British National Front


British National Front

Die British National Front (meist National Front oder NF genannt) ist eine britische rechtsextreme Partei, die ihre Blütezeiten in den 1970er und 1980er-Jahren erlebte.

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

Die NF wurde am 7. Februar 1967 unter dem Vorsitz von A. K. Chesterton, Cousin des Autors G.K. Chesterton und vormaliger Führer der League of Empire Loyalists (LEL), gegründet. Ihr Ziel war es, zum einen Einwanderung und eine Politik des Multikulturalismus zu bekämpfen, zum anderen wollten sie auch multilaterale Abkommen und Institutionen wie die Vereinten Nationen oder den Nordatlantikpakt (NATO) blockieren, die bilaterale Abkommen zwischen Staaten ersetzen sollten. Die neue Bewegung drängte die LEL in eine andauernde Koalition mit der British National Party und einem Drittel der von Robin Beauclair geführten Racial Preservation Society. Es existierte zwar ein Bann, der den Eintritt von neonazistischen Gruppen in die Partei verhindern sollte, Mitglieder der neonazistischen Greater Britain Movement von John Tyndall umgingen dieses Verbot jedoch, indem sie als Privatpersonen eintraten.

Die NF wuchs während der 1970er-Jahre und hatte 1974 20 000 Mitglieder. In Kommunalwahlen erzielte die Partei besonders gute Ergebnisse. So erhielt die NF (zusammen mit einer Splittergruppe) 44 Prozent der abgegebenen Stimmen in Deptford und schlug damit beinahe den Labour-Kandidaten. In drei Nachwahlen zum Parlament errang der NF den dritten Platz, wobei jedoch anzumerken ist, dass sie nur in einem dieser Fälle – der Newham-Nachwahl von 1975, bei der der ehemalige Kandidat der Communist Party of Great Britain Mike Lobb für den NF antrat – mehr Stimmen als die Liberaldemokraten erhielt.

Die Wählerbasis der NF bestand vor allem aus Arbeitern und Selbstständigen, die sich gegen die angebliche Bedrohung durch ausländische Arbeitskräfte aussprachen. Außerdem zog die Partei einige desillusionierte Mitglieder der Conservative Party an, die viel Expertise und Ansehen in die NF einbrachten. Von besonderer Bedeutung war hierbei der der so genannte Monday Club, der sich bei den Konservativen als Reaktion auf Harold MacMillans Winds of Change-Rede gegründet hatte. Politische Basis der NF waren Anti-Kommunismus und -Liberalismus, Unterstützung für die Ulster-Loyalisten in Nordirland, Widerstand gegen die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft und die Befürwortung der Zwangsausweisung von neuen Immigrantinnen und Immigranten aus dem Commonwealth, die aufgrund des einmaligen Pass-Systems zu dieser Zeit als gleichberechtigte Bürgerinnen und Bürger nach Großbritannien einreisen konnten.

Die NF war bekannt für ihre lautstarken Demonstrationen, die in den 1970ern ein häufiger Anblick waren, vor allem in London, wo sich die NF oft antifaschistischem Widerstand von Gruppen wie der International Marxist Group von Tariq Ali oder später der Anti Nazi League der Socialist Workers Party gegenübersah. Gegnerinnen und Gegner der NF betrachteten diese als neofaschistische Organisation und ihre Aktivitäten werden auch heute noch von anti-rassistischen Gruppen wie Searchlight oder Unite Against Fascism bekämpft.

Die NF wurde zuerst von Chesterton angeführt, der die Partei verließ, nachdem die Hälfte des Vorstandes (angeführt vom Hauptfinanzier des NF, Gordon Marshall – auch bekannt als „Gordon Brown“) ihm das Vertrauen entzogen hatte. Er wurde 1970 durch den ehemaligen Konservativen John O'Brien, einem Unterstützer von Enoch Powell, ersetzt. O'Brien zog sich jedoch zurück, als er bemerkte, dass die leitenden Funktionen systematisch von ehemaligen Mitglieder des Greater Britain Movement übernommen wurden. Diese wollten damit erreichen, dass die Partei von John Tyndall und seinem Stellvertreter, Martin Webster, dominiert werden konnte. O'Brien und die Schatzmeisterin der NF, Clare McDonald, überführten eine kleine Gruppen von Anhängerinnen und Anhängerinnen in die National Independence Party von John Davis und überließen die Führung Tyndall und Webster.

Im Jahr 1973 konnte der NF einen schockierenden Erfolg bei einer Nachwahl in West Bromwich erringen: Die Partei erreichte mit 16 Prozent der Stimmen den dritten Platz und erhielt das einzige Mal in ihrer Geschichte ihr Wahl-Pfand zurück (Kandidatinnen und Kandidaten müssen vor der Wahl ein Pfand hinterlegen, das sie beim Erreichen einer bestimmten Stimmenzahl zurück erhalten). Grund für den großen Erfolg war vor allem die vom Kandidaten Martin Webster angenommene Rolle des netten „Big Mart“ und die teure Wahlkampagne, bei der Busladungen von Unterstützerinnen und Unterstützern in den Bezirk gekarrt wurden. In der Folgezeit erzielte die Partei ansehnliche Erfolge, konnte jedoch nie einen Sitz direkt in einer Wahl erlangen. Einzige Ausnahme war ein Sitz bei den Nachwahlen zum Stadtrat von Carrickfergus in Nordirland 1975, bei der der Gegenkandidat ausschied.

Im Jahr 1974 enthüllte die Dokumentation This Week des Fernsehsenders ITV die neonazistische Vergangenheit (und andauernden Verbindungen in der Gegenwart) von Tyndall und Webster. Dies führte zwei Wochen später zu einem turbulenten Parteitag, bei der der Parteivorsitz an den Populisten John Kingsley Read überging. Dieser und seine Unterstützerinnen und Unterstützer wurde jedoch bereits nach kurzer Zeit aus der Partei gedrängt – nicht zuletzt durch die Einschüchterungsversuche der „Ehrengarde“ von Tyndall – und Tyndall kehrte an die Spitze der NF zurück. Read formierte im Anschluss die kurzlebige National Party, die zwei Ratssitze bei den Wahlen in Blackburn 1976 erlangen konnte.

Das Jahr 1979 erwies sich für die National Front als desaströs: Der Aufstieg der neu erstarkten Konservativen unter Margaret Thatcher und deren scharf rechte Positionen zu Einwanderung und Innenpolitik beförderten die NF vollkommen ins Abseits. Viele ehemalige Tories kehrten wieder zu ihrer politischen Heimstatt zurück. Zusätzlich brachte Tyndalls kurzfristige Entscheidung, das Antreten von insgesamt 303 Kandidatinnen und Kandidaten zu finanzieren, um den Anschein von wachsender Stärke zu erwecken, die Partei an den Rand des Ruins, da sämtliche Wahl-Pfänder verloren gingen (Die meisten Kandidaturen existierten nur auf dem Papier und es fand kein wirklicher Wahlkampf statt). Tyndalls Führungsanspruch wurde von Andrew Fountaine infrage gestellt und dieser formierte, nachdem er von Tyndall abserviert worden war, eine Abspaltung, die NF Constitutional Movement. Die einflussreiche Gruppe in Leicester spaltete sich zu dieser Zeit ebenfalls ab und endete in der kurzlebigen British Democratic Party. Angesichts dieses dramatischen Zusammenschmelzens der Partei wurde Tyndall aus der Partei ausgeschlossen und durch Andrew Brons an der Parteispitze ersetzt. Tyndall formierte seine eigene New National Front, die jedoch gerichtlich zur Umbenennung gezwungen wurde. Ironischerweise entschloss sich Tyndall, die NNF in British National Party (BNP) umzubenennen – aus der ursprünglichen BNP waren er und seine Getreuen ausgeschlossen worden. Die BNP verdrängte in der Folgezeit die National Front von ihrem Platz als dominante Partei am äußeren rechten Rand.

Der stellvertretende Vorsitzende der NF, Martin Webster, behauptete, dass die Aktivitäten der Anti Nazi League wesentlich zum Zusammenbruch der Partei am Ende der 1970er Jahre beigetragen habe, diese Behauptung widerspricht jedoch dem tatsächlichen Lauf der Ereignisse: Die Anti Nazi League kollabierte zu Beginn des Jahren 1979, nachdem Untreuevorwürfe laut geworden waren und berühmte Unterstützer wie Brian Clough sich daraufhin von der Organisation trennten; die NF dagegen trat wenige Monate nach diesen Ereignissen mit der höchsten Anzahl von Kandidaturen bei den Parlamentswahlen von 1979 an. Außerdem zeigen die kompletten Protokolle der Vorstandssitzungen von Ende 1979 bis zur Teilung der Partei 1986 (diese waren vom vormaligen Führer der NF, Patrick Harrington in der Universitätsbibliothek von Southampton deponiert worden), dass die Partei in den Jahren nach 1979 die Gewohnheit entwickelte, „den Roten etwas zu stecken“, um ihren eigenen Aktivitäten dadurch zu gesteigerter Glaubwürdigkeit zu verhelfen, dass diese von Horden wütender Demonstrierender begleitet wurden. Diese Tatsache wurde später vom V-Mann des britischen Inlandsgeheimdienstes MI5, Andrew Carmichael, bestätigt, der während der 1990er-Jahre der regionale Organisator der NF in den West Midlands war. Es gibt wenig Zweifel daran, dass letztlich zwei Faktoren zum Zusammenbruch der NF führten – einerseits Margaret Thatchers Rede von der „Überschwemmung“ durch Einwanderung, mit der sie die rechten Ränder des Wählerspektrums abgraste, und andererseits John Tyndalls diktatorenhafter Entschluss, für 303 Sitze zu kandidieren.

Der Niedergang der Partei in den achtziger Jahren vollzog sich rasch, wenngleich es der Partei gelang, eine gewisse Unterstützung in den West Midlands und in Teilen von London zu erlangen. Die Partei versuchte mehrmals vergeblich, in Nordirland eine Anhängerschaft zu gewinnen. Ihre Gegnerinnen und Gegner betrachteten die NF als eine Skinhead-Partei mit kaum verhüllten neonazistischen Ansichten – eine Sichtweise, der die Partei lautstark widersprach (und die auch viele Skinheads nicht akzeptierten). Entgegen verbreiteter Meinung und der Darstellung durch die Boulevardpresse (auch Searchlight vertrat diese Ansicht) verlor die NF einen großen Anteil ihrer aus der Oi!-Szene rekrutierten Anhängerschaft, als Ergebnis ihrer Unterstützung nicht-weißer Radikaler wie Louis Farrakhan und Ayatollah Khomeini. Diese verlorenen Anhängerinnen und Anhänger schlossen sich in der Folgezeit der British National Party, der rasch niedergehenden British Movement oder auch dem Neonazi-Netzwerk von Blood and Honour an. Griffin und Holland versuchten sogar, die Unterstützung des libyschen Diktators Muammar al-Gaddafi zu gewinnen; dieses Ansinnen wurde jedoch von libyscher Seite zurückgewiesen, nachdem diese vom Ruf der NF als Faschisten hörte – schließlich war ein Drittel der libyschen Bevölkerung während des Zweiten Weltkriegs von Truppen des erklärten Faschisten Mussolini getötet worden.

In Wahrheit spaltete sich die Partei in den achtziger Jahren in zwei Hälften. Hierbei spielte vor allem das Konzept des „Politischen Soldaten“ eine herausragende Rolle, das von jungen Radikalen wie Nick Griffin, Patrick Harrington, Phil Edwards and Derek Holland vertreten wurde, die als Official National Front oder Third Way bekannt wurden. Unter der Führung der „Politischen Soldaten“ verlor die NF ihr Interesse an Wahlen und bevorzugte eine mehr revolutionäre Strategie. Auf der anderen Seite stand die Flag Group, die aus den Traditionalisten wie Ian Anderson, Martin Wingfield, Tina „Tin-Tin“ Wingfield und Steve Brady bestand und unter dem Banner der NF zu den Parlamentswahlen 1987 antraten. Die Flag Group startete einige eher dilettantische politische Unternehmungen; die Ideen des Social Credit und des Distributismus erlangten eine gewisse Popularität, wie immer jedoch stand eigentlich die Einwanderungspolitik (race relations) im Zentrum der Aufmerksamkeit. Im Jahr 1990 verteilten sich die Politischen Soldaten auf Gruppen wie Third Way und die International Third Position (ITP) und überließen damit der Flag Group die Kontrolle über die NF, deren Vorsitzende dann Ian Anderson und Martin Wingfield wurden.

Namensänderung in National Democrats

In gleichem Maße wie die BNP in den 1990er-Jahren wuchs, schrumpfte die NF. In der Folge beschloss Ian Anderson, den Namen der Partei zu ändern und 1995 einen neuen Start als National Democrats zu versuchen. Dieser Schachzug erwies sich als sehr unpopulär (die Ergebnisse der Abstimmung über die Namensänderung wurden von vielen angezweifelt) und mehr als die Hälfte der 600 Mitglieder firmierten weiterhin unter dem Namen National Front. Die National Democrats brachten für eine Weile die alte NF-Zeitschrift The Flag heraus und schlugen 1997 die NF bei den Nachwahlen in Uxbridge (die beiden Parteivorsitzenden standen sich hierbei als Kandidaten gegenüber). Die NF dagegen starteten eine neue Zeitschrift, The Flame, die bis heute in unregelmäßiger Folge erscheint.

Gegenwärtige National Front

Die NF liegt gegenwärtig weitgehend am Boden, auch wenn sie als kleine Partei weiter existiert und zu Wahlen antritt. Gegenwärtiger Vorsitzender ist Tom Holmes. Die NF stellte 12 Kandidatinnen und Kandidaten bei den Parlamentswahlen 2005, wobei es keinem von ihnen gelang, ihr Wahlpfand zurückzuerhalten; insgesamt erhielt die Partei 7148 Stimmen. Die NF unterhält Verbindungen zu loyalistischen paramilitärischen Gruppen in Nordirland.

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