Völkermord an den Suryoye

Völkermord an den Suryoye

Der Völkermord an den Suryoye (Aramäisch Sayfo, Abkürzung von Shato d'Sayfo für Jahr des Schwertes), einem aramäischsprachigen christlichen Volk, geschah in den Jahren 1915 bis 1917 im damaligen Osmanischen Reich. Mit dieser Vernichtung einer christlichen Minderheit einher ging auch der wesentlich bekanntere Völkermord an den Armeniern.

Karte aus dem Jahr 1896 mit der Darstellung der armenischen und sonstigen christlichen Bevölkerung in den östlichen osmanischen Provinzen. In Regionen, in denen die nichtarmenische christliche Bevölkerung zahlreicher als die armenische war, bestand sie vorwiegend aus Aramäern (ausgenommen der Schwarzmeerküste, deren nichtarmenische christliche Bevölkerung sich hauptsächlich aus Pontiern zusammensetzte). Aramäer lebten hauptsächlich in den südlichen und südöstlichen Provinzen

Inhaltsverzeichnis

Erster Weltkrieg und Nachkriegszeit

Das Jahr 1915 ging bei den Suryoye, einem hauptsächlich in den Regionen Tur Abdin, Hakkari und Urmia lebenden christlichen Volk, als „Jahr des Schwertes“ (aram.: Sayfo) in die Geschichte ein. Nach dem Scheitern ihres Angriffs auf Kaukasien und Nordpersien ermordeten Türken und Kurden damals Armenier, Suryoye und andere Christen, die sich der russischen Gegenoffensive angeschlossen hatten. In Urmia beispielsweise töteten sie 1915 mehrere tausend Gläubige. Im gesamten Gebiet fielen ihnen die meisten Nestorianer zum Opfer, insgesamt rund 47.000. Kurz vor Kriegsende töteten türkische Truppen in Baku und Umgebung noch bis zu 30.000 Armenier. Zusammengenommen haben die Jungtürken allein während der zwischen Mai und September 1918 laufenden Invasion in Kaukasien 50.000 bis 100.000 Armenier und andere orientalische Christen getötet. Insgesamt starben ca. 500.000 Aramäer bzw. zwei Millionen Christen [1]

Nicht unerwähnt sollten auch die Christen aus der damaligen türkischen Provinz Syrien und dem Libanon bleiben. Die Jungtürken zeigten sich uninteressiert am Leid der vermeintlich illoyalen christlichen Untertanen und leisteten einer Hungersnot vermutlich sogar Vorschub, die den Tod von zuletzt 100.000 Menschen nach sich zog.[1]

Einige aramäische Christen in den großen Städten entkamen dem Tod nur durch die Hilfe z.B. US-amerikanischer Missionare und des Apostolischen Nuntius. Andere wurden in den Dörfern durch das mutige Eingreifen einiger türkischer Beamter gerettet oder konnten bei türkischen oder kurdischen Freunden versteckt werden.

Gleichzeitig versuchten US-amerikanische anglikanische und lutheranische Missionare, die jahrtausendealten Christengemeinden im Orient zum Protestantismus zu bekehren. Diese Bemühungen sind bis vor kurzem noch nicht eingestellt gewesen.

Die vom Lausanner Vertrag (1923) garantierten Kollektivrechte, die Christen und Juden in der Türkei die Ausübung ihrer Religion ermöglichen sollen, wurden den west- und ostsyrischen Christen nicht gewährt. Mittlerweile übt die EU diesbezüglichen Druck aus.

Nachgeschichte

Nach mehreren Berichten, u.a. der Gesellschaft für bedrohte Völker (von Tessa Hofmann) wurden die west- und ostsyrischen Christen Opfer grausamer Verfolgung und Vertreibung. Die Suryoye verloren in den nördlichsten Gebieten Obermesopotamiens und im Iran über 50 Prozent ihrer Gesamtbevölkerung. Bis auf spärliche Reste wurden sie aus ihren alten Siedlungsgebieten vertrieben und mussten unter schwierigsten Bedingungen jahrelang in Lagern zubringen, die unter Aufsicht des Völkerbundes standen.

Heutige Situation

Der Genozid prägte das Nationalbewusstsein dieses Volkes, denn die Suryoye sind auch stark von den Leiden, Massakern und Verschleppungen beeinflusst. Der Genozid und die diesbezüglichen Leiden gaben diesem Volk eine Identität des ständigen Leidens.

Die ethnisch-demographischen Veränderungen durch den Genozid, die gleichzeitige und nachhaltig wirksame Islamisierung durch Araber, Türken und Kurden sowie die Auswanderung aus den Ursiedlungsgebieten bedingt durch Verfolgung und Massaker haben die Identität der späteren Bewohner der Region stark verändert.

Wenngleich sich die geflohenen und vertriebenen Christen aus dem Tur Abdin und Hakkari in Europa und Übersee eine neue Existenz aufgebaut haben, bestehen viele Verbindungen in die alte Heimat. Da die Suryoye keinen eigenen Nationalstaat wie die Armenier besitzen, kämpfen sie in den Aufnahmeländern um ihre Anerkennung als ethnische Minderheit.

Die historische Auseinandersetzung mit diesen Ereignissen ist schwierig, da Teilaspekte des Geschehens aufgrund der Unauffindbarkeit eines Teils der osmanischen Archive und weiterer wichtiger Quellen nicht restlos aufgeklärt sind. Eine differenzierte Bewertung wird durch die offizielle Leugnungspolitik der Türkei und vieler Türken erschwert.

Leugnung des Völkermords durch die Türkei

Es gibt von Seiten des türkischen Staates noch immer Versuche, die Vorfälle zu leugnen. So ist das dem Minister Hüseyin Çelik unterstehende Erziehungsministerium noch im April 2003 mit Verleumdungsdekreten den EU-Kommissaren negativ aufgefallen. Das Erziehungsministerium veranlasste türkische Schüler dazu, an einem Aufsatzwettbewerb gegen die angebliche "Völkermordlüge" der Armenier, Pontos-Griechen sowie Suryoye mitzuwirken. Gleichzeitig verpflichtete das Ministerium die türkische Lehrerschaft zur Teilnahme an dazu passenden Fortbildungsmaßnahmen und hat die Neuauflage veralteter türkischer Schulbücher vorgenommen, in denen Nicht-Muslime in der Türkei als "Spione", "Verräter" sowie "Barbaren" bezeichnet werden. Obwohl die Türkei inzwischen von der EU für diese Verfügungen gerügt worden ist, blieb der umstrittene Minister Hüseyin Çelik im Amt.

Auch viele in Europa lebende Türken lehnen den Vorwurf des Völkermords ab. So fand im Jahre 2006 unter strengen Auflagen eine Demonstration von rund 1.700 türkischstämmiger Nationalisten (Polizeiangaben) in Berlin statt, welche ursprünglich den Völkermord an den Armeniern und syrischen Christen 1915-18 leugnen wollten. Wie „Die Welt" meldete, wurde gegen den maßgeblichen Drahtzieher, den Vorsitzenden der türkischen Arbeiterpartei Doğu Perinçek, ein ausländerrechtliches Verfahren angestrebt, weil dieser dennoch bei der Kundgebung den Massenmord an den Armeniern geleugnet hat. Die türkischstämmigen Nationalisten hatten unter anderem die Rücknahme einer Bundestagsresolution aus dem Jahre 2005 verlangt. Darin war die Türkei zum offenen Gespräch über den Völkermord aufgefordert worden.

Ausblick auf eine weltweite Anerkennung und Ächtung des Verbrechens

Die Anerkennung des Völkermordes an den Armeniern durch 20 Nationen der Erde seit 1965 und die EU-Aufnahmeauflagen an die Türkei, diese Verbrechen anzuerkennen, haben die Vertreter der ebenfalls von der Vernichtung betroffenen christlichen Ethnien ermutigt, die Welt auch auf das ihnen angetane Unrecht hinzuweisen. So haben zwischenzeitlich Vertreter und Organisationen der Pontos-Griechen in mehreren US-Bundesstaaten Anerkennungserfolge erzielt. Auch über den Deutschen Bundestag laufen verstärkte Diskussionen. So entschieden die Parlamentarier am 20. Februar 2002, die von der Assyrian-Chaldaen-Syriac Union eingereichte Massenpetition als Material an die Bundesregierung zu überweisen.

Nach einem Antrag der "Außenpolitischen Kommission" bei dem Nationalrat der Schweiz können die genannten Vorkommnisse gemäß den Kriterien der Uno eindeutig als Genozid definiert werden. Der Genozid wurde systematisch begangen.

Siehe auch

Einzelnachweise

  1. a b Rummel 2000, S. 228-229

Literatur

Deutschsprachige Literatur

  • Christian Lange, Mihran Dabag, Martin Sabrow, Holm Sundhaussen, Albrecht Wiesener, Hermann Goltz: Völkermorde und staatliche Gewaltverbrechen im 20. Jahrhunderten als Thema schulischen Unterrichts Abschnitt „Ermordung der Aramäer-Christen" (S. 55), Landesinstitut für Schule und Medien Brandenburg (LISUM Bbg.), Ludwigsfelde-Struveshof, 2005
  • Wilhelm Baum: Die Türkei und ihre christlichen Minderheiten: Geschichte - Völkermord - Gegenwart, Kitab Verlag, Klagenfurt-Wien 2005, ISBN 3-902005-56-4
  • Gabriele Yonan: Ein vergessener Holocaust. Die Vernichtung der christlichen Assyrer in der Türkei, Pogrom-Taschenbücher Bd. 1018, Reihe bedrohte Völker, Göttingen und Wien 1989, ISBN 3-922197-25-6
  • Kai Merten: Die syrisch-orthodoxen Christen in der Türkei und Deutschland. Untersuchungen zu einer Wanderungsbewegung, Studien zur orientalischen Kirchengeschichte, Bd. 3, Lit Verlag, Hamburg 1987, ISBN 3-8258-3336-4 (Zugl.: Göttingen, Univ., Diss., 1997)
  • Klaus-Peter Hartmann: Untersuchungen zur Sozialgeographie christlicher Minderheiten im Vorderen Orient, Tübinger Atlas des Vorderen Orients/ Beihefte/ B, Bd. 43, Reichert Verlag, Wiesbaden 1980, ISBN 3-88226-080-7
  • Tessa Hofmann (Hrsg.): Verfolgung, Vertreibung und Vernichtung der Christen im Osmanischen Reich 1912-1922. Münster, LIT, 2004, ISBN 3-8258-7823-6.
  • Sleman Henno (Hrsg.): Die Verfolgung und Vernichtung der Syro-Aramäer im Tur Abdin 1915, Bar Hebräus Verlag, NL 7585 PK Glane/Losser 2005, ISBN 90-5047-025-4

Internationale Literatur

  • David Gaunt: Massacres, Resistance, Protectors: Muslim-Christian Relations in Eastern Anatolia during World War I, Gorgias Press LLC, 2006, ISBN 1-59333-301-3
  • R.J. Rummel: Death by Government. Genocide and Mass Murder Since 1900, Transactions Publishers, New Brunswick, N.J. 1994, 1995 und 1996, ISBN 1-56000-145-3 (paperpack: 1997, 2000 und 2002), S. 228-229
  • Joseph Yacoub: La question assyro-chaldéenne, les Puissances européennes et la SDN (1908-1938), 4 vol., thèse Lyon, 1985, p.156
  • Joseph Naayem: Les Assyro-Chaldéens et les Arméniens massacrés par les Turcs. Documents inédits recueillis par un témoin oculaire, Paris, Bloud et Gay, 1920

Weblinks

Politik

Artikel


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