Chile-Haus

Chile-Haus
Das Chilehaus von Nordosten

Das Chilehaus ist ein zehnstöckiges Kontorhaus im Hamburger Kontorhausviertel, das beispielgebend für den Backsteinexpressionismus der 1920er Jahre war, der von Backsteingotik und Expressionismus inspiriert war.

Der gewaltige Baukörper mit 5.950 Quadratmetern Grundfläche und 36.000 Quadratmetern Nutzfläche überspannt eine Straße, die Fischertwiete.[1] Berühmt wurde das Gebäude durch seine Spitze, die an einen Schiffsbug erinnert und an der die Fassaden an den Straßen Pumpen[2] und Burchardstraße spitz zusammenlaufen. Es verfügt damit europaweit über den spitzesten Fassadenwinkel. Den besten Blick auf die Spitze hat man von Osten. Durch eine starke vertikale Gliederung und die zurückgesetzten oberen Stockwerke wird – zusammen mit der geschwungenen Fassade an den Pumpen – trotz der Größe ein Eindruck von Leichtigkeit vermittelt.

Der Bau wurde von dem Hamburger Architekten Fritz Höger entworfen und 1922–1924 ausgeführt. Bauherr war der Reeder Henry B. Sloman, der sein Vermögen durch den Handel mit Salpeter aus Chile erworben hatte. In Hamburg war es üblich, den Kontorhäusern Namen zu geben. Da die Reederei Robert M. Sloman jr. bereits ihr 1908–10 erbautes Kontorhaus am Baumwall Slomanhaus genannt hatte, entschloss sich Henry B. Sloman, seinem Haus in Erinnerung an seine 32-jährige Tätigkeit in Südamerika den Namen „Chilehaus“ zu geben. Am keramischen Wandschmuck der Fassade und der Treppenhäuser war der Bildhauer Richard Kuöhl maßgeblich beteiligt. Die Baukosten konnten – bedingt durch die Inflation und die anschließende Währungsumstellung – bei der Fertigstellung 1924 nur geschätzt werden, und zwar auf rund 10 Millionen Reichsmark.

Briefmarke aus der Serie Sehenswürdigkeiten (1988)
Das Chilehaus zur Erbauungszeit

Das Gebäude grenzt im Süden an den Meßberg, einen ehemaligen Gemüsemarkt. Die Speicherstadt liegt ebenso wie der Hauptbahnhof in unmittelbarer Nähe. Im Haus ließen sich viele kleine Import- und Exportfirmen nieder, die jeweils nur wenige Räume benötigten, um ihrem Gewerbe nachgehen zu können.

Bereits vor dem großen Brand von 1842 bestand in der südlichen Altstadt ein Wohngebiet, das mit schmalen, tiefen Bauparzellen noch eine mittelalterliche Struktur besaß. Als eines der großen Hamburger Gängeviertel wurde das Gebiet infolge der Choleraepidemie von 1892 neu gegliedert. Die Sanierung dieses Gebiets wurde maßgeblich von dem Hamburger Oberbaudirektor Fritz Schumacher beeinflusst, weitere Kontorhäuser entstanden hier ebenfalls als reine Klinkerbauten, beispielsweise der Sprinkenhof.

In einem nachgelassenen Aufsatz berichtet Höger von 17 Senatsanträgen zum Bau, unter anderem auch für die Überbauung der öffentlichen Straße Fischertwiete. Seine Entwürfe fanden zunächst beim Bauherrn und der Fassadenkommission wenig Gefallen, da der monumentale Bau 2.800 gleiche Fenster aufwies und Langeweile befürchtet wurde. Zur Auflockerung der Dachkonstruktion wurde als neue Lösung mit Staffelgeschossen gearbeitet, die dem Bauherrn als zu neumodisch erschienen. Die 1906–1908 von Albert Erbe erbaute Polizeiwache am Klingberg wurde vollständig in den Komplex des Chilehauses integriert.

Im Vorgriff auf einen Zugang zur Hamburger U-Bahn wurden bereits bei der Planung entsprechende Baumaßnahmen berücksichtigt. Der Anschluss unterblieb jedoch und so ist der Gang heute Bestandteil der Kellergewölbe.

Der Untergrund war sehr schlecht; für den Bau wurden bis zu 16 m lange Eisenbetonpfähle mit einer Gesamtlänge von 18.000 m verbaut. Die Nähe der Elbe machte eine besondere Abdichtung der Keller notwendig, der Heizungsraum wurde als beweglicher Caisson ausgeführt, der bei Springfluten aufschwimmen konnte. Zum verwendeten Bockhorner Klinker schreibt Höger: „Erwähnt sei noch, daß ich für die Fronten des Chilehauses ausgerechnet Ausschußklinker wählte, die sonst normalerweise allenfalls für Schweinställe, Fußböden-Pflasterungen gut genug gehalten würden. Mir aber waren diese deformierten Brocken für meinen Riesenbau gerade so gut, nur durch ihre natürliche Knupperigkeit, so wie sie durch höchste Feuersglut wurden, waren sie mir lieb, nur ihnen verdanke ich einen Großteil der Wirkung des Riesenbaus, durch sie erhielt der Bau seine Beschwingtheit und nahm dem Riesen seine Erdenschwere.“

Das Chilehaus wurde zum Hauptwerk seines Architekten Fritz Höger. Mitten in der Inflationszeit begonnen, wurde es zum Ausdruck des Aufbauwillens der Hamburger Wirtschaft nach dem Ersten Weltkrieg. Ende der 1990er Jahre wurde das unter Denkmalschutz stehende Gebäude saniert. Es ist heute im Besitz des Immobilienfonds der Union Investment Real Estate AG (ehemals DIFA Deutsche Immobilien Fonds AG). Das Chilehaus ist u. a. Sitz der TV-Produktionsfirma und SPIEGEL-Tochter SPIEGEL TV.

Einzelnachweise

  1. Twiete“ bezeichnet eine Nebengasse als Verbindung zweier Straßen.
  2. Der ungewöhnliche Straßenname bezieht sich auf die frühere Wasserversorgung Hamburgs. 1527 erfolgte die Benennung „Bei den Pumpen“, die 1899 auf „Pumpen“ verkürzt wurde. (Horst Beckershaus; Hans Otto Möller: Die Hamburger Straßennamen. Woher sie kommen und was sie bedeuten. Die Hanse, Hamburg 2002, S. 288, ISBN 3-434-52603-X)

Literatur

  • Alfred Kamphausen: Der Baumeister Fritz Höger. (Studien zur schleswig-holsteinischen Kunstgeschichte, Bd. 12), Verlag K. Wachholtz, Neumünster 1972
  • Harald Busch; Ricardo Frederico Sloman: Das Chilehaus in Hamburg. Sein Bauherr und sein Architekt. Festschrift aus Anlass des 50jährigen Bestehens 1924–1974. Hrsg. von Friedrich Wilhelm Sloman u. Hans Jürgen Sloman im Auftrag d. GbR „Chilehaus-Verwaltung“, Christians, Hamburg 1974, ISBN 3-7672-0297-2
  • Ingrid Hansen: Hamburger Bau- und Kulturdenkmale. Innenstadt und Hafenrand. Hrsg. von der Kulturbehörde, Denkmalschutzamt Hamburg, Christians, Hamburg 1992, ISBN 3-7672-1078-9
  • Rainer Stommer: Hochhaus. Der Beginn in Deutschland. Jonas, Marburg 1990, ISBN 3-922561-95-0
  • Piergiacomo Bucciarelli: Fritz Höger. Hanseatischer Baumeister 1877–1949. Vice Versa Verlag, Berlin 1992, ISBN 3-9803212-0-7
  • Dietrich Neumann: Die Wolkenkratzer kommen! Deutsche Hochhäuser der Zwanziger Jahre. Debatten, Projekte, Bauten. Vieweg, Braunschweig u. Wiesbaden 1995, ISBN 3-528-08815-X
  • Heike Werner; Mathias Wallner: Architektur und Geschichte in Deutschland. Werner, München 2006, ISBN 3-9809471-1-4 (zum Chilehaus S. 122–123)

Weblinks

53.54805555555610.0016666666677Koordinaten: 53° 32′ 53″ N, 10° 0′ 6″ O


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