Zystitis


Zystitis
Klassifikation nach ICD-10
N30 Zystitis
ICD-10 online (WHO-Version 2011)

Als Zystitis (latein. Cystitis) wird im engeren und allgemein gebräuchlichen Sinn – auch im medizinischen Sprachgebrauch – eine Entzündung der Harnblase bezeichnet. (Im weiteren Sinne handelt es sich um die Entzündung einer Blase, so der Gallenblase, hier Cholezystitis.)

Betroffen sind vor allem Kinder und sexuell aktive Frauen. Im fortgeschrittenen Lebensalter sind auch Männer betroffen, oftmals im Zusammenhang mit einer gutartigen Prostatavergrößerung. In den meisten Fällen handelt es sich um eine aszendierende, also aufsteigende Infektion, deren häufigste Ursache gramnegative Stäbchen aus der Darmflora (Escherichia coli in 80 % der Fälle), aber auch grampositive Kokken, Mykoplasmen, Ureaplasmen, Hefen, Chlamydien, Viren und chemische oder mechanische Reize sind. Begünstigt wird die Zystitis durch Abflussstörungen des Urins aus der Harnblase, Alter, weibliches Geschlecht und medizinische Eingriffe. Die Therapie ist in aller Regel antibiotisch, bei der unkomplizierten Zystitis der Frau sind in der Regel 1–3 Tage ausreichend. Eine gefürchtete Komplikation ist die Nierenbeckenentzündung, die mit hohem Fieber bis hin zur Blutvergiftung und Abszessbildung einhergehen kann.

Des Weiteren gibt es die selteneren, abakteriellen Formen der chemisch oder physikalisch induzierten Zystitis. Ein Beispiel für die letztere Form ist die sogenannte Strahlenzystitis nach einer Strahlentherapie im Bereich des kleinen Beckens.

Von der Zystitis abzugrenzen ist die symptomlose Bakteriurie.

Inhaltsverzeichnis

Epidemiologie

Nach Schätzungen werden in den USA jährlich ca. sieben Millionen akute Blasenentzündungen diagnostiziert, die Kosten von mehr als einer Milliarde Dollar verursachen.

Ursachen

Darmbakterien sind die häufigste Ursache einer akuten, unkomplizierten Blasenentzündung, wobei Escherichia coli für 70–95 Prozent der Infektionen verantwortlich zeichnet. Staphylococcus saprophyticus ist in ca. 5–10 Prozent der verantwortliche Keim, seltener sind Proteus mirabilis und Klebsiellen zu finden.[1]

Prädisponierende Faktoren

Begünstigende Faktoren für die Entstehung einer Zystitis sind:

  • Weibliches Geschlecht: Aufgrund der anatomischen Verhältnisse (kurze weibliche Harnröhre, Nähe der äußeren Harnröhrenöffnung zur Vagina und zur Analregion) wird eine Keimaszension bei Frauen begünstigt. In der Postmenopause atrophiert das die Harnröhre abdichtende Epithel, weshalb auch hier Zystitiden häufiger sind. Mit dem Alter kommt es insgesamt jedoch zu einer zunehmenden Angleichung der geschlechtsspezifischen Prävalenz. Grund ist das vermehrte Auftreten einer Prostatahyperplasie beim älteren Mann, mit den dadurch bedingten obstruktiven Miktionsbeschwerden. Bei weiblichen Säuglingen gibt es die „Windel-Zystitis“ infolge Keimaufwanderung durch die kurze Harnröhre. Bei Kleinkindern männlichen Geschlechts und Zystitis ist an Fehlbildungen des Urogenitaltrakts zu denken.
  • Häufiger Geschlechtsverkehr bei Frauen: Mechanische Irritation aufgrund unmittelbarer Nähe der Vagina zur Harnröhrenmündung („Deflorations-Zystitis“, „Flitterwochen-Zystitis“, „Honeymoon-Zystitis“, „Urlaubs-Zystitis“). Rolle der Sexual- und Analhygiene mit möglichem Keimtransfer.
  • Störungen des Harnabflusses durch eine Einengung (Obstruktion) im Bereich der Harnröhre mit Restharnbildung, so aufgrund einer Harnröhrenstriktur, einer Prostatahyperplasie oder durch Tumoren, Beckenbodensenkung, weiterhin Blasendivertikel und vesikoureteraler Reflux
  • Stoffwechselerkrankungen, insbesondere ein Diabetes mellitus mit Abwehrschwäche und zuckerhaltigem Urin als „Nährboden“ für Bakterien
  • Blasenverweilkatheter, seltener Einmalkatheterismus
  • Eingriffe wie eine Blasenspülung, Blasenspiegelung, Miktionszystourethrographie
  • Immunsuppression mit Abwehrschwäche

In einer wenn auch kleinen prospektiven Studie mit 796 gesunden Frauen im Alter von 18 bis 40 Jahren erwiesen sich nur die Verwendung eines Diaphragmas oder eines Spermizids und Geschlechtsverkehr in den zurückliegenden sieben Tagen sowie eine Vorgeschichte von rezidivierenden Harnwegsinfekten als statistisch signifikante unabhängige Risikofaktoren.[2]

Symptome

Typische Symptome einer Blasenentzündung sind:

  • Dysurie/Algurie – Schmerzen und Brennen beim Wasserlassen
  • Pollakisurie – Häufiger Harndrang mit geringen Urinportionen
  • Blasentenesmen – Blasenkrämpfe

Weitere Symptome können sein:

Diagnostik

Urinschnelltest

Neben der Erhebung der Anamnese und der körperlichen Untersuchung steht die Urindiagnostik an erster Stelle. Hierzu wird „sauberer Mittelstrahlurin“ genommen, d. h. die erste Urinportion wird verworfen, genau so wie die letzte. Außerdem sollte man beachten, dass man nur 10 ml Urin abnimmt, denn mehr brauchen die MTLA zur Diagnostik nicht. Wichtig ist, dass das Genitale vorher gründlich gesäubert wird, damit eine Verunreinigung des Urins mit der normalen Schleimhautflora, mit Fluor vaginalis o. ä. vermieden wird. Des Weiteren muss bei der Frau darauf geachtet werden, dass die richtige Technik angewandt wird, was bedeutet, dass die Schamlippen gespreizt werden, damit der Urin so wenig Kontakt mit der Umgebung bekommt, wie möglich. Es ist auch möglich, den Urin mittels Einmalkatheterisierung oder besser durch eine suprapubische Blasenpunktion zu gewinnen. Diese invasiven Möglichkeiten können auch ambulant eingesetzt werden. Ein erster Test erfolgt mit sogenannten Urinteststreifen. Dieser dient dem Nachweis von roten Blutkörperchen, weißen Blutkörperchen und Nitrit als Abbauprodukt von Bakterien. In einem weiteren Schritt wird der Urin mikroskopisch untersucht. Hierbei können die oben genannten Zellen, sowie Bakterien und Kristalle eindeutig identifiziert werden. In einem letzten Schritt erfolgt das Anlegen einer Urinkultur zur genauen Differenzierung des Erregers. Diese dient weiterhin der Erstellung eines Antibiogramms, um damit gegebenenfalls eine gezielte Antibiotikatherapie zu ermöglichen.

Zur weiteren Diagnostik gehört die Ultraschalluntersuchung der Nieren und der Harnblase. Bei rezidivierenden Zystitiden ist eine Ausscheidungsurographie zur Beurteilung der Abflusswege und eine Zystoskopie zur genauen Beurteilung der Harnröhre und Harnblase sinnvoll. Auch an die gynäkologische Untersuchung sollte unbedingt gedacht werden, gerade bei älteren Frauen.

Therapie

Die Behandlung der unkomplizierten Blasenentzündung erfolgt mit Antibiotika (heute meist Trimethoprim; aber auch Trimethoprim-Sulfamethoxazol (=Cotrimoxazol), Fluoroquinolone wie Ciprofloxacin oder Norfloxacin, β-Lactam-Antibiotika). Diese kann zunächst als kalkulierte Antibiotikatherapie erfolgen, d. h. es wird ohne einen Erregernachweis ein Antibiotikum verabreicht, das erfahrungsgemäß erfolgreich bei Harnwegsinfektionen ist. Bei längerer Therapie sollte eine gezielte Antibiotikatherapie entsprechend der Sensibilität des Erregers erfolgen. Gegen die Blasentenesmen werden Spasmolytika wie z. B. Butylscopolaminiumbromid verordnet. Des Weiteren werden eine reichliche Flüssigkeitszufuhr, regelmäßige Blasenentleerung und lokale Wärme empfohlen.

Komplikationen bei einer Harnwegsinfektion

Die Nierenbeckenentzündung ist eine gravierende Komplikation der Zystitis. Sie entsteht durch das Aufsteigen der Erreger über den Harnleiter in das Nierenbecken und die Nieren. In ihrer maximalen Ausprägung führt diese dann zur generalisierten schweren Infektion, der sogenannten Urosepsis. Beim Mann kann durch Aufsteigen der Erreger in die Samenleiter eine Entzündung der Nebenhoden entstehen.

Vorbeugung

  • Da die häufigsten Erreger von Zystitiden und allgemein von Harnwegsinfektionen Darmbakterien sind, ergibt sich logisch die Bedeutung von Analhygiene (auch Vermeiden der „falschen Wischrichtung“) und Sexualhygiene. Alle Sexualpraktiken, die geeignet sind, Darmbakterien in die Scheide und die Region der Harnröhrenmündung zu befördern, begünstigen tendenziell die Entstehung von Zystitiden. Blasenentleerung der Frauen nach Geschlechtsverkehr spült Bakterien aus der Blase. Bei rezidivierenden Zystitiden kann die vorbeugende Einnahme einer kleinen Dosis Trimethoprim oder Nitrofurantoin nach dem Geschlechtsverkehr sinnvoll sein. Bei Frauen in der Postmenopause, die keine Hormonersatztherapie betreiben, und eine Harnröhrenatrophie haben, kommt die lokale Anwendung einer estrogenhaltigen Salbe auf die Harnröhrenmündung infrage.
  • Eine Blasenentzündung wird zwar nicht durch Kälte hervorgerufen, eine Unterkühlung kann allerdings eine Zystitis begünstigen. Zumindest geben manche Frauen an, bei kalten Füßen häufiger eine Blasenentzündung zu entwickeln.
  • Wirksam könnten Cranberry-Kapseln und/oder -Saft sein. Sie enthalten Stoffe, die die Besiedlung der Schleimhaut durch Erreger erschweren und so einem Infekt der Harnwege ernährungsphysiologisch vorbeugen oder entgegenwirken können.[3] Es gibt jedoch auch Kritikpunkte zum Inhaltsstoff Oligomere Proanthocyanidine.[Beleg fehlt]
Kleine Studien mit nur wenigen Studienteilnehmern weisen darauf hin, dass die Inhaltsstoffe das Anhaften von Bakterien am Epithel der ableitenden Harnwege verhindern und so zur Vorbeugung von Harnwegsinfekten (HWI) beitragen können. Die Einnahme von Cranberrysaft reduzierte signifikant die Anzahl von Bakterien im Urin.
Die Ergebnisse einer kleinen spanischen Studie mit 20 Teilnehmern zeigte entgegen den Erwartungen einen Anstieg des pH-Wertes nach Einnahme von Cranberrysaft und keinen bakteriostatischen Effekt.[4]
Eine kleine finnische Studie an 150 Frauen im Durchschnittsalter von 30 Jahren ergab eine signifikante Verringerung der Rezidivrate von Harnwegsinfekten unter Einnahme von Saft aus Preiselbeeren und Kranbeeren.[5] Auch die Verordnung von Antibiotika konnte signifikant reduziert werden. Ein signifikanter Effekt wurde im Hinblick auf die akute Zystitis bei jungen Hoch-Risiko-Frauen und eine starke Evidenz im Hinblick auf rezidivierende unkomplizierte Harnwegsinfektionen beobachtet, vor allem bei sexuell aktiven Frauen.[6]
Eine in der Cochrane Library 2008 veröffentlichte Metaanalyse der Cochrane Collaboration bestätigte eine gewisse Evidenz für die Wirksamkeit von Cranberry-Präparaten, verwies aber auch auf die hohe Ausfallquote bei den Studienteilnehmern, sodass überragende und nebenwirkungsfreie Erfolge dieser Therapieform auch bezweifelt werden dürfen.[7]
  • Die natürliche Aminosäure L-Methionin wird eingesetzt, um den Urin pH-Wert zu senken (anzusäuern).
Hintergrund: Das pH-Optimum von E. coli (häufigster Erreger von Blasenentzündungen) liegt im neutralen Bereich (um einen pH-Wert von 7). Je weiter der pH-Wert des Urins vom pH-Optimum von E. coli abweicht, desto schwerer kann sich E. coli also vermehren. Sowohl eine Ansäuerung des Urins, als auch ein extreme Alkalisierung können bei einer Blasenentzündung, verursacht durch E. coli, helfen. Grundsätzlich sind beide Ansätze erfolgversprechend, jedoch entspricht die Ansäuerung eher dem natürlichen Schutzmechanismus des Körpers, da der Urin beim gesunden Menschen eher sauer ist.
Kritik: Diese Wirkung von Methionin bei Harnwegsinfekten wird in letzter Zeit zum Teil kritisch betrachtet, denn manche Bakterien und Pilze finden auch in saurem Milieu beste Lebens- und Vermehrungsbedingungen. Daher ist es fraglich, ob man den Urin generell ansäuern sollte. Die entsprechenden Leitlinien sehen dies aber weniger kritisch und Studien können die Zweifel an der Ansäuerung auch nicht bestätigen.
  • Im Falle rezidivierender Infekte besteht die Möglichkeit einer Impfung. Der Impfstoff (StroVac) beinhaltet einen Mix der fünf häufigsten Erreger.

Sonderformen

Emphysematöse Zystitis in der Computertomographie (Lungenfenster zur besseren Kontrastierung der Gaseinlagerungen)
  • Die hämorrhagische Zystitis geht mit starker, sichtbarer Blutbeimengung zum Urin einher und wird meist durch Viren (Adenoviren) oder Enterobakterien verursacht.
  • Strahlenzystitis – nach Strahlentherapie.
  • Interstitielle Zystitis – eine chronische, nicht-bakterielle Blasenentzündung.
  • Die emphysematöse Zystitis mit Gasbildung in der Blase und in der Blasenwand durch Bakterien oder Pilze ist eine seltene Erkrankung, die häufiger Diabetiker und Frauen betrifft.[8][9]

Einzelnachweise

  1. M. Grabe et al.: Guidelines on The Management of Urinary and Male Genital Tract Infections. European Association of Urology, 2008
  2. Thomas M. Hooton, M.D., Delia Scholes, Ph.D., James P. Hughes, Ph.D., Carol Winter, A.R.N.P., Pacita L. Roberts, M.S., Ann E. Stapleton, M.D., Andy Stergachis, Ph.D., and Walter E. Stamm, M.D.: A Prospective Study of Risk Factors for Symptomatic Urinary Tract Infection in Young Women. In: N Engl J Med.. 335, Nr. 7, 1996, S. 468–474. PMID 8672152. Abgerufen am 27. November 2008. (Volltext; engl.
  3. Stothers L.: A randomized trial to evaluate effectiveness and cost effectiveness of naturopathic cranberry products as prophylaxis against urinary tract infection in women. Can. J. Urol. 2002; 9: 1558–1562
  4. Monroy-Torres R, Macías AE.: Does cranberry juice have bacteriostatic activity?. In: Rev Invest Clin. 2005. PMID 16187705. Abgerufen am 2008-11-23 (Pubmed). (Volltext; engl.)
  5. Stothers L.: A randomized trial to evaluate effectiveness and cost effectiveness of naturopathic cranberry products as prophylaxis against urinary tract infection in women. Can. J. Urol. 2002; 9: 1558–1562
  6. Cimolai N et al.: The cranberry and the urinary tract. Eur J Clin. Microbiol. Infect. Dis. 2007; 26: 767–776
  7. Jepson RG, Craig JC.: Cranberries for preventing urinary tract infections. In: Cochrane Database of Systematic Reviews. 2008. doi:10.1002/14651858.CD001321.pub4. PMID 18253990. Abgerufen am 23. November 2008.
  8. Ankel F, Wolfson AB, Stapczynski JS: Emphysematous cystitis: a complication of urinary tract infection occurring predominantly in diabetic women. Ann Emerg Med 1990 Apr;19(4):404-6.
  9. R. K. Bobba, E. L. Arsura, P. S. Sarna, A. K. Sawh: Emphysematous cystitis: an unusual disease of the Genito-Urinary system suspected on imaging. In: Annals of clinical microbiology and antimicrobials Band 3, Oktober 2004, S. 20, ISSN 1476-0711. doi:10.1186/1476-0711-3-20. PMID 15462675. PMC 524183.

Weblinks

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