Teilhard de Chardin


Teilhard de Chardin

Das Gedankengebäude des französischen Jesuitenpaters Pierre Teilhard de Chardin hat sich langsam herausgebildet. Es taucht nicht – wie oft dargestellt - schlagartig mit Teilhards im Ersten Weltkrieg entstandener Schrift „Das kosmische Leben“ von 1916 auf. Es ist in seiner Genese bis in die frühesten philosophischen und theologischen Schriften aus den Studienjahren von 1905 bis 1912 zurückzuverfolgen. In diesen Ausbildungsjahren entdeckte Teilhard das „Unterhalb“ und die „Innenseite“ der Dinge sowie die kosmische Evolution. Er wagte erste Schritte zu einer Synthese von Glauben und Wissen, von Geist und Materie, von Schöpfung und Evolution, von Gott und Welt. Die Genese seiner neuen, evolutionären Weltsicht war von Beginn an mit dem Thema Zensur und Veröffentlichungsverbot konfrontiert. Denn diese neue Sichtweise implizierte die Umgestaltung einer auf dem Hintergrund eines statischen Weltbildes formulierten zu einer neuen am kosmischen Prozess der Evolution orientierten Philosophie und Theologie. Dieser Prozess des Umdenkens konnte insbesondere vor dem Hintergrund des Modernistenstreites und der Enzyklika „Pascendi“ (1907) von Papst Pius X., die unter anderem die Evolutionstheorie strikt ablehnte, nicht ohne Reibungen und Komplikationen ablaufen.[1]

Inhaltsverzeichnis

Vordenker

Teilhard nahm Gedankenelemente anderer Geistesgrößen auf und fügte sie kreativ in sein eigenes, in Entstehung begriffenes, sehr spezifisches Gebäude ein. Insbesondere sind hier sein Mitbruder, Studienkollege und Freund Pierre Rousselot sowie die französischen Philosophen Maurice Blondel und Henri Bergson zu nennen.

Pierre Rousselot

Rousselot hatte 1908 den Artikel „Idéalisme et Thomisme“ verfasst, dessen Veröffentlichung von der Zensur wegen modernistischer, idealistischer und evolutionistischer Tendenzen untersagt wurde. Teilhard nahm in seiner ersten naturphilosophisch-theologischen Schrift „Das kosmische Leben“ folgenden zweiseitigen Gedankengang aus Rousselots Arbeit auf: Alle materiellen Dinge sind einerseits abhängig von der Existenz des menschlichen Bewusstseins. Andererseits repräsentiert die materielle Welt einen hohen Wert aus sich heraus für das Menschsein. In Teilhards Schrift entwickelt und verdichtet sich dieser dialektische Ansatz in der programmatischen Kapitelüberschrift: „Die Vereinigung mit Gott durch die Erde“. Teilhard kehrt sich aber letztlich von der idealistischen Metaphysik Rousselots ab. Nicht die Projektion des menschlichen Geistes auf die Welt gibt dieser den eigentlichen Sinn. Der eigentliche Sinn wohnt der Welt und damit aller Materie von sich aus inne. Teilhard wurde sich durch seinen Freund Rousselot der theologischen Relevanz des Themas „Evolution“ in den Jahren 1908/1909 bewusst. Durch die Zurückweisung dieser Gedanken Rousselots durch die Ordensoberen erkannte Teilhard sehr früh die Gefährdung des neuen evolutionären Weltbildes innerhalb von Philosophie und Theologie.[2]

Maurice Blondel

Vielfach wird die These vertreten, dass Teilhard einige wesentliche Elemente seines Denkgebäudes dem Werk „Action“ von Maurice Blondel aus dem Jahr 1893 entnommen habe. Generell lässt sich sagen, dass in Blondels Werk folgende drei Elemente der Teilhardschen Weltsicht vorliegen: 1.) Die Anerkennung der Evolutionslehre in Philosophie und Theologie 2.) Das Postulat eines „Innen der Dinge“ und 3.) eine Darstellung des Komplexitäts-Bewusstsein-Gesetzes. Sicher ist, dass Teilhard im Jahr 1919 das genannte Werk Blondels gelesen hatte. Wahrscheinlich kam er aber viele Jahre früher über seinen Freund und Studienkollegen Auguste Valensin, der seinerseits Schüler von Blondel gewesen ist, mit dem Denken Blondels in Kontakt. So ist auch zu erklären, dass Teilhard bereits im Jahr 1905 in seiner Arbeit „Über die Willkür in den Gesetzen, Theorien und Prinzipien der Physik“[3] nach einem „Unterhalb der Dinge“ sucht.[4]

Henri Bergson

Vollkommen unumstritten ist der Einfluss Henri Bergsons auf das Denken Teilhards. Teilhard selbst benennt Bergson in seiner autobiografischen Schrift „Das Herz der Materie“ von 1950 als denjenigen, der ihm die Augen für die Evolution geöffnet hat. Wie oben geschildert, durfte Rousselots Werk von 1908 unter anderem wegen seiner zu großen Nähe zur „Evolution créatrice“ von Henri Bergson nicht erscheinen. Seit diesem Zeitpunkt ist wohl Teilhard mit dem Gedankengut von Henri Bergson in Kontakt gekommen. Teilhard postuliert gegen den von Bergson als divergent geschilderten Evolutionsverlauf die „schöpferische Einigung“.[5]

Bei allen genannten Vordenkern stößt man auf das Phänomen, dass Teilhard gewisse Elemente ihres Denkens in sein Denken integriert, aber dabei die Denkrichtung seiner „Lehrer“ und „Mentoren“ gewissermaßen umdreht: Alle drei genannten Denker - Pierre Rousselot, Maurice Blondel und Henri Bergson - kommen vom Menschen her, um letztlich den Sinn der Welt aus dieser Richtung her zu bestimmen. Teilhard dagegen versucht, aus dem Werden des außermenschlichen Kosmos aus sich heraus eine neue Weltdeutung zu schaffen. Auf diese Weise bezieht Teilhard die Materie in die Entstehungsgeschichte des Geistes ein.[6]

Teilhards früheste Schriften

Für die Darstellung der Entwicklung von Teilhards Gedankengut werden folgende Arbeiten Teilhards dargestellt:

  1. Von der Willkür in den Gesetzen, Theorien und Prinzipien der Physik (1905)
  2. Die Wunder von Lourdes und die kanonischen Untersuchungen (1909)
  3. Die Evolution (1911)
  4. Der Mensch vor den Lehren der Kirche und vor der spiritualistischen Philosophie (1912)

Von der Willkür in der Physik (1905)

In seiner ersten veröffentlichten Schrift „Von der Willkür in der Physik“ (1905)[7] entwickelt der vorevolutionäre Teilhard das Konzept des „Unterhalb der Dinge“ (später: das „Innen der Dinge“). In dieser wissenschaftskritischen Arbeit referiert er zunächst Aussagen der Physiker und Wissenschaftstheoretiker Pierre Duhem und Joseph Wilbois zur prinzipiellen Relativität physikalischer und naturwissenschaftlicher Aussagen. Um bei der Vielfalt der Naturerscheinungen festen Boden unter den Füßen zu gewinnen, sucht Teilhard nach einer Wahrheit, die hinter all diesen Erscheinungen liegt. Dabei beschreitet er explizit nicht einen rein philosophischen Weg, sondern er geht den Weg über die Physik (trotz deren prinzipieller Begrenztheiten) und ergänzt sie um eine Methode eines intuitiven Welterfassens. Teilhard nimmt also die Physik – wie später die gesamte Naturwissenschaft – in ihrer wissenschaftlichen Form voll ernst. Die Logik und die wissenschaftliche Erkenntnis sind notwendig. Aus diesen Größen heraus entspringt eine neue, sie umgreifende und sie transzendierende Erkenntnisweise. Diese wird Teilhard später in seinem Hauptwerk „Le Phenomene Humaine“ (1947) als „wissenschaftliche Schau“ qualifizieren.[8]

Die Wunder von Lourdes (1909)

Die erste theologische Veröffentlichung Teilhards „Die Wunder von Lourdes“ (1909)[9] scheinen dem ersten Eindruck nach nichts mit seiner Arbeit von 1905 zu tun zu haben. Diese Arbeit ist jedoch die direkte Fortsetzung der Studie von 1905 „Über die Willkür der Physik“. Sie spannt einen dialektischen Bogen zwischen der kirchlichen Position der Faktizität dieser Wunderheilungen von Lourdes und der Sichtweise der offiziellen Wissenschaft. Teilhard macht sich wegen verhalten evolutionärer Bemerkungen hinsichtlich der Orthodoxie seines Textes gewisse Sorgen. Ein gewisser Einfluss einer Zensur muss bei der Entstehung des Textes angenommen werden.[10]

Zunächst verteidigt Teilhard den kirchlichen Standpunkt der Faktizität der Wunder, er erledigt also diejenige Aufgabe, die ihm eigentlich gestellt ist. Die Wunder von Lourdes sind für ihn im allerersten Ansatz keine nur im Glauben anzunehmenden Geschehnisse. Sie haben in der Weltwirklichkeit stattgefunden und müssen prinzipiell auch „positiv“ erklärbar sein. Teilhard diskutiert als Hintergrund die psychosomatische Genese von Krankheiten wie auch durch Auto- oder Fremdsuggestion erfolgte Krankenheilungen. Nachdem aber in den Lourdes-Fällen die Fachwissenschaft keine naturwissenschaftliche Erklärung geben konnte, interpretierte die Kirche diese Heilungen als Wunder, d.h. als eine Aktion Gottes. Diese Wunder haben also nicht Charakter eines dem Wissen generell verschlossenen Geheimnisses. Es sind Phänomene, die von der derzeitigen Wissenschaft nicht erklärt werden können und denen sich die Kirche deutend annimmt. Generell legt Teilhard größten Wert auf die Aussage, dass die Kirche in ihrem Glauben und ihrer Lehre dieser Wunder nicht bedarf. Sollten diese Wunder eines Tages von einer erweiterten Wissenschaft erklärt werden können, so ist damit der christliche Glaube in keiner Weise betroffen oder gar in seiner Substanz gefährdet.

Zur Erklärung der wunderhaften Krankenheilungen von Lourdes weist Teilhard wie schon 1905 auf den nur näherungsweisen Wahrheitsgehalt rein physikalischer Beschreibungen der Welt hin. Er referiert wieder auf das „Unterhalb der Dinge“, das er als ein strukturell-geistiges Prinzip der Materie versteht. Mit diesem „Unterhalb der Dinge“ bringt er den Begriff des „Wunders“ in Verbindung. Teilhard ist fest überzeugt, dass bei den Wundern von Lourdes die Materie all ihre fundamentalen Eigenschaften behält. Bei diesen Wundern werden weder die Gesetze der Physik noch diejenigen der Chemie oder diejenigen der Biologie durchbrochen. Der wissenschaftliche Fortschritt wird zunehmend die wunderbaren Eigenschaften der Materie – das „Unterhalb der Dinge“ - sichtbar machen, das solche Krankenheilungen erklärbar macht.

In „Die Wunder von Lourdes“ schildert Teilhard erstmalig den kosmischen Prozess der Evolution und zwar direkt in seiner materiellen, biologischen und intellektuellen Ausprägung. Dabei akzentuiert er als Zugeständnis an seine Zensoren überdeutlich die Diskontinuitäten dieses Prozesses: Den Übergang der Materie zum Leben und den Übergang vom Leben zum Geist. In diesen abrupten Übergängen sieht er das Wirken Gottes in der Welt überdeutlich werden. Interessanterweise spricht Teilhard in einer zugehörigen Fußnote vom Wirken „natürlicher Kräfte“ während im Haupttext eindeutig von „Gott“ die Rede ist:[11] Gott hat eben seine Materie so geschaffen, dass bei entsprechender Kombination ihrer Grundelemente neue Eigenschaften wie das Leben oder der Geist in Erscheinung treten. An dieser Stelle skizziert Teilhard erstmals die Lösung des Problems von „Schöpfung“ und „Evolution“ im Sinn einer „Creatio continua“. Teilhard versucht also, das Wirken Gottes in der Welt unter dem Blickwinkel evolutionärer Gesichtspunkte zu erweisen. Gott ist damit „in der gesamten Entwicklung verborgen am Werk, ohne damit seine Transzendenz, die im ganzen Lourdes-Artikel unbezweifelbar gewahrt wird, einzubüßen.“[12]

Der für Teilhard später so wichtige Begriff „Geist“ (französisch: „esprit“) lässt sich in dem vorgestellten Text noch nicht finden. Teilhard vertritt 1909 noch, wie er auch in seiner Autobiografie von 1950 klar darlegt, den ihm anerzogenen Dualismus von Geist und Materie. Er bewegt sich geistig noch eindeutig auf der Stufe des „Unterhalb der Materie“, die er genauer als die Stufe der Organisation der Materie spezifiziert, obwohl er bereits Elemente einer kosmischen Evolution in sein Denken aufgenommen hat. Teilhard selbst qualifiziert diese Phase in seiner Autobiografie als den „Kult der Materie, Kult des Lebens und Kult der Energie“[13] Aber das Material für die spätere Synthese liegt zu diesem Zeitpunkt bereit: Die organisierte Materie, der evolutive Bezugsrahmen der kosmischen Entwicklung der Materie über das Leben zum Intellekt und das Wirken Gottes in einer Creatio continua.[14]

Die Evolution (1911)

In dieser „Vorstudie“[15] zu dem Lexikonartikel „Der Mensch vor den Lehren der Kirche“ gibt Teilhard eine systematische und kommentierte Aufstellung zeitgenössischer Positionen zum Thema Evolution. Überwunden sieht er den klassischen Darwinismus mit seiner Fokussierung auf den Kampf ums Dasein und auf die natürliche Selektion und das damit einhergehende „Survival of the fittest“, das Überleben der am besten angepassten Individuen. In dieser Konzeption kann nach Teilhard die Entstehung eines neuen Merkmals nicht erklärt werden. Den gegenteiligen Vorwurf erhebt Teilhard gegenüber dem von August Weismann begründeten Neodarwinismus. Dieser biete zwar durch die Einbeziehung der mendelschen Vererbungslehre in seine Keimbahntheorie einen Mechanismus für die spontan auftretenden Mutationen. Nach Teilhard berücksichtige er jedoch den Einfluss der Umwelt nur ungenügend. Andererseits beklagt Teilhard, dass sich der neolamarckistische Ansatz des Biologen Yves Delage[16] und die damit postulierte Erblichkeit erworbener Eigenschaften nur sehr schwer bis gar nicht nachweisen lasse. Als vierte Theorie favorisiert Teilhard selbst den „vitalistischen Transformismus“ und folgt damit einem um 1910 bei auf Ausgleich bedachten Philosophen und Theologen vorgegebenem Trend. Teilhard glaubt, dass diese vitalistische Konzeption die Beschränkungen und Unvollständigkeiten der drei anderen klassischen Theorien wett mache. Mit dem „Inneren Stoß“, dem „poussée interne“ setzt sich Teilhard in seiner Diktion allerdings deutlich vom Vitalisten par excellence, Henri Bergson und seinem „élan vital“ ab. Seit 1909 war Bergson im Umfeld des Modernismusstreites bei der Amtskirche nahestehenden Kreisen in Ungnade gefallen. „1914 wurde die „Schöpferische Evolution“ Bergsons endgültig auf den Index der verbotenen Bücher gesetzt.“[17] Die Wurzeln des „poussée interne“ lassen sich allerdings bereits in Teilhards Lourdes-Artikel nachweisen, in dem dieser Begriff das Wirken Gottes in der Welt beschreibt.

Im letzten Abschnitt leitet Teilhard direkt zum Hauptthema des bereits erwähnten Lexikonartikels über. Hier entfaltet er erstmals in aller gebotenen Vorsicht das Problem, „wie die Entstehung des Menschen mit Leib und Seele aus der Evolution heraus mit der göttlichen Schöpfertätigkeit zusammengedacht werden kann.“[18] Teilhard ist sich voll bewusst, auf welch gefährlichem geistigen Terrain er sich bewegt. Die Entstehung des Menschen aus dem Tierreich war der Anlass für die Ablehnung der Evolutionstheorie durch das kirchliche Lehramt. Er konnte die Evolutionstheorie nur deswegen positiv vertreten, weil er den Menschen bisher methodisch aus den evolutiven Erklärungen ausgeklammert hatte. Konsequent zu diesem Ansatz behandelt er nun den Menschen als einen Sonderfall. Wegen des Auftretens der Intelligenz beim Menschen muss nach Teilhard ein „göttlicher Akt“ oder ein „Schöpfer der Seele“ anerkannt werden. Er fügt aber gleichzeitig die parenthetische Aussage hinzu: „Der Mensch ist im allgemeinen Plan des Lebens auf der Erde enthalten.“[19] Gott hat es nicht nötig, die Naturgesetze außer Kraft zu setzen. Diese Position hatte er schon in ähnlicher Weise in seiner Deutung der Wunder von Lourdes vertreten.

In einer zweiten Linie argumentiert Teilhard wie sein Ordensbruder Robert de Sinety auf dem Boden der Wortoffenbarung. Er ordnet die Aussagen der Offenbarung nach einer absteigenden dogmatischen Verbindlichkeit: Höchste Verbindlichkeit für den Glauben hat die Aussage der „Erschaffung einer Seele für den ersten Menschen“. Eine gewisse Relativierung der Verbindlichkeit führt Teilhard schon für die Aussage einer „unmittelbaren Erzeugung eines speziellen Körpers durch Gott“ ein. Diese Aussage darf nicht ohne Verwegenheit geleugnet werden. Umgekehrt kann die These der „körperlichen Herkunft des Menschen aus der Evolution“ von niemandem abgelehnt werden, da die Kirche sich zu diesem Zeitpunkt (1911) noch nicht endgültig hierzu geäußert hatte. De Sinety polemisiert zwar heftig gegen diese These der Abstammung des menschlichen Körpers von tierischen Vorfahren. Teilhard lässt die biologische Herkunft des Menschen aber als eine Denkmöglichkeit zu, die aufgegriffen werden muss, wenn eindeutige wissenschaftliche Beweise für diese Herkunft aus dem Tierreich erbracht sind. Die dritte Aussage der Wortoffenbarung, die sogenannte Monogenismus-These („Alle Menschen stammen von einem einzigen Paar ab.“) qualifiziert Teilhard als noch weniger verbindlich, eben als eine Behauptung, die dem Glauben nahe ist. Alle anderen Aussagen der Wortoffenbarung insbesondere die Aussage über das „Alter des Menschen“ erklärt Teilhard von der dogmatischen Verbindlichkeit her für frei. Zum Schluss versucht Teilhard eine existentielle Antwort für den Fall zu geben, dass der tierische Ursprung des Menschen wissenschaftlich eindeutig erhärtet würde: Der Glaube als christliche Grunddimension muss prinzipiell keine Angst vor wissenschaftlichen Entdeckungen hegen. Der Kern des Glaubens kann niemals durch die Wissenschaft zerstört werden. Die Tatsache, dass in einer Übergangszeit heftigste Kämpfe der Uminterpretation der innerhalb eines statischen Weltbildes formulierten Glaubenslehren entstehen können, spricht Teilhard nicht ausdrücklich an. Er ist sich aber dieser Konfliktlage wohl bewusst.

Der Mensch vor den Lehren der Kirche und vor der spiritualistischen Philosophie (1912)

Der Lexikonartikel „Der Mensch vor den Lehren der Kirche und vor der spiritualistischen Philosophie“ erschien als 8. Faszikel des zweiten Bandes des „Dictionnare apologétique“ gegen Ende des Jahres 1912.[20] Teilhard beschäftigte sich von 1908 bis 1912 während seines Theologiestudiums in Hastings theoretisch und praktisch mit Fragen der Evolution. In ihm wuchs „Stück für Stück das Bewusstsein einer tiefgehenden, ontologischen, totalen Trift des Universums“.[21] Gleichzeitig war die geistige Atmosphäre durch die Enzyklika „Pascendi“ (1907) von Papst Pius X. über die Irrtümer der Modernisten geprägt, die unter anderem deutlichst Stellung gegen die Evolutionshypothese der Naturwissenschaft bezog. Ein Dekret der römischen Bibelkommission vom 30. Juni 1909 lässt insbesondere bei der speziellen Schöpfung des Menschen und bei der Bildung der ersten Frau aus dem ersten Mann nur den „buchstäblichen und historischen Sinn“ der Genesis-Berichte zu, die „die besondere Intervention des Schöpfers beim Ursprung des Menschen“ hinsichtlich Leib und Seele referieren.[22] Teilhard kannte diese Entscheidung der Bibelkommission. In diesem Klima einer nicht schärfer denkbaren Trennung zwischen kirchlicher Lehre und dagegen polemisierenden Naturwissenschaftlern wie z.B. dem deutschen Biologen Ernst Haeckel verfasste Teilhard den dogmatischen Artikel über den Menschen. „Sein Ringen mit der Evolution gleicht einer Gratwanderung zwischen Wissen und Glauben, bei der jedes falsche Wort im Extremfall den Ausschluss aus dem Orden oder mindestens die Zurückweisung durch die Zensur zur Folge haben konnte.“[23] Teilhards weiter oben erwähnter Ordensbruder de Sinety hielt sich in seinen Darstellungen der Thematik strikt an die Vorgaben des römischen Lehramts. Deswegen war er – und nicht Teilhard - derjenige, der die offiziellen Veröffentlichungen der Kirche zu diesem Thema in den folgenden Jahrzehnten vollkommen dominierte.

Der Artikel „Der Mensch“ ist in der vierten Auflage des Lexikons in vier Teile gegliedert. Im ersten Teil behandelt der Herausgeber d'Ales die Aussagen der Genesis zum Menschen. Zwei weitere Teile geben wissenschaftliche Darstellungen zur Paläontologie und zur Prähistorie des Menschen. Im vierten Teil leistet Teilhard die theologisch-systematische und dogmatische Bewertung der ersten drei Teile. „Es ist wohl der erste und zugleich letzte Text Teilhards, in dem er sich so explizit als Vertreter der offiziellen katholischen Dogmatik sieht.“[24] Teilhard arbeitet in seinem Part die Vereinbarkeit von christlichem Glauben und zeitgenössischen Aussagen der Philosophie und der Naturwissenschaften in Hinsicht auf die Natur des Menschen heraus. Dies leistet er in vier Schritten:

  1. Die Lehre der Kirche im Bezug auf das Wesen des Menschen
  2. Die Lehre der Philosophie und der Wissenschaften über den Menschen
  3. Grundsätzliche Einwände seitens der Philosophie und der Wissenschaft gegenüber der katholischen Lehre
  4. Widerlegung der Einwände aus der Philosophie und der Wissenschaft

Die Lehre der Kirche

Der Mensch ist ein personenhaftes Wesen, das aus einem Körper und einer Seele besteht. Teilhard konstatiert anschließend die radikale Unvereinbarkeit dieses Dogmas mit dem Materialismus, dem Determinismus und einem materialistischen Evolutionismus. Eine reine Abstammung des Menschen von nicht-menschlichen Lebewesen ist für einen Christen keine Denkmöglichkeit. Der Mensch repräsentiert eine eigene Kategorie und zumindest die menschliche Seele verdankt ihr Sein einer von allem sichtbaren Werden unabhängigen Quelle. Damit weist Teilhard jeglichen Evolutionismus, der dem Menschen den Transzendenzbezug streitig macht, zurück. Teilhard verteidigt strikt die Glaubensaussage von der unmittelbaren Erschaffung der Seele des ersten Menschen durch Gott, also eine Creatio ex nihilo.[25]

Die Lehre der Philosophie und der Wissenschaft, deren Einwände und ihre Widerlegung

Teilhard referiert zunächst die Fragestellung der philosophischen Anthropologie „Wie ist es vorstellbar, dass der Mensch im Laufe seines Lebens derselbe bleibt, obwohl er sich permanent verändert?“ Er wehrt eine einfache Kontinuität von der Materie zum Geist in der Art eines Übergangs vom einen Ende des Farbspektrum zu dem anderen ab. Teilhard betont mehrmals deutlichst den Dualismus von Geist und Materie. Andererseits stellt er mehrfach die Einheit von Geist und Materie im Menschen heraus. Teilhard skizziert also den Menschen als ein personenhaftes Wesen, das fortdauert in der Zeit und dessen individuelles Ich seit dem ersten Augenblick seiner Existenz über alles Erleben hin dasselbe bleibt.

Einige Naturwissenschaftler wehren sich gegen vitalistische und finalistische Sichtweisen des Menschen. Aus evolutionsbiologischer Sicht sei das Leben eine Verlängerung des kosmischen Determinismus, der im Menschen nichts anderes am Werke sieht als physikalisch-chemische Vorgänge. Diese reine Reduktion des Menschen auf Physik und Chemie weist Teilhard sehr modern mit dem Hinweis auf die Systemeigenschaft des Lebens zurück, die bei einer Analyse sich sofort in ein Nichts auflöst.

Der zweite Einwand seitens der Naturwissenschaft bezieht sich auf das Verhältnis eines Individuums zur Gesamtpopulation. Ein Individuum scheine nur durch den Vorteil, den es der Art bringe, gerechtfertigt zu sein. Nach Teilhard fällt auch der Mensch in einem ersten Ansatz unter diese Art des vitalen Determinismus. Teilhard betont aber auch hier explizit. Diese Tatsache widerspricht in keiner Weise der Geistigkeit der menschlichen Seele und der Transzendenz des Menschen schlechthin. Wie aber denkt Teilhard den dafür notwendigen Einfluss von außen auf die Evolution? Seinen „Inneren Stoß“ von 1911 entwickelt er zu einem „schöpferischem Impuls“ weiter. Er legt diesen „schöpferischen Impuls“ als das Wirken Gottes in der Welt aus und greift dabei wieder das Konzept einer Creatio continua aus seinem Lourdes-Artikel auf. Teilhards Ziel ist es, Wissenschaftler davon zu überzeugen, dass das Wirken Gottes in der Welt im Sinne eines schöpferischen Impulses ihrem naturwissenschaftlichen Wirklichkeitsverständnis nicht widerspricht. Jedenfalls zerstört ein solches Denken nicht regelwidrig die Denkweisen der Naturwissenschaft, sondern beeinflusst nur die Natur selbst, in der Gott durch das „Innen“ (französisch: la dedans) wirke. Hier taucht in Teilhards Denksystem erstmalig der Begriff „das Innen“ auf. Nach diesen Ausführungen kann es nach Teilhard prinzipiell keinen Widerspruch zwischen Glauben und Wissen geben.

Schlussbemerkungen

Zusammenfassend lässt sich in Hinsicht auf die Entwicklung des Teilhardschen Denkens sagen: Teilhards Ausgangspunkt war die Materie wie sie die vorrelativistische Physik im Rahmen eines statischen Weltbildes sah. Von dieser Auffassung ausgehend beginnt er bereits 1905 in seinem Artikel „Von der Willkür in den Gesetzen, Theorien und Prinzipien der Physik“ mit der Suche nach einem „Unterhalb der Dinge“, das er in der Indetermination oder positiv in den Freiheitsgraden der Materie erahnt. Von diesem „Unterhalb der Dinge“ führt ihn, nachdem er die biologische und kosmische Evolution für sich entdeckt hatte, 1911 ein direkter Weg über die „Innendimension“ der belebten Materie 1912 zum Bewusstsein und Geist des Menschen.[26] Teilhard postuliert eine „Zone des Übergangs“ zwischen Geist und Materie im Menschen. Damit ist der Mensch das Wesen, in dem sich Körper und Seele, Geist und Materie substantiell miteinander verknüpfen. Teilhard überwindet hier den fundamentalen Dualismus von Geist und Materie und hat bereits 1912 einen wichtigen Schritt auf seine spätere Konzeption der „Geist-Materie“ hin getan.[27]

Literatur

Die Artikel von Teilhard de Chardin

  • 1905: Von der Willkür in den Gesetzen, Theorien und Prinzipien der Physik; De L'arbitraire dans les lois, théories et principies de la physique; erstveröffentlicht in der Hauszeitschrift „Quodlibeta“ des Jesuitenkollegs auf der Insel Jersey; veröffentlicht als Faksimile des handschriftlichen Manuskripts in: L'Oeuvre scientifique, Band 1, Olten 1971 (Walter-Verlag), Seite 1 – 30
  • 1909: Die Wunder von Lourdes und die kanonischen Untersuchungen; Les Miracles de Lourdes et les enquêtes canoniques; in: Etudes 118, 20. Januar 1909, Seite 161 – 183
  • 1911: Die Evolution; L'evolution; erstveröffentlicht in: Courrier des Cercles d'Etudes, Paris; veröffentlicht in: L'Oeuvre scientifique, Band 1, Olten 1971 (Walter-Verlag), Seite 69 – 74 (Die Courrier des Cercles waren eine Zeitschrift, die in der katholischen Erwachsenenbildung Frankreichs verwendet wurde.)
  • 1912: Der Mensch vor den Lehren der Kirche und vor der spiritualistischen Philosophie; L'home devant les enseignements de l'Eglise et devant la philosophie spiritualiste, in: Adhémard d'Ales (Herausgeber): Dictionnaire apolegétique de la foi catholique, Contenat les preuves de la vérité de la religion et les réponses aux objections tirées des Sciences humaines, Band II, 4. völlig neu bearbeitete Auflage, Paris 1924, Spalte 501 – 514; Die einzelnen Faszikel des Gesamtwerkes erschienen im Zeitraum von 1909 bis 1928. Das Faszikel, das Teilhards Arbeit enthielt, erschien gegen Ende des Jahres 1912.

Im Text genannte Werke anderer Autoren

  • Henri Bergson: Schöpferische Entwicklung (1907), Jena 1921 (Diederichs)
  • Maurice Blondel: Die Aktion (1893), Versuch einer Kritik des Lebens und einer Wissenschaft der Praktik, Freiburg im Breisgau 1965 (Alber)
  • Yves Delage, M. Goldsmith: Les théories de l'évolution, Paris 1909
  • Robert de Sinety: Un demi-siècle de darwinisme (1909), in: Revue pratique d'Apologétique 9 (1909), Seite 874 – 875
  • Robert de Sinety: Mimétisme et Darwinisme (1910), in: Revue de Philosophie 17 (1910), Seite 354 – 355
  • Robert de Sinety: Les preuves et les limites du transformisme, in: Etudes 127 (1911), Seite 660 – 697
  • Robert de Sinety: Transformisme (1928), in: Adhémard d'Ales (Herausgeber): Dictionaire apologétique de la foi catholique, Band 4, 4. Auflage, Paris 1928 (Beauchesne), Spalte 1793 – 1848
  • Pierre Duhem: La Théorie physique – Son objet et sa structure (1904/105), in: Revue de Philosophie V (1904) und Revue de Philosophie VI (1905)
  • Pierre Rousselot: Idéalisme et Thomisme (1908), in: Archives de Philosophie 42 (1979), Seite 103 – 126
  • Joseph Wilbois: La méthode des Sciences physiques (1899/1900), in: Revue de Métaphysique et der Morale VII (1899), Seite 577 – 615 und VIII (1900), Seite 291 - 322

Basisliteratur

  • Thomas Becker: Geist und Materie in den ersten Schriften Pierre Teilhard de Chardins, Freiburger theologische Studien, 239 Seiten, Freiburg, Basel, Wien 1987 (Herder), ISBN 3-451-20982-9

Einzelnachweise

  1. Dieser Artikel lehnt sich an folgende in der Literatur genannte Arbeit an: Thomas Becker: Geist und Materie in den ersten Schriften Pierre Teilhard de Chardins. Demjenigen, der sich vertieft mit dieser Thematik auseinandersetzen möchte, ist diese Arbeit als Einstiegspunkt empfohlen. Im Folgenden wird dieses Werk als: „Th. Becker, Seite“ referiert.
  2. Th. Becker, Seite 24 - 31
  3. Französischer Originaltitel: De l'arbitraire dans le lois, théories et principes de la physique
  4. Th. Becker, Seite 32 - 35
  5. Th. Becker, Seite 36 - 46
  6. Th. Becker, Seite 46
  7. Pierre Teilhard de Chardin: De l'arbitraire dans le lois, théories et principes de la physique, erstveröffentlicht im Juni 1905 in „Quodlibeta“, der Hauszeitschrift des Jesuitenkollegs auf der Insel Jersey, wo Teilhard im Jahr 1905 sein philosophisches Studium abschloss.
  8. Th. Becker, Seite 48 – 90
  9. Pierre Teilhard de Chardin: Le Miracles de Lourdes et les enquêtes canoniques, in: Etudes 118, 20. Januar 1909, Seite 161 - 183
  10. Th. Becker, Seite 91 - 117)
  11. Vergleiche hierzu: Th. Becker, Seite 113
  12. Th. Becker, Seite 115
  13. Vergleiche Th. Becker, Seite 116 f.
  14. nach Th. Becker, Seite 117
  15. Teilhard de Chardin: L'Evolution, ursprünglich veröffentlicht in: Courrier des Cercles d'Etudes, Paris wahrscheinlich Ende 1911 oder Anfang 1912. Diese Zeitschrift bestand aus kleinen 8 bis 12-seitigen Faszikeln, die in der katholischen Bildungsarbeit verwendet wurden und sich mit populären Fragen wie der Demonstration der Existenz Gottes beschäftigten.
  16. Yves Delage, M. Goldsmith: Les théories de l'evolution, Paris 1909
  17. Th. Becker, Seite 152
  18. Th. Becker, Seite 145
  19. Th. Becker, Seite 167
  20. Teilhard de Chardin: Homme: IV L'home devant les enseignements de l'Eglise et devant la philosophie spiritualiste, in: Adhémard d'Ales (Herausgeber): Dictionnaire apolegétique de la foi catholique, Contenat les preuves de la vérité de la religion et les réponses aux objections tirées des Sciences humaines, Band II
  21. Th. Becker, Seite 132
  22. Th. Becker, Seite 125 f.
  23. Th. Becker, Seite 128
  24. Th. Becker, Seite 187
  25. Th. Becker, Seite 192
  26. nach: Th. Becker, Seite 21
  27. Th. Becker, Seite 217

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