Tschetschenien


Tschetschenien
Subjekt der Russischen Föderation
Tschetschenische Republik
Чеченская республика
Нохчийн Республик
Flagge Wappen
Flagge
Wappen
Föderationskreis Nordkaukasus
Fläche 15.647 km²
Bevölkerung 1.269.095 Einwohner
(Stand: 14. Okt. 2010)[1]
Bevölkerungsdichte 81 Einwohner/km²
Hauptstadt Grosny
Offizielle Sprachen tschetschenisch, russisch
Ethnische
Zusammensetzung
Tschetschenen (93,5 %)
Russen (3,7 %)
(Stand: 2002)[2]
Präsident Ramsan Kadyrow
Gegründet 30. November 1922
Zeitzone UTC+4
Telefonvorwahlen (+7) 871xx
Postleitzahlen 364000–366999
Kfz-Kennzeichen 20, 95
OKATO 96
Website chechnya.gov.ru
Lage in Russland

Tschetschenien (Eigenbezeichnung: Нохчийн Республика, Noxçiyn Respublika, kurz: Нохчийчоь/Noxçiyçö, russisch Чеченская Республика/Tschetschenskaja Respublika, kurz: Чечня/Tschetschnja) ist eine im Nordkaukasus gelegene autonome Republik in Russland. Die aus der Tschetscheno-Inguschischen ASSR hervorgegangene Republik war nach der Auflösung der UdSSR Schauplatz von zwei Kriegen zwischen teils islamischen Separatisten und der russischen Zentralregierung, an deren Ende Tschetschenien im russischen Staatsverband verblieb. Die tschetschenische Exilregierung ist Mitglied der UNPO.

Inhaltsverzeichnis

Lage

Tschetschenien, früher im Föderationskreis Südrussland gelegen, wurde durch eine Ausgliederung ab dem 19. Januar 2010 dem neu gebildeten Föderationskreis Nordkaukasus zugeordnet. Es grenzt im Süden an Georgien, im Osten an die autonome Republik Dagestan, im Westen an die autonomen Republiken Inguschetien und Nordossetien-Alanien, sowie im Norden an die Region Stawropol.

Bevölkerung

Politische Karte Tschetscheniens (engl. Chechnya) und des Kaukasus

Die Bevölkerung setzte sich bei der Volkszählung 2002 aus 1.031.647 (= 93,47 %) Tschetschenen, 40.645 (= 3,68 %) Russen sowie 8.883 (= 0,80 %) Kumyken zusammen. Die früher zahlreichen Minderheiten, darunter Russen, Inguschen, Armenier und Ukrainer, haben das Land in Folge des Krieges größtenteils verlassen. 160.000 Einwohner Tschetscheniens seien nach offiziellen Angaben seit 1994 aufgrund des Krieges und seinen Folgen ums Leben gekommen, teilte im August 2005 der tschetschenische Staatsratsvorsitzende Taus Dschabrailow (ein Tschetschene) mit. Von den Opfern seien etwa 100.000 russischer Abstammung, weitere 30.000 bis 40.000 seien tschetschenische Kämpfer oder Zivilisten gewesen, schätzte er[3]. Die Zahl der zwischen 1991 und 1994 im Laufe der ethnischen Säuberungen aus Tschetschenien vertriebenen Russen wurde vom russischen Innenministerium mit über 200.000 angegeben[4]. Diese Daten werden nicht durch unabhängige Quellen bestätigt. Laut amtlicher Bevölkerungszählung von 2002 beträgt die Anzahl der Tschetschenen in Russland 1.360.253 Personen (1989: 898.999 Personen).[5] Die Sprache der Tschetschenen gehört zu den kaukasischen Sprachen, sie bekennen sich überwiegend zum sunnitischen Islam.

Verwaltungsgliederung und Städte

Die Republik Tschetschenien gliedert sich in 15 Rajons und 2 Stadtkreise. Die Stadtkreise werden von der Hauptstadt Grosny, der mit Abstand größten Stadt und einzigen Großstadt der Republik, sowie Argun gebildet. Neben den drei weiteren Städten Urus-Martan, Schali und Gudermes gibt es eine Siedlung städtischen Typs (zwei weitere frühere Siedlungen städtischen Typs wurden 2009 zu ländlichen Siedlungen herabgestuft).

Städte und städtische Siedlungen
Stadt*/Städt. Siedlung Russischer Name Rajon Einwohner[6]
Argun* Аргун Stadtkreis 42.797
Grosny* Грозный Stadtkreis 250.803
Gudermes* Гудермес Gudermes 43.969
Oischara Ойсхара Gudermes 14.498
Schali* Шали Schali 46.073
Urus-Martan* Урус-Мартан Urus-Martan 52.399

Wirtschaft

Tschetschenien ist agrarisch geprägt. Es besitzt aber vor allem aufgrund seiner rund 30 Millionen Tonnen Erdölvorräte wirtschaftliche Bedeutung. Früher gab es hier die unterirdische Schwermaschinenfabrik "Roter Hammer", in der unter anderem Panzer gebaut wurden. In den Tschetschenienkriegen seit 1994 sind alle Betriebe Tschetscheniens zerstört worden.

Geschichte

Zur früheren Geschichte: siehe Tschetschenen

Nachdem zwischen dem 10. und dem 13. Jahrhundert unter georgischem Einfluss die Christianisierung versucht wurde und die Tschetschenen sich widersetzten, verbreitete sich jedoch im 16. Jahrhundert der Islam, zu dem sich heute die Mehrheit der Tschetschenen bekennt.

Die russische Einflussnahme in Tschetschenien begann bereits im 16. Jahrhundert, als 1559 die Kosakenfestung Tarki gegründet und 1587 das erste Kosakenheer entstand. Zu dieser Zeit lebten die Tschetschenen allerdings noch im gebirgigen Südteil, die Ebenen im Norden wurden erst im Laufe des 17. und 18. Jahrhunderts allmählich besiedelt. Nachdem sich bis 1801 die orthodoxen Länder Georgien und Ossetien unter den Schutz Russlands vor den Osmanen stellten, wurde die Georgische Heerstraße gebaut, die nah an Tschetschenien vorbeiführte. Sie stellte die strategisch wichtigste Verbindung Russlands nach Südkaukasien dar, doch regelmäßige Überfälle seitens der noch sehr archaisch strukturierten Tschetschenen- und Inguschen-Stämme störten die wirtschaftliche Entwicklung beträchtlich und kosteten viele Reisende das Leben. Dies und andere Plünderungszüge in die russischen Gouvernements Stawropol und Krasnodar, im Zuge derer große Teile der christlichen Bevölkerung als Sklaven verschleppt wurden, veranlassten die Russen zu Strafexpeditionen, die in lange Kriege mündeten.

Die Bergvölker widersetzten sich zäh. In den so genannten Muriden-Kriegen von 1834 bis 1859 wurden sie von dem legendären Imam Schamil, einem Dagestaner, angeführt. Nach seiner Gefangennahme 1859 dauerte es noch bis 1864, bis die russischen Offiziere das Land unter ihre Verwaltung gebracht hatten. Allerdings erstreckte sich ihre Macht nur auf die militärischen Stützpunkte entlang der Heerstraßen. In den Bergen leistete ein Teil der Bevölkerung immer wieder weiteren Widerstand. Während des Russisch-Osmanischen Kriegs (1877–1878) erhoben sich die Kaukasier erneut gegen Russland. Dieser Aufstand wurde niedergeschlagen. Die russische Besatzung löste eine Emigrationswelle aus, die bis zum Ende des 19. Jahrhunderts anhielt. Tausende von Kaukasiern ließen sich in der Türkei und anderen Ländern des vorderen Orients nieder. In den eingenommenen Städten und Dörfern wurden Kosaken und Armenier angesiedelt. Tschetschenien gehörte während des Russischen Reiches zur Oblast Terek.

1921 wurde Tschetschenien Teil der Sowjetischen Gebirgsrepublik und 1922 Autonomes Gebiet, das seinerseits 1934 mit dem inguschischen Autonomen Gebiet zum Tschetscheno-Inguschischen Autonomen Gebiet vereint wurde und 1936 den Status einer ASSR erhielt.[7]

Charakteristisch für den gesamten Kaukasus ist die Nichtübereinstimmung zwischen der politischen Aufteilung des Raumes und der ethnischen Struktur. Die traditionellen Rechts- und Sozialbeziehungen wurden durch willkürliche Grenzziehungen, der künstlichen Schaffung von Nationen und durch Zwangsumsiedlungen im Zuge der Sowjetisierung stark verändert. Im Februar 1944 wurden 408.000 Tschetschenen und 92.000 Inguschen vom NKWD in Viehwaggons nach Kasachstan und Mittelasien deportiert [7]. Bei der Deportation kamen etwa 13.000 Menschen um.[8] Man hatte ihnen vorgeworfen, mit den deutschen Militärs kollaboriert zu haben, was zum Teil auch zutraf (→Unternehmen Schamil). Die sowjetische Republik Tschetscheno-Inguschetien wurde aufgelöst und kleinere Bereiche den angrenzenden Republiken zugeteilt. Zu einem großen Teil wurde das Gebiet in der Oblast Grosny integriert. Um das entvölkerte Gebiet wieder zu beleben, wurden 1945 ca. 200.000 Russen und Ukrainer in der Oblast angesiedelt. Die Bevölkerung wuchs bis 1950 wieder auf ca. 600.000 Personen an.[7]

Nikita Chruschtschow erlaubte den Tschetschenen 1957 in ihre Heimat zurückzukehren. Die Tschetscheno-Inguschische ASSR wurde wieder hergestellt. Es ist davon auszugehen, dass ungefähr ein Viertel von ihnen während der Deportation verstarb. Die Deportation sowie die Auflösung und Wiederherstellung von Gebietskörperschaften hinterließen Spuren und erzeugten Konfliktpotenziale, so dass die Ansprüche der Rückkehrer mit denen der Neuansiedler zusammenstießen. Teilweise schwelten diese Konflikte unter der Oberfläche weiter und kamen erst nach dem Ende der Sowjetunion zum Ausbruch. So erstaunt es nicht, dass zwischen 1988 und 1999 rund 20 Prozent aller Nationalitätskonflikte auf den kaukasischen Raum entfielen, obwohl dieser nur zwei Prozent des Territoriums der ehemaligen UdSSR ausmacht.

General Dschochar Dudajew wurde im Oktober 1991 zum Präsidenten gewählt und leistete den Amtseid auf den Koran. Aufgrund separatistischer Bestrebungen, insbesondere der am 27. November einseitig erklärten Souveränität der Tschetscheno-Inguschischen ASSR und dem Austritt aus der UdSSR, verhängte Russland den Ausnahmezustand über Tschetschenien. Truppen des Innenministeriums wurden zurückgeschlagen. Die Inguschen trennten sich von Tschetschenien.

1993 kam es in Tschetschenien zu Konflikten zwischen dem Parlament und Dudajew. 1994 scheiterte ein letzter inner-tschetschenischer Umsturzversuch.

Ausrufung der islamischen Tschetschenischen Republik Itschkeria

Inguschetien und Tschetschenien

Mit dem Ende der Sowjetunion 1991 erklärte der tschetschenische Präsident Dschochar Dudajew sein Land, vormals eine an die Sowjetunion gebundene Autonome Sowjetrepublik (ASSR), für unabhängig. Weder der sowjetische Präsident Michail Gorbatschow noch sein Nachfolger, der russische Präsident Boris Jelzin, erkannten die Unabhängigkeit des Staates an.

Zur Sowjetzeit hatten verschiedene Regionen einen unterschiedlichen Status erhalten, was sich auch in ihrer Anerkennung durch Russland in der späteren GUS spiegelte. Regionen, die als Sozialistische Sowjetrepubliken in das System der UdSSR integriert waren, wurden als unabhängige Staaten anerkannt (z. B. die Ukraine). Autonome Sowjetrepubliken wiederum waren Teil einer übergeordneten Sowjetrepublik, im Falle Tschetscheniens war dies die Russische Sowjetrepublik. Diesen Regionen wurde in der Regel von russischer Seite eine Eigenstaatlichkeit abgesprochen. International erhielt die politisch unabhängige Gegenregierung Tschetscheniens keine bedeutende Wertschätzung. Die einzigen Ausnahmen waren Georgien in der Regierungszeit von Swiad Gamsachurdia zwischen 1991 und 1992 und das Islamische Emirat Afghanistan (die Talibanregierung wurde jedoch von Itschkeria nicht anerkannt).

Nach dem Ende des ersten Tschetschenienkrieges unterzeichnete die Russische Föderation einen Friedensvertrag, der zwar die Eigenstaatlichkeit des Landes nicht bestätigte, aber de facto die Regierung der Rebellen als Verhandlungspartner akzeptierte. Zwischen 1996 und 1999 setzten diese die Scharia in Tschetschenien, in der folgenden Law and Order-Politik wurden andere Kultureinflüsse verboten und bereits für kleine Delikte die Todesstrafe ausgeführt.[9] Der Angriff tschetschenischer Islamisten unter Schamil Bassajew 1999 auf die Nachbarrepublik Dagestan brach allerdings den fragilen Frieden. Mit dem Einmarsch russischer Truppen im Zweiten Tschetschenienkrieg wurde die Existenz des unabhängigen Staates beendet. Die heute noch aktive Rebellenbewegung in Tschetschenien hält allerdings noch an dem Terminus Tschetschenische Republik Itschkeria fest – im Gegensatz zur von Moskau gestützten Regierung von Ramsan Kadyrow. Der nominelle Präsident der Gegenregierung war bis zum 17. Juni 2006 Scheich Abdul Halim Sadulajew. Er wurde von russischen Truppen während einer antiterroristischen Operation in seiner Heimatstadt Argun getötet. Als sein Nachfolger gilt der Feldkommandant der Rebellen Doku Umarow.

Erster Tschetschenienkrieg

Der erste Tschetschenienkrieg begann am 11. Dezember 1994 und dauerte bis zum August 1996. Grund für das Eingreifen russischer Truppen waren die Machtbestrebungen Russlands, da die von Dudajew ausgerufene Unabhängigkeit Tschetscheniens nicht akzeptiert wurde.

Der russische Verteidigungsminister Gratschow verkündete, dass mit einem Bataillon Fallschirmjäger Tschetschenien in zwei Wochen geschlagen werden würde. Tatsächlich nahm die russische Armee nach langen Kämpfen und nur mit schweren Verlusten erst im März 1995 Grosny ein. Die tschetschenischen Rebellen zogen sich in die Berge im Süden des Landes zurück, aus denen sie bis Mitte 1996 einen Guerillakrieg führten. Im August 1996 schlugen sie überraschend zurück, attackierten Grosny direkt, schlugen eine numerische Überlegenheit der russischen Truppen und eroberten Grosny binnen Tagen.

Daraufhin schloss Russland, vertreten durch General Alexander Lebed, einen Friedensvertrag mit Tschetschenien und zog sich zurück. Der Forderung Tschetscheniens nach Unabhängigkeit wurde nicht nachgekommen, stattdessen sollte sie fünf Jahre später (2001) geklärt werden.

1997 wurde Aslan Alijewitsch Maschadow bei Neuwahlen Präsident. Er behauptete sich jedoch nicht gegen die immer stärker werdenden radikalen Gruppierungen, die von eingeströmten ausländischen, zumeist arabischen Kriegsherren ideologisch inspiriert, finanziert und teilweise angeführt wurden. Mit der Zeit ließ sich Maschadow immer mehr auf eine Kooperation mit ihnen ein. Am 21. Mai 1998 hatte eine wahhabitische Gruppe versucht, das Dagestaner Regierungsgebäude zu stürmen. Ein Terroranschlag in der Hauptstadt der benachbarten russischen Republik Dagestan Machatschkala vom 4. September, bei dem 17 Personen ums Leben kamen, wurde ebenso den tschetschenischen Terroristen angelastet wie die Tötung des als gemäßigt geltenden Oberhauptes der Muslime Dagestans, Mufti Said Muhammad Abubakarow.

Zweiter Tschetschenienkrieg

Am 7. August 1999 marschierten wahhabitische Einheiten unter Schamil Bassajew und Ibn al-Chattab in Dagestan ein, um es einem islamisch-fundamentalistischen Kalifatstaat anzuschließen, der langfristig den ganzen Nordkaukasus umfassen sollte. Es kam zu schweren Gefechten mit der russischen Armee. Bis Ende September 1999 wurden die tschetschenischen Einheiten aus Dagestan vertrieben.

Sowohl vor als auch nach dem Einfall in Dagestan hatte es andere Terroranschläge auf russischem Gebiet gegeben, insbesondere in Wolgodonsk und Moskau. Die russische Regierung machte tschetschenische Separatisten für die Taten verantwortlich, inwieweit diese Anschläge jedoch etwas mit Tschetschenien zu tun hatten, wurde nie geklärt.

1999 kündigte Wladimir Putin, damals im Amt des Ministerpräsidenten, eine militärische Lösung des Tschetschenien-Konfliktes an, um es wieder unter die vollständige Kontrolle der russischen Zentralregierung zu stellen. Am 1. Oktober 1999 marschierte die russische Armee in Tschetschenien ein und begann mit einer breit angelegten, sogenannten „Antiterror-Operation“ den zweiten Tschetschenienkrieg.

2009 wurde der Zweite Tschetschenienkrieg von russischer Seite für beendet erklärt.

Nach dem Krieg

Am 23. Oktober 2002 nahmen tschetschenische Terroristen unter Führung von Mowsar Barajew bei der Aufführung des Stückes „Nord-Ost“ im Moskauer Dubrowka-Theater etwa 700 Geiseln und forderten von der russischen Regierung den sofortigen Abzug des russischen Militärs aus Tschetschenien. Bei der umstrittenen Befreiungsaktion durch Spezialeinheiten unter Einsatz von Betäubungsgas kamen 41 Terroristen sowie 129 Geiseln ums Leben.

Bei den Präsidentschaftswahlen am 5. Oktober 2003 wurde Achmat Kadyrow, der Chef der Verwaltungsbehörde, Präsident. Die Wahl, zu der die OSZE nach offiziellen Angaben aus Sicherheitsgründen keine Beobachter entsandt hatte, wurde von westlichen Politikern und vom bisherigen, von Russland nicht anerkannten Präsidenten Maschadow als Farce bezeichnet. Maschadow tauchte in den Untergrund ab und rief zum weiteren Kampf gegen die neue Regierung und gegen Russland auf.

Ein Bombenanschlag auf das tschetschenische Regierungsgebäude in Grosny am 27. Dezember 2002 forderte 72 Todesopfer.

Laut der Gesellschaft für bedrohte Völker gab es 2002 mit 5695 Menschen in Tschetschenien die weltweit meisten Opfer durch Landminen.

Im Februar 2003 erließen die Vereinigten Staaten Sanktionen gegen tschetschenische Terrorgruppen und setzen sie auf ihre Liste terroristischer Organisationen, unter anderem infolge der Bombenattentate in Moskau. Außerdem wurden verdächtige Bankkonten von den Vereinigten Staaten eingefroren.

Bei einer Volksbefragung in Tschetschenien am 23. März 2003 stimmten laut offiziellem Ergebnis 95,5 Prozent der Bevölkerung für den Verbleib in der Russischen Föderation.

Am 9. Mai 2004 wurde Präsident Kadyrow bei einem Bombenanschlag getötet. Der russische Präsident Putin ernannte daraufhin den tschetschenischen Regierungschef Sergei Abramow zum Übergangs-Präsidenten. Gewählter Nachfolger Kadyrows wurde im August 2004 Alu Alchanow.

Im Juni 2004 erklärte der im Untergrund lebende Maschadow in einem Radiointerview, die Tschetschenen seien dabei, ihre Taktik zu ändern. „Bislang haben wir uns auf Sabotageakte konzentriert, von nun an werden wir Großangriffe starten.“ Am 21. Juni 2004 drangen nach Augenzeugenberichten etwa 100 bis 200 schwer bewaffnete Kämpfer aus Tschetschenien in die Nachbarrepublik Inguschetien ein und umstellten mehrere Polizeistationen und eine Kaserne von Grenzsoldaten. Zahlreiche Polizisten, Soldaten und Mitarbeiter der Staatsanwaltschaft und des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB wurden erschossen, weiterhin 102 Zivilisten sowie der inguschetische Innenminister Abukar Kostojew.

Im August 2004 sprengten zwei vermutlich tschetschenische Selbstmordattentäterinnen zwei russische Tupolew-Passagiermaschinen und töteten etwa 90 Menschen.

Am 1. September 2004 stürmten tschetschenische Terroristen eine Schule in Beslan und nahmen mehr als 1100 Geiseln, zum größten Teil Kinder, um die Entlassung von in Inguschetien inhaftierten tschetschenischen Gesinnungsgenossen und den Abzug Russlands aus Tschetschenien zu erwirken. Nach erfolglosen Verhandlungen wurde die Schule unter umstrittenen Umständen von der russischen Armee gestürmt. Dabei kamen mehr als 300 Geiseln ums Leben.

Die Verantwortung für beide Terroranschläge übernahm später der Anführer der tschetschenischen Freischärler Schamil Bassajew.

Am 8. März 2005 wurde Maschadow bei einer Spezialoperation des FSB in der Ortschaft Tolstoi-Jurt getötet, nachdem er angeblich erst eine Woche zuvor erneut Gesprächsbereitschaft zugesagt hatte. Seine Leiche wurde im russischen Fernsehen öffentlich zur Schau gestellt. Seiner Familie wurde eine Beisetzung der Überreste nicht gestattet, da die Erdbestattung für Terroristen in Russland verboten ist; diese können nur eingeäschert werden.

Seit dem 1. März 2007 ist Ramsan Kadyrow, der Sohn des getöteten prorussischen Präsidenten Achmad Kadyrow, Präsident des Landes. Am 5. April 2007 wurde er vereidigt.

Menschenrechte

Internationale Beobachter und Mitglieder von Menschenrechtsorganisationen melden seit Beginn des Zweiten Tschetschenienkriegs immer wieder schwere Menschenrechtsverletzungen an der tschetschenischen und russischen Zivilbevölkerung sowie an Gefangenen der russischen Truppen in Tschetschenien.

Gerade Verfechter von Menschenrechten sind auch nach Kriegsende – und vermehrt seit Beginn der Präsidentschaft Ramsan Kadyrows – immer wieder Opfer von Anschlägen geworden:

  • Der Leiter des tschetschenischen Hilfswerks „Rettet die nächste Generation“ Murad Muradow und ein Mitarbeiter wurden im April 2005 entführt und ermordet. Dasselbe geschah mit seiner Nachfolgerin Sarema Sadulajewa und ihrem Mann im August 2009.
  • Die Journalistin und Aktivistin für Menschenrechte Anna Politkowskaja wurde am 7. Oktober 2006 in Moskau ermordet. Sie hatte in vielen Veröffentlichungen die Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit der russischen Führung in Tschetschenien angeprangert.
  • Der Rechtsanwalt Stanislaw Markelow, der sich für Opfer von Menschenrechtsverletzungen in Tschetschenien einsetzte, wurde im Januar 2009 in Moskau erschossen.
  • Die Memorial-Mitarbeiterin Natalja Estemirowa wurde im Juli 2009 in Grosny entführt und ermordet.

Nach der Ermordung Estemirowas stellte Memorial ihre Arbeit in Tschetschenien (vorübergehend) ein.

Siehe auch

Einzelnachweise

  1. Predvaritel'nye itogi Vserossijskoj perepisi naselenija 2010 goda. Rosstat, Statistika Rossii, Moskau 2011, ISBN 978-5-902339-98-4 (Vorläufige Ergebnisse der allrussischen Volkszählung 2010; russisch; Download).
  2. Naselenie po nacional'nosti i vladeniju russkim jazykom po sub"ektam Rossijskoj Federacii. In: Itogi Vserossijskoj perepisi naselenija 2002 goda. Rosstat, abgerufen am 1. November 2011 (XLS, russisch, Ethnische Zusammensetzung und Kenntnis der russischen Sprache nach Föderationssubjekt, Ergebnisse der Volkszählung 2002).
  3. "Staatsratsvorsitzender: 160.000 Tote in beiden Tschetschenien-Kriegen" - APA-Meldung vom 9. September 2005
  4. Die russische Zeitung Kommersant vom 20. Oktober 1996
  5. Resultate der Volkszählung durch das Statistische Amt der Russischen Föderation
  6. Einwohnerzahlen 2010 beim Föderalen Dienst für staatliche Statistik Russlands (Berechnung per 1. Januar; Exceldatei)
  7. a b c Theodore Shabad: The Geography of the USSR; Oxford University Press London First Edition 1951
  8. Norman M. Naimark: Flammender Haß. Ethnische Säuberungen im 20. Jahrhundert. Frankfurt a.M. 2008, S. 125-126.
  9. Die Islamisten kämpfen global, in: FAZ, 5. September 2004.

Literatur

  • Marianne Herold (Hrsg.): Schreiben im Krieg – Schreiben über den Krieg. Erzählungen aus Tschetschenien, Kitab, Klagenfurt 2006, ISBN 978-3-902005-91-5.
  • Anna Politkovskaja: Tschetschenien. Die Wahrheit über den Krieg. DuMont, Köln 2003, ISBN 3-8321-7832-5.
  • Manfred Sapper (Red.): Schwerpunkt Am Abgrund: Nordkaukasus. Berliner Wissenschafts-Verlag, Berlin 2006.
  • Karl Grobe-Hagel: Tschetschenien - oder: Die Folgen imperialer Politik … und Europa sieht weg. Komitee für Grundrechte und Demokratie, Köln 2005, ISBN 3-88906-112-5.
  • Robert Seely: Russo-Chechen Conflict 1800-2000. A deadly Embrace. Routledge, London 2001, ISBN 0-7146-4992-9.
  • Moshe Gammer: The Lone Wolf and the Bear. Three Centuries of Chechen Defiance of Russian Rule. Hurst, London 2006, ISBN 1-85065-748-3.
  • Sebastian Smith: Allah's Mountains. The Battle for Chechnya. Tauris, London 2006, ISBN 1-85043-979-6.
  • Andrew Meier: Chechnya. To the Heart of a Conflict. Norton, New York 2005, ISBN 0-393-32732-9.
  • Florian Hassel: Der Krieg im Schatten. Russland und Tschetschenien. Surkamp, Frankfurt am Main 2003, ISBN 3-518-12326-2.
  • Jonathan Littell: Tschetschenien im Jahr III. Berliner Taschenbuch-Verlag, Berlin 2009, ISBN 978-3-8333-0688-4

Weblinks

 Commons: Tschetschenien – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
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