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Corps (n, /koːr/ (s.), /koːrs/ (pl.), französisch „Körper(schaft), Gesamtheit“; zeitweilig auch „Korps“) ist eine heute im deutschen Sprachraum gebräuchliche Bezeichnung für eine besonders alte Form von Studentenverbindungen. Die ersten Corps entstanden um das Jahr 1800. Sie übernahmen Elemente der alten Landsmannschaften des 18. Jahrhunderts (farbige Kleidungsbestandteile als Vorläufer des Couleurs und Namen, die auf die Heimatregionen der Mitglieder hinweisen) sowie der Studentenorden (verbindliche, festverschworene Mitgliedschaft, schriftliche und grafische Geheimzeichen als Erkennungsmerkmale), brachten aber als Neuerung die Ideen des Deutschen Idealismus hinsichtlich Persönlichkeitsbildung und Charakterfestigung ein, die durch schriftlich formulierte Normen für die Studenten einer Universität festgelegt wurden. Markiert wird die Entstehung der Corps durch die Bildung von Senioren-Conventen (SC) und die Verabschiedung von Constitutionen und SC-Comments an den meisten deutschen Universitäten im ersten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts. Früher bestehende studentische Zusammenschlüsse haben diese Entwicklung nicht überdauert, sodass die Corps damit die früheste Form von Studentenverbindung im heutigen Sinne sind. An jeder klassischen deutschen Universität bilden die Corps heute die ältesten und traditionsreichsten Studentenverbindungen[1]

Inhaltsverzeichnis

Charakterisierung

Corps bekennen sich zum Toleranzprinzip. Deswegen kann jeder an einer deutschen, österreichischen oder schweizerischen Universität immatrikulierte männliche Student Corpsstudent werden, ungeachtet seiner ethnischen oder sozialen Herkunft, seiner Hautfarbe oder Religion. Dadurch unterscheiden sich die Corps von Korporationen, die zum Beispiel nur Studenten deutscher Nationalität (Deutsche Burschenschaft) oder nur Mitglieder bestimmter religiöser Bekenntnisgruppen aufnehmen, wie zum Beispiel der CV oder der Wingolf. Corps sind gegen Radikalismus und Gewalt. Sie versuchen, sowohl tagespolitische als auch parteipolitische Neutralität zu wahren.

Trotz des Strebens nach Neutralität legen die Corps großen Wert auf gesellschaftspolitisches Engagement des einzelnen Studenten. Nach corpsstudentischen Prinzipien sollte er sich eine ethischen Grundsätzen folgende Meinung bilden und sie engagiert – ohne Rücksicht auf zu erwartende vordergründige Nachteile – vertreten. Aufgrund dieser Kombination von Neutralität des Verbandes und Engagement des Einzelnen findet man immer wieder Corpsstudenten unter den führenden Köpfen der unterschiedlichsten politischen Gruppierungen, wobei sie durch ihre Einsatzbereitschaft nicht selten zu Opfern von fanatischen oder totalitären Gegnern werden[2]. (Siehe dazu: „Eine Auswahl bekannter Corpsstudenten“)

Als älteste heute existierende Verbindungsform haben die Corps ein besonderes Traditionsbewusstsein und pflegen hinsichtlich ihrer traditionellen Formen und Feiern ein eher selbstbewusst-natürliches Auftreten. Sie lehnen viele (später erfundene) Gespreiztheiten und Manierismen des Verbindungsstudententums ab. Ihr Brauchtum hielt auch den studentischen Reformbestrebungen des 19. Jahrhunderts stand, die zur Gründung aller anderen heute existierenden Verbindungsformen geführt haben.

Corps sind traditionell „pflichtschlagend“. Die studentische Mensur, die allen Corpsstudenten auferlegt wird, gilt den Corps als wichtiges Merkmal ihrer Verbände und als unverzichtbares Mittel zur Charakterfestigung und Persönlichkeitsbildung.

„Ziel und Zweck der Corps war und ist einzig die Erziehung des Studenten zu einer starken, freien, weltoffenen Persönlichkeit, die nicht durch religiöse, rassische, nationale, wissenschaftliche oder philosophische Grenzen eingeengt wird. Zur Erreichung dieses Zieles dient neben den Instituten des Corpsconventes und der Kneipe auch das Institut der heutigen Bestimmungsmensur, bei der die Fechter von den dazu Beauftragten (Consenioren) unter Wahrung möglichst gleicher Ausgangsvoraussetzungen bestimmt werden. […] Diese Übung, die verbunden ist mit der Überwindung der eigenen Angst, mit dem Einsatz für die Corpsgemeinschaft und der damit verbundenen Stärkung des Gemeinschaftsgefühls, dient der Erziehung zur Persönlichkeit genauso wie das Einstecken von Treffern, ohne dabei die Haltung zu verlieren, und die Hinnahme der Mensurbeurteilung durch die eigenen Corpsbrüder.“

Hermann Rink: 1998[3]

Die Corpsmitglieder tragen Couleur. Sie erhalten als äußeres Zeichen ihrer Mitgliedschaft das Corpsband oder die Corpsschleife.

Das gesellschaftliche Renommee der Corps erreichte im späten 19. Jahrhundert seinen Höhepunkt, als im deutschen Kaiserreich die Söhne regierender Herrscherhäuser, des deutschen Hochadels und des Großbürgertums in den Corps die entscheidende Rolle spielten.[4]

Vorgeschichte

Im größten Teil des 18. Jahrhunderts bestimmten die Landsmannschaften alten Typs (nicht zu verwechseln mit den heute existierenden studentischen Landsmannschaften, die jüngeren Datums sind), das Gemeinschaftsleben an den Universitäten. Es handelte sich dabei um vergleichsweise unverbindliche Gruppierungen, die gegenseitige Unterstützung aufgrund gemeinsamer landsmannschaftlicher Herkunft boten. Ein regulierender Einfluss auf das studentische Leben oder eine persönliche Bindung über die Studentenzeit hinaus war nicht angestrebt.

Anders agierten die studentischen Orden, die freimaurerische Ideale verfolgten und das akademische Leben im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts prägten. Sie strebten eine persönliche Bindung für das ganze Leben an, kümmerten sich aber nicht um speziell studentische Belange. Auch hatten sie keinen landsmannschaftlichen Bezug.

Geschichte

Herausbildung des Corpsstudententums

Siehe auch: Geschichte der Studentenverbindungen

Bundeszeichen des Corps Onoldia Erlangen, gegründet 1798 (zur Erläuterung aufs Bild klicken!)

Ab dem Jahr 1794 entstand, geprägt durch die Lehre Johann Gottlieb Fichtes, an den deutschen Universitäten im Geiste des Klassischen Idealismus, ein neuer Typus von studentischen Zusammenschlüssen (siehe auch Deutscher Idealismus, Das älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus). Diese Zusammenschlüsse erfreuten sich zumindest anfänglich sogar der Unterstützung durch Professoren, die sonst den selbstverwalteten studentischen Gemeinschaften sehr kritisch gegenüberstanden. Ziel war es, die Umgangsformen der Studenten an den Universitäten zu verbessern, und zwar nicht durch obrigkeitliche Verordnungen, denn das hatte in vielen Jahrhunderten wenig gefruchtet.[5]

Landshuter Burschengarderobe um 1806 (Stammbuchzeichnung)

Der neue Ansatz bestand darin, dass die Charakter- und Persönlichkeitsbildung zur Aufgabe der neuen Gemeinschaften erklärt wurde. Im Sinne des Idealismus sollten keine politischen Programme verfolgt, sondern der Charakter des Menschen ausgebildet werden. Die positiven Auswirkungen für die Gesellschaft würden sich dann zwangsläufig von selbst ergeben. Bereits in den ersten, frühen Definitionen des Corpsstudententums wird ausdrücklich betont, dass politische Betätigung keine Aufgabe der Corps sei. Schon in den Anfangsjahren war es den Mitgliedern freigestellt, welche politische Überzeugung sie persönlich hegen. Diese Grundauffassung wirkt sich bis heute dahingehend aus, dass Corpsstudenten vielen verschiedenen politischen Richtungen und Parteien angehören, aber nach Ansicht der Corps einen besonderen, überdurchschnittlichen Einfluss auf die gesellschaftliche Entwicklung genommen haben.

In Anlehnung an die alten Landsmannschaften des 18. Jahrhunderts gaben sie sich lateinische Namen, die sich auf das Herkunftsland ihrer Mitglieder bezogen, so zum Beispiel Borussia (Preußen), Bavaria (Bayern), Saxonia (Sachsen), Guestphalia (Westfalen), Brunsviga (Braunschweig), Franconia (Franken) oder Suevia (Schwaben). Ihre Mitgliederstruktur war ursprünglich stark landsmannschaftlich ausgerichtet[6]. Sie gaben sich bei der Gründung eine Konstitution (Gründungsurkunde und gleichzeitig Verfassung) und Farben (Couleur) sowie weitere Identitätsmerkmale, die teilweise auf Bräuche des 18. Jahrhunderts zurückgehen (siehe auch Bundeszeichen, Zirkel).

Kneipe des Corps Suevia Tübingen (Suevia II) um 1815

Das Besondere und Neue aber war die Bildung von Senioren-Conventen (SC) an den einzelnen Universitätsorten, die jeweils für ihren Bereich einen SC-Comment verfassten und für dessen Einhaltung sorgten. Jede Verbindung entsandte also ihren höchsten Repräsentanten („Senior“) in ein gemeinsames Gremium, in dem darüber beraten wurde, wie sich ein Student an der Universität zu verhalten habe. Ziel war die Besserung der damals sehr rauen Sitten an den Universitäten. Die SC beanspruchten dabei das Recht zur Gesamtvertretung der Studentenschaft, da alle landsmannschaftlichen Gruppierungen in ihm vertreten waren.

Heute betrachten die Corps diese Bildung von SC und SC-Comments als ihre Geburtsstunde, auch wenn dieser neue Typus von Verbindung noch unterschiedliche Bezeichnungen erhielt, zum Beispiel „Landsmannschaft“, „Gesellschaft“, „Kränzchen“, teilweise sogar „Club“, aber auch schon „Corps“[7].

Besonders in der Zeit nach dem Wiener Kongress verfolgten die Behörden die Bildung von studentischen Zusammenschlüssen argwöhnisch. In der Zeit der Restauration wurden umstürzlerische Umtriebe vermutet, wenn sich Studenten unkontrolliert zusammentaten (Karlsbader Beschlüsse 1819). Deshalb hielten die ersten Corps ihre Konstitution geheim, mussten sich auflösen und heimlich wieder eröffnen oder wählten nach Verfolgungen andere Bezeichnungen, um harmlos zu wirken. So entstand wohl auch die Bezeichnung „Corps“, die 1810 in Heidelberg erstmals nachweisbar ist.

Abgrenzung gegenüber neuen Verbindungsformen

Die Gründung der ersten Burschenschaft in Jena im Jahre 1815 und die Ausbreitung der burschenschaftlichen Idee über ganz Deutschland stellte die Corps vor eine große Herausforderung. Die Forderung war, alle landsmannschaftlich orientierten Zusammenschlüsse an einer Universität aufzulösen und in eine einheitliche gesamtdeutsche Burschenschaft (verbreiteter Name war „Germania“) zusammenzuführen. Dies stellte natürlich den Alleinvertretungsanspruch des SC in Frage. Die Auseinandersetzungen waren heftig.

Abgrenzungstechnisch zogen sich gerade die älteren Corps als Reaktion auf die Positionen des Klassischen Idealismus zurück. Dessen, den philosophischen Gedankenmodellen des Deutschen Idealismus entgegenstehender, praktischer Ansatz der Umsetzung von Werten, wie Pflichterfüllung und Toleranz, durch praktisches Handeln beruhte mehr auf der Philosophie Friedrichs des Großen und paarte sich mit dem Kosmopolitismus Goethes und Schillers, der schon in dem relativ hohen Ausländeranteil bei den Corpsmitgliedern in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts deutlich wurde.[8] Sogar die Kleidung wurde über die Couleur hinaus zum äußerlichen Abgrenzungskriterium unter einander.

Die Folge dieser Differenzierungen war, dass sich in den nächsten Jahrzehnten nicht nur weiterhin neue Corps formierten, sondern sich auch an den meisten Universitäten mehrere Burschenschaften mit unterschiedlichen Ausrichtungen gründeten. Im Rahmen der Reformbewegung des Progress entstanden nach 1840 sogar noch weitere Formen von Studentenverbindungen, von denen viele heute noch existieren. Die neue Vielfalt verwässerte nach Ansicht der Corps die studentischen Traditionen. Der SC-Comment hatte seine Allgemeingültigkeit verloren.

Die Corps sahen im Laufe der Zeit ein, dass sie aufgrund der Vielfalt der Neugründungen ihren Alleinvertretungsanspruch gegenüber der gesamten Studentenschaft nicht mehr wiedererlangen konnten. Sie waren jedoch trotzdem der Ansicht, dass ihre Regelungen für das Studentenleben eine ideale Lösung darstellten. Es war zu klären, wodurch sich „Corps“ gegenüber anderen, jüngeren Verbindungen unterscheiden. Dazu mussten sie sich überregional organisieren und sich selbst sowie ihre Ziele und Ideale definieren. Vorarbeit leisteten hier die SC zu Jena, Leipzig und Halle, die sich ab 1820 regelmäßig konsultierten und von 1821 bis 1844 einen "Allgemeinen SC" bildeten, der oft auf der Rudelsburg tagte.

Verbandsgründung

Die Rudelsburg bei Bad Kösen wurde ab 1848 zum beliebten Treffpunkt und zum Symbol der Kösener Corpsstudenten.

Am 15. Juli 1848 fand auf Anregung von Friedrich Freiherr von Klinggräff (Corps Vandalia Heidelberg) der erste corpsstudentische Kongress in Jena statt, an dem die SC von Leipzig, Heidelberg, Jena, Halle, München, Gießen, Breslau, Erlangen, Freiburg im Breisgau, Berlin, Greifswald und Göttingen (sowie einzelne Corps von anderen Orten) teilnahmen.[9] Tagungsort wurde bald danach Bad Kösen an der Saale mit der bei den Studenten beliebten Rudelsburg. Nach und nach folgten auch die anderen SC im deutschen Raum, zuletzt die bayerischen. So entstand der älteste Dachverband studentischer Verbindungen, der Kösener Senioren-Convents-Verband (KSCV). Noch heute findet der alljährliche Congress (oKC) zu Pfingsten (unterbrochen durch die Weltkriege und die Zeit der deutschen Teilung, in der der Congress in Würzburg tagte) in Bad Kösen statt.

In den nachfolgenden Jahrzehnten folgten die Gründung weiterer corpsstudentischer Verbände, so auch am 7. April 1863 des Weinheimer Senioren-Convents (WSC), der die Corps an den technischen Hochschulen vertrat und heute noch vertritt. 1873 entstand der Rudolstädter Seniorenconvent (RSC) und 1882 der Naumburger Seniorenconvent (NSC) für tierärztliche bzw. landwirtschaftliche Bünde. Diese Gründungen wurden als notwendig erachtet, weil die betreffenden Hochschulen damals noch kein Promotionsrecht besaßen und den wissenschaftlichen Hochschulen nicht gleichgestellt waren. Der KSCV lehnte daher eine Aufnahme von Corps dieser Hochschulen ab.

Im Burghof der Rudelsburg um 1880, im Vordergrund, mit Bierkrug in der Hand, der erste und legendäre Rudelsburgwirt Gottlieb „Samiel“ Wagner

Nachdem sich im KSCV ab 1855 das Verbandsleben gefestigt hatte, begannen sich im darauffolgenden Jahrzehnt innere Strukturen zu bilden. Die seit alters her üblichen Kartelle (feste freundschaftliche Verbindungen von Corps an verschiedenen Universitätsstädten) formierten sich langsam zu festen Kreisen (zuerst „Kartellkreise“ genannt), die verbandspolitische Bedeutung zu entwickeln begannen. Es ging wohl hauptsächlich darum, im Verbund mit den Kartellcorps die eigenen Auffassungen im Kösener Congress besser zur Geltung bringen zu können. Alle offiziellen Publikationen des KSCV bedauern diese Entwicklung und stellen ihre Ergebnisse als wenig nützlich für das Corpsstudententum dar, obwohl die Kreispolitik (mit all ihren folkloristischen Auswüchsen) bis heute die Kultur des KSCV prägt.

So spricht man heute zum Beispiel vom „schwarzen Kreis“, vom „blauen“, „grünen“, „weißen“ und „roten Kreis“, denen jeweils bestimmte Charakteristika zugeschrieben werden. Die Kreiszugehörigkeit ist jedoch bis heute vollkommen inoffiziell. Der KSCV veröffentlicht keine expliziten Listen. Alles beruht auf mündlicher Tradition. Ausnahmen bilden das „Süddeutsche Kartell“ (mit je drei Corps aus Deutschland und Österreich) und der Magdeburger Kreis (mit neun Corps aus Deutschland). Diese vergleichsweise spät entstandenen Gruppierungen sind vertraglich definiert und veröffentlichen Mitgliedslisten.

Die Corps des WSC erbauten sich zwischen 1907 und 1928 in Weinheim an der Bergstraße ihre eigene und noch heute in ihrem Besitz befindliche Tagungs- und Begegnungsstätte, die Wachenburg, wo jedes Jahr zu Christi Himmelfahrt die Weinheimtagung stattfindet.

Gesellschaftspolitische Bedeutung im Deutschen Bund

Corps Teutonia Gießen, Lithographie, 1858

Als in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts – besonders in Vorbereitung der Verbandsgründung 1848 – die ersten Definitionen formuliert wurden, worin das Eigentümliche der Corps im Verhältnis zu den anderen neu gegründeten Verbindungen bestehe, wurde die unpolitische Ausrichtung betont. Corps schreiben ihren Mitgliedern keine politische Richtung vor, bereiten sie aber auf verantwortungsvolle Positionen in der Gesellschaft vor. Und das wurde bereits in den Jahren und Jahrzehnten nach der Gründung der ersten Corps deutlich.

So beteiligten sich Corpsstudenten an der Organisation des Hambacher Festes 1832, wie die Rechtsanwälte Johann Georg August Wirth (Corps Franconia Erlangen) und Ernst Savoye (Corps Hassia Heidelberg).[10] Teilnehmer hieran waren auch die Publizisten Friedrich Wilhelm Knoebel und Georg Geib (beide Corps Rhenania Heidelberg, Corps Rhenania Erlangen, Corps Hassia Heidelberg).[11]

Auch beim Frankfurter Wachensturm 1833 waren Corpsstudenten führend beteiligt wie der Privatdozent Johann Ernst Arminius von Rauschenplatt (Corps Hildesia Göttingen) und der Rechtsanwalt Friedrich Neuhoff (Corps Hassia Heidelberg). Die berühmtesten corpsstudentischen Revolutionäre und Rädelsführer durchgeführter oder geplanter Aufstände waren der Rechtsanwalt Friedrich Hecker (Mitglied der Heidelberger Corps Hassia, Palatia und Rhenania)[12], der „Berufsrevolutionär“ Heinrich Scheffer (Mitbegründer des Corps Teutonia Marburg) und der Rechtsanwalt und Redakteur Gustav von Struve (Corps Bado-Württembergia Göttingen).

So saßen im Vorparlament, dem vom 31. März bis zum 5. April 1848 in der Frankfurter Paulskirche tagenden, vorbereitenden Gremium für die deutsche Nationalversammlung 32 (bisher namentlich erfasste) Corpsstudenten, sein Präsident war der Jura-Professor Joseph Mittermaier (Mitbegründer des Corps Bavaria München).

106 Abgeordnete der Frankfurter Nationalversammlung sind aufgrund der Kösener Corpslisten als Corpsstudenten zu identifizieren.

Der Nationalversammlung in der Paulskirche gehörten schließlich insgesamt 585 Abgeordnete an, inklusive Nachrücker sind 812 Abgeordnete in historischen Dokumenten namentlich nachweisbar, rund 600 davon mit akademischer Ausbildung. Von diesen sind 106 Personen heute mit Hilfe der Mitgliedslisten des Kösener Senioren-Convents-Verbands als Corpsstudenten zu identifizieren. Dabei ist zu berücksichtigen, dass es in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts viele nur kurzfristig existente Corps gegeben hat, von denen heute keine Aufzeichnungen mehr vorhanden sind, und dass also von einer entsprechenden Dunkelziffer auszugehen ist. Dritter Präsident der Nationalversammlung war Eduard Simson (Corps Littuania Königsberg), der schließlich als Führer der Abordnung des Parlaments dem preußischen König Friedrich Wilhelm IV. die erbliche Kaiserwürde antrug. Dieses Ansinnen scheiterte jedoch zusammen mit dem Entwurf der Reichsverfassung.

Corpsstudenten waren aber nicht nur Revolutionäre und Aufrührer, sondern dienten auch den Herrschern der deutschen Einzelstaaten in hohen Positionen. Schon damals war die Präsenz der Corpsstudenten in politisch sich entgegen stehenden Lagern typisch. Im Folgenden einige Beispiele.

Teilweise trafen Corpsstudenten sogar in bewaffneten Auseinandersetzungen aufeinander. So setzte der Deutsche Bund den General Friedrich Freiherr von Gagern (Corps Hannovera Göttingen) als Befehlshaber der Bundestruppen ein, um die von dem Corpsstudenten Friedrich Hecker in Südwestdeutschland angeführte Volkserhebung niederzuschlagen. Nach gescheiterten Verhandlungen fiel der General am 20. April 1848 im Gefecht bei Kandern, die Revolutionäre wurden dennoch geschlagen. Hecker entkam in die USA.

Zur unterschiedlichen Präsenz von „unpolitischen“ Corpsstudenten und „politischen“ Burschenschaftern in staatstragenden Ämtern sagte später der Burschenschafter und Geschichtsprofessor Heinrich von Treitschke:

„Die wortreiche Schwärmerei, die unklare Sehnsucht und die beständige Verwechslung von Schein und Wirklichkeit waren der Entwicklung des politischen Talents nicht günstig. Im großen Durchschnitt sind aus der Burschenschaft mehr Gelehrte und Schriftsteller hervorgegangen, aus den Reihen ihrer späteren Gegner, der Corps, mehr Staatsmänner.“

Junge Frau der Lola-Montez-Zeit in Münchner Tracht im Gespräch mit einem Studenten des Corps Suevia München (1847)

Als nach der Aufhebung der Karlsbader Beschlüsse im Jahre 1848 das gesellschaftspolitische Leben in Deutschland aufkeimen konnte, Vereine und Parteien gegründet werden konnten, waren Corpsstudenten führend an der Gründung beinahe aller deutschlandweiten Politorganisationen und später der reichsweiten Parteien beteiligt – und zwar in allen Strömungen, bei den Kommunisten, den Sozialdemokraten, den Katholiken, den Liberalen und den Nationalkonservativen.

Der spätere hessische Finanzminister Wilhelm Küchler (Corps Rhenania Heidelberg, Corps Teutonia Gießen)

Durch die Herausbildung der Organisationen der als neue politische Kraft erstehenden Arbeiterklasse verschob sich das politische Gefüge im deutschsprachigen Raum. Während in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts das Bürgertum seine Rechte gegenüber dem Adel geltend zu machen versuchte, opponierte nun die Arbeiterschaft gegen Bürgertum und Adel. Das gehobene Bürgertum rückte mit der Aristokratie zusammen und versuchte, die Machtübernahme durch das Proletariat zu verhindern. Obwohl bei der Herausbildung von Arbeiterorganisationen auch Corpsstudenten und andere Verbindungsstudenten beteiligt waren, wurden die Verbindungen – und ganz besonders die Corps – zu Organisationen des bürgerlichen und aristokratischen Establishments. Ihnen wurde – modern gesprochen – die außerfachliche Erziehung an den Universitäten anvertraut. Die „Corpserziehung” galt als vornehmliche Aufgabe der aktiven Corps. Der „gesellschaftliche Schliff”, der hier vermittelt wurde, galt als höchstes Erziehungsideal. Manche Familien schickten ihre Söhne überhaupt nur deshalb zur Universität. Auf den Besuch universitärer Veranstaltungen wurde dabei oft gänzlich verzichtet.

Kaiser Wilhelm II. als Alter Herr des Corps Borussia Bonn, Ölgemälde von Ludwig Noster (1859–1910) von 1897

So mittlerweile auch in vielen bedeutenden deutschen Herrscherfamilien. Während in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die „geheimen Verbindungen” im Verdacht standen, die bestehende aristokratische Struktur unterhöhlen oder gar auflösen zu wollen, wurden die Corps jetzt zu Stützen des Staates. So schickten die herrschenden Familien aus Preußen, Württemberg, Baden, Sachsen-Coburg und Gotha, Mecklenburg und Schaumburg-Lippe ihre Söhne an die Universitäten, damit sie in den als besonders vornehm geltenden Corps aktiv werden konnten. Andere Verbindungstypen, wie zum Beispiel Burschenschaften, kamen dafür aus gesellschaftlichen Erwägungen nicht in Betracht.

Corpsstudenten als Parlamentarier des Norddeutschen Bundes

Dem konstituierenden Reichstag des Norddeutschen Bundes gehörten anfänglich im Jahr 1867 von den 297 gewählten Abgeordneten 69 einem Corps an. In der Folgezeit bis Begründung des Deutschen Reiches waren insgesamt 113 Corpsstudenten Abgeordnete des Norddeutschen Reichstages oder des Zollparlaments[14]. Sie gehörten sechs verschiedenen Parteien an, die das gesamte politische Spektrum von der Sozialdemokratie bis zu den Konservativen abdeckten.

Die Corps im Kaiserreich

Christian Wilhelm Allers: Aufnahme ins Corps, 1902

Nach der Gründung des Deutschen Reiches erlangten die studentischen Corps eine gesellschaftlich extrem anerkannte Stellung und erneut die führende Position unter den Studentenverbindungen. Der Corpsstudent wurde – ähnlich dem preußischen Offizier – zum Idealbild eines jungen Mannes dieser Zeit[15].

Die Alten Herren der Corps nahmen die politischen Führungspositionen ein. So waren die beiden führenden Persönlichkeiten des Kaiserreichs Corpsstudenten: Otto von Bismarck (Corps Hannovera Göttingen) und Kaiser Wilhelm II. (Corps Borussia Bonn). Reichskanzler Bismarck wurde gar für viele Jahrzehnte zur politischen Kultfigur – sowohl unter der Bevölkerung, als auch unter den Studenten. Niemandem wurden in Deutschland mehr Denkmäler gebaut. Unter Bezugnahme auf das Couleurband seines Corps sagte Bismarck[16]:

„Kein Band hält so fest wie dieses.“


Kaiser Wilhelm II. hielt auch nach seiner Thronbesteigung Kontakt zu den Corps an seinem Studienort Bonn. Er betrachtete die Corps als erprobte Ausbildungsstätte des Führungsnachwuchses seines Kaiserreichs. So sagte er am 6. Mai 1891 in einer Rede vor dem Bonner SC:

„Ich hoffe, dass, so lange es deutsche Corpsstudenten gibt, der Geist, wie er in Corps gepflegt wird und durch den Kraft und Mut gestählt werden, erhalten bleibt und dass Sie zu allen Zeiten freudig den Schläger führen werden.“

Georg Mühlberg: „Auf die Mensur“, Darstellung einer Mensur auf Korbschläger, ungefähr um 1900, Corps Saxo-Borussia Heidelberg (links) und Corps Vandalia Heidelberg
Winterliche Ausfahrt des Corps Franconia Tübingen im Jahre 1907

Je mehr die Corps in die gesellschaftliche Spitze aufrückten, desto mehr wandelte sich das Alltagsleben der Corpsstudenten. Die Corps fühlten sich verpflichtet, ihrer Führungsrolle auch durch äußeres Gepränge Ausdruck zu verleihen. Die Repräsentationskosten, die der einzelne aktive Corpsstudent aufzubringen hatte, stiegen in bisher nicht gekannte Höhen. Die meisten Corps machten einen „Mindestwechsel” zur Aufnahmebedingung. So wurde von einem Studenten, der Mitglied in einem Corps werden wollte, ein Mindesteinkommen verlangt, von dem eine mehrköpfige Handwerkerfamilie zu der Zeit bequem hätte leben können. Nur noch wenige Studenten konnten sich die Mitgliedschaft in einem Corps überhaupt leisten. Und obwohl im Kaiserreich die Zahl der Studenten stark anstieg, blieb die Zahl der Corpsstudenten weitgehend konstant, während sich zugleich eine Vielzahl neuer Korporationsformen bildete, die den traditionellen Führungsanspruch der Corps infrage stellten.[17]

Weiterhin formalisierte sich das Aktivenleben stark. Die Benimm- und Kleidungsvorschriften erreichten Ausmaße, die nach heutigen Begriffen nicht mehr nachzuvollziehen sind. Die Einrichtung des Comment wurde überstrapaziert, was offenbar von den jungen Leuten ausging, denn historische Quellen berichten von dem Unverständnis der Alten Herren, die noch das freie Burschenleben genossen hatten, gegenüber diesem strengen Formalismus.

Diese gehobene gesellschaftliche Position und die formalistischen Verhaltensweisen provozierten auch zahlreiche satirische Angriffe bis hin zu polemischer Kritik. Besonders die Zeitschrift Simplicissimus, in deren Redaktion auch Alte Herren verschiedener Corps mitarbeiteten, veröffentlichte legendäre, bis heute immer wieder nachgedruckte Karikaturen über das Leben der Corpsstudenten, allerdings eher wohlwollend mit einem zwinkerndem Auge. Besondere Zielscheibe war dabei das „Kaisercorps” Corps Borussia Bonn, in dem viele Hohenzollernprinzen Mitglied waren [18].

Aber auch der amerikanische Autor und Satiriker Mark Twain, der im Sommer 1878 mehrere Monate in Heidelberg verbrachte, schenkte den dortigen Corps große Aufmerksamkeit und berichtete über ihren strengen Verhaltenskodex [19]:

“They were finely and fashionably dressed, their manners were quite superb, and they led an easy, careless, comfortable life. If a dozen of them sat together and a lady or a gentleman passed whom one of them knew and saluted, they all rose to their feet and took off their caps. The members of a corps always received a fellow-member in this way, too; but they paid no attention to members of other corps; they did not seem to see them. This was not a discourtesy; it was only a part of the elaborate and rigid corps etiquette.”

„Sie waren adrett und modisch gekleidet, ihre Manieren waren ganz ausgezeichnet, und sie führten ein leichtes, sorgloses und angenehmes Leben. Wenn ein Dutzend von ihnen beisammensaßen und eine Dame oder ein Herr vorbeiging, die oder den einer von ihnen kannte und grüßte, standen alle auf und nahmen ihre Mützen ab. Die Mitglieder eines Corps begrüßten auch immer ein Mitglied ihres eigenen Corps auf diese Weise; aber sie schenkten den Mitgliedern der anderen Corps keine Beachtung; sie schienen sie nicht einmal zu sehen. Das war keine Unhöflichkeit; es war nur Bestandteil der komplizierten und strengen Corps-Etikette.“

Der Dramatiker Wilhelm Meyer-Förster hatte mit seinem Theaterstück Alt-Heidelberg (Schauspiel in 5 Aufzügen, uraufgeführt am 22. November 1901 im Berliner Theater) großen Erfolg. In dem Stück wird Karl Heinrich, Erbprinz des fiktiven thüringischen Kleinstaates Sachsen-Karlsburg zum Studium nach Heidelberg geschickt, wo er in das fiktive Corps Saxonia Heidelberg eintritt und eine fröhliche Zeit verlebt. Durch den unerwarteten Tod seines Vaters muss er früh die Thronfolge antreten und dem Ernst des Lebens ins Auge sehen. In dem Stück, in dem es um die Unwiederholbarkeit jugendlicher Freude und Unbeschwertheit geht, steht das Corps als Synonym für die Freuden der Jugend[20]. Die Handlung wurde im Jahre 1924 für ein Musical am Broadway (The Student Prince) umgearbeitet und erlebte bis in die 1950er Jahre mehrere Verfilmungen in den USA und Deutschland. Bis heute wird das Musical mit deutschen Dialogen und englischen Liedtexten jedes Jahr bei den Heidelberger Schlossfestspielen aufgeführt.

Die linke Presse in Deutschland dagegen betrachtete die Corps als Brutstätte der reaktionären gesellschaftlichen Kräfte, gegen die sie kämpfte. So schrieb die SPD-Zeitung Vorwärts, die einst den Corpsstudenten Wilhelm Liebknecht zum Chefredakteur hatte, im Jahre 1892:

„Die Rohheit und Rauflust der Corpsburschen paart sich mit einer Aufgeblasenheit und Einbildung, die ihres Gleichen suchen und die einen neuen Beweis für den engbegrenzten Horizont der Herrchen abgeben. Wer hat diese nicht schon durch die Straßen der Universitätsstädte stolzieren sehen, jene schneidigen Jünger der Wissenschaft mit ihren bis in den Nacken gescheitelten und mit einigen Büchsen Pomade vollgeschmierten Haaren, ihren hochgetragenen bekneiferten Nasen, ihren feingedrehten Schnurrbärten, ihren enganliegenden Höschen, kurzen Jäckchen und spitzen Schuhen, ihren aufgedunsenen bornierten Gesichtern und ihren feinen Rohrstöckchen oder dicken Knüppeln, mit denen sie nachts, wenn sie aus ihren Kneipen kommen, wo sie ihrer geistigen Zurechnungsfähigkeit vollständig verlustig gegangen sind, die Laternen einschlagen, die friedlichen Bürger belästigen und die Nachtwächter durchprügeln?“

Leonhard Zander, Reformer des KSCV

Heinrich Mann lässt in seinem das Kaiserreich persiflierenden Roman Der Untertan den Helden Diederich Heßling in das fiktive Corps Neuteutonia Berlin eintreten. Er schildert, wie das Corpsleben bei seiner Romanfigur zur Herausbildung des wilhelminischen Untertanengeistes beiträgt. Der Roman wurde im Jahre 1951 in der DDR verfilmt und mit einem Filmpreis ausgezeichnet (siehe auch: Der Untertan (Film)).

Diese Darstellungen sind noch heute im Bewusstsein einiger Kritiker aller Arten von Studentenverbindungen präsent, auch wenn sie schon vor über 100 Jahren verfasst wurden.

Im Kaiserreich fanden weitere einschneidende Veränderungen im Leben der Studentenverbindungen statt, die bis heute das studentische Verbindungsleben prägen. Bei diesen Veränderungen spielten die Corps fast immer die Vorreiterrolle. So verstärkte sich das Engagement der Alten Herren, also der nicht mehr studierenden Mitglieder. Bei den Corps waren hier Missstände ausschlaggebend, die zu Beginn der Kaiserzeit aufgetreten waren und die von den Alten Herren nicht gutgeheißen wurden. Unter dem Namen Zandersche Bewegung, benannt nach Leonhard Zander, dem führenden Kopf, taten sich Alte Herren von Corps des KSCV zusammen, um mäßigenden Einfluss auf das studentische Leben zu nehmen. Dies gipfelte 1888 in der Gründung des Verbandes Alter Corpsstudenten (VAC), dem ersten Zusammenschluss von Altherrenvereinigungen studentischer Verbindungen. Bereits wenige Jahre später erhielt der VAC durch persönliche Anweisung von Kaiser Wilhelm II. einen Status als Rechtsperson, vergleichbar den noch heute bestehenden altrechtlichen Vereinen. Später gründeten alle anderen studentischen Verbände ebenfalls spezielle Altherrenverbände.

Corpshaus der Rhenania Tübingen, Erstbau 1886, heutiger Zustand seit 1912

Durch das verstärkte, auch finanzielle Engagement der Alten Herren konnten die Repräsentationsaufwendungen neue Höhen erreichen. In der Kaiserzeit entstand das Bedürfnis der Corps nach einer eigenen Immobilie, einem eigenen „Heim“ oder „Kneipe“, was in dem Bau prunkvoller Jugendstilvillen (siehe auch Korporationshaus) in allen Universitätsstädten gipfelte. Das Corps Teutonia Marburg machte den Anfang mit der Nutzung eines kleinen Grundstücks mit Kegelbahn auf einem Gelände am Marburger Schlossberg in den 60er-Jahren des 19. Jahrhunderts. Später, nach mehreren Ausbauphasen, entstand auf diesem Grundstück eines der prächtigsten Corpshäuser Deutschlands. Das erste Verbindungshaus Deutschlands, das von Beginn an als solches gebaut wurde, war das Haus des Corps Rhenania Tübingen, das heute – ebenfalls nach mehreren Bauphasen – eindrucksvoll über dem Neckar und der Tübinger Altstadt auf dem Österberg liegt.

Obwohl die Corps prinzipiell unpolitisch waren und sind, hielt man es doch in dieser Zeit für ganz selbstverständlich, dass man sich für das neugegründete Deutsche Reich, seinen Gründer Otto von Bismarck und den Kaiser begeisterte. Das Singen vaterländischer Lieder und das „Hoch“ auf den Kaiser gehörten zu corpsstudentischen Veranstaltungen wie das Amen in der Kirche.

Als in den 1880er Jahren des 19. Jahrhunderts der Antisemitismus in Deutschland – und ganz besonders unter den Studenten – einen Aufschwung erfuhr, gingen auch viele Corps dazu über, keine Juden mehr aufzunehmen, wie z.B als eines der ersten das Corps Teutonia Marburg. Der KSCV lehnte es jedoch ab – im Gegensatz zu anderen studentischen Verbänden – einen entsprechenden Verbandsbeschluss zu fällen. So blieb es jedem Corps selbst überlassen, wie es sich in dieser Frage verhielt (siehe auch: Jüdische Studentenverbindung). Viele studentische Verbände versuchten, sich durch besondere Strenge in der „Judenfrage“ gesellschaftlich zu profilieren und die Corps an Bedeutung zu übertrumpfen, was aber nicht gelang. Den „Krawall-Antisemitismus” anderer Verbände wollten die Corps nicht mitmachen und hielten sich vornehm zurück. Der Ausschluss von Alten Herren, die jüdischen Glaubens oder jüdischer Abstammung waren, wurde in den Corps nicht diskutiert, so dass bei Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahre 1933 noch viele Corps jüdische Mitglieder oder Mitglieder jüdischer Abstammung hatten.

Trotz des hohen gesellschaftlichen Ansehens der Corps im Kaiserreich gab es zum Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts Entwicklungen, die sich gegen die traditionelle Ausrichtung der Studentenverbindungen im Allgemeinen und gegen die Corps im Speziellen richteten. Durch die steigende Zahl der Studenten stieg auch die Zahl der nichtkorporierten Studenten, also der Studenten, die nicht in einer Studentenverbindung Mitglied waren. Obwohl noch in der Minderheit verlangte diese Gruppe zunehmend Mitspracherecht an den Universitäten und forderte eine Studentenvertretung, die von den Studentenverbindungen unabhängig ist. Die Freistudentenbewegung bildete die Basis für die nach dem Ersten Weltkrieg eingerichteten Verfassten Studentenschaften (AStA) mit der Deutschen Studentenschaft als Dachorganisation.

Aber nicht nur in der Hochschulpolitik, auch im Zeitgeist zeigten sich gegenläufige Tendenzen. Die Jugendbewegung (Wandervogel) galt als moderne Form des Zusammenschlusses junger Menschen. Es bildeten sich Begriffe wie „Zurück zur Natur“ und „gesunde Lebensweise“. Alkoholkonsum wurde abgelehnt, Sport befürwortet.

Die Folgen für die Corps zeigten sich in der Statistik: Im Jahre 1901 gehörten 8,3 Prozent aller männlichen Studenten im Deutschen Reich einem Kösener Corps an. Das entsprach 2891 Aktiven und Inaktiven. Im Jahre 1908 war dieser Anteil bereits auf 6,4 Prozent gesunken, was einer absoluten Zahl von 3.100 studierenden Corpsmitgliedern entsprach. Im Jahre 1914 betrug der Anteil noch 5,0 Prozent (2.914 Studenten). Die absolute Zahl der Corpsstudenten stagnierte also, während die allgemeinen Studentenzahlen stark stiegen.

In den damaligen Corpspublikationen wurden als Kritikpunkte der übermäßige Alkoholgenuss genannt, aber auch die Strenge in der Mensurbeurteilung, eine übertriebene Kreispolitik, also eine Cliquenwirtschaft innerhalb des Verbandes, sowie der Aufwand an Zeit und Geld, den der einzelne Student für die Aktivenzeit im Corps zu erbringen habe. Zudem gab es damals bereits alternative Freizeitmöglichkeiten, die das Monopol der Verbindungen auf die Freizeitgestaltung der Studenten längst aufgebrochen hatten.

Andere Stimmen kritisierten, dass die Corps zu wenig Nationalismus zeigten, um für die Jugend, die sich damals für das Vaterland begeisterte, attraktiv zu sein.

Die Begeisterung für das Vaterland ließ auch viele Corpsstudenten mit Enthusiasmus in den Ersten Weltkrieg ziehen. Vaterlandslieder wurden gesungen, vaterländische Reden gehalten [...] die Erregung war auf dem Höhepunkt, heißt es im Semesterbericht des Corps Borussia Tübingen vom Sommer 1914, Unter Vorantritt der Musik zogen wir heim. [...] noch einmal Deutschland, Deutschland über alles und ein Hoch auf den Kaiser und König. Doch ernst waren die Nachrichten. Was sollten wir tun? Wir wollten gern fahren, jeder wollte gleich, wenn "es" käme, an seinem Platze sein.[21] Während des Kriegs kam das Universitäts- und Verbindungsleben fast zum Erliegen. Teilweise wurden die CC-Ferien bis Kriegsende verlängert. Mancherorts hielten Kriegsverwundete und Alte Herren den Betrieb mühsam aufrecht. Das Ende des Kaiserreichs war aber nicht mehr aufzuhalten. Zum Ende des Krieges erklärte der letzte Reichskanzler des Kaiserreichs, Prinz Max von Baden (Corps Rhenania Freiburg, Corps Saxo-Borussia Heidelberg, Corps Suevia Heidelberg) die Abdankung des Kaisers und übergab die Regierungsgeschäfte dem Sozialdemokraten Friedrich Ebert.

Weimarer Republik

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs strömten die Kriegsheimkehrer an die Universitäten, und die Sorgen um den Nachwuchs zerstreuten sich. Während im Jahre 1914 noch 58.700 männliche Studenten an den Universitäten des Reichs immatrikuliert waren, stieg diese Zahl bereits unmittelbar nach Kriegsende auf 82.300. Die Zahl der Aktiven, also der Mitglieder in den ersten Semestern, verdoppelte sich bei den Kösener Corps im Vergleich zum letzten Vorkriegsjahr beinahe. Jedoch blieb die Gesamtzahl der studierenden Corpsmitglieder eher konstant. Der prozentuale Anteil der Kösener Corpsstudenten an der männlichen Studentenschaft sank auf 3,7 Prozent.

Stabilisierung erst nach bürgerkriegsartigen Unruhen

Von 1919 bis 1920 wurden immer wieder Studenten von SPD-Reichswehrminister Gustav Noske aufgefordert, sich in Zeitfreiwilligenverbänden der Reichswehr anzuschließen, um kommunistische Aufstände an verschiedenen Orten im Lande zu zerschlagen. Unter den Freiwilligen waren auch viele Verbindungsstudenten und auch Corpsstudenten mit Fronterfahrung aus dem Weltkrieg. Ziel der SPD-Führung war es dabei, die Bildung von Räterepubliken seitens der USPD und der später gegründeten KPD zu verhindern und Wahlen für eine parlamentarische Demokratie zu ermöglichen, was schließlich auch gelang. Die Demokratie konnte errichtet werden, Wahlen fanden statt. Die Weimarer Republik stabilisierte sich zumindest für eine gewisse Zeit. (Siehe auch: Ebert-Groener-Pakt)

Die Maßnahmen, die während dieser bürgerkriegsähnlichen Zustände ergriffen wurden, verstießen nicht selten gegen Recht und Gesetz. Übergriffe und Gräuel fanden an vielen Orten im Reich statt. Besonderes Aufsehen erregten die Morde an Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, die zuvor zu einem bewaffneten kommunistischen Aufstand aufgerufen hatten.

Die juristische Aufarbeitung dieser Vorgänge erfüllte selten rechtsstaatliche Anforderungen, denn auch die Spitzen von Gesellschaft und Justiz waren in dieser Hinsicht zu befangen.

Politische Ausrichtung

Notgeld der Stadt Bad Kösen (1921)

Auch bei der politischen Bewertung dieser Vorgänge ging ein tiefer Riss durch die Bevölkerung Deutschlands. Das Bündnis der SPD mit den konservativen Militärs ließ viele Sozialdemokraten zu den Kommunisten abwandern. Die reaktionären Kräfte, die dem alten System anhingen, waren mit der Demokratie, die sie eigentlich gestützt und überhaupt erst ermöglicht hatten, auch nicht zufrieden. Die Anhänger der parlamentarischen Demokratie saßen zwischen allen Stühlen und hatten auch keine ausreichende Mehrheit, um die Republik dauerhaft zu stabilisieren.

Die Mitglieder der Corps stammten vorzugsweise aus dem Großbürgertum und dem Adel und waren die Stützen des Kaiserreichs gewesen. Nur wenige konnten sich mit der neuen Demokratie anfreunden. Obwohl die Corps auch in dieser Zeit streng vermieden, sich zu politisieren oder politische Richtungen zu begünstigen, waren demonstrative Kundgebungen für das alte Regime doch in diesen Jahren üblich.

Aber unter Mitgliedern der Corps waren auch bedeutende Sozialdemokraten. So wurde Wilhelm Blos, Mitglied der SPD und des Corps Rhenania Freiburg, erster Staatspräsident Württembergs und löste damit König Wilhelm II. (Corps Suevia Tübingen, Corps Bremensia Göttingen) als Staatsoberhaupt in Stuttgart ab.

In den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg geriet Deutschland territorial und materiell zunehmend unter Druck. Die Regelungen des Versailler Vertrages wurde als Demütigung und unzumutbare Last empfunden. Als Gegenbewegung bildete sich in weiten Kreisen des Bürgertums eine „vaterländische“ Gesinnung, die die Basis für die Wiederherstellung eines stabilen Landes dienen sollte. So schrieb der König Wilhelm II. von Württemberg kurz nach seiner Abdankung an den Vorsitzenden der Altherrenschaft seines Tübinger Corps Suevia:

„Der Geist des deutschen Corpsstudententums, der Geist der Zusammengehörigkeit und der Treue [wird] einer der nützlichsten und notwendigsten Bausteine sein beim Wiederaufbau alles dessen, was jetzt so jäh zusammengebrochen ist.“

In weiten Teilen des deutschen Bürgertums machte sich die Überzeugung breit, dass nur mit einer „nationalen“, „deutsch-völkischen“ und „vaterländischen“ Gesinnung der Aufbau des Landes möglich sein werde. Diese Auffassungen wurden damals nicht parteipolitisch begriffen, sondern stellten sich den Vertretern des Bürgertums als moralische Überzeugungen und ethische Grundwerte dar. So bekannten sich auch die Corps zu diesen Überzeugungen, ohne der Meinung zu sein, dafür ihre Überparteilichkeit und unpolitische Ausrichtung aufgegeben zu haben.

„Die Aufgaben der deutschen Corps sind die des ganzen deutschen Volkes.: Wiedergeburt unserer Kultur und eines neuen dauerhaften Staates. Dies ist nur möglich im Kampf gegen zwei Fronten: 1. gegen die vom Marxismus erstrebte Herrschaft der Masse; 2. gegen die sittliche Versumpfung und Entartung, die alle Kreise unseres Volkes durchsetzt hat.“

Gustav Moll: Aufgaben und Wege. In: Deutsche Corpszeitung. 37, 1920/21

„Wir Studenten müssen aber heute mehr als je der Hort des nationalen Gewissens sein… Es sei von vorneherein betont, daß eine Betätigung in nationalem, nicht politischem Sinne erfolgen soll… Unser einziges Ziel muß es sein, uns über vaterländische Dinge zu unterrichten und dafür einzutreten.“

Kurt Volkmann: Die Aufgaben des Corpsstudententums im neuen Deutschland. In: Deutsche Corpszeitung. 38, 1921/22

Kommunismus und Internationalismus wurden strikt abgelehnt. Unter Internationalismus wurde damals ein nationale Grenzen überschreitender, nur am Profitstreben ausgerichteter Kapitalismus verstanden, also ein Vorläufer der heute so genannten Globalisierung. Diese Auffassungen waren im Bürgertum und damit auch unter den Studenten in der Zeit der Weimarer Republik weit verbreitet.

Hochschulpolitische Maßnahmen

Bereits zu Beginn der Weimarer Republik machte die Hochschulpolitik eine entscheidende Wandlung durch. Der Freistudentenschaft gelang es, eine Vertretung der Studenten unabhängig von den Korporationen zu etablieren, die Verfasste Studentenschaft. Es bildeten sich die ersten Allgemeinen Studentenausschüsse (AStA) und ihr Dachverband, die Deutsche Studentenschaft.

Das bedeutete, dass die Studentenverbindungen nicht mehr die alleinige und typische Form studentischen Zusammenschlusses war. Das bewirkte, das die traditionellen studentischen Verbände, die seit jeher massive Meinungsverschiedenheiten hatten, jetzt anfingen, Gemeinsamkeiten zu entdecken, und danach strebten, sich zu Arbeitsgemeinschaften zusammenzuschließen. Dazu musste eine Menge aufgestautes Konfliktpotenzial abgearbeitet werden, was nur teilweise gelang.

Die schlagenden Verbindungen schlossen sich zur Durchsetzung ihrer Interessen in den neuen Gremien an den einzelnen Hochschulorten zu so genannten Waffenringen zusammen, die als Dachverband den Allgemeinen Deutschen Waffenring gründeten.[22]

Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg

Der Nationalsozialismus trat an den deutschen Hochschulen zuerst in Form des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbunds (NSDStB) auf, der im Jahre 1926 gegründet wurde.[23] Die Nationalsozialisten konkurrierten mit den etablierten Studentenverbindungen bei den AStA-Wahlen. Hier dominierten damals – mit Unterschieden von Universität zu Universität – verschieden zusammengesetzte hochschulpolitische Gruppierungen der schlagenden und der nichtschlagenden Verbindungen.

Gegen Ende der 1920er Jahre wurde der NSDStB dabei immer erfolgreicher und übernahm auf dem Grazer Studententag im Juli 1931 die Führung der Deutschen Studentenschaft. In seiner Abschiedsrede griff der scheidende Vorsitzende der DSt Hans-Heinrich Schulz (Mitglied des Corps Hildeso-Guestphalia Göttingen) den NSDStB wegen dessen Totalitätsanspruch scharf an und erklärte unter anderem: „In dem Augenblick, in dem eine politische Partei der Deutschen Studentenschaft ausschließlich ihren Stempel aufdrückt, wird man von einer Deutschen Studentenschaft nicht mehr sprechen können“. Im Juli 1932 war die Gleichschaltung der DSt vollzogen: Auf dem Königsberger Studententag erschienen die Delegierten in den Uniformen der NSDAP-Gliederungen; an nahezu allen Universitäten stellte der NSDStB den Allgemeinen Studentenausschuss (AStA).[24]

Obwohl viele Corpsstudenten mit einigen nationalsozialistischen Ideen sympathisierten, vor allem hinsichtlich des Strebens nach einer autoritären Staatsform, des Revanchismus für den verlorenen Weltkrieg und des Antisemitismus, gab es auch entscheidende Unterschiede zwischen den NS-Ideologien und den corpsstudentischen Traditionen. So vertrug sich das Führerprinzip nicht mit dem althergebrachten Conventsprinzip, das für die einzelnen Corps eine demokratische Entscheidungsfindung und eine Autonomie gegenüber staatlichen Stellen vorsieht. Die Abgrenzung der Akademiker von anderen Bevölkerungsgruppen durch das Tragen von Couleur war den NS-Ideologen auch ein Dorn im Auge. Ihr Ideal war der gleichgeschaltete, uniformierte Volksgenosse. Die corpsstudentische Ehrauffassung vertrug sich nicht mit dem von den Nationalsozialisten geforderten Kadavergehorsam gegenüber Staat und Partei. Die corpsstudentische Lebensfreude und üppige Freizeitgestaltung kam in Konflikt mit den NS-Konzepten von ideologischer Schulung und Wehrsport.

Die Gleichschaltung der Deutschen Studentenschaft im nationalsozialistischen Sinne hatte bereits deutlich vor 1933 stattgefunden, die der verschiedenen Verbindungen und ihrer Verbände sollte noch einige Zeit in Anspruch nehmen. Ein Instrument dazu sollte der Allgemeine Deutsche Waffenring (ADW) werden. Der NSDStB hatte bereits im Januar 1931 mit dem ADW ein Abkommen abgeschlossen, das die hochschulpolitische Zusammenarbeit regelte und eine Ehrenordnung enthielt. So sollte der ADW auf die Verbände und ihre Mitgliedsverbindungen im Sinne des NSDStB von oben herab Einfluss nehmen, was auch zunehmend der Fall war. Um dem entgegenzutreten, stellte der SC zu Heidelberg auf dem Kösener Congress im Oktober 1932 den Antrag, die Mitgliedschaft des KSCV im ADW zu kündigen: Der Verlauf der letzten Waffenstudententage nötigt uns zu der Erkenntnis, dass durch die Vergewaltigung des ADW-Vertrages durch zweifelhafte Mehrheitsbeschlüsse die Erhaltung des Kösener Gesetzes auf die Dauer unmöglich wird. Diese Erkenntnis zieht aber die Konsequenz nach sich, dass man aus diesem Gremium austreten muss, solange noch Zeit dazu ist. Dieser Antrag wurde einstimmig angenommen, der KSCV trat aus dem ADW aus. Die dreimonatige Kündigungsfrist reichte bis zum Januar 1933.

Die Auseinandersetzungen nahmen auch nach der Machtergreifung 1933 weiter zu. Rempeleien und Pöbeleien uferten teilweise in regelrechte Straßenschlachten aus. Diese Konflikte kamen in Form der Göttinger Krawalle und des Heidelberger Spargelessens in die öffentliche Diskussion. Die gleichgeschalteten Medien forderten zunehmend die Auflösung der traditionellen Studentenverbindungen. Die selbstbewussten Corps galten dabei als besonders kritisch. Der ordentliche Kösener Congress an Pfingsten 1933, der die Gleichschaltung und Übernahme des Führerprinzips einleiten sollte, brachte den KSCV an den Rand der Handlungsunfähigkeit.[25] Erst nach Konsultation des Staatssekretärs Dr. Lammers in Berlin ernannte der Gesamtausschuss den Juristen Dr. Max Blunck zum „Führer des KSCV“.[26] Während seiner Amtszeit nahm durch Gesetzgebung und Verwaltungsentscheidungen der Druck auf die Verbindungen weiter zu. Wichtige Schritte waren das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums 1933 und der Feickert-Plan 1934.[27] Ziel der Nationalsozialisten war Gleichschaltung der Verbindungen durch Eingliederung aller Studenten in die NS-Kameradschaften, der sich die Verbindungen, allen voran die Corps, heftig wehrten.

Im Jahre 1934 schlossen sich im Rahmen von Widerständen gegen die Gleichschaltungen der Rudolstädter Senioren-Convent (RSC) sowie der Naumburger Senioren-Convent (NSC) dem Weinheimer Senioren-Convent (WSC) an, was aber die Zwangsauflösung der Verbände und ihrer Einzelcorps nicht verhindern konnte. Damit setzte sich der NS-Staat bis Ende 1935 im wesentlichen durch.

Die österreichischen Corps wurden nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich im Jahre 1938 aufgelöst, ihre Mitglieder in die NS-Kameradschaften aufgenommen.

Trotz der Verbote und offiziellen Suspendierungen führten viele Corps ihre Aktivitäten in der Kriegszeit im Geheimen fort.

Wiedergründung nach dem Weltkrieg

Trotz der Suspension der Corps in den dreißiger Jahren stehen diese auf dem Index der verbotenen Vereine der 4-Mächte Verordnung Nr. 24: „Die führenden Universitätsburschenschaften [sic!] …, die dem Kösener Studentencorps angeschlossen waren“. Nach dem Krieg wurden in Westdeutschland und in Österreich nach dieser Unterdrückung ab etwa 1947 erste Versuche der Wiedergründung der Corps gemacht, bis 1950 hatten sie konkrete Formen angenommen, ab 1953 wurde die Mensur für straffrei erklärt, zugleich mit dem Verzicht der mensurschlagenden Verbände auf das Prinzip der unbedingten Satisfaktion und die Einführung der Kösener Ehrenordnung (1958) ein bedeutsamer Wandel vollzogen. Die Corps an den Hochschulen auf dem Gebiet der DDR, der deutschen Ostgebiete und in Böhmen/Mähren verlegten ihren Standort nach Westdeutschland oder Österreich. Dabei fusionierten manche mit befreundeten Corps oder mit den anderen Corps am Standort, um mehr Ressourcen für den Wiederaufbau zu haben. Dies traf besonders für die Corps aus Königsberg und Halle an der Saale zu.

Die baltischen Verbindungen, die an den Standorten Riga und Dorpat eine eigene Kultur entwickelt hatten, sich dabei jedoch immer dem Corpsstudententum verbunden fühlten, gründeten nach dem Kriege in Westdeutschland neue Corps in Göttingen und Hamburg, die innerhalb des KSCV bis heute ihre speziell baltischen Traditionen weiterführen.

Deutsche Wiedervereinigung

Nach der deutschen Wiedervereinigung im Jahre 1990 kehrten viele Corps wieder an ihre alten Standorte in die neuen Bundesländer zurück, es wurden auch neue Standorte (Potsdam, Magdeburg, Frankfurt (Oder)) für das Corpsstudententum erschlossen.[28]

Am 30. Juni 2007 wurde auch wieder ein Kösener Corps in der Schweiz neu gegründet. Dabei wurde bewusst auf der Tradition des untergegangenen Corps Tigurinia Zürich aufgebaut, das nach den Richtlinien des KSCV nicht wiederbelebt werden durfte. Die Tigurinia II gilt als neu gegründetes Corps, führt aber die Tradition der Tigurinia I weiter.[29].

Dachverbände

Heutige Situation

Heute bestehen als Dachverbände der Corps der Kösener Senioren-Convents-Verband (KSCV) mit Mitgliedscorps in Deutschland, Österreich und der Schweiz und der Weinheimer Senioren-Convent (WSC), früher auch in der Schweiz präsent, jetzt nur noch mit aktiven Verbindungen in Deutschland. Beide sind pflichtschlagend und farbentragend und pflegen durch einen Kartellvertrag eine enge Kooperation.

Einige Mitgliedsverbindungen des Wernigeroder Jagdkorporationen-Senioren-Convents (WJSC) bezeichnen sich als „Jagdcorps“.

Historische Verbände

In Deutschland existierten mit dem Rudolstädter Senioren-Convent (RSC) und dem Naumburger Senioren-Convent (NSC) bis 1934 zwei weitere überregional bedeutsame fachstudentisch ausgerichtete Corpsverbände.

Der Rudolstädter Senioren-Convent (RSC) wurde im Jahre 1873 von Landsmannschaften an Tierärztlichen Hochschulen gegründet und später ausgedehnt auf Verbindungen an deutschen Universitäten, Technischen Hochschulen und Handelshochschulen. Diese Verbindungen benannten sich später in Corps um. Der gesamte Verband trat 1934 dem WSC bei. Nach 1945 gab es keine Versuche, den Verband zu rekonstituieren.

Der Naumburger Senioren-Convent (NSC) ist im Jahre 1928 hervorgegangen aus dem Verband der akademischen landwirtschaftlichen Verbindungen, die sich nunmehr in Corps umbenannten. Von den ehemaligen NSC-Corps gehören heute zwei dem WSC an (Agronomia Hallensis zu Göttingen, Alemannia Kiel) und eine verblieb unabhängig (Corps Donaria Freising).

In Österreich bildeten sich in der Zwischenkriegszeit Legitimistische Corps, schlagende legitimistische Studentenverbindungen, die sich in allen bekannten Fällen früher oder später als Corps bezeichneten. Gemeinsam war diesen Bünden, dass sie nach dem Zusammenbruch der Monarchie aus konservativen Kreisen, ehemaliger Adel und Militär, entstanden waren. Darum kamen sie mehr oder weniger berechtigt in den Ruf, legitimistisch[30] zu sein. War vor dem Ersten Weltkriege für die Corps Kaisertreue gut mit dem Anspruch, politisch neutral zu sein, vereinbar, so war in der Ersten Republik für diese nun als politisch positioniert wahrgenommenen Neugründungen kein Platz in den Corpsdachverbänden. Die relativ offen legitimistischen Bünde in Wien fanden sich im Wiener SC zusammen.

In der Schweiz bestand in Konkurrenz zu den dem KSCV angegliederten Corps zeitweilig der Aarburger Senioren-Convent (ASC). Er wurde am 22. November 1884 als Verband schweizerischer Corps gegründet und ähnelte in seiner Ausrichtung dem KSCV. Er war Nachfolgeinstitution des 1876 gebildeten Aarburger Kartellverbands. 1889 erklärten sich die Verbindungen zu Corps. 1971 wurde der ASC suspendiert, da keine aktive Verbindung mehr bestand. Die Altherrenvereine schlossen sich bei Wahrung der Selbständigkeit zu einem gemeinsamen Altherren-Convent zusammen, der inzwischen ebenfalls erloschen ist.

Eine Auswahl bekannter Corpsstudenten

(Siehe auch: Kategorie:Corpsstudent)

Staatsoberhäupter

Wilhelm II., König von Württemberg, 1903

Staat und Politik

Bismarck als Corpsstudent

Militär und Widerstand

Medizin und Naturwissenschaft

Wirtschaft und Technik

Kunst und Kultur

Literatur

  • Erich Bauer: Schimmerbuch für junge Corpsstudenten, 7. Auflage 2000, Selbstverlag des Verbandes Alter Corpsstudenten (VAC) (nicht im Buchhandel erhältlich)
  • Rolf-Joachim Baum (Hrsg.): „Wir wollen Männer, wir wollen Taten!“ Deutsche Corpsstudenten 1848 bis heute, Siedler-Verlag, Berlin 1998, ISBN 3-88680-653-7
  • Martin Biastoch: Die Corps im Kaiserreich – Idealbild einer Epoche?. In: „Wir wollen Männer, wir wollen Taten“ – Deutsche Corpsstudenten 1848 bis heute, hrg. v. Rolf Joachim Baum, Siedler Verlag, Berlin 1998, S. 111–132,
  • Edwin A. Biedermann: Logen, Clubs und Bruderschaften, Droste-Verlag, 2. Aufl. 2007, ISBN 3-7700-1184-8
  • Martin Biastoch: Das studentische Mensur- und Duellwesen im Kaiserreich, dargestellt am Beispiel der Tübinger Corps Franconia, Rhenania, Suevia und Borussia zwischen 1871 und 1895, SH-Verlag, Vierow 1995,
  • Wilhelm Fabricius: Die Deutschen Corps. Eine historische Darstellung mit besonderer Berücksichtigung des Mensurwesens. Berlin 1898 (2. Aufl. 1926)
  • Christian Helfer: Kösener Brauch und Sitte. Zweite Auflage 1991. ISBN 3980147525
  • Torsten Lehmann: Die Hallenser Corps im Deutschen Reich. Eine Untersuchung zum studentischen Verbindungswesen 1871–1918 (= Forschungen zur hallischen Stadtgeschichte, Bd. 10), Halle 2007, ISBN 978-3-89812-445-4
  • Hermann Rink: Die Mensur, ein wesentliches Merkmal des Verbandes. In: Rolf-Joachim Baum (Hrsg.), „Wir wollen Männer, wir wollen Taten!“ Deutsche Corpsstudenten 1848 bis heute. Siedler Verlag, Berlin 1998, S. 383–402. ISBN 3-88680-653-7
  • Manfred Studier: Der Corpsstudent als Idealbild der Wilhelminischen Ära – Untersuchungen zum Zeitgeist 1888 bis 1914, Abhandlungen zum Studenten- und Hochschulwesen, Band 3, Schernfeld 1990, ISBN 3-923621-68-X
  • R.G.S. Weber: The German Corps in the Third Reich Verlag Macmillan London, deutsche Ausgabe: Die Deutschen Corps im dritten Reich Köln 1998 ISBN 3-89498-033-8
  • Egbert Weiß: Corpsstudenten in der Paulskirche, Sonderheft Einst und Jetzt, München 1990

Anmerkungen und Quellen


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