Kastell Szentendre


Kastell Szentendre
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Kastell Szentendre
Alternativname a) Ulcisia Castra
b) Castra Constantia
Limes Pannonischer Limes
Abschnitt 3
Datierung (Belegung) domitianisch-trajanisch
bis frühes 5. Jahrhundert
Typ Kohortenkastell
Einheit a) bis 175 n. Chr.: unbekannt
b) 175 n. Chr.: Cohors I milliaria Aurelia Antonina Surorum, später umbenannt in Cohors milliaria nova Severiana (Antoniniana) Surorum equitata civium Romanorum
Größe 134 × 205 m
Bauweise a) Holz-Erde
b) Stein
Erhaltungszustand teilweise überbaut; Reste sind zu besichtigen
Ort Szentendre
Geographische Lage 47° 39′ 54″ N, 19° 4′ 22,8″ O47.66499166666719.072988888889115
Höhe 115 m
Vorhergehend Burgus Szentendre-Hunka (nördlich)
Anschließend Burgus Szentendre-Dera (südlich) Burgus Szigetmonostor-Horány

Das Kastell Szentendre, in der Antike zunächst als Ulcisia Castra (Wolfslager) gegründet und später in Castra Constantia umbenannt, ist ein ehemaliges römisches Militärlager, das für die Kontrolle eines Donauabschnitts des pannonischen Limes zuständig war. Der Strom bildete hier in weiten Abschnitten die römische Reichsgrenze. Die teilweise ergrabenen und zu besichtigenden Reste der einst von Hilfstruppen (Auxilia) belegten Garnison befinden sich heute unter dem Zentrum der Stadt Szentendre (deutsch St. Andrä) im ungarischen Komitat Pest, oberhalb des westlichen Ufers am Donau-Westarm. Szentendre wurde neben den spätantiken Umbaubefunden am Kastell und den Gräberfeldern auch durch seine mittelkaiserzeitlichen Steindenkmäler und die Villa Rustica im ethnographischen Freilichtmuseum bekannt.

Inhaltsverzeichnis

Lage

Der Limes Pannonicus am Pilisgebirge
Pannonien mit dem vorgelagerten Wallsystem.

Südwestlich von Szentendre, bei der heutigen Ortschaft Pomáz befand sich bereits in der Kupferzeit ein riesiges Gräberfeld.[1] Das Kastell wurde am Ostrand eines Ausläufers des Pilisgebirges auf einer Anhöhe des zur Donau hin abfallenden Geländes nahe am nördlich vorbeifließenden Bükkös-Baches errichtet. Unterhalb der Anlage verlief, fast genau in Nord-Südausrichtung, die bedeutende, dem Donaulauf folgende Heer- und Limesstraße zur zeitweiligen Provinzhauptstadt Aquincum und dem südlich davon gelegenen, gleichnamigen Legionslager. An dieser Straße lag eine dichte Grenzpostenkette mit der vom Kastell aus Sicht- und Signalverbindung bestand.

Die Prätorialfront, die dem Feind zugewandte Seite der Fortifikation, war in östliche Richtung, zum Donau-Westarm und der anschließenden großen Insel Szentendrei (Sankt-Andrä-Insel) hin ausgerichtet. Die Besatzung von Szentendre hatte über diese schmal-längliche Insel hinweg direkte Sichtverbindung zu dem am Ostufer der Insel gelegenen Brückenkopf Horány. Von diesem Punkt aus konnten römische Truppen über den Hauptarm der Donau hinweg direkt ins Barbaricum übersetzen. Diese Garnison befand sich während der Phase des spätantiken, unter Konstantin dem Großen (306–337) oder Konstantin II. (337–340) errichteten Limes Sarmatiae[2][3] in einer militärischen Pufferzone, die Pannonien wohl bis 378 n. Chr. schützen konnte.[4]

Der Limes Sarmatiae bestand aus einem vom Donauknie nach Osten in die ungarische Tiefebene reichenden Erdwallsystem, das dort nach Süden abknickte und direkt auf die an der Donau gelegene mösische Grenzstadt Viminatium zulief. Neben dem in der Pufferzone lebenden, mit Rom verbündeten sarmatischen Stamm der Jazygen sicherten auch einige an den Erdwällen liegende römische Standorte, wie das Kastell Hatuan, die Wallanlage.

Forschungsgeschichte

Der antike Name der Anlage, Ulcisia Castra, blieb durch ein erhalten gebliebenes römisches Straßen- und Ortsverzeichnis, das Itinerarium Antonini bewahrt. Den spätantiken Namen des Platzes überlieferte eine Inschrift sowie das spätantike Staatshandbuch Notitia Dignitatum.[5] Das Kastell hat sich in groben Umrissen bis heute im Weichbild der Stadt erhalten. In einem Bericht von 1736 erwähnt der englische Reisende Richard Pococke erstmals die antike Stätte. Die ersten wissenschaftlichen Ausgrabungen am Kastell wurden von Flóris Rómer (1815–1889) vorgenommen, der Begründer der wissenschaftlichen Archäologie in Ungarn. Die nächsten Untersuchungen fanden erst wieder zwischen den beiden Weltkriegen unter Lajos Nagy († 1947) statt, der die groben Umrisse des Kastells feststellen konnte. Die von Lajos Nagy begonnenen Arbeiten wurden während des 2. Weltkriegs, 1939, 1940, 1942 von Tibor Nagy (1910–1995) fortgesetzt, der den Kastellplan weiter klären und vervollständigen konnte. 1959 fand eine Grabung an der südöstlichen Prätorialfront unter der Leitung von Sándor Soproni statt und 1968 erforschte Márta Kelemen, die damals am Károly-Ferenczy-Museums in Szentendre arbeitete, das Grabensystem an der Westmauer.[6] Als Direktor des Károly-Ferenczy-Museums hatte Soproni bereits von 1951–1961 Grabungen und Untersuchungen in und um Szentendre durchgeführt.[1]

Die ersten Grabungen im Vicus führte Tibor Nagy durch. In den 1970er Jahren wurde dort sowie im Gräberfeld unter Sarolta Tettamanti geforscht.[6] Mit den Arbeiten im Gräberfeld hatte bereits Flóris Rómer begonnen. 1923 und 1924 fand eine Freilegung spätrömischer Bestattungen weiter südlich der Fortifikation statt. Neue Erkundungen führte Lajos Nagy in der großen Grabungskampagne von 1928 durch.[6] In den 1970er Jahren haben in einem weiteren spätrömischen Gräberfeld nahe der südlichen und westlichen Kastellmauer Untersuchungen durch Judit Topál (* 1943) und Éva Maróti stattgefunden. 1993 war das Gelände östlich des Steinkastells Ziel von Grabungen und 1996/97 wurde unter der Leitung von Éva Maróti die Porta decumana, die dort herausführenden Straße und die Nordwestecke der Garnison untersucht.[7] Die Archäologin war zuletzt 2001 vor Ort im Gelände.[8]

Zu besichtigen sind heute die Reste der Porta decumana, eines dahinterliegenden Abschnitts der Innenbebauung sowie die an das Tor nach Nordosten anschließende Wehrmauer mit dem nördlichen Eckturm. Zusätzlich erinnern heute auch zwei Straßennamen an die römischen Ursprünge der Stadt, so die Római sánc utca (Römerwallstraße), die an der ehemaligen Südwestecke des Kastells beginnt und nach Nordwesten verläuft, und die weiter südlich des Kastells verlaufende Római temető utca (Römergräberstraße) im Bereich der spätantiken Grablegen.

Baugeschichte

Lageplan und Grabungsbefunde des Kastells vor 1996.

Mittlere Kaiserzeit

Holz-Erde-Kastell

Erste Spuren zu einem schon lange vermuteten Vorgängerlager in Holz-Erde-Bauweise konnten bei Grabungen 1993 im Osten des Steinkastells festgestellt werden. Daraus ergab sich, dass eine entsprechende Anlage während der domitianisch-trajanischen Epoche (81–117) errichtet worden sein könnte.[7]

Steinkastell

Umwehrung

Das wahrscheinlich erst in nachhadrianischer Zeit[7] in Steinbauweise errichtete Kastell wurde von der Cohors I Thracum (die erste Kohorte der Thraker) sowie einer Bauabteilung der in Aquincum stationierten Legio II Adiutrix (2. Legion „die Helferin“) in spättrajanischer Zeit vollendet. Die trapezoide, 134 × 205 Meter große und heute teilüberbaute Anlage konnte an mehreren Punkten gezielt untersucht werden. So sind neben einigen Türmen und Resten der Umwehrung drei der ursprünglich vier Kastelltore bekannt. Die Stärke der Lagermauern schwankte. Sie betrug an der Nordwestmauer zwischen 1,50–1,25 Meter, maß an der südöstlichen Schmalseite 1,14 Meter und an der südwestlichen Längsseite 1,60 Meter. Ein an der Nordostfront freigelegter spätantiker U-förmiger Turm hatte einen Mauerdurchmesser von 1,15–1,30 Meter.[5]

Die rückwärtige Porta decumana im Nordwesten, das an der Prätorialfront liegende Haupttor, die Porta praetoria im Südosten sowie die südwestliche Porta principalis dextra sind bekannt. Alle drei Tore besaßen nur eine einspurige Durchfahrt und wurden von je zwei, leicht nach außen über den Mauerverband hervorspringenden Tortürmen flankiert. Die vier Ecken der Wehrmauer waren ursprünglich abgerundet (Spielkartenform), was nach den spätantiken Umbauten durch eine Überformung mit neuen Turmbauten nicht mehr sichtbar war. Als Annäherungshindernis konnte vor den Kastellmauern jeweils ein Doppelspitzgraben im Nordwesten und Südosten festgestellt werden, dessen innerer Grabenring nur fast halb so breit war, wie der äußere.[9] Ob dieses Grabensystem auch noch nach den spätantiken Umbauten in gleicher Form weiterbestand, ist fraglich. Es wird jedoch vermutet, dass mit dem Umbau im 4. Jahrhundert auch ein neuer Wehrgraben, etwas weiter vorverlegt, entstand.[10] Während der 1959 durchgeführten Untersuchungen im südöstlichen Grabenbereich, fand Soproni nahebei die Reste von Fresken.[6]

Während der ersten bekannten Bauphase erhielt Ulcisia Castra je einen Wehrturm in jeder der vier Lagerecken. Der am besten bekannte nördliche Eckturm ist trapezförmig, 3,38 Meter breit und 3,20 Meter lang. Seine Mauerstärke beträgt 0,76–0,85 Meter. Zwischen den Toren und diesen Lagerecken standen rechteckige Zwischentürme, die im Inneren an die Umwehrung angebaut waren und rund 0,50 Meter über die Mauerflucht hervorsprangen. Insgesamt werden an den beiden Schmalseiten vier und an den beiden Längsseiten acht Zwischentürme angenommen.[5] 1996 konnte festgestellt werden, dass der untersuchte Eckturm nach den verheerenden Markomannenkriegen (166–180) einen neuen Estrich erhalten hatte. Die am Burgus Leányfalu sekundär vermauerte Ehreninschrift von 195 n. Chr., die mit Sicherheit aus Szentendre stammt,[11] könnte ein Hinweis auf diese Bau- oder Restaurierungsmaßnahmen sein.[6] Der damals entstandene Estrich bestand bis in das späte 3. Jahrhundert. Wie Mároti bei ihren Nachgrabungen an der Nordwestecke ebenfalls feststellen konnte, sind die alten Vermaßungen nicht korrekt vorgenommen worden, da diese Ecke 10 Meter weiter westlich aufgedeckt worden ist, als es bisher dargestellt worden war.[7]

Innenbebauung

Im Inneren römischer Kastelle kreuzten sich bis in die mittlere Kaiserzeit die Via principalis – sie verband die beiden Tore an den Schmalseiten – und die von der Porta praetoria kommende Via praetoria. An diesem Kreuzungspunkt befanden sich die Principia, das Stabsgebäude einer Garnison mit den notwendigen Verwaltungseinrichtungen, das auch in Szentendre abschnittsweise untersucht werden konnte. Die archäologisch am besten bekannte Lagerstraße, von der ein Teilabschnitt hinter den Principia intensiver bearbeitet werden konnte, war die Via decumana, die vom Stabsgebäude zur Porta decumana führte.[9] Das 26,5 × 33 Meter große Stabsgebäude von Szentendre scheint seit der Mitte des 3. Jahrhundert bis in die Spätantike verwendet worden zu sein. Die Archäologen fanden von dem Bauwerk u.a. Spuren der großen, rechteckigen Vorhalle, die der damaligen Bauweise folgend über der Via principalis errichtet worden ist. Dahinter öffnete sich ein rechteckiger Innenhof, dessen umlaufende Bebauung unterschiedliche Diensträume aufnahm. An die rückwärtige Längsseite des Hofes schloss eine Querhalle (Basilica) an, die an ihrer Nordwestwand einen 33 × 6,50 Meter großen Flügel mit fünf Räumen besaß. In der Mitte dieser rückwärtigen Raumflucht des Stabsgebäudes lag in einem rechteckigen, 8 × 6,50 Meter großen apsislosen Saal das Fahnenheiligtum, in dem die Standarten der Truppe aufbewahrt wurden. Das Heiligtum war unterkellert, hier war einst auch der Aufbewahrungsort der Truppenkasse.[10][12] Während des spätantiken Neubaus der Principia wurde dort ein Altar des Publius Aelius Aelianus sekundär vermauert, der 1940 gefunden wurde. Aelianus war unter Kaiser Gallienus (253–260) Kommandeur der in Aquincum stationierten Legion gewesen.[12][13]

Spätantike

270 n. Chr. erlitt das Kastell durch einen Einfall der Quaden, Vandalen und Sarmaten offenbar schwere Schäden, wie ein Münzhort und andere Befunde vermuten lassen. Danach waren umfangreiche Wiederaufbaumaßnahmen notwendig. Nach der Veröffentlichung des Grundrisses zu dem ergrabenen spätrömischen Zwischenturm an der Nordmauer vor der einstigen Retentura (Hinterlager) wurde erwogen, dass an dieser Stelle vor dem Bau des U-förmigen Turmes ein große halbkreisförmiger Turm gestanden haben könnte, der laut Ansicht des Archäologen Péter Kovács (* 1969) tatsächlich in die Zeit Kaiser Diokletians (284–305) datieren könnte. Kovács warf die Frage auf, ob es in dem Lager von Szentendre nicht eine Phase mit halbkreisförmigen Türmen gegeben hat, die später zugunsten der U-förmigen Türme abgebrochen wurden. Diese Frage wäre nur mit einer erneuten Grabung zu lösen.[14] Nach Zsolt Visy könnte es jedoch auch erst unter Konstantin dem Großen es zu einem umfassenden Umbau der Anlage gekommen sein.[10] Die Datierung der Umbauten ist daher noch umstritten.

Irgendwann erhielt die Befestigung vier mächtige U-förmige Türme, Bastionen nicht unähnlich, entlang der beiden Längsseiten sowie vier fächerförmige Türme an den vier Kastellecken. Bei mindestens zwei der vier Lagertore wurden die beiden älteren Tortürme durch je einen sie verbindenden U-förmigen Turm vermauert. Am nicht ausgegrabenen Nordosttor wird ein ähnlicher Umbau vermutet, so dass die Garnison von nun an ausschließlich durch die einstige Porta Praetoria zu betreten war. Auch dort wurden das alte Lagertor beseitigt und an seiner Stelle zwei weit aus der Wehrmauer hervorspringende U-förmige Türme errichtet, zwischen denen ein neuer, ebenfalls einspuriger Torbau lag.[9] Angreifer, die es geschafft hatten, das äußere Tor zu stürmen, kamen anschließend in einen fast quadratischen Innenhof und mussten von dort aus auch das zweite, innere Tor gewaltsam überwinden. Wie zahlreiche gestempelte Ziegel aus der Zeit Kaiser Valentinians I. (364–375) nahelegen, wurden unter seiner Regentschaft einige Ausbesserungsmaßnahmen von geringerem Umfang vorgenommen und das Bodenniveau angehoben. Die ebenfalls aufgefundene graue, eingeglättete Keramik des 5. Jahrhunderts zeugt von einer noch bis in die ersten Jahrzehnte anhaltenden, wie auch immer gearteten Nutzung der Befestigung. Danach wurde Szentendre zerstört.[7] Mithilfe kleinerer Suchschnitte gelang es auch, das Kastellbad unmittelbar vor den Mauern nachzuweisen.[10]

In der Retentura fanden sich beidseitig der Via decumana abschnittsweise Reste der steinernen Innenbebauung. Auch in den Latera Praetorii (Lagermittelsteifen) wurden der Via principalis folgende Mauerreste ausgemacht. Diese Baulichkeiten, darunter das Praetorium (Haus des Lagerkommandanten) sind jedoch bei weitem nicht so gut bekannt wie die Principia.[12]

Namensänderung

Der Zeitpunkt der Namensänderung von Ulcisia Castra zu Castra Constantia ist umstritten. Wurde dieser häufig in die Zeit Konstantin des Großen gelegt, sprach sich Sándor Soproni für die Regierungszeit Konstantin II. aus.[5] In die gleiche Richtung tendiert auch der Archäologe, Althistoriker und Epigraphiker András Mócsy, der dafürhielt, die Umbenennung entweder in die Zeit des Kaisers Constans (337–350) setzen zu können oder, was ihm noch wahrscheinlicher erschien, ebenfalls der Ära von Konstantin ll. zuschreiben zu können.[15]

Truppe und Militärpersonal

Die beim Bau des Lagers mitwirkende 1. Thrakische Kohorte war nach dem Mainzer Militärdiplom vom 27. Oktober 90 n. Chr. zuvor in der Provinz Obergermanien eingesetzt gewesen,[16] und wurde von Ulcisia Castra aus nach Südpannonien abgezogen. Daher ist ursprünglich in Szentendre liegende Einheit unbekannt. Vielleicht handelte es sich auch nur um eine Legionsvexillation aus Aquincum. Erst mit dem Jahr 175 n. Chr. (laut Soproni: 176[17]) wird die hier stationierte Truppe durch eine am Burgus Leányfalu entdeckte Spolien-Inschrift fassbar. Es handelt sich um eine rund tausend Mann starke Infanterieeinheit, die Cohors I milliaria Aurelia Antonina Surorum (1. syrische Doppelkohorte Doppelkohorte Aurelia Antonina). Sie unter Kaiser Mark Aurel (161–180) aus Syrien an diesen Standort verlegt worden.[10] Zur Zeit Kaiser Caracallas (211–217) wurde die Einheit neu organisiert[17] und erhielt den Namen Cohors milliaria nova Severiana (Antoniniana) Surorum sagittaria (Neue syrische Doppelkohorte der Bogenschützen Severiana Antoniniana). In einer weiteren Ehreninschrift für diesen Kaisers aus dem Jahr 213 wird die syrische Kohorte auch als Cohors I nova Severiana Surorum sagittaria Antoniniana equitata civium Romanorum genannt. Demnach war der Truppe in der Zwischenzeitz offenbar das römische Bürgerrecht (civium Romanorum) verliehen worden. Zudem wird erstmals erwähnt, dass die Einheit teilweise beritten gewesen ist.[18]

Aus dem Kastell sind etliche Namen und auch Dienstgrade des Militärpersonals erhalten geblieben. Einige Altäre und Grabsteine von Szentendre wurden in der Spätantike als Spolien verschleppt, um mit ihnen neue Militärstationen anzulegen. So wurde beispielsweise die Widmung an Jupiter, die der Feldzeichenträger (Signifer) einer Zenturie der 1. syrischen Doppelkohorte, Marcus Aurelius Priscus, aufstellen ließ, im weiter nördlichen Burgus Leányfalu entdeckt.[19] Eine weitere Inschrift von dort, eine Tabula ansata mit Resten der roten Bemalung in den eingemeißelten Buchstaben, stammt aus dem Jahr 195 n. Chr. und war ursprünglich als Ehreninschrift von der Cohors I milliaria Aurelia Antonina Surorum an einem unbekannten Gebäude angebracht worden. Ein Teil des Kohortennamens, Antonina Surorum, wurde unter Severus Alexander in Antoniniana nova Severiana abgeändert.[11] Im Jahr 241 weihte Iulius Victor, ein berittener Feldzeichenträger (Vexillarius) der Syrer, dem Schutzgeist (Genius) seiner Schwadron (Turma) und der Pferdegöttin Epona einen Stein.[20] Ein Architrav von einem Heiligtum mit einer Widmung an Merkur, gestiftet von den beiden Schwadronführern (Decuriones) Lucius Atticius Atticinus und Caius Atticius Verecundus, entstand zwischen 150 und 250 und wurde an der Südwestecke des Kastells gefunden.[21]

Lagerdorf und Gräberfeld

Das sich nach der Gründung des Kastells rasch entwickelnde Lagerdorf (Vicus) entstand weitgehend im Westen und Süden der Garnison[10] und hatte einen Umfang von 500 × 400 Metern. Die Topographie des Geländes führte zu einer verdichteten Bebauung mit rechteckigen, in Steinbauweise errichteten Häusern, deren Wandstärke rund 50 Zentimeter betrug. Aufgefundene Freskenreste des 2. und 3. Jahrhunderts, die Marmorimitationen zeigten, deuten auf eine von gewissem Wohlstand geprägte Siedlung hin. Dieses Bild wird durch einen großen hypokaustierten Bau im Stil einer Villa Rustica unterstrichen, der auf seinen 60 Zentimeter starke Mauern aus Opus incertum Fresken besessen hat und mit Terrazzoböden ausgestattet war. Im Westen schloss das Haus mit einer Apsis ab.[6] Am Ende des 3. Jahrhunderts wurde der Vicus zerstört. Trotz einiger Erkenntnisse ist dort bisher nur wenig geforscht worden.

Gräberfeld

Südlich der Fortifikation, an der Római temető utca, wurde ein spätrömisches Gräberfeld entdeckt.[10] In diesem Bereich wurden einige bemerkenswerte frühchristliche Funde aufgedeckt.[6] Die Grablegen vom Ende des 2. bis zum Ende des 3. Jahrhunderts sind bisher weitgehend unbekannt geblieben. Ein weiteres spätantikes Gräberfeld, das unmittelbar südlich und südwestlich vor der Garnison errichtet wurde, ähnelt in seinem Erscheinungsbild anderen pannonischen Friedhöfen seiner Zeit. Trotz einiger während der Grabungen entdeckter Brandbestattungen wurde das Gräberfeld nicht biritual genutzt, da zwischen den Urnengräbern und den spätrömischen Skelettbestattungen nach Beurteilung des Fundmaterials rund eineinhalb Jahrhunderte vergangen waren. Die Forschung vermutet daher, dass die frühen Gräber zu einer Bestattungsfläche aus der Zeit vor dem Bau des Steinkastells und der Ausbreitung des Vicus gehören und im Zuge des Ausbaus der antiken Strukturen von Szentendre aufgelassen wurden. Nach der Zerstörung des Lagerdorfs, am Ende des 3. Jahrhunderts, entstand an dessen Stelle im Bereich der frühen Gräber erneut ein Friedhof, wobei die Archäologen noch rätseln, wo die dazugehörige spätantike Bevölkerung gelebt hat.[22]

Nachrömische Zeit

Südwestlich des antiken Kastells wurden in Pomáz, nahe eines ehemaligen Staatsguts, im Frühjahr 1951 beim Bau einer Pumpanlage rund zehn Awarengräber ohne vorherige wissenschaftliche Untersuchungen zerstört. Ab Frühjahr 1954 konnte zunächst Soproni an der gleichen Stelle und ab Oktober 1954 István Erdélyi, im Umkreis von rund 300 Metern weitere, eng aneinanderliegende Gräber für die Wissenschaft retten.[1] Spuren im Kastell lassen vermuten, dass es dort bis zur Ankunft der Magyaren im 10. Jahrhundert eine Siedlungskontinuität gegeben hat.[6] Der historische Kern von Szentendre entstand auf der dem Kastell gegenüberliegenden Seite des Bükkös-Baches und nutzte die römischen Ruinen als billigen Steinbruch.

Funde

Neben den Grabfunden, der Keramik, gestempelten Ziegeln und Münzen sind insbesondere die zahlreichen Inschriften bemerkenswert. Aus Szentendre stammt eine Ehreninschrift der Cohors I nova Severiana Surorum sagittaria für Severus Alexander, die sich auf einer Statuenbasis befand und in das Jahr 229 datiert.[23] Wahrscheinlich in das gleiche Jahr lässt sich eine Ehreninschrift der Syrer auf einer Statuenbasis für Julia Mamaea, die Mutter von Severus Alexander, einordnen.[24] Bildnisse der Julia, die ihren Sohn mit dreizehn Jahren auf den Thron brachte, werden nicht selten in Verbindung mit Statuen des Severus Alexander gefunden.

Wie der auf dem Gräberfeld südlich des Kastells entdeckte sekundär verwendete Grabstein des Publius Aelius Provincialis und seiner Frau Pompeia Valentina preisgibt, hatte der Verstorbene als Feldzeichenträger (Signifer) in der in Aquincum stationierten Legion gedient und sich nach seiner ehrenvolle Entlassung aus dem Militärdienst offenbar in Szentendre niedergelassen.[25] Der zwischen 200 und 240 entstandene Kalkstein ist sauber gearbeitet, weist an seinen Rändern eine Rahmenleiste aus Weinranken auf und zeigt unterhalb des Schriftfeldes ein Vermessungsinstrument. Publius Aelius Provincialis ist noch durch einen anderen Grabstein bekannt, dessen ursprünglicher Fundort nicht mehr festzustellen ist, da sich der Stein bereits seit 1813 in einer Privatsammlung in der Stadt Vác (Waitzen) am Donauknie befand. Provincialis, der hier wieder als Veteran der Legio II Adiutrix aufscheint, wird als Großvater des mit drei Jahren verstorbenen Publius Aelius Iustus und der mit sieben Jahren verstorbenen Aelia Verina genannt. Die Eltern der beiden sind der nach seinem Vater benannte Publius Aelius Provincialis, ein Sevir der Stadt Aquincum und dessen Frau Aelia Concordia.[26]

In die Frühzeit des Kastells, zwischen 100 und 150 n. Chr., lässt sich der zerbrochene Grabstein des Appius datieren.[27] Aus der gleichen Zeit stammt die Grabstele des Claudius Trophimus, deren Reste in einem spätrömischem Grab, unweit vor der Südwestecke des Kastells, einen neue Verwendung fanden. Trophimus’ Stele wurde von der Feuerwachtruppe in Auftrag gegeben (collegium fabrum et centonariorum), die damals in jeder pannonischen Stadt vorhanden war.[28] Aus dem gleichen spätrömischen Grab stammt der ebenfalls zwischen 100 und 150 n. Chr. entstandene Grabstein des Veteranen der Legio II Adiutrix, Iulius Rufus, den ebenfalls die Feuerwache stiftete.[29]

Villa Rustica am Freilichtmuseum

(Hauptartikel: Villa Rustica Szentendre-Skanzen)

Grundriss der Villa Rustica mit den Grabungsergebnissen.

Die fast vollständig freigelegten und zugänglichen Fundamente des Hauptgebäudes einer 5200 Quadratmeter großen Villa Rustica[A 1] wurden am ethnographischen Freilichtmuseum Szabadtéri Néprajzi Múzeum (Skanzen) bei Szentendre, rund 4,5 Kilometer nordwestlich des Kastells, am Oberlauf des Sztaravoda-Bach auf 178 Höhenmetern entdeckt.

Fundverbleib

Das Károly-Ferenczy-Museum in Szentendre.

Wichtige Steindenkmäler und Bauinschriften aus Szentendre können heute im römischen Lapidarium des Ungarischen Nationalmuseums (Magyar Nemzeti Múzeum) besichtigt werden, das sich im Bereich des südlichen Kastellgrabens[30] von Szentendre am Dunakanyari-Ring befindet und zum Károly-Ferenczy-Museum gehört. Andere Funde wurden direkt ins Ungarischen Nationalmuseum nach Budapest gebracht.

Denkmalschutz

Die Denkmäler Ungarns sind nach dem Gesetz Nr. LXIV aus dem Jahr 2001 durch den Eintrag in das Denkmalregister unter Schutz gestellt. Zuständig ist das Staatliche Amt für das Kulturelle Erbe (Kulturális Örökségvédelmi Hivatal; KÖH) in Budapest. Das Kastell Szentendre sowie alle anderen Limesanlagen gehören als archäologische Fundstätten nach § 3.1 zum national wertvollen Kulturgut. Alle Funde sind nach § 2.1 Staatseigentum, egal an welcher Stelle der Fundort liegt. Verstöße gegen die Ausfuhrregelungen gelten als Straftat bzw. Verbrechen und werden mit Freiheitsentzug von bis zu drei Jahren bestraft.[31]

Siehe auch

Literatur

  • Ulrich Brandl: Karte 6: Ziegelstempeldistribution der Legio II Adiutrix. In: Untersuchungen zu den Ziegelstempeln römischer Legionen in den nordwestlichen Provinzen des Imperium Romanum. Katalog der Sammlung Julius B. Fritzemeier. S. 68. Nr. 10.
  • Jenő Fitz (Hrsg.): Der Römische Limes in Ungarn. Fejér Megyei Múzeumok Igazgatósága, 1976.
  • Éva Maróti: Die römischen Steindenkmäler von Szentendre, Ulcisia Castra. Publikationen der Direktion der Museen des Komitats Pest. Ausstellungskataloge. Szentendre 2003.
  • Éva Maróti, Judit Tópal: Szentendre római kori temetője. Das römerzeitliche Gräberfeld von Szentendre. In: Studia Comitatensia 9. 1980. S. 177ff.
  • Tibor Nagy: Die verkannten Ehrennamen der syrischen Kohorte von Ulcisia Castra In: Studia in Honorem Veselini Beševliev. Festschrift, Verlag Jusautor, Sofia 1978. S. 208–216.
  • Sándor Soproni: Die letzten Jahrzehnte des pannonischen Limes. C.H. Beck Verlag, München 1985, ISBN 3406304532.
  • Sándor Soproni: Der spätrömische Limes zwischen Esztergom und Szentendre. Akadémiai Kiadó. Budapest 1978. ISBN 9630513072.
  • Zsolt Visy: Der pannonische Limes in Ungarn. Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1988, ISBN 3806204888.

Anmerkungen

  1. Bei 47° 41′ 38,22″ N, 19° 2′ 54,25″ O47.6939519.048402777778.

Einzelnachweise

  1. a b c István Erdélyi: Das Awarische Gräberfeld in Dundaklász-Dunapart (Donauufer). In: Mitteilungen des Archäologischen Instituts der Ungarischen Akademie der Wissenschaften 7.1977. Archäologisches Institut der Ungarischen Akademie der Wissenschaften. Budapest 1978, S. 45.
  2. Sándor Soproni: Limes Sarmatiae. In: A Móra Ferenc Múzeum Évkönyve 2/1969. Szeged, 1969, S. 117–133.
  3. Zsolt Mráv: Castellum contra Tautantum. Zur Identifizierung einer spätrömischen Festung. In: Ádám Szabó, Endre Tóth: Bölcske. Römische Inschriften und Funde – In memoriam Sándor Soproni (1926-1995). Ungarisches Nationalmuseum, Budapest 2003, (Libelli archaeologici Ser. Nov. No. II), ISBN 963-9046-83-9 (formal falsche ISBN), S. 331.
  4. Zsolt Visy: Der pannonische Limes in Ungarn. Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1988, ISBN 3806204888, S. 25.
  5. a b c d Sándor Soproni: Der spätrömische Limes zwischen Esztergom und Szentendre. Akadémiai Kiadó. Budapest 1978, ISBN 9630513072, S. 68.
  6. a b c d e f g h Dorottya Gáspár: Christianity in Roman Pannonia. Archaeopress, Oxford 2002, ISBN 1841712884, S. 112.
  7. a b c d e Zsolt Visy: The ripa Pannonica in Hungary. Akadémiai Kiadó, Budapest 2003, ISBN 9630579804, S. 56.
  8. Zsolt Visy: Definition, Description and Mapping of Limes Samples. CE Project „Danube Limes – UNESCO World Heritage“ 1CE079P4. Budapest 2010. S. 40.
  9. a b c Zsolt Visy: Der pannonische Limes in Ungarn. Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1988, ISBN 3806204888, S. 77–78. Speziell auch Abb. S. 77.
  10. a b c d e f g Zsolt Visy: Der pannonische Limes in Ungarn. Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1988, ISBN 3806204888, S. 78.
  11. a b Die römischen Inschriften Ungarns (RIU) 3, 840.
  12. a b c Sándor Soproni: Der spätrömische Limes zwischen Esztergom und Szentendre. Akadémiai Kiadó, Budapest 1978, ISBN 9630513072, S. 69.
  13. AE 1965, 9.
  14. Endre Tóth: Die spätrömische Militärarchitektur in Transdanubien. In Archaeologiai Értesitő 134. Budapest 2009. S. 42. (u.a. Fußnote)
  15. Mitteilungen des archäologischen Instituts der Ungarischen Akademie der Wissenschaften. Nr. 14/1985. Archäologisches Institut der Ungarischen Akademie der Wissenschaften. Budapest 1985, S. 122.
  16. CIL 16, 36.
  17. a b Sándor Soproni: Der spätrömische Limes zwischen Esztergom und Szentendre. Akadémiai Kiadó, Budapest 1978, ISBN 9630513072, S. 71.
  18. RIU 3, 865 = B. Lörincz, Die römischen Hilfstruppen in Pannonien während der Prinzipatszeit. I: Die Inschriften (RHP). Wien 2001, 434.
  19. CIL 3, 10581.
  20. RIU 3, 869 = RHP 441.
  21. AE 1937, 139.
  22. Éva Maróti, Judit Tópal: Szentendre római kori temetője. Das römerzeitliche Gräberfeld von Szentendre. In: Studia Comitatensia 9. 1980. S. 177.
  23. CIL 3, 3638.
  24. CIL 3, 3639.
  25. CIL 3, 14354,01.
  26. CIL 3, 3527.
  27. Éva Maróti, Zsolt Mráv: Kiadatlan római kori kőemlékek Pest megyéből. (Unveröffentlichte römische Steindenkmäler aus dem Komitat Pest.) In: Studia Comitatensia. Múzeumtörténeti és Régészeti Tanulmányok. Nr. 28, Szentendre 2004, S. 254.
  28. Klára Póczy: Städte in Pannonien. Athenäum Verlag, Frankfurt am Main 1978, S. 52.
  29. AE 1939, 8.
  30. Zsolt Visy: Der pannonische Limes in Ungarn. Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1988, ISBN 3806204888, S. 79.
  31. Siehe hierzu: Kulturális Örökségvédelmi Hivatal

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