Schwerbelastungskörper

Schwerbelastungskörper
Der Schwerbelastungskörper in Berlin-Tempelhof

Der Schwerbelastungskörper (auch Großbelastungskörper) ist ein 1941 bis 1942 errichteter großer Zylinder aus unbewehrtem Beton und Stahlbeton, mit dem die Belastung des Untergrundes durch einen von den Nationalsozialisten geplanten, gigantischen Triumphbogen simuliert werden sollte. Das denkmalgeschützte Bauwerk steht im Nordwesten von Berlin-Tempelhof an der Ecke General-Pape-Straße und Loewenhardtdamm, nahe der Kolonnenbrücke an der Grenze zur „Roten Insel“.

Inhaltsverzeichnis

Errichtung und Funktion

Die Errichtung des Schwerbelastungskörpers erfolgte im Dritten Reich im Rahmen der Neugestaltungsplanungen des Generalbauinspektors (GBI) Albert Speer für die Reichshauptstadt Berlin zur „Welthauptstadt Germania“. Kernprojekt dieser Umgestaltung Berlins sollte die Anlage einer die Stadtarchitektur prägenden Nord-Süd-Achse zwischen zwei Zentralbahnhöfen in Moabit und in Tempelhof werden. Auf Höhe der heutigen Kolonnenstraße und Dudenstraße war eine Schnellstraße vorgesehen, die als zweiter Ring auch den östlich gelegenen Flughafen Tempelhof tangierte. Am Platz, der am Schnittpunkt der beiden Straßen entstanden wäre, plante Speer nach einer Skizze Adolf Hitlers aus den 1920er Jahren einen 117 Meter hohen und 170 Meter breiten Triumphbogen, der die Namen der im Ersten Weltkrieg gefallenen deutschen Soldaten tragen sollte. Die Entwürfe hierfür waren 1939 fertiggestellt.

Der Schwerbelastungskörper, 2008

Zur Untersuchung des Setzungsverhaltens des Bodens gab Speer eine Probebelastung für dieses Bauwerk T in Auftrag. Ein Schwerbelastungskörper sollte dabei dessen hohen Druck auf den Boden simulieren. Verantwortlich für die Bodenuntersuchungen zeichnete die Deutsche Gesellschaft für Bodenmechanik (Degebo). Nach offensichtlich sehr kurzer Abwägung übernahm die Firma Dyckerhoff & Widmann im Jahr 1941 für 400.000 Reichsmark den Bau. Unter anderem durch französische Kriegsgefangene ließ man einen 14 Meter hohen und bis in eine Geschiebemergelschicht 18,2 Meter tief in den Boden reichenden Zylinder errichten, der im Kopf 21 Meter und im Schaft etwa 11 Meter Durchmesser hat. Mit 12.650 Tonnen belastet er auf einer Grundfläche von 100 m² den Untergrund mit 12,65 kg pro cm². Messkammern im Innern des Zylinders nahmen die Messgeräte auf.

Die Messungen der Degebo begannen bereits während des Betoniervorgangs und wurden bis zum 1. Juni 1944 fortgesetzt. Aufgrund des Zweiten Weltkrieges und der Nachkriegsjahre wurden die Ergebnisse jedoch erst 1948 ausgewertet. Es stellte sich heraus, dass der Triumphbogen unter den von Speer gestellten Bedingungen nur mit vorhergehender Verfestigung des Bodens baubar gewesen wäre. Der Zylinder war in zweieinhalb Jahren ab 1941 um 19,3 cm[1] eingesunken und hatte bereits während des Betoniervorgangs 3,5 cm Überhang infolge der Neigung bekommen. Die langfristigen Setzungen sind auf die Konsolidierung in der 5,2 Meter dicken Geschiebemergelschicht zurückzuführen.

Spätere Nutzung

Da der Schwerbelastungskörper nahe einem Wohngebiet liegt, konnte er nach dem Krieg nicht gesprengt werden. Als einziges Bauwerk, das an Albert Speers Planungen für die Nord-Süd-Achse „Germanias“ erinnert, steht er seit 1995 unter Denkmalschutz. Bis 1977 wurden an ihm weitere Messversuche durch die Degebo – heute der TU Berlin, Fachgebiet Grundbau angegliedert – durchgeführt, der Schwerbelastungskörper aber nur noch als Totlast verwendet. Hier wurden die bekannten Grundbruch-Experimente der Degebo ausgeführt.

Zur weiteren Nutzung wurde unter anderem vorgeschlagen, den Betonkörper als Kletterwand umzugestalten oder ein Café auf dem Dach einzurichten. 2006 informierte eine von einer Tempelhofer Schule gefertigte und vor dem Bau aufgestellte Freiluftausstellung über den Aufbau, den zeitgeschichtlichen Hintergrund des Schwerbelastungskörpers und Ideen der Schüler zum zukünftigen Umgang mit dem Bauwerk.

2007 begann das Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg mit einer Sanierung der Außenhülle und einer Umgestaltung des Areals. Neben dem Schwerbelastungskörper befinden sich jetzt ein Informationspavillon und ein Turm mit Aussichtsplattform. Am 12. September 2009 wurde der Informationsort Schwerbelastungskörper im Rahmen des Tages des offenen Denkmals eröffnet. Die Kosten für das Gesamtvorhaben beliefen sich auf 913.750 Euro.[2]

Dokumentationen

Der Spiegel-TV-Dokumentarfilm Brutalität in Stein – Die Bauten der Nazis aus dem Jahr 2002 zeigt den Schwerbelastungskörper in Berlin und bietet Einblicke in dessen Geschichte.

Literatur

  • Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg von Berlin (Hrsg.): Der Schwerbelastungskörper. Das mysteriöse Erbe der Reichshauptstadt. Edition Berliner Unterwelten, Berlin 2005, ISBN 3980964116.
  • Matthias Donath, Landesdenkmalamt Berlin (Hrsg.): Architektur in Berlin 1933-1945: ein Stadtführer. Lukas-Verlag, Berlin 2004, ISBN 3-936872-26-0, S. 174–176.
  • Heinz Muhs: Durchführung und Ergebnis einer großen Probebelastung. Abhandlung über Bodenmechanik und Grundbau. Erich Schmidt Verlag, 1948.
  • Klaus Weiß: 50 Jahre Degebo. Mitteilungen der Degebo, Heft 33, 1978 (auf S. 40 sind die Setzungskurven abgebildet).

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Weiß gibt in 50 Jahre Degebo (Seite 40) 20 cm Setzung bis 1951 an (wovon 12 cm im Geschiebemergel stattfanden) und in den Jahren danach bis 1969 nochmals 2,2 cm
  2. Stadtumbau Berlin: Eröffnung des Informationsortes am Schwerbelastungskörper. Abgerufen am 12. September 2009.
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