes, so besteht das Problem, dass jeder Punkt sowohl durch östliche als auch durch westliche Umrundung der Erde erreicht werden kann. Zwar wäre die resultierende Uhrzeit bei jeder der beiden Umrundungen gleich, jedoch hätte man in einer der beiden Richtungen Mitternacht passiert, so dass sich ein anderer Tag ergäbe. Es gäbe also kein eindeutig definiertes Datum für den Zielpunkt. Umrundet man die Erde ganz, so hätte man sogar für den Ausgangspunkt − je nach Richtung – ein um einen Tag abweichendes Datum im Vergleich zu jenen, die am Ausgangspunkt verblieben sind.

Diese Uneindeutigkeit lässt sich nur aufheben, indem man willkürlich eine Grenze festlegt, die bei der Berechnung von Datum und Uhrzeit anhand der Längendifferenz nicht überschritten werden darf, beziehungsweise bei deren Überschreitung ein Tag hinzugefügt oder weggenommen werden muss, so als wäre man in der anderen Richtung um die Erde gereist.

Anders formuliert: Das Datum wechselt immer (einmal) an dem Meridian, wo es gerade 24:00/00:00 Uhr ist (Mitternachtslinie). Dieser „natürliche“ (erste) Datumswechsel wandert mit dem Gegenpunkt der Sonne einmal pro Tag um die Erde herum. Zwangsläufig muss es einen zweiten Datumswechsel geben, damit die Erde in zwei Bereiche mit dem alten (gestern) und dem neuen Datum (heute) aufgeteilt werden kann, siehe Skizze, rechts. Dieser andere Datumswechsel findet per Konvention an der Datumsgrenze statt, die etwa am 180. Längengrad liegt.

Historische Karte der Datumsgrenze – Scheidelinie für Wochentag und Datum

Geschichtliche Entwicklung

Die ersten, die mit den oben beschriebenen Problemen konfrontiert waren, waren die Seefahrer unter Ferdinand Magellan, denen 1519 bis 1522 die erste Weltumseglung gelang. Da ihnen das Phänomen noch unbekannt war, war die Verwirrung groß, als die wenigen Überlebenden des Unternehmens wieder in Spanien ankamen und trotz sorgfältiger Zählung anhand der Logbucheintragungen ein um einen Tag abweichendes Datum nannten als die Daheimgebliebenen. Da die Seeleute sehr gläubig waren, war ihre größte Sorge, dass sie die heiligen Feiertage nicht richtig begangen hatten, weshalb sie in die Kirche gingen, um ihre vermeintliche schwere Sünde zu beichten. Die Logbücher wurden Kopernikus übergeben, der das bis dahin bestehende Rätsel löste.

Nachdem die Notwendigkeit einer Datumsgrenze erkannt wurde, wurde diese in den Pazifik gelegt, da bei einer Platzierung in einem Ozean kein zusammenhängendes Gebiet zerteilt würde und der Pazifik seltener durchquert wurde als der Atlantik. Außerdem entsprach dies dem eurozentrischen Weltbild, da sich der Pazifik auf der Europa gegenüberliegenden Seite der Erde befindet. Bei jeder Durchquerung des Pazifiks von Ost nach West oder umgekehrt musste also ein Tag addiert bzw. subtrahiert werden.

Die Festlegung einer genauen und möglichst mit einem Längengrad zusammenfallenden Datumsgrenze wurde erst mit der 1884 erfolgten internationalen Vereinbarung für den Meridian von Greenwich als Nullmeridian und der folgenden Einführung der Zeitzonen möglich.

Heutiger Verlauf der Datumsgrenze

Tschuktschen-Halbinsel

Der 180. Längengrad verläuft überwiegend durch Gewässer, weshalb er sich auch als Datumsgrenze anbietet. Eine der ersten Stellen (von Norden aus betrachtet), wo er über Land verläuft, ist die zu Russland gehörende Tschuktschen-Halbinsel, weshalb die Datumsgrenze hier östlicher durch die Beringstraße gelegt wurde. Die Zeitzone UTC+12 wurde bis zur Beringstraße ausgedehnt (seit 2010 der Zeitzone UTC+11 zugeschlagen).

Zerteilte Inselgruppen

Der 180°-Meridian auf Taveuni (Fidschiinseln, die aber westlich der östlich verschobenen Datumsgrenze liegen)

Wo der 180. Längengrad Inselgruppen durchquert, wurde bei der Festlegung der Datumsgrenze deren politische Zugehörigkeit berücksichtigt. Da sich diese im Laufe der Jahre geändert hat, war auch die Datumsgrenze verschiedenen Änderungen unterworfen.

Aleuten

Die Aleuten – Hoheitsgebiet der Vereinigten Staaten – liegen zwar beiderseits des 180. Längengrades, ihre westlichen Inseln gehören aber zu UTC-10. Hier ist die Datumsgrenze also westlich ausgebeult. Einige neuseeländische Inseln sorgen hingegen dafür, dass die Datumsgrenze auf der Südhalbkugel leicht in Richtung Osten verschoben ist.

Kiribati

Lange Zeit war der mikronesische Inselstaat Kiribati, dessen winzige Eilande sich über fast 5.000 km in Ost-West-Richtung im Pazifik erstrecken, durch die Datumsgrenze geteilt, was zunächst kein großes Problem darstellte.

Im Zuge der Entwicklung des Staates aber war auch hier eine Festlegung auf ein Datum nötig. Kiribati entschied sich dafür, dass es komplett westlich der Datumsgrenze liegen sollte. Dies führte zur bisher stärksten Verschiebung der Datumsgrenze Richtung Osten, die am 1. Januar 1995 wirksam wurde.

Diese Anpassung führte dazu, dass das östlichste Eiland Kiribatis offiziell der erste Teil der Welt war, der das Jahr 2000 begrüßen konnte. Werbeträchtig wurde diese Insel daher in „Millennium Island“ (deutsch etwa Jahrtausendinsel) umbenannt.

Im Osten Kiribatis hat die Datumsgrenze eine Ausbeulung. Hier gibt es kurze Stellen, an denen der sonst übliche Datumswechsel umgekehrt zu erfolgen hat.[1]

Philippinen

Einen ganzen Tag in der Geschichte übersprungen haben die Philippinen. Da sie engen Handel mit Mexiko betrieben, richteten sie sich nach deren Datum, befanden sich also östlich der Datumsgrenze. Als die Handelsbeziehungen mit China zunahmen, entschied man sich für eine Angleichung an die asiatischen Nachbarn. Hierdurch wurde die Datumsgrenze Richtung Westen übersprungen, wodurch die Philippinen einen ganzen Tag in ihrer Zeitrechnung verloren: auf Montag, den 30. Dezember 1844, folgte Mittwoch, der 1. Januar 1845.

Merkspruch

Um herauszufinden, ob bei der Überquerung der Datumsgrenze ein Tag zu addieren oder zu subtrahieren ist, gilt in der Seefahrt der nachfolgende Merkspruch:

Von Ost nach West halt’s Datum fest,
von West nach Ost lass’ Datum los.

Ost und West beziehen sich dabei nicht auf die Himmelsrichtung, in die man reist, sondern auf die vom Nullmeridian aus gesehen westliche oder östliche Hemisphäre, also die Gebiete westlicher oder östlicher Länge. In der Seefahrt wird in der Praxis so verfahren, dass nach Passieren der Datumsgrenze mit östlichem Kurs (von Ost nach West) die nächste Seite im Seetagebuch (Logbuch) dasselbe Datum wie der Vortag erhält (halt’s Datum fest). Bei westlichen Kursen (von West nach Ost) wird das nächste Datum ausgelassen (lass’ Datum los). Eine neue Seite wird unbeschadet der Uhrzeit, zu der die Datumsgrenze passiert wird, zur nächsten Mitternacht begonnen.

Trivia

In dem mehrmals verfilmten Roman In 80 Tagen um die Welt von Jules Verne vergisst der Protagonist Phileas Fogg beim Überschreiten der Datumsgrenze in östlicher Richtung, das Datum einen Tag zurückzustellen, und entdeckt diesen Fehler erst am Ende der Reise in London. Dieser Umstand führt zu einem spannenden Ausgang der Wette, die Erde in höchstens 80 Tagen zu umrunden.

Umberto Ecos Roman Die Insel des vorigen Tages behandelt eine teilweise mystizistische Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Längengrade, insbesondere des 180.

Einzelnachweise

  1. Gedanken zu Datumsgrenze, Nullmeridian und Zeitzonen: vgl. 10.5. Stellen auf der Datumsgrenze, wo sich das Datum in umgekehrter Weise ändert

Weblinks


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