Ökosophie

Ökosophie

Ökosophie (engl. ecosophy) und Ökophilosophie (engl. ecophilosophy) sind Neologismen, die aus dem Begriff ökologische Philosophie gebildet wurden.

Diese Begriffe prägten die Theorien des norwegischen Begründers der Tiefenökologie Arne Næss, des französischen Philosophen Félix Guattari und des spanischen Philosophen Raimon Panikkar.

Inhaltsverzeichnis

Arne Naess

Arne Næss

1972 führte Arne Naess die Begriffe "Tiefenökologie-Bewegung" und "Ökosophie" in Umweltliteratur ein[1], nachdem er 1972 seine Idee bereits auf der "Third World Future Research Conference" in Bukarest vorgestellt hatte.

Naess definiert Ökosophie als Philosophie der ökologischen Harmonie bzw. des ökologischen Gleichgewichts, wobei Philosophie für ihn eine offen normative Weisheit ist.[2]

Félix Guattari

Félix Guattari

Ökosophie bezeichnet auch einen Bereich der Praxis. In dieser Bedeutung wurde der Begriff vom französischen Philosophen Félix Guattari eingeführt. Er benutzt ihn, um das marxistische Paradigma der sozialen Revolution in ein ökologisches Konzept einzubeziehen, das die Verbindungen der sozialen Sphäre und der Umweltsphäre berücksichtigt.

Guattari meint, dass die traditionellen Umweltschutzperspektiven der Komplexität der Beziehung zwischen Menschen und ihrer natürlichen Umgebung nicht gerecht werden, da sie eine dualistische Trennung von menschlichen (kulturellen) und nichtmenschlichen (natürlichen) Systemen beinhalten. Die Ökosophie soll diesen Perspektiven einen Ansatz gegenüberstellen, der monistisch und pluralistisch ist. Ökologie ist nach Guattari also eine Untersuchung komplexer Phänomene, die die menschliche Subjektivität, die Umwelt und die sozialen Beziehungen, die miteinander eng verbunden sind, einschließt. Im Lauf der Zeit und durch die Zusammenarbeit mit Gilles Deleuze betonte Guattari zunehmend die Heterogenität und Differenz gegenüber der Einheitlichkeit und dem Holismus.

Guattari's Konzept der drei interagierenden und voneinander abhängigen Ökosysteme des Geistes, der Gesellschaft und der Umwelt stammen von dem Konzept der drei Ökologien, das Gregory Bateson entwickelt hat.[3]

Raimon Panikkar

Der Begriff Ökosophie wird von Raimon Panikkar verwendet, um die Kunst des Umgangs mit der Natur[4] zu bezeichnen. Im Vergleich zur Ökologie möchte er mit "Ökosophie" eine ganzheitliche Sicht der Natur darstellen, welche Menschen, Tiere und Pflanzen jeweils als Teil der Schöpfung bedenkt bzw. als Mitschöpfung. In dieser Sicht ist die Natur kein Objekt, sondern ein Subjekt, dessen Bedürfnisse und Lebensäußerungen von den Menschen wahrzunehmen und zu beherzigen sind. Insofern richtet sich die Ökosophie gegen die Vergegenständlichung und Ausbeutung der Natur.

Gemäß Ökosophie erfolgt das menschliche Engagement "erst als Antwort auf den Anspruch der Erde"[5]. Das Hinhören "ist wichtiger als das Denken und Ausdenken. Das Hinhören bestimmt sowohl das Denken wie auch die Antwort auf das Hingehörte" [6]. In ökosophischer Perspektive geht es für die Menschen darum, die Weisheit der Natur zu erkennen und mit ihr in einen symbiotischen Lebenszusammenhang zu treten. Ökosophen insistieren auf der Kontextualität und Verbundenheit aller Lebewesen und Lebensformen und betonen, dass die technisch-naturwissenschaftliche Sichtweise der Welt nur eine bestimmte Perspektive ist, welche die Ergänzung durch andere Perspektiven braucht.

Ökosophie ist nicht mit dem Pantheismus zu verwechseln, da sie die Schöpfung nicht mit Gott oder dem Göttlichen identifiziert. Vielmehr wird in ökosophischer Perspektive die Welt als Gewebe begriffen, das aus drei Dimensionen geflochten ist, nämlich aus dem Göttlichen, dem Menschlichen und dem Kosmischen.

Einzelnachweise

  1. Arne Næss: Shallow and the Deep. Oslo: Inquiry 1972
  2. A. Drengson/Y. Inoue (Hrsg.): The Deep Ecology Movement: An Introductory Anthology. Berkeley: North Atlantic Publishers. A. Drengson/Y. Inoue, 1995, S. 8
  3. Gregory Bateson: Steps to an Ecology of Mind
  4. Raimon Panikkar: Gott, Mensch und Welt, Petersberg 1999, S. 132.
  5. Francis D'Sa: Regenbogen der Offenbarung, Frankfurt a.M./London 2006, S. 142.
  6. Francis D'Sa: Regenbogen der Offenbarung, Frankfurt a.M./London 2006, S. 142.

Literatur

  • A. Drengson/Y. Inoue (Hrsg.): The Deep Ecology Movement: An Introductory Anthology. Berkeley: North Atlantic Publishers.
  • Félix Guattari: The Three Ecologies. Trans. Ian Pindar & Paul Sutton, London & New Brunwick, NJ: The Athlone Press 2000
  • David Maybury-Lewis: On the Importance of Being Tribal: Tribal Wisdom. Millennium: Tribal Wisdom and the Modern World. Binimun Productions Ltd 1992
  • Arne Næss: Shallow and the Deep. Oslo: Inquiry. 1972
  • Francis D'Sa: Regenbogen der Offenbarung: Das Universum des Glaubens und das Pluriversum der Bekenntnisse. Frankfurt a.M./London 2006 (Theologie interkulturell; 16).
  • U. Kumher: Ökosophie - eine überlebensnotwendige Perspektive für das 21. Jahrhundert. In: cpb 123/1, 8-13.
  • Raimon Panikkar: Gott, Mensch und Welt. Die Drei-Einheit der Wirklichkeit. Petersberg 1999.
  • Raimon Panikkar: Ökosophie, oder: Der kosmotheandrische Umgang mit der Natur. In: Kessler, H. (Hrsg.): Ökologisches Weltethos im Dialog der Kulturen und Religionen. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1996, 58-66.

Weblinks


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