Slavoj Zizek


Slavoj Zizek
Slavoj Žižek

Slavoj Žižek [ˈʒiʒɛk] (* 21. März 1949 in Ljubljana) ist ein aus Slowenien stammender Philosoph, Kulturkritiker und nichtpraktizierender Psychoanalytiker. Bekannt geworden ist er insbesondere durch seine einflussreiche Übertragung und Weiterentwicklung der Psychoanalyse Jacques Lacans in das Feld der Populärkultur und der Gesellschaftskritik. Er wird in der Regel der Strömung des Poststrukturalismus zugerechnet, tritt dabei jedoch auch als marxistisch inspirierter Denker auf.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Žižek wurde 1949 in Slowenien geboren, das damals noch zum realsozialistischen Jugoslawien gehörte, und wuchs auch dort auf. Von 1981 bis 1985 studierte er an der Universität Paris VIII bei Jacques-Alain Miller, einem Schüler des französischen Psychoanalytikers Jacques Lacan. 1990 war Žižek Präsidentschaftskandidat für die Liberaldemokratie Sloweniens, nachdem er bereits im Realsozialismus als Dissident aktiv war. Er war jahrelanger Herausgeber der Zeitschrift der slowenischen Lacan-Schule Wo Es war und setzte sich unter anderem mit der Philosophie des Deutschen Idealismus, insbesondere mit Hegel, und mit Karl Marx auseinander sowie mit zeitgenössischen Denkansätzen aus dem Bereich des Poststrukturalismus, der Medientheorie, des Feminismus und der Cultural Studies. Seine erste Buchveröffentlichung The Sublime Object of Ideology erschien 1989. Seitdem veröffentlichte Žižek weit über 20 Monographien, in denen er sich zunächst um eine lacanianische Lesart der Philosophie, der Populärkultur, und in den letzten Jahren zunehmend der Politischen Theorie bemühte.

Žižek ist unter anderem Professor für Philosophie an der Universität seiner Heimatstadt Ljubljana und an der European Graduate School, außerdem hat er mehrere Gastprofessuren im Ausland inne. Seit Anfang 2007 ist er International Director des Birkbeck Institute for the Humanities an der University of London.[1]

2004 heiratete er das ehemalige argentinische Unterwäsche-Model Analia Hounie (damals 26 Jahre alt), Tochter eines lacanianischen Psychoanalytikers aus Buenos Aires. Seither verbringt er ein Drittel seines Lebens auch am Rio de la Plata.

Das Werden des Subjekts

Žižeks Texte kreisen um Identitäten, Identitätsbildung und ihre wechselnden Beziehungen zu den sie umgebenden Geflechten aus Ideologien, gesellschaftlichen Verhältnissen und psychischen Konstellationen des Unbewussten. Eine entscheidende Rolle spielt dabei Lacans Konzeption des Anderen, über den sich das Subjekt erst als Eigenes konstituiert. Dieser Andere besitzt nach Lacan zwei Dimensionen: den „großen Anderen“ und den „kleinen anderen“, das Objekt klein a.

Das Objekt klein a ist das Objekt des Begehrens des Subjekts, nach dem das Subjekt hinstrebt und mit dem es sich zu vereinigen versucht – idealtypisch ist hierfür das sexuelle Begehren eines anderen Menschen. Das Objekt dieses Begehrens ist im Grunde beliebig und austauschbar, solange es in den Rahmen des persönlichen Phantasmas, der persönlichen Phantasien, passt, der es erst begehrenswert macht. Denn erst ein bestimmter Ort innerhalb der psychischen Struktur des Subjekts verleiht dem Objekt seine Bedeutung als – wie man mit einem Filmtitel von Luis Buñuel sagen könnte – „obskurem Objekt der Begierde“.

Eine der wesentlichen Eigenschaften dieses Objekts klein a – bzw. seiner Position in der Struktur des Subjekts – ist, dass es dem Subjekt immer schon entzogen ist. Gerade der Mangel im Subjekt treibt das Subjekt zu seinen Handlungen an. Žižek veranschaulicht das am Hitchcockschen Objekt des MacGuffins, einem an sich bedeutungslosen und austauschbaren Objekt (ein Geheimplan, eine Formel etc.), das nur dazu dient, die Handlung des Films in Gang zu bringen: „MacGuffin ist eindeutig objet petit a: der Mangel, das Überbleibsel des Realen, das die symbolische Bewegung der Interpretation in Gang setzt, eine Lücke im Zentrum der symbolischen Ordnung, der bloße Anschein eines zu erklärenden, zu interpretierenden 'Geheimnisses'.“[2]

Die andere Form eines Anderen ist der große Andere – eine symbolische Instanz, welche die Gesetze und Normen des Sozialen garantiert und die dem Subjekt erst einen Platz innerhalb der Gesellschaft zuweist. Der große Andere ist dabei eine Funktion, die von verschiedenen Trägern eingenommen werden kann. Der große Andere kann dabei ein Elternteil sein, aber auch andere Bezugspersonen, die die Gesellschaft repräsentierten, etwa Lehrer, Richter oder Polizisten. Indem das Subjekt diesen Anderen als Funktionsträger und damit als Träger des Gesetzes anerkennt, ordnet es sich zugleich dem gesellschaftlichen Ganzen unter. Für Žižek besteht in dieser Strukturierung des Subjekts durch den großen Anderen auch die wesentliche Funktionsweise der Ideologie – wofür er in der Regel das Beispiel des Stalinismus anführt.

Aber der große Andere ist nicht bloß eine ideologische Instanz. Denn zugleich – und paradoxerweise – gewinnt das Subjekt durch diese Anerkennung des Anderen erst seinen eigentlichen Subjektstatus, indem es durch sie erst einen Ort findet, von dem aus es sich überhaupt artikulieren kann, an dem es eine Sprache findet. Doch diese Sprache, und mit ihr das Subjekt als solches, ist immer schon vom Anderen bestimmt: „Ich ist ein Anderer“, wie Lacan einen berühmten Satz von Arthur Rimbaud zitiert. So ist das Subjekt im Grunde kein Subjekt, sondern vielmehr ein Ort, der von einem konstitutiven Außen her strukturiert ist – vom großen wie auch vom kleinen Anderen –, der nicht das eigene Selbst ist; ein Gegensatz zur berühmten Definition von Descartes: „ich denke, also bin ich.“

Mit der Betonung dieser Bedeutung des Anderen bleibt Žižek nicht nur den Erkenntnissen Lacans treu, sondern verdeutlicht auch dessen Nähe zu anderen poststrukturalistischen Ansätzen eines „dezentrierten Subjekts“, wie sie sich etwa bei Gilles Deleuze oder Jacques Derrida finden lassen. Žižeks Eigenständigkeit besteht nicht so sehr in diesem Gedanken selbst, sondern mehr in der Heranziehung zahlreicher Beispiele aus der Politik und Populärkultur, insbesondere des Films, mit dessen Hilfe er diese zunächst abstrakten Theorien anwendet und veranschaulicht, aber auch weiterentwickelt.

Das Reale, das Symbolische und das Imaginäre

Eine zentrale Rolle im Denken Žižeks spielt das auf Lacan zurückgehende triadische Modell der drei Strukturbestimmungen der Psyche: Reales, Symbolisches und Imaginäres (RSI). Auch hier besteht Žižeks Leistung vor allem in der Übertragung der abstrakten Lacanschen Begriffe auf Phänomene aus Politik, Philosophie, Alltag und Populärkultur.

Das Reale

Das Reale ist bei Žižek, wie schon bei Lacan, ein recht rätselhafter Begriff und nicht mit der „Realität“ gleichzusetzen. Unsere Realität ist symbolisch konstruiert, also letztlich eine kollektiv praktizierte Fiktion. Das Reale dagegen ist innerhalb dieser Ordnung des Symbolischen ein nicht ‚fiktisierbarer‘ Kern, der sich nicht symbolisieren, nicht in Worte fassen lässt. Es hat keine positive Existenz, sondern existiert nur als Ausgeschlossenes, das an den Grenzen der gewöhnlichen Realität zum Vorschein kommt.

Nicht alles in der Realität lässt sich als Fiktion entlarven, es bleibt immer ein Rest des Realen übrig – bestimmte Punkte, die mit sozialen Gegensätzen, mit Leben, Tod und Sexualität oder allgemeiner dem logisch-rational nicht Greifbaren zu tun haben. Das Reale, sofern es das Subjekt überfordert und verunsichert, hat stets etwas Traumatisches an sich. Das Reale ist nicht eine tieferliegende Realität hinter der Realität, sondern besteht aus den Leerstellen, welche die Realität unvollständig und inkonsistent machen. Auf die Psychoanalyse bezogen bedeutet dies, dass die Realität nicht nur eine beliebige Erzählung unter vielen anderen ist. Vielmehr muss der Patient den harten Kern des Realen, die traumatische Dimension seiner Innenwelt, erkennen, aushalten und neu erzählen.

Die Triade des Realen/Imaginären/Symbolischen spiegelt sich innerhalb jedes einzelnen dieser drei Bereiche des Psychischen wider. Es gibt also entsprechend drei Modalitäten des Realen:

  • Das symbolische Reale – der auf eine sinnlose Formel reduzierte Signifikant (vgl. etwa die Quantenphysik, die wie jede Wissenschaft ans Reale greift, aber kaum nachvollziehbare Vorstellungen produziert).
  • Das reale Reale – ein grauenhaftes Ding, etwa das, was in Horrorfilmen das Gefühl des Horrors vermittelt.
  • Das imaginäre Reale – ein unergründliches Etwas, das als „Erhabenes“ (Kant) durch die Dinge hindurch scheint. Diese Art des Realen wird etwa in dem Film Ganz oder gar nicht – Full Monty daran deutlich, dass sich die arbeitslosen Protagonisten beim Striptease vollkommen ausziehen, wodurch in der zusätzlichen „freiwilligen“ Erniedrigung zugleich etwas Erhabenes, eine eigene Würde sichtbar wird.

Das Symbolische

Das Symbolische bildet unsere (soziale) Realität und deren sprachliche und normative Dimension. Seine Elemente sind Signifikant, d.h. bedeutungsvolle Zeichen, die sich zu einem „Netz“ der „symbolischen Ordnung“ strukturieren. Seine Geltung bezieht das Symbolische aus der Autorität des großen Anderen, insofern dieser als Herrensignifikant bzw. als Name-des-Vaters das Netz der Signifikanten strukturiert und legitimiert. Es ist damit auch die Sphäre der Herrschaft und der Diskurse – deren Macht Žižek vor allem als symbolische Macht versteht.

Als Herrschaftsverhältnis besitzt das Symbolische, wie schon das Herr-Knecht-Verhältnis bei Hegel, einen dialektischen Charakter, der auf gegenseitiger Anerkennung beruht. So ist „nur der ein König, zu dem sich die anderen als Untertanen verhalten“. Gleichzeitig gibt es immer – außer in der Paranoia – einen gewissen Abstand des Symbolischen zum Realen: „Nicht nur der Bettler ist verrückt, der glaubt, er ist ein König, sondern auch der König, der glaubt er ist ein König.“ Denn dieser hat ja nur das symbolische Mandat eines Königs, ist nur austauschbarer Träger einer ihm eigentlich äußeren Funktion.

Auch das Symbolische besitzt drei Dimensionen:

  • Das reale Symbolische ist der auf eine sinnlose Formel reduzierte Signifikant.
  • Das imaginäre Symbolische entspricht etwa den Jungschen Symbolen.
  • Das symbolische Symbolische ist das Sprechen und die sinnvolle Sprache, das „volle Sprechen“ etwa einer erfolgreichen Psychoanalyse.

Žižek veranschaulicht das Symbolische am Phänomen des Cyberspace. Als Medium der Kommunikation wirkt dort der Bildschirm, ein Inter-Face, das auf die symbolische Vermittlung jedes Sprechens verweist. Zwischen der aussagenden Person und der „Position des Aussagens“ (des Nicknames, der E-Mail-Adresse) besteht eine Kluft: Der Signifikant bin niemals wirklich ich. Der Sprechende erfindet sich nicht selbst, sondern seine virtuelle Existenz wurde in gewisser Weise schon mit dem Cyberspace selbst miterfunden. Man hat es hier mit einer fundamentalen Identitätsunsicherheit zu tun, die sich aber nicht in kontingente Simulakren und bloße Zeichenspiele auflösen lässt. Auch hier, wie im sozialen Leben, kreisen die symbolischen Netze um bestimmte, letztlich unauflösbare Leerstellen und Brüche.

Mit dem Beispiel des Cyberspace beantwortet Žižek eine Fragestellung, die für seine Methode und seinen Denkstil typisch ist. Die Frage Žižeks lautet nicht: „Was können wir vom Leben über den Cyberspace lernen“, sondern umgekehrt: „Was können wir vom Cyberspace über das Leben lernen?“. Diese von Žižek in verschiedenen Zusammenhängen variierte Frage-Verdrehung dient der „theoretischen Psychoanalyse“: Im Gegensatz zur „angewandten Psychoanalyse“ will sie nicht die Kunstwerke analysieren und so das Unverständliche und Fremde verständlich machen, sondern einen neuen Blick auf das Gewöhnliche schaffen, den Alltag verfremden und die Theorie am Gegenstand weiterentwickeln.

Das Imaginäre

Das Imaginäre liegt auf der Ebene des Verhältnisses des Subjekts zu sich selbst bzw. zu seinem Selbstbild. Es ist der Ort der Identifikation mit dem eigenen Ich. Dieses imaginäre Selbstverhältnis bildet sich nach Lacan am Blick in den Spiegel auf sich selbst im Spiegelstadium, wobei Lacan betont, dass dieser Blick auf sich selbst, der immer auch den vorgestellten Blick eines Anderen bedeutet, letztlich auf einer „Verkennung“ beruht (vgl. dazu den ausführlichen Artikel über das Spiegelstadium).

Auch das Imaginäre lässt sich dreifach [3] einteilen:

  • Ein reales Imaginäres (das Phantasma, das den Platz des Realen einnimmt).
  • Ein imaginäres Imaginäres (das Bild selbst).
  • Ein symbolisches Imaginäres (etwa die Archetypen nach Jung). Um über das Imaginäre sprechen zu können, so Lacan, muss man sich immer schon außerhalb des Imaginären befinden: Das Imaginäre ist im Grunde immer schon in das Symbolische eingebettet.

Alle drei Ebenen des Psychischen hängen nach Lacan in einer Art Borromäischer Knoten zusammen, als drei Ringe, die strukturell miteinander verbunden sind und sich gegenseitig Halt geben. Löst man einen von ihnen heraus, sind auch die anderen beiden nicht mehr verbunden, was letztendlich zu einem traumatischen Verlust an Kohärenz und damit zur Psychose führt. Auch in diesem wesentlichen Punkt seines Denkens, den er an zahlreichen Gelegenheiten ausführt und anwendet, bleibt Žižek seinem geistigen Lehrer treu. Neu ist dagegen die Interpretation der Postmoderne und des Politischen, die Žižek aus einer lacanianischen Perspektive unternimmt.

Postmoderne und Ideologie

Insbesondere widmet sich Žižek der Postmoderne, die die Psychoanalyse mit neuen Fragen konfrontiert: Aufgrund des Wegfalls der „patriarchal“ strukturierten Gesellschaft und fest gefügter, autoritärer Ordnungsmuster gerät nämlich ein wichtiger Baustein der Psychoanalyse, der Ödipuskomplex, ins Wanken. Alexander Mitscherlich hat diese Entwicklung mit dem Schlagwort der „vaterlosen Gesellschaft“ auf den Punkt gebracht.

Besonderes Augenmerk richtet Žižek dabei auf die Produktion von Ideologie in gegenwärtigen Gesellschaften, aber auch auf die Funktionsweise von Ideologie im Realsozialismus. Ideologie setzt sich nach ihm immer aus zwei Seiten einer Medaille zusammen: den von einem politischen System öffentlich verkündeten Werten und der so genannten „verdeckten Kehrseite“, einem ‚schmutzigen‘ Geheimnis. Das sind die implizit mittransportierten Werte und Prämissen einer Ideologie, die aber, damit eine Ideologie funktionieren und sich reproduzieren kann, unausgesprochen bleiben müssen. All diesen ideologisch geprägten, phantasmatischen Formen des Leugnens oder Ausweichens hält Žižek das Ziel der Psychoanalyse entgegen, das darin besteht, das „Phantasma zu durchqueren“, das Trugbild zu durchschreiten, und zum Kern des Genießens, der sogenannten Jouissance, vorzudringen.

Ein so genannter „authentischer Akt“ zerstört das Phantasma, wenn er dieses vom Standpunkt des gesellschaftlichen Symptoms aus angreift. Dadurch wird eine Geste zum Akt, zum Ereignis, mit Alain Badiou gesprochen gar zum „Wahrheitsereignis“. Ideologie ist die Verzerrung von Nicht-Ideologie, eines ursprünglich „utopischen Moments“ (Fredric Jameson) ins Ideologische. Der nicht-ideologische Anteil der utopischen Sehnsucht sollte jedoch nach Žižek ernstgenommen und respektiert werden. So sollte etwa die Sehnsucht nach Gemeinschaft nicht automatisch als „protofaschistisch“ angesehen oder gar als Wurzel des Faschismus missverstanden werden. Ideologisch wird diese Sehnsucht erst in ihrer faschistischen Umdeutung.

Heutzutage, im Zeitalter des Kulturkapitalismus und der „Postideologie“, funktioniere Ideologie nicht mehr aufgrund eines fanatischen Engagements, sondern vielmehr umgekehrt aufgrund einer inneren Distanz und Gleichgültigkeit, die das symbolische Mandat des Subjekts nicht ernst nehme: Ein Vater verhalte sich heute oft derart distanziert zu sich selbst, dass er sich selbstironisch über die Dummheit beklage, heute überhaupt noch Vater zu sein.

Politisierung und Hegemonie

Im Zeitalter nach dem (angeblichen) Ende der Ideologien kritisiert Žižek die Art und Weise, wie politische Entscheidungen begründet werden. So wird die Kürzung von Sozialausgaben bisweilen als scheinbar objektive Notwendigkeit bezeichnet, die selber keiner politischen Diskussion mehr unterliegen kann. So betrachtet er etwa die bürgerlich-sozialdemokratische Idee einer Bürgerbeteiligung als wenig wirksam, solange nicht langfristig bedeutendere und grundlegendere Maßnahmen ergriffen werden, um die Gesellschaft zu verändern – Maßnahmen etwa zur Begrenzung der Freiheit des Kapitals und zur Unterordnung des Produktionsprozesses unter die Kontrolle der Gesellschaft. Letztlich schwebt Žižek dabei eine radikaldemokratisch-revolutionäre Umwälzung der Gesellschaft vor, eine „radikale Repolitisierung der Ökonomie“.[4]

Aufbauend auf Herbert Marcuses Schlagwort einer „repressiven Toleranz“ kritisiert Žižek die herrschende Ideologie einer sinnlosen Political Correctness: „Der 'tolerante' multikulturelle Ansatz vermeidet“ als Dogma der heutigen Gesellschaft „die entscheidende Frage: Wie können wir den politischen Raum wieder in die heutigen Bedingungen der Globalisierung einführen?“ Žižek plädiert nicht nur für eine „Politisierung der Ökonomie“, sondern auch für eine „Politisierung der Politik“ als Gegenentwurf zur postmodernen Post-Politik. Im Bereich der politischen Entscheidungsfindung im Rahmen einer Demokratie kritisiert er insbesondere das in vielen Ländern faktisch herrschende Zwei-Parteien-System als Erscheinung einer Wahlmöglichkeit, die es im Grunde gar nicht gibt.[5]

Die Existenz gesellschaftlicher Klassen sieht Žižek nicht als primär objektive Bestimmung, als ökonomische Lage gegenüber dem Kapital, sondern in einer „radikal subjektiven“ Position verortet: Das Proletariat ist der lebendige „verkörperte Widerspruch“ der Gesellschaft. Das Einstehen für die eigenen Interessen wird heute oft als egoistisch diskreditiert, tatsächlich aber liegt im Partikularismus für Žižek der Schlüssel zur Dynamik sozialer Bewegungen.

Die Möglichkeit einer Politisierung sieht Žižek – im Anschluss an die Hegemonietheorie von Ernesto Laclau und Chantal Mouffe – in der Möglichkeit, dass „eine partikulare Forderung als Vertreter für das unmögliche Allgemeine zu funktionieren beginnt“. Erst durch einen Partikularismus im politischen Kampf kann ein Universalismus überhaupt entstehen. So können partikulare Forderungen als „metaphorische Verdichtung“ (Laclau/Mouffe) auf etwas Weiterreichendes abzielen, ja bis zur Rekonstruktion und Infragestellung des gesamten gesellschaftlichen Rahmens reichen.

Žižek sieht demnach den politischen Konflikt situiert zwischen einer wohlgeordneten Gesellschaftsstruktur einerseits und dem ausgeschlossenen Teil, der in dieser scheinbar perfekten Ordnung keinen Platz mehr findet, andererseits. Dieser „Teil ohne Anteil“ am Gesamten (vgl. dazu auch den Begriff des Prekariats) bringt die gesamte Struktur zum Wanken, weil er sich auf ein „leeres Prinzip des Allgemeinen“ bezieht bzw. dieses verkörpert. Gerade der Umstand, dass eine Gesellschaft nicht leicht in Klassen einzuteilen ist, dass es dafür kein „einfaches Strukturmerkmal“ gibt, dass etwa die Mittelschicht auch vom Rechtspopulismus umkämpft ist, ist ein Anzeichen für diesen fortwährenden und unentschiedenen Kampf um Hegemonie innerhalb einer Gesellschaft.

Rezeption und Kritik

Žižek gilt als bekannter und einflussreicher Vertreter des so genannten Poststrukturalismus, welcher vor allem in der Literaturwissenschaft, der Soziologie, der Philosophie und der Politikwissenschaft in den letzten Jahren an Bedeutung gewann. Žižeks zahlreiche Veröffentlichungen und Auftritte auf wissenschaftlichen Kongressen sind mit ein Faktor für die wachsende Popularität lacanianischer Ansätze in den Geisteswissenschaften, deren Anwendbarkeit auf aktuelle und über die Psychoanalyse hinausgehenden Phänomene Žižek an vielen, oft unterhaltsamen Beispielen ausführt. Trotz seiner oft schwer verständlichen, von Gedankensprüngen und schnellen Assoziationen geprägten Ausführungen ist Žižek heute einer der bekanntesten, aber auch umstrittensten Intellektuellen der Gegenwart.[6]

Oft wurde Žižek für seinen populärwissenschaftlichen, bisweilen unsauberen und nach Pointen heischenden Stil kritisiert, dem oft auch die begriffliche und sachliche Schärfe zum Opfer fällt.[7]. Von manchen wird der „Starphilosoph“[8] auch abschätzig als „Philosophie-Entertainer“ oder gar „Scharlatan“ bezeichnet.[9] So schreibt Andreas Dorschel in einer Rezension zu Parallaxe: „Zizek schwafelt. Ins Schwafeln gerät, wer eine Sache nicht auf den Punkt zu bringen vermag. (…) Dass Zizek Argumentation simuliert, statt bloß beliebig Assoziationen aufzufädeln, was als Form doch dem Inhalt seines Buches angemessen wäre, scheint starre akademische Gewohnheit. Er ist ein Pedant des Wirren. Statt einfach zu spinnen, behängt er das Resultat solchen Tuns mit Fußnoten“[10].

Inhaltlich wurde auch bisweilen die Leichtfertigkeit kritisiert, mit der Žižek sein Wissen der Psychoanalyse auf die Gesellschaft überträgt. Zudem habe Žižek einige der Autoren, auf die er sich beziehe, nur ungenügend verstanden: So vor allem Hegel[11], aber auch Lacan selbst, etwa in dessen Interpretation der Antigone, welche Žižek weitaus dramatischer deute als Lacan.[12]

Buchveröffentlichungen

  • Le plus sublime des hystériques. Hegel passe. Point Hors Ligne, Paris 1988, ISBN 2-904821-20-1
    • dt. Ausgabe: Der Erhabenste aller Hysteriker. Psychoanalyse und die Philosophie des deutschen Idealismus Bd. 1. 2. erweiterte Auflage. Turia + Kant, Wien 1992, ISBN 3-85132-028-X
  • The Sublime Object of Ideology. Verso Books, London/New York 1989, ISBN 0-86091-256-6
  • Liebe Dein Symptom wie Dich selbst! Jacques Lacans Psychoanalyse und die Medien. Merve-Verlag, Berlin 1991, ISBN 3-88396-081-0
  • For they know not what they do. Enjoyment as a political factor. Verso Books, 1991, ISBN 0-86091-563-8
    • dt. Ausgabe: Denn sie wissen nicht, was sie tun. Genießen als ein politischer Faktor. Passagen-Verlag, Wien 1994, ISBN 3-85165-144-8
  • Looking Awry: An Introduction to Jacques Lacan Through Popular Culture. The MIT Press, Cambridge 1992, ISBN 0-262-74015-X
  • Mehr-Genießen. Lacan in der Populärkultur. Turia & Kant, Wien 1992, ISBN 3-85132-037-9 (ursprünglich in: Wo Es war 1)
  • Tarrying With the Negative. Kant, Hegel & the critique of ideology Duke University Press, 1993, ISBN 0-8223-1362-6
    • dt. Ausgabe: Verweilen beim Negativen. Psychoanalyse und die Philosophie des deutschen Idealismus Bd. 2. Turia + Kant, Wien 1994, ISBN 3-85132-061-1
  • Slavoj Žižek (Hrsg.): Everything you always wanted to know about Lacan (but were afraid to ask Hitchcock). Verso, 1992, ISBN 0-86091-394-5
    • dt. Ausgaben: Ein Triumph des Blicks über das Auge. Psychoanalyse bei Alfred Hitchcock. Turia + Kant, Wien 1998, 3. Aufl. 2000, ISBN 978-3-85132-161-6; Was Sie immer schon über Lacan wissen wollten und Hitchcock nie zu fragen wagten. Suhrkamp, Frankfurt 2002, ISBN 3-518-29180-7
  • Grimassen des Realen. Jacques Lacan oder die Monstrosität des Aktes. Kiepenheuer und Witsch, Köln 1993, ISBN 3-462-02253-9
  • The Metastases of Enjoyment. Six essays on woman and causality. Verso, 1994, ISBN 0-86091-444-5
    • dt. Ausgabe: Die Metastasen des Geniessens. Sechs erotisch-politische Versuche. Passagen-Verlag, Wien 1996, ISBN 3-85165-209-6
  • Hegel mit Lacan. Riss-Verlag, Zürich 1995, ISBN 3-9520593-1-5
  • The indivisible remainder. An essay on Schelling and related matters. Verso, 1996, ISBN 1-85984-094-9
    • dt. Ausgabe: Der nie aufgehende Rest. Ein Versuch über Schelling und die damit zusammenhängenden Gegenstände. Passagen-Verlag, Wien 1996, ISBN 3-85165-246-0
  • The Plague of Fantasies. Verso Books, London/New York 1997, ISBN 1-85984-193-7
    • dt. Ausgabe: Die Pest der Phantasmen. Die Effizienz des Phantasmatischen in den neuen Medien. Passagen-Verlag, Wien 1997, ISBN 3-85165-281-9; 2. verbesserte Aufl. 1999, ISBN 3-85165-384-X
  • Das Unbehagen im Subjekt. Passagen-Verlag, Wien 1998, ISBN 3-85165-309-2
  • Ein Plädoyer für die Intoleranz. Passagen-Verlag, Wien 1998, ISBN 3-85165-327-0; 2. überarbeitete Aufl. 2001, ISBN 3-85165-466-8; 3. überarbeitete Aufl. 2003, ISBN 3-85165-623-7
  • Die Nacht der Welt. Psychoanalyse und Deutscher Idealismus. Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt 1998, ISBN 3-596-14259-8 (Kompilation zweier vorhergehender Werke)
  • The ticklish subject. The absent centre of political ontology. Verso, 1999, ISBN 1-85984-894-X
    • dt. Ausgabe: Die Tücke des Subjekts. Suhrkamp, Frankfurt 2001, ISBN 3-518-58304-2
  • Liebe Deinen Nächsten? Nein, Danke! Die Sackgasse des Sozialen in der Postmoderne. Verlag Volk und Welt, Berlin 1999, ISBN 3-353-01156-0
  • Sehr innig und nicht zu rasch. Zwei Essays über sexuelle Differenz als philosophische Kategorie. Turia + Kant, Wien 1999, ISBN 978-3-85132-215-6
  • The Art of the Ridiculous Sublime: On David Lynch's Lost Highway., University of Washington Press, 2000, ISBN 0-295-97925-9
  • The Fragile Absolute. Or: Why the Christian Legacy Is Worth Fighting For?. Verso Books, London/New York 2000, ISBN 1-85984-770-6
    • Das fragile Absolute oder warum es sich lohnt das christliche Erbe zu verteidigen. Verlag Volk und Welt, Berlin 2000, ISBN 3-353-01181-1
  • Enjoy Your Symptom! Jacques Lacan in Hollywood and Out., Routledge, London/New York 2001, ISBN 0-415-92812-5
  • Did Somebody Say Totalitarianism? Four Interventions in the (MIS)use of a Notion. Verso Books, London/New York 2001, ISBN 1-85984-792-7
  • On Belief. Routledge, London/New York 2001, ISBN 0-415-25532-5
    • dt. Ausgabe: Die gnadenlose Liebe. Suhrkamp, Frankfurt 2001, ISBN 3-518-29145-9
  • The Fright of Real Tears. Krzysztof Kieślowski Between Theory and Post-Theory. BFI Publishing, London 2001, ISBN 0-85170-755-6
    • dt. Ausgabe: Die Furcht vor echten Tränen. Krzysztof Kieślowski und die „Nahtstelle“. Volk und Welt, Berlin 2001, ISBN 3-353-01194-3
  • Revolution at the Gates. Zizek on Lenin, the 1917 Writings. (Hg. + Kommentare) Verso Books, London/New York 2004 (Neuausg.), ISBN 1-85984-546-0
    • dt. Teilausgabe: Die Revolution steht bevor. Dreizehn Versuche über Lenin. Suhrkamp, Frankfurt 2002, ISBN 3-518-12298-3
  • Opera's second death. (zus. mit Mladen Dolar). Routledge, London/New York 2002, ISBN 0-415-93016-2
    • dt. Ausgabe: Der zweite Tod der Oper. Kulturverlag Kadmos, Berlin 2003, ISBN 3-931659-45-3
      • (dt. Ausgabe des Texts von Mladen Dolar: 'Wenn die Musik der Liebe Nahrung ist ...'. Turia + Kant, Wien 2001, ISBN 3-85132-102-2)
  • Welcome to the desert of the real! Five essays on September 11 and related dates. Verso, 2002, ISBN 1-85984-421-9
    • dt. Ausgabe: Willkommen in der Wüste des Realen. Passagen-Verlag, Wien 2004, ISBN 3-85165-672-5
  • Organs Without Bodies: On Deleuze and Consequences. Routledge, London/New York 2003, ISBN 0-415-96921-2
    • dt. Ausgabe: Körperlose Organe. Bausteine für eine Begegnung zwischen Deleuze und Lacan. Suhrkamp, Frankfurt 2003, ISBN 3-518-29298-6
  • The puppet and the dwarf. The perverse core of christianity. The MIT Press, Cambridge 2003, ISBN 0-262-74025-7
    • dt. Ausgabe: Die Puppe und der Zwerg. Das Christentum zwischen Perversion und Subversion. Suhrkamp, Frankfurt 2003, ISBN 3-518-29281-1
  • Iraq. The Borrowed Kettle. Verso Books, London/New York 2004, ISBN 1-84467-001-5
  • Philosophie und Aktualität. Ein Streitgespräch. (zus. mit Alain Badiou) Passagen-Verlag, Wien 2005, ISBN 3-85165-673-3
  • Die politische Suspension des Ethischen. Suhrkamp, Frankfurt 2005, ISBN 3-518-12412-9
  • Der parallaktische Blick auf den Kommunismus. in: DemoPunK/Kritik & Praxis Berlin (Hrsg.): indeterminate! Kommunismus. texte zur ökonomie, politik und kultur. Unrast, Münster 2005, ISBN 3-89771-434-5
  • The Neighbour. Three Inquiries in Political Theology. (zus. mit Kenneth Reinhard und Eric L. Santner) University of Chicago Press, Chicago 2006, ISBN 0-226-70738-5
  • The Parallax View. The MIT Press, Cambridge 2006, ISBN 0-262-24051-3
    • dt. Ausgabe: Parallaxe. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2006, ISBN 978-3-518-58473-6
  • How to Read Lacan. Granta Books, London 2006, ISBN 1-86207-894-7
    • dt. Ausgabe: Lacan. Eine Einführung. Fischer, Frankfurt am Main 2008, ISBN 978-3-596-17626-7
  • Das Reale des Christentums. Suhrkamp, Frankfurt 2006, ISBN 978-3-518-06860-1
  • In Defense of Lost Causes. Verso Books, London/New York 2008, ISBN 978-1-84467-108-3
  • Violence. Profile Books, London 2008, ISBN 978-1-84668-017-5
  • Psychoanalyse und die Philosophie des deutschen Idealismus. Turia + Kant, Wien 2008, ISBN 978-3-85132-500-3
  • Der Mut, den ersten Stein zu werfen. Das Genießen innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft. Turia + Kant, Wien 2008, ISBN 978-3-85132-512-6

Audio-CD

  • Faktor X. Das Ding und die Leere. supposé, Köln 2003, ISBN 3-932513-39-8

Literatur

  • Rex Butler: Slavoj Zizek zur Einführung. Junius, Hamburg 2006, ISBN 3-88506-624-6
  • Dominik Finkelde: Slavoj Zizek zwischen Lacan und Hegel. Turia & Kant, Wien 2009,ISBN 978-3-85132-528-7
  • Reinhard Heil: Die Kunst des Unmöglichen. Slavoj Žižeks Begriff des Politischen. in: Oliver Flügel, Reinhard Heil & Andreas Hetzel (Hrsg.): Die Rückkehr des Politischen. Demokratietheorien heute. WBG, Darmstadt 2004, ISBN 3-534-17435-6 (Leseproben)
  • Andreas & Mechthild Hetzel: Slavoj Žižek. in: Stephan Moebius & Dirk Quadflieg (Hrsg.): Kultur. Theorien der Gegenwart. VS, Wiesbaden: VS 2006, ISBN 3-531-14519-3
  • Ian Parker: Slavoj Zizek: A Critical Introduction. Pluto Press 2004, ISBN 0-7453-2071-6
  • Anne Peters: Politikverlust? Eine Fahndung mit Peirce und Žižek. transcript Verlag 2007, ISBN 978-3-89942-655-7
  • Erik M. Vogt & Hugh J. Silverman: Über Zizek. Perspektiven und Kritiken. Turia + Kant, Wien 2004, ISBN 3-85132-368-8

Weblinks

Fußnoten

  1. About us – Staff (The Birkbeck Institute for the Humanities, Birkbeck, University of London).
  2. Slavoj Žižek: Liebe dein Symptom wie dich selbst, Berlin 1991, S.58 (siehe dazu auch die Ausführungen bei Objekt klein a).
  3. http://www.youtube.com/watch?v=t5b_Q_KOGqE
  4. Slavoj Žižek: Ein Plädoyer für die Intoleranz
  5. Slavoj Žižek: Warum lieben wir es alle, Haider zu hassen?, Eurozine, 3. Oktober 2000
  6. Vgl. dazu allein die Zahl an akademischen Veröffentlichungen im englischsprachigen Raum, in denen Žižeks Werk rezipiert wird: Suchresultate auf scholar.google.com
  7. Vgl. dazu Geoffrey Galt Harpham: Doing the Impossible: Slavoj Žižek and the End of Knowledge. in: Critical Inquiry. Jg. 29, Nr. 3/2003
  8. Wilhelm Trapp: Der Teufel hat eine Lücke gelassen, Rezension von Parallaxe in der Zeit, Nr. 46/2006
  9. Vgl. dazu etwa Die Erfahrung ist die Basis der Kritik von Jörg Lau in der Zeit, Nr. 33/2002
  10. Andreas Dorschel: Der Pedant des Wirren. Parallaxe überall: Slavoj Zizeks universale Besserwisserei, Süddeutsche Zeitung, 6. Oktober 2006
  11. Noah Horwitz: Contra the Slovenians: Returning to Lacan and away from Hegel. In: Philosophy Today. Frühjahr 2005, S. 24-32
  12. Vgl. Ian Parker: Slavoj Žižek. A Critical Introduction. Pluto Press, 2004, S. 78

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