Sozialgeschichte

Sozialgeschichte

Sozialgeschichte erforscht und beschreibt die Entwicklung der Sozialstruktur nach Gruppen, Ständen, Schichten oder Klassen in vergangenen Gemeinwesen. Außerdem beschäftigt sie sich mit der Größe, Lage und Bedeutung dieser Gruppen. Darüber hinaus befasst sie sich mit Wechselwirkungen zwischen einzelnen Strukturelementen sowie der Geschichte sozialer Prozesse.

In der deutschen Geschichtswissenschaft, die lange Zeit auf die Erforschung und Beschreibung des staatlichen Handelns konzentriert war, wurde die Sozialgeschichte stiefmütterlich behandelt. Diese Orientierung wurde im Streit der führenden Autoritäten mit Karl Lamprecht in den 1890er Jahren bekräftigt. Sozialgeschichte war des Sozialismus "verdächtig".

In der Zeit des Nationalsozialismus kam es mit der "Volksgeschichte" zu einer Abwendung von dem politikzentrierten Ansatz. Hierbei wurden völkische Soziologen wie Hans Freyer rezipiert. 1957 gründeten Otto Brunner und Werner Conze den "Arbeitskreis für moderne Sozialgeschichte".

Seit 1975 hat die als "Historische Sozialwissenschaft" verstandene Sozialgeschichte in der Zeitschrift Geschichte und Gesellschaft ein eigenes Forum (Bielefelder Schule).

Außerhalb Deutschlands waren sozialgeschichtliche Zugänge schon in der Zwischenkriegszeit verbreitet. Von großem Einfluss (außer in Deutschland) war die Annales-Schule. Historisch hat sich die Sozialgeschichte als eine spezifische Betrachtungsweise der allgemeinen Geschichtswissenschaft entwickelt - "eine Betrachtungsweise, bei der der innere Bau, die Struktur der menschlichen Verbände im Vordergrund steht, während die politische Geschichte das politische Handeln, die Selbstbehauptung zum Gegenstand hat", so die Definition von Otto Brunner.

Im Rahmen der zunehmenden Spezialisierung der Geschichtswissenschaft, der Debatte von Konzepten und Herangehensweisen der französischen und englischen Geschichtswissenschaft sowie in der Systemauseinandersetzung mit der marxistisch-leninistischen Geschichtswissenschaft um das Geschichtsbild erlangte die Sozialgeschichte zusammen mit der Wirtschaftsgeschichte eine zunehmende Bedeutung. Die Alltagsgeschichte entwickelte sich zunächst in polemischer Abgrenzung gegen die Sozialgeschichte in ihrer Bielefelder Form, der sie eine zu starke Fixierung auf Strukturen und eine Vernachlässigung der Erfahrung der Individuen vorwarf.

Heute ist die Sozialgeschichte ein unverzichtbarer Bestandteil bei dem Versuch, die verschiedenen Stränge in einer Gesellschaftsgeschichte zusammen zu führen.

Literatur

Monographien und Aufsätze

  • Michael Borgolte: Sozialgeschichte des Mittelalters: eine Forschungsbilanz nach der deutschen Einheit (Historische Zeitschrift, Beihefte), München: Oldenbourg 1996
  • Ute Daniel: "'Kultur' und 'Gesellschaft'. Überlegungen zum Gegenstandsbereich der Sozialgeschichte". In: Geschichte und Gesellschaft, Bd. 19, 1993, S. 69-99.
  • Bettina Hitzer, Thomas Welskopp (Hrsg.): "Die Bielefelder Sozialgeschichte. Klassische Texte zu einem geschichtswissenschaftlichen Programm und seinen Kontroversen". Bielefeld 2010. ISBN 9783837615210
  • Arnd Hoffmann: Zufall und Kontingenz in der Geschichtstheorie: mit zwei Studien zu Theorie und Praxis der Sozialgeschichte. Klostermann, Frankfurt am Main 2005, ISBN 3-465-03369-8.
  • Hartmut Kaelble: Sozialgeschichte Europas. 1945 bis zur Gegenwart, C.H.Beck, München 2007, ISBN 978-3-406-54984-7.
  • Jürgen Kocka (Hrsg.): Sozialgeschichte im internationalen Überblick. Ergebnisse und Tendenzen der Forschung. Wiss. Buchges., Darmstadt 1989, ISBN 3-534-06096-2.
  • Lutz Raphael (Hrsg.): Von der Volksgeschichte zur Strukturgeschichte. Die Anfänge der westdeutschen Sozialgeschichte 1945 - 1968. Leipziger Univ.-Verl., Leipzig 2002, ISBN 3-534-06096-2.
  • Günther Schulz, Christoph Buchheim, Gerhard Fouquet (Hrsg.): Sozial- und Wirtschaftsgeschichte. Arbeitsgebiete - Probleme - Perspektiven. Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2005, ISBN 978-3515087711

Zeitschriften

Weblinks


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