Subjektive Kamera

Subjektive Kamera

Ein Point-of-View-Shot (engl., etwa: "Einstellung mit einem bestimmten Standpunkt", Abkürzung: "POV-Shot") ist in der Filmtechnik eine Einstellung, die den Zuschauern einen Blick durch die Augen einer Figur der dargestellten Handlung ermöglicht.

Die deutsche Übersetzung lautet "subjektive Kamera" oder "subjektive Einstellung", kurz "Subjektive".

Ein Point-of-View-Shot ist üblicherweise eine von zwei direkt aufeinanderfolgenden Einstellungen: Die eine Einstellung zeigt eine Figur, die irgendwo hin blickt, meist auf einen Punkt außerhalb des Bildes. Die andere Einstellung (der eigentliche POV-Shot) zeigt das, was die Figur betrachtet, von der Position der Figur aus gefilmt.

In welcher Reihenfolge diese Einstellungen geschnitten werden, ist nicht zwingend. D. h. es ist einerseits möglich, zuerst den POV-Shot zu zeigen und ihn erst anschließend als solchen kenntlich zu machen, wenn nämlich in der folgenden Einstellung die blickende Person gezeigt wird. Oder aber man zeigt erst die blickende Person und dann den POV-Shot.

POV-Shots sind illusionierend, d. h. der Zuschauer fühlt sich in die Handlung hineinversetzt. Oft sind POV-Shots technisch verfremdet: Unschärfe signalisiert etwa den Blick eines Brillenträgers ohne Brille. Die Subjektivierung des POV-Shots wird oft widersprüchlich kombiniert mit einer Objektivierung durch technische Geräte, etwa dem Blick durch Fernrohre oder Nachtsichtgeräte. Beides erhöht den Eindruck der Authentizität.

Manchmal werden POV-Shots durch auffällig bewegte, scheinbar unprofessionelle Kameraführung (Handkamera, Steadicam) deutlich gemacht.

Inhaltsverzeichnis

Die Dame im See

Der Film Die Dame im See (orig. The Lady in the Lake) aus dem Jahr 1947 ist der erste Film, der den POV-Shot den ganzen Film hindurch nutzt. Der Regisseur Robert Montgomery präsentiert die Handlung ausschließlich aus der Sicht der Hauptfigur Philip Marlowe. Den Hauptdarsteller (ebenfalls Montgomery) erkennt man nur, wenn er vor einen Spiegel (oder ähnliche reflektierende Oberflächen) tritt. Die Produktionsfirma MGM warb damit, den revolutionärsten Film seit Einführung des Tonfilms zu zeigen, Zuschauer und Hauptfigur würden das Geheimnis des Verbrechens gemeinsam lösen[1].

Horrorfilm

In einigen Fällen, vor allem im Horrorfilm, wird ein POV-Shot als durchgehende Erzählperspektive eingesetzt. Man erfährt durch die Handlung, aus wessen Perspektive der Shot erfolgt (meistens aus der des Mörders oder der des Monsters), aber ein Überblick wird nicht gegeben, um ein Gefühl der Unsicherheit und des Ausgeliefertseins zu erzeugen.

Pornofilm

Häufig wird der POV-Shot aus Sicht eines männlichen Akteurs in Pornofilmen verwendet; teils ist die Regie ganzer Szenen und Filme von diesem Stilmittel bestimmt. Der Pornodarsteller Peter North vertreibt eine eigene Filmreihe unter dem Titel „P.O.V.“. In der japanischen Pornografie heißt dieses Genre Hamedori (jap. ハメ撮り).

Fernsehserie

Vor allem die Fernsehserie CSI: Den Tätern auf der Spur nützt das Stilmittel in verschiedenen Episoden, beispielsweise auch „I've got a pain in my sawdust!“ (8x01). Dort wird der POV-Shot eingesetzt, um unbeholfene Traurigkeit auszudrücken.

Feministische Kritik

Der Point-of-View-Shot ist ein wesentlicher Gegenstand der feministischen Filmtheorie, die moniert, dass man das Geschehen hier meist aus der Perspektive des männlichen Protagonisten sieht und weibliche Figuren zu bloßen Objekten des Blicks werden.

Einzelnachweise

  1. Lady in the Lake (1947)

Literatur

  • Katz, Steven D.: Film directing shot by shot. Visualization from concept to screen. Michigan 1991, S. 267 ff
  • Branigan, Edward: Pont of View in the Cinema: A Theoriy of Narration and Subjectivity in Classical Film. Amsterdam 1984

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