Schnee (Roman)

Schnee (Roman)
Orhan Pamuk, Autor von „Schnee“

„Schnee“ (türkischer Originaltitel: „Kar“) ist ein Roman Orhan Pamuks aus dem Jahr 2002. In der deutschen Übersetzung Christoph K. Neumanns erschien das Buch 2005. Geschildert wird die Reise des Dichters Ka in die Stadt Kars, in der kurz nach seiner Ankunft ein dreitägiger lokaler Militärputsch stattfindet.

Abgeschottet von der Außenwelt durch den Schnee, stehen sich die politischen Kräfte der Türkei in einem isolierten Mikrokosmos gegenüber. Durch die klassische räumliche und zeitliche Begrenzung des Geschehens werden aus politischen und religiösen Strömungen Menschen, deren individuellen Schicksalen und Motiven der Roman nachgeht.

Kerim Alakuşoğlu, kurz Ka, heißt der Held von „Schnee“, „Kafkas“ die Universität der kaukasischen Stadt Kars. Wer Pamuks Texte kennt, weiß, dass das kein Zufall ist, ebenso wie der Name des Erzählers und Romanciers „Orhan“, der den Spuren seines toten Dichterfreundes Ka nachgeht. „Ka“, der Name der Hauptperson, „Kar“, der Schnee, und „Kars“, der Ort des Romans, bilden einen poetischen Dreiklang, der nicht zuletzt an Kafkas verlorenen Helden „Josef K.“ (Der Process) erinnert.

Wie in allen Romanen Pamuks geht es auch in diesem Werk um die Spannungen in der Türkei zwischen Ost und West, zwischen den verschiedenen politischen und religiösen Strömungen und um die konfliktreiche Geschichte des Landes. Stärker als in den anderen Texten steht aber das unmittelbar Politische im Vordergrund.

Inhaltsverzeichnis

Kars

Der Fluss Kars am Fuße der Festung von Kars.

Kars ist ein Ort mit wechselvoller Geschichte in der historischen Grenzregion zwischen Russland, dem Iran, Armenien, Georgien und der Türkei mit einer multikulturellen Bevölkerungsgeschichte aus Türken, Kurden, Armeniern, Griechen, Russen und anderen Minderheiten. Dabei sind diese Spannungen nicht einfach Geschichte, sondern hochaktuell. Aufgrund der Auseinandersetzung zwischen Armenien und Aserbaidschan sind die türkischen Grenzen zu Armenien geschlossen. Mit der in Kars allgegenwärtigen armenischen Geschichte wird ein Tabu-Thema der modernen Türkei angesprochen, der Völkermord an den Armeniern. Durch die Schließung der Grenzen zu Armenien ist dem einst blühenden Kars die wirtschaftliche Grundlage entzogen, spielen Schmuggel und Kriminalität eine gewisse Rolle. Ein anderes brisantes Thema ist die Auseinandersetzung des türkischen Militärs mit kurdischen Nationalisten. Orhan Pamuks offene Stellungnahme zu diesen Fragen ist der Grund für Anklagen gegen den Autor.

Ein anderes Spannungsfeld entwickelt sich zwischen den verschiedenen religiös orientierten Strömungen und den Abteilungen des kemalistischen Staatsapparats. Besonders in der Osttürkei finden sich zahlreiche Anhänger islamischer Bewegungen, besonders hier provozieren Regeln wie das Kopftuchverbot an Universitäten heftige Auseinandersetzungen.

Pamuk kann deshalb in Kars in klassischer zeitlicher und lokaler Begrenzung die Zerrissenheit der Türkei auf eine literarisch fassbare Weise entwickeln. Dabei wird keine Seite idealisiert, der Kritikansatz beruht vielmehr auf der Entmystifizierung der Menschen, die erst dadurch unmenschlich werden, dass sie sich zu Agenten von Strömungen machen lassen, die ihre wirklichen Probleme nicht repräsentieren. Aus der Perspektive des Dichters Ka, der die Ereignisse aus der Distanz des Westlers verfolgt und doch in sie verwickelt wird, werden die Hintergründe des politischen Engagements und der befremdlichen Positionen deutlich, die sich den unmittelbar in die Zwänge verwickelten Akteuren verbergen.

Inhalt

Der im deutschen Exil lebende Dichter Ka kehrt anlässlich des Todes seiner Mutter in seine Heimatstadt Istanbul zurück. Er übernimmt dort den Auftrag, für die Istanbuler Zeitschrift "Cumhuriyet" (Die Republik) von den Selbstmorden der Kopftuchmädchen in Kars zu berichten, die von den Behörden am Studium gehindert werden. Sein heimliches Motiv ist aber die Hoffnung, seine schöne Kommilitonin İpek wiederzutreffen und zu heiraten, die dort getrennt von ihrem Mann lebt. Ka ist doppelt „verwestlicht“, durch seine laizistische Erziehung in Istanbul ebenso wie durch sein Exil in Deutschland. Alle innere Distanz hilft ihm aber nicht. Immer tiefer wird er in die Ereignisse verstrickt. Am Schluss zum aktiven Teilnehmer der Ereignisse geworden, verrät er den Aufenthaltsort des "Terroristen" und vermeintlichen Nebenbuhlers. Ist dies der Grund für seine Ermordung in Frankfurt, der Orhan Jahre später nachspürt?

Im Zuge der journalistischen Recherchen Kas stellt der Roman seine Figuren vor. Muhtar, der Ex-Linke mit Dichterambitionen, gleichzeitig Ex-Kommilitone Kas und geschiedener Mann İpeks, vertritt als Bürgermeisterkandidat die gemäßigte Fraktion der Islamisten. Die schöne İpek, früher Geliebte des radikalen IslamistenLapislazuli“, wird zu Kas Geliebter und verheimlicht ihm doch wesentliche Dinge. Kadife, İpeks Schwester, wird aus Liebe zu Lapislazuli zur Galionsfigur der „Turban-Mädchen“. Der Schauspieler Sunay Zaim, der den dreitägigen Operettenputsch inszeniert, reist als kemalistischer Theatermacher durch die Türkei, vergessen von der Öffentlichkeit, die ihn einst bewunderte. Die Koranschüler Necip und Fazıl, die sowohl eine naive Sicht als auch die zutiefst menschlichen Seiten des Islam verkörpern, werden durch die Ereignisse mit den Staatsorganen konfrontiert. Der unschuldige Terrorist Lapislazuli, der in Diensten des radikalen Islam durch die Welt reist, in Bosnien und Tschetschenien auftaucht, ist gleichzeitig ein erfolgreicher Casanova und Hauptkonkurrent des Helden Ka bei İpek. Der Journalist Serdar Bey produziert sein Provinzblatt mit winziger Auflage mit seinen beiden Söhnen und kooperiert dabei skrupellos mit den jeweils herrschenden Kräften, indem er erwünschte Artikel veröffentlicht. Er schreibt seine Kritiken stets vor den Ereignissen und erzielt damit zum Teil heftige Wirkungen.

Während der im Lokalfernsehen übertragenen Theateraufführung Sunay Zaims kommt es zu einem Skandal: Die erwarteten Störungen des kemalistischen Lehrstücks durch Koranschüler dienen dem lokalen Militär zum Anlass für einen Putsch. Scharfschützen schießen auf die Störer unter den Zuschauern, zahlreiche Islamorientierte und kurdische Nationalisten werden verhaftet. An der Spitze des Putsches stehen der Schauspieler Sunay Zaim, ein zweifelhafter Militär und der Geheimdienstmann Z. Eisenarm.

So absurd der lokale Putsch auch von Anfang an wirkt, wird doch real gefoltert und gemordet. Drei Tage dauern die Wirren und somit auch der Aufenthalt Kas in Kars.

Themen

Politik

Die Momentaufnahme von Kars findet in einer Situation statt, in der die Gegenkräfte zum laizistischen türkischen Militär in der Defensive sind. Resignativ haben sich die gealterten Vertreter linker Gruppen an das System angepasst und können nur noch mit Zustimmung der nationalistischen Kurden einzelne Aktionen durchführen. Viele ältere Linke opponieren nur noch verbal, am Tisch mit Freunden oder in der Familie, während im Fernsehen eine Telenovela läuft. Besonders feindselig werden die Anhänger der PKK von den Behörden verfolgt, nur wenige wagen sich noch in den bewaffneten Widerstand. Als wichtigster Gegenpol zur westlich orientierten Türkei erscheinen die vielfältigen religiösen Strömungen von Gemäßigten, die einen Platz in der Politik und nach Kompromissen suchen, über sufistische Gruppen und Koranschulen bis hin zu Terroristen. Aber auch hier ist der Staat allgegenwärtig, hört ab, verhaftet und kontrolliert. Alle oppositionellen Gruppen sind mit Spitzeln durchsetzt, alle öffentlichen Räume werden abgehört.

Dennoch ist der Kampf um die Köpfe nicht entschieden. So fest die Staatsorgane die Macht in der Hand halten, so wenig sind die Menschen davon überzeugt, dass dies in ihrem Sinne geschieht. Die Masse der Arbeitslosen, die kleinen Selbständigen, die Jugendlichen suchen in der Osttürkei nach neuer Orientierung, zunehmend bei islamischen Kräften.

Pamuk schildert aber nicht nur die politische Zerrissenheit der Türkei und die allgegenwärtigen Spannungen und Ängste, sondern auch Humor, Lebensklugheit und Mut der kleinen Leute. Der Witz der Figuren verbindet sich mit dem Humor Pamuks, der mit sympathischem Augenzwinkern Widersprüche der Weltbilder, Galgenhumor und Selbstzweifel der Menschen schildert. Er löst auf diese Weise die monolithischen politischen und religiösen Blöcke auf und rekonstruiert Menschen, die vielleicht doch miteinander reden könnten.

Ein wichtiger Aspekt ist auch die widersprüchliche Haltung der Intellektuellen zum Militär. Bei aller Faszination für Freiheit und westliche Demokratie sind sie doch erleichtert, dass das Militär den Islamisten Grenzen setzt, trotz der Scham, die diese Sicht erzeugt. Aus Kas Sicht scheint niemand wirklich gegen den Militärputsch zu sein, er selbst fühlt die „Stimmung eines Neuanfangs“ (24. Kapitel). Trotz der Brutalität des Militärs sieht er „die Unbarmherzigkeit des Staates als etwas so Natürliches […] wie einen Stromausfall“ (7. Kapitel). So freut er sich über die leeren Straßen in Kars und erinnert sich mit beinahe romantischen Gefühlen an die Militärputsche in seiner Kindheit.

„Ein Teil seines Verstandes sagte ihm, daß er sich insgeheim freute, daß es einen Putsch des Militärs gegeben hatte und das Land nicht den Islamisten überlassen wurde. Deshalb schwor er sich, um sein Gewissen zu erleichtern, nicht mit der Polizei und der Armee zusammenzuarbeiten.“ (21. Kapitel)

Diese paradoxe Haltung der Intellektuellen durchzieht leitmotivisch den Roman, konzentriert in der Figur des Schauspielers Sunay Zaim, der trotz seiner elenden Lage die kemalisitsche Staatsideologie wie in den Propagandafeldzügen vergangener Zeiten vertritt. Die Geschichte kehrt hier als Farce wieder, Sunay als Operettendiktator für drei Tage erscheint als Zerrbild Atatürks, dem er darstellerisch nacheifert, was ihm oft zur Posse gerät. Sunay selbst inszeniert sich als Diktator und weiß um die Grenzen dieses Vorhabens. Unter Berufung auf Hegel sieht er Geschichte als Theaterinszenierung und sieht im von der Außenwelt abgeschnittenen Kars seine Chance, ein einziges Mal die Herrscherrolle in dieser Inszenierung einzunehmen.

Der Kopftuchstreit konzentriert die Auseinandersetzung in der Türkei auf ein sichtbares Symbol. Pamuk zeigt auf, wie die Zahl der verschleierten Frauen in einer Stadt den Intellektuellen in der Türkei als Gradmesser für die noch vorhandenen Freiräume erscheint. Der Roman „Schnee“ reflektiert beide Seiten, zeigt auch die zerstörerische Wirkung dieses Streits auf die Frauen, die der Verfügung über ihren Körper enteignet zur Symbolfigur für die politische Haltung ihrer Männer degradiert werden. Aus dieser Sicht wird jedes Kleidungsstück zum Symbol, werden die Frauen damit unter die totale Kontrolle der Männer gestellt. Dass dies wesentlich politisch und weniger religiös motiviert ist, verfolgt der Roman bis in die psychologischen Details. Ipek, die Ka ihre modischen Kleider zeigt, die sie in Kars niemals tragen wird, die Kopftuchmädchen wie Hande und Kadife, die hinter verschlossenen Türen um ihre Emanzipation kämpfen, sind sich sehr wohl bewusst, dass sie als stumme Fassade dienen, wenn etwa nach den Selbstmorden von Kopftuchmädchen nur die bärtigen alten Männer in den Medien Stellung nehmen, niemals aber Frauen, die das Schicksal der Mädchen am ehesten nachvollziehen könnten.

Ost und West

Ein zentrales Thema ist wie in allen Romanen Pamuks das Spannungsfeld zwischen Ost und West. Er verfolgt aber weniger die literarischen Spuren als die lebensweltlichen Unterschiede. Als zentrales Moment des Westens erscheint dabei eine entwickelte Individualität, die nicht nur positiv, sondern auch in ihrer Vereinsamungstendenz gezeichnet wird. Pamuk beleuchtet dabei die Kommunikationsprobleme westlich orientierter Menschen mit den Menschen in der Osttürkei, die fest in ihren Gemeinschaften verwurzelt sind und nicht in der Lage sind, Probleme abstrakt und außerhalb von Gruppenkontexten überhaupt nur wahrzunehmen. Dabei sind sich diese Figuren durchaus bewusst, dass dies von außen als Dummheit und Beschränktheit wahrgenommen wird. Sie wehren sich gegen diese Vorwürfe, indem sie darauf hinweisen, dass aus westlicher Sicht jede Art der Armut als Ausdruck von Dummheit erscheine, als Wirkung mittelalterlicher und ungebildeter Ansichten. In der Lebenswelt der Menschen ergeben ihre Gedanken durchaus Sinn, auch wenn sie aus westlicher Sicht beschränkt und naiv wirken.

Kas Scheitern zeigt auch, dass es nicht möglich ist, sich mit einer individualistischen Glücksperspektive, die sich bewusst von allen Gemeinschaften abgrenzen will, in einer solchen Umwelt sozial zu integrieren. So veraltet und teilweise absurd, wie die vorhandenen Strukturen auch aus der Außensicht wirken, sind sie doch Überlebensvoraussetzungen in einer zerrissenen, gewalttätigen Welt.

Die Irrationalität dieser Gesellschaft wird verständlicher, wenn man akzeptiert, dass die inneren Widersprüche durch das Individuum nicht aufzulösen sind, dass es vielmehr lernen muss, sich in dieser widersprüchlichen Umwelt erfolgreich zu behaupten. Die Islamisten müssen sich immer wieder neu mit dem Militär arrangieren, der westlich orientierte Vater hat Angst, dass seine Tochter demonstrativ das Kopftuch ablegt, weil sie damit in die Schusslinie der radikalen Moslems gerät. Viele der Akteure lavieren zwischen den verschiedenen Gruppen, vom Sozialisten, der heimlich mit dem Militär kooperiert, bis hin zum Predigerschüler voller Gotteszweifel und einem Faible für die westliche Science-Fiction-Literatur. Dabei entstehen Figuren von einer eigenartigen Humanität, etwa der menschliche Spitzel, der nur Informationen weitergibt, die den Belauschten nicht allzu sehr in Bedrängnis bringen.

Religion

Das Bekenntnis zu Allah erscheint in Pamuks Roman nicht wesentlich als individueller Akt der Religiosität, sondern als Entschluss, sich einer religiösen Gemeinschaft anzuschließen. Insofern gelingt es Ka, der in der märchenhaften Schneewelt des Romans immer wieder Glaubensmomente erlebt, nicht, einer der Gläubigen zu werden. Sie spüren seine innere Distanz zur politisierten Volksgläubigkeit und behandeln ihn als Atheisten, ohne die Zeichen seines Interesses an Gott überhaupt ernst zu nehmen.

Frauen mit Kopftuch in der Nähe von Kars

Die Selbstmorde der Kopftuchmädchen irritieren sowohl religiöse als auch staatliche Stellen. Für die Islamparteien ist der Selbstmord ein gotteslästerlicher Akt, auch wenn er im Namen der unterdrückten Religion geschieht. Die staatlichen Stellen organisieren eine Kampagne gegen die Selbstmorde, aber auch der Terrorist Lapislazuli ist angereist, um gegen die Selbstmorde etwas zu unternehmen. Im Roman werden die Selbstmorde zum Anlass, die Situation der Frauen und Mädchen in den türkischen Familien und gesellschaftlichen Gruppen zu reflektieren.

Hande, eines der Kopftuchmädchen, formuliert es so:

„Für eine ganze Menge Mädchen in unserer Situation bedeutet der Wunsch, sich umzubringen, die Kontrolle über den eigenen Körper zu haben.“ (14. Kapitel)

Die Schilderung der Lebenssituation der Kopftuchmädchen ist vielleicht einer der bedrückendsten Momente des Romans. Dem Westler Ka fällt vor allem der Mangel an Privatleben auf, der die Mädchen zwingt, diese einsame Tat mitten in der Familie durchzuführen. Sie stehen unter totaler gesellschaftlicher und familiärer Kontrolle, allein das von einem Lehrer in die Welt gesetzte Gerücht, eine der Selbstmörderinnen sei nicht mehr Jungfrau, hatte sie in der Welt von Kars vollständig isoliert.

Der Druck von Seiten der Gesellschaft, das Kopftuch abzulegen und der Druck der Familie und islamischer Gruppen, sich zu verschleiern, erzeugen eine Zerrissenheit, die die Mädchen verzweifeln lässt. Zudem schämen sich die Ehemänner in ihrem sozialen Leben ihrer Liebe zu den Frauen, denen sie alles verdanken, und suchen sich in ihrer Unterdrückung zu beweisen.

Es erscheint einigen islamorientierten Figuren im Roman unglaubwürdig, dass jemand überhaupt Atheist sein könne, ohne sich das Leben zu nehmen, naive Fragen in diese Richtung an Ka dokumentieren diese Haltung. Zugleich gründet aber auch die Religion der frommen Koranschülern in Zweifeln. Mit verzweifelter Entschlossenheit hält der Koranschüler Necip an seinem Glauben fest, „gerade wie in meiner Kindheit, wenn ich gedacht habe, was ich getan hätte, wenn meine Mutter und mein Vater gestorben wären.“ (15. Kapitel)

„Denn an die Existenz eines Dings mit solcher Inbrunst zu glauben geht nur, wenn man einen Zweifel, eine Sorge hat, dass es nicht existiert, verstehst du?“ (15. Kapitel)

Ein anderer Aspekt ist die Darstellung der Strategien der islamischen Gruppen. Sie bringen den Armen Geschenke, Männer sprechen mit den Männern, Frauen mit den Frauen. Und sie sind „fleißiger, ehrlicher und bescheidener als alle anderen“ (3. Kapitel). Der Scheich des Derwisch-Konvents küsst Ka, der sich betrunken zu ihm wagt, die Hände, sieht in dem Dichter so etwas wie einen Sufi. Im Sufismus findet Ka am ehesten einen Zugang zur Religion, das grüne Heft, in das er seine Gedichte schreibt, scheint ihm von Gott gegeben.

„‚Wenn ich spüre, daß mir ein Gedicht einfällt, bin ich voller Dankbarkeit für den, der es mir schickt, denn dann erfüllt mich großes Glück. […] Es ist Allah, der mir das Gedicht schickt‘, sagte Ka auf einmal inspiriert.“ (14. Kapitel)

In der Inspiration seiner Gedichte erscheint Ka der Umgebung als Erleuchteter.

„Die Hausangestellte ging noch weiter und berichtete, daß ein Licht in dem Raum erstrahlt sei, das alles in seinen Glanz getaucht habe. In ihren Augen war Ka schon von diesem Tag an vom Nimbus eines Heiligen umgeben.“ (ebd.)

Liebe

Es ist die Liebe zu İpek, die Ka nach Kars bringt, seine Aktionen dort motiviert, es ist die Liebe zu Lapislazuli, die İpek und ihre Schwester Kadife bewegt. Muhtar versucht als Führer der gemäßigten Islampartei, İpek für sich zurückzugewinnen. Die Koranschüler verehren die Kopftuchmädchen in einer Art traditioneller Minne, schwärmen und träumen von ihnen, ohne sie zu kennen. Pamuk legt hier eine Verbindung zwischen Ost und West offen, die sein gesamtes Werk durchzieht. Die westlichen Konzepte der romantischen Liebe und Ritterlichkeit sind stark vom Sufismus inspiriert, ebenso wie die ältere westliche Literatur von uralten Sufi-Geschichten. Aus dieser Sicht kann man auch den Roman „Schnee“ in der sufistischen Tradition sehen, als Sammlung von Geschichten, die den einzelnen und seine Entwicklung, seine Beziehungen zu anderen Menschen und letztlich zu Gott thematisieren.

Für Ka ist die Liebe Emotion und Konstrukt zugleich. Sein Plan, İpek die Ehe anzutragen, obwohl er sie kaum kennt und seit Jahren nicht gesehen hat, hat für ihn etwas auf peinliche Weise Traditionelles. Aus dem Konstrukt wird Emotion und Ka bekommt es mit der Angst zu tun.

„Ka spürte.. mit Schrecken, daß er İpek liebte und daß diese Liebe den Rest seines Lebens bestimmen würde.“ (6.Kapitel)

Ka schwankt zwischen tiefer Verliebtheit und Zweifeln, sein Glauben an die geheime Symmetrie der Welt lässt ihn in Momenten des Glücks befürchten, dass der Ausgleich an Unglück ebenso massiv ausfallen könnte, und der Verlauf des Romans bestätigt diese Befürchtung. Nach der Flucht aus Kars fällt Ka in die Einsamkeit des deutschen Exils zurück, von der großen Liebe seines Lebens bleibt ihm nur ein erbärmlicher Konsum von amerikanischen Pornofilmen mit einem Star, der İpek entfernt ähnlich sieht.

Die Liebe wirkt angekränkelt in der schlammigen Welt von Kars, es sind verkitschte Gefühle, die die Menschen bewegen. So eint die Begeisterung für eine mexikanische Telenovela alle politischen Fraktionen, zur Sendezeit sind die Straßen wie leergefegt. Nur selten gelingen Momente wirklicher Begegnung. İpeks Forderung an Ka ist einfach: „Sei du selbst!“ (Kap. 14), aber eben diese Forderung kann Ka, der Heimatlose zwischen allen Welten, nicht erfüllen. In den Zufällen des Lebens gelingt die Liebe nur in isolierten Momenten, etwa wenn Ka İpek erklärt, warum er sie liebt, obwohl er sie gar nicht kennt:

„Weil du schön bist … Weil ich davon träume, mit dir glücklich zu sein … Weil ich dir alles sagen kann, ohne mich zu schämen. Ich stelle mir dauernd vor, wie wir uns lieben.“ (ebd.)

Zwischen den Schwester Kadife und İpek besteht eine geheime Konkurrenz um die Liebe Lapislazulis. Ka ahnt lange nicht, dass auch İpek in dieses Spiel verstrickt ist. Dennoch spürt er das Verlogene in Kadifes Versuchen, die Beziehung zwischen Ka und İpek zu fördern. „Jede jüngere Schwester möchte, dass ihre ältere Schwester glücklich ist“ (Kap. 25), behauptet Kadife, und Ka spürt die Konkurrenzgefühle zwischen den Frauen, erahnt wie „zwischen allen türkischen Geschwistern tiefe Abneigung und erzwungene Solidarität“ (ebd.).

Die Liebe steuert immer wieder die Aktionen der Handelnden bis hin zur Absurdität. Nachdem İpek Ka beteuert hat, sie könne nicht mit ihm schlafen, solange ihr Vater im Haus sei, konstruiert Ka ein irrwitziges Treffen aller Oppositionellen, bei dem İpek Vater die Demokraten repräsentieren solle, mit dem Ziel eine Erklärung zum Militärputsch in der Frankfurter Rundschau zu veröffentlichen. Er erfindet dazu die Figur eines engagierten deutschen Journalisten, des blonden und blauäugigen Hans Hansen (Anspielung auf Thomas Manns Tonio Kröger), dessen Äußeres er dem Verkäufer nachempfindet, der ihm in Deutschland seinen grauen Mantel verkauft hat.

Literarische Form

Erzähler

Erzähler des Romans ist der „Romancier“ „Orhan“, der den Spuren seines toten Dichterfreundes Ka nachgeht. Im Verlaufe des Romans treten die in Aufzeichnungen erhaltenen Erinnerungen Kas immer stärker zurück zugunsten der Nachforschungen Orhans, der selbst nach Kars reist und den verschiedenen Spuren nachgeht. Dabei zeichnet er wie Ka Äußerungen der Akteure auf, lässt Figuren des Romans direkt zum Leser sprechen, präsentiert Dokumente und Recherchen. In den Anfangskapiteln tritt der auktoriale Erzähler „Orhan“ nicht in Erscheinung, es wird weitgehend personal aus der Sicht Kas berichtet. Im Zuge der Ereignisse greift der Erzähler zunehmend ein, zuerst durch irritierende Vorausdeutungen, später als handelnde Figur, die selbst nach Kars reist, um die letzten Lebensjahre seines Dichterfreundes nachzuzeichnen. Dabei übernimmt „Orhan“ durchaus auch die Rolle eines Detektivs, um dem Vorwurf gegen Ka, er sei an der Ermordung Lapislazulis beteiligt, nachzugehen.

Die Multiperspektivität als zentrales Moment des Romans, mit der sich Pamuk in der Tradition Dostojewskis sieht, stellt Pamuk auch durch andere Mittel dar, etwa durch „Material“ wie fiktive Beiträge der lokalen Zeitung, Seiten aus den Aufzeichnungen Kas, Gesprächsmitschnitte des Geheimdienstes und Fernsehberichte von den Ereignissen. Die Doppelung des Autors, der als handelnde Person des Romans in Erscheinung tritt, verstärkt den Schein der Realität der dennoch teilweise operettenhaften Ereignisse. Es bleiben bei allem Realismus der nachgezeichneten politischen Positionen genügend phantastische und irreale Ereignisse, um den Leser immer wieder auch schmunzeln zu lassen. Da gibt es etwa den Chef der „Grenzzeitung“, Serdar Bey, der die Berichte zu den Ereignissen verfasst, bevor sie geschehen, und damit eine wirksame Kraft auf die Zukunft ausübt, da gibt es so skurrile Figuren wie den Predigerschüler, der islamische Science-Fiction-Romane verfasst, oder die bedauernswerten Spitzel, die sich im Rahmen ihrer Recherchen buchstäblich die Schuhe ablaufen.

Leitmotive

Schnee

Zentrales Leitmotiv ist der Schnee, der Kars von der Außenwelt abschneidet. Für Ka ist die Individualität der Schneekristalle Vorbild der menschlichen Originalität, die Gedichte, die er in Kars schreibt, ordnet er in seinen Aufzeichnungen nach dem Muster eines Schneekristalls an (Abb. im 29. Kapitel). Auf den Achsen der Erinnerung, der Phantasie und des Verstandes findet er die Elemente seiner Persönlichkeit wieder. Ka folgt hier einem Schema Francis Bacons aus dem zweiten Buch von „De Dignitate“, in dem das menschliche Wissen in die drei Grundkategorien Geschichte, Poesie und Philosophie eingeteilt wird.

Wie das Fallen einer Schneeflocke will der Erzähler das Leben seines Freundes Ka bis zum Tod verfolgen, die Schneeflocke wird in ihrer einmaligen Schönheit zugleich auch zur Metapher für Vergänglichkeit. Aus Kas Sicht hat diese Perspektive etwas Fatalistisches, trotz immer wieder neuer Anläufe fehlt ihm der Mut, sein Schicksal wirklich in die Hand zu nehmen. Es steckt tiefe Resignation in Kas Selbstbild.

„Er liebte sich selbst, verfolgte den Weg, den sein Leben nahm, wie eine Schneeflocke mit Liebe und Trauer.“ (9. Kapitel)

Der Schnee verdeckt aber auch die Armut von Kars, überzieht alles mit einer leuchtenden Schönheit, dämpft die Geräusche des Militärputsches. Alle Ereignisse erhalten durch den Schnee etwas Märchenhaftes, Irreales.

„Mehr noch, die gleiche Blindheit, die ihn zwang, seine Augen auf den draußen fallenden Schnee zu richten, umfing wie eine Art Tüllvorhang, wie Schneestille sein Hirn; und sein Verstand, sein Gedächtnis verweigerten sich nun den Armuts- und Elendsgeschichten.“ (2. Kapitel)

Schnee repräsentiert für Ka auch „Freude und Reinheit aus seiner Kindheit“ (1. Kapitel). Auf der Suche nach dem Glück „fällt dieser Schnee einmal im Leben auch in unseren Träumen“ (ebd.), Ka sucht nach dem Tode seiner Mutter in Ipek auch die mütterliche Liebe. Der Schnee schneidet Kars von der Außenwelt ab, verbindet jedoch zugleich die Menschen, „als ob der Schnee auf alle Feindschaft, Begierde und Haß sinke und die Menschen einander annähern“ könne (Kapitel 13).

Die Schneekristalle verkörpern eine heimliche Symmetrie des Lebens, der Ka nachspürt und in der er Allah sieht. Er glaubt an ein Gleichgewicht von Glück und Unglück im Leben. Obwohl er seiner westlichen Perspektive treu bleibt, ist er zugleich zutiefst abergläubisch, sieht sich immer wieder in überraschenden Momenten auf dem Weg zurück zu Allah.

„Der Schnee fiel mit einer heiligen Lautlosigkeit, es war nichts zu hören… Es war, als sei das Ende der Welt gekommen.“ (Kapitel 15)

Es ist die Magie dieses Bildes, die die zerrissenen Elemente des Romans und der Welt zusammenhält. Kas vielfältige und diffuse Eindrücke und Erlebnisse in Kars finden so eine Ordnung.

Farbsymbolik

Ein anderes typisches Stilmittel Pamuks ist das Aufbau einer Symbolik von Farben und Licht. Vom Schnee geht ein Leuchten aus, das auch Personen ausstrahlen können: Die verliebte İpek, den Dichter Ka, dem ein Gedicht gelingt, den mystischen Scheich Saadettin Effendi vom Derwischkonvent kennzeichnet ein Licht, das fasziniert und andere Menschen anzieht. Die Lichtmetaphorik verweist zugleich auf andere Werke Pamuks, vor allem auf den Roman „Das neue Leben“.

Wie dort das Buch den Leser fasziniert und erleuchtet, sind es hier Menschen mit einer besonderen Ausstrahlung, die neue Wege eröffnen. Das neue Leben mit all seinen Hoffnungen wird dabei ironisiert, nie ganz Ernst genommen, etwa beim Tee in der Konditorei „Neues Leben“ oder bei der nüchternen Analyse der Wirkungsmechanismen des Scheichs durch Ipek.

Das bläuliche Licht des Schnees vermittelt etwas Mächtiges, eine kühle Eleganz, ebenso wie die strahlend blauen Augen und der Name Lapislazulis sowie die Lichter der Polizeifahrzeuge. Positive Gegenwelten kennzeichnen leichte Rot- und Brauntöne, das rosa Schild des Hotels, das İpeks Vater betreibt, das orange Licht bei einem erfundenen deutschen Gastgeber Kas, die riesigen, braunen Augen Ipeks.

Grün ist nicht nur das Gedichtheft Kas, dem vergeblich nachgespürt wird, es sind auch die riesigen grünen Augen Necips, des Koranschülers, der Ka durch seine ehrliche Menschlichkeit anzieht und fasziniert. Marianna, die Heldin des Fernsehmelodrams, das ganz Kars begeistert, hat riesige grüne Augen. Das schöne Mädchen auf der Istanbuler Prinzeninsel Büyükada, das Ka nicht vergessen kann, hat ebenfalls grüne Augen. Grün erscheint im islamischen Kontext als Farbe des Glaubens, dennoch assoziiert Ka in seinen Erinnerungen eher die Zufälligkeit des Lebens und seiner Begegnungen mit dieser Farbe.

Lila ist der „Ort, an dem Allah nicht ist“, zugleich aber auch das Kopftuch Kadifes, die aus Liebe zu Lapislazuli in die Rolle der führenden Islamistin schlüpft, zugleich aber sehr selbstbewusst und emanzipiert ihre Lebensträume verwirklicht und durchsetzt.

Das Leuchten des Schnees enthält aber alle Farben zugleich.

Der Ort, an dem Allah nicht ist

Auf wiederholtes Drängen Kas schildert der Koranschüler Necips seine Vision eines seltsamen Ortes am Ende der Welt:

„Ich schaue auf diese Szenerie während der Nacht, in der Dunkelheit, aus einem Fenster hinaus. Draußen sind zwei weiße Mauern, hoch und ohne Fenster, wie die Mauern einer Burg. Wie zwei Burgen, die sich gegenüberstehen. Ich schaue furchtsam in den engen Abgrund zwischen ihnen, der sich als eine Art enger Gasse vor mir hinzieht. Die Gasse an dem Ort, an dem Allah nicht ist, ist wie in Kars schneebedeckt und schlammig, aber ihre Farbe ist lila. In der Mitte der Gasse, ist etwas, das ‚Halt!‘ zu mir sagt, aber ich schaue bis ans Ende der Gasse, an das Ende der Welt. Dort steht ein Baum, ein nackter Baum ohne Blätter. Weil ich ihn anschaue, beginnt er sich auf einmal zu röten und Feuer zu fangen. Dann kommt in mir ein Schuldgefühl auf, weil ich auf den Ort, an dem Allah nicht ist, neugierig war. Daraufhin nimmt der Baum wieder seine alte dunkle Farbe an.“ (Kapitel 16)

Necip schildert diese Vision kurz vor seinem Tod. Durch eine Vorausdeutung weiß der Leser dies: „Er machte seine Augen weit auf, von denen eines in sechsundzwanzig Minuten zusammen mit seinem Gehirn zerfetzt werden sollte.“ (15. Kapitel)

Das klassische Horrormotiv des zerfetzten Auges, die Situation kurz vor dem Militärputsch und Necips sinnlosem Tod machen dieses eindringliche Bild zu einer zentralen Stelle im Roman.

Die einzelnen Bildelemente eröffnen ein weites Feld von Assoziationen und Fragen: Ist es der Baum der Erkenntnis, der Sündenfall, der hier reaktualisiert wird? Vielleicht gar der brennende Dornbusch, in dem Gott erscheint? Sind es die Mauern der weißen Festung, an der die osmanischen Versuche, Europa zu erobern, endgültig scheiterten, was Pamuk in seinem gleichnamigen Roman dargestellt hatte? Die Farbe Lila lässt an die liturgische Funktion in der christlichen Kirche denken, wo sie das Sinnbild für Übergang und Verwandlung, für die Buße ist. Gleichzeitig ist die Farbbezeichnung erst im Mittelalter aus dem Orient nach Europa gekommen, sie war bis dahin im Westen unbekannt, wurde in blau oder rot übersetzt.

Was vermittelt hier das klassische Motiv des Unheimlichen, dass bloß vorgestellte Gedanken in der Realität wirksam werden? Pubertären Größenwahn? Eine prophetische Vision? Wer gebietet hier das „Halt“? Ist der junge Galeriebesucher aus Kafkas Erzählung zum Leben erwacht? Ist es das Gewissen Necips, das hier spricht? Das eindrucksvolle Bild erscheint als Schlüsselszene des Romans und zugleich als Rätsel, dessen Lösung vom Leser nicht zu leisten ist.

Vier Jahre nach den Ereignissen geht der Erzähler Orhan der Sache nach. Ka hatte Necips Bild in seinem Gedicht „Der Ort, an dem Allah nicht ist“ verarbeitet und es auf der Achse der Erinnerung platziert. Daher geht Orhan davon aus, dass das Bild einen realen Ort bezeichnet wie alle Gedichte, die dieser Kategorie zugeordnet sind. Eines Nachts blickt er von Necips Bett aus dem Fenster des Schlaftraktes der ehemaligen Koranschule.

„Ich erblickte einen zwei Meter breiten Durchgang, den man noch nicht einmal als Gasse bezeichnen konnte, eingeklemmt zwischen der blinden Seitenmauer der Landwirtschaftsbank gleich neben dem Hof und der fensterlosen Rückwand eines Mietshauses. Aus dem ersten Stock der Bank schien ein violettes Neonlicht auf den schlammigen Grund. Damit keiner den Durchgang mit einer Straße verwechselte, hatte man irgendwo in der Mitte ein rotes Schild ‚Einfahrt verboten!‘ gestellt. Am Ende des Durchgangs, zu dem Fazil, von Necip inspiriert, ‚das ist das Ende der Welt‘ sagte, stand ein dunkler Baum ohne Blätter; und gerade als wir hinschauten, wurde er einen Augenblick lang feuerrot, als ob er brenne. ‚Die rote Reklamebeleuchtung des Foto-Palastes Aydin ist seit sieben Jahren kaputt‘, flüsterte Fazil.“ (44. Kapitel)

Steht am Ende des Romans die völlige Entmystifizierung? Ist die Vision Necips einfach nur die aufgesetzte Phantasie eines pubertierenden Science-Fiction-Fans?

Zunächst einmal erhöht sich die Bedeutung der profanen und zugleich unheimlichen Szene für den Roman sogar noch. Für den Romancier Orhan ist sie der Beweis, dass sein Dichterfreund Ka nach Necips Tod noch einmal hier war und, wie er, von Necips Bett aus einen Blick in die Nacht geworfen hat. Sonst hätte er das Gedicht nicht seinen Erinnerungen zugeordnet.

Die Koranschule diente aber zu diesem Zeitpunkt als Hauptquartier des brutalen Z. Eisenarm und seiner Spezialeinheit, die die meisten Morde während des Putsches auf dem Gewissen hatten. Orhan entnimmt daraus, dass Ka seinen Konkurrenten bei İpek, den Islamisten Lapislazuli, seinen Feinden ans Messer geliefert hatte, dass ihn also İpek zurecht zurückgewiesen hatte und dass er deshalb Jahre später in Frankfurt von Unbekannten ermordet worden war.

Entmystifiziert wird also nicht nur Necips Bild, sondern auch der Held des Romans, der bei aller westlichen Distanz zu den Ereignissen der Versuchung nicht widerstehen konnte, sein persönliches Problem mit Hilfe des Militärs skrupellos aus der Welt zu schaffen. Gleichzeitig eröffnet sich neuer Raum für Interpretationen. Ist es die Welt des Geldes, die die Welt zu einem Ort macht, an dem Allah nicht ist? Ist es nicht die poetische Sicht Necips und Kas, die tiefer geht als die nüchternen Blicke Orhans und Fazıls, des besten Freundes von Necip?

„Fazıl und ich hatten uns stumm zwischen unseren Erinnerungen und der unwiderstehlichen Existenz unserer leidenschaftlicheren, komplizierteren und authentischeren Originale verloren.“ (ebd.)

Rezeption

Der Roman erregte international Aufsehen, vor allem, weil er heikle politische Themen differenziert angeht und dabei auf jede Form von Schwarzweißmalerei verzichtet. 2006 erhielt Orhan Pamuk den Literaturnobelpreis. Außerdem erhielt er für seine Werke die wichtigsten türkischen und internationalen Literaturpreise, den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels (2005), den Independent Foreign Fiction Award (1990) und den Prix de la découverte européenne (1991). Die New York Times feierte „Schnee“ als das beste ausländische Buch des Jahres 2004.

Der Stiftungsrat begründet die Preisverleihung des Deutschen Buchhandels vor allem mit Pamuks Einsatz für die Völkerverständigung:

„Mit Orhan Pamuk wird ein Schriftsteller geehrt, der wie kein anderer Dichter unserer Zeit den historischen Spuren des Westens im Osten und des Ostens im Westen nachgeht, einem Begriff von Kultur verpflichtet, der ganz auf Wissen und Respekt vor dem anderen gründet. […] So eigenwillig das einzigartige Gedächtnis des Autors in die große osmanische Vergangenheit zurückreicht, so unerschrocken greift er die brennende Gegenwart auf, tritt für Menschen- und Minderheitenrechte ein und bezieht immer wieder Stellung zu den politischen Problemen seines Landes.“

In seiner Rede zur Verleihung des Friedenspreises entschuldigt sich Orhan Pamuk für seine eminent politische Stellungnahme zu den Konflikten in der Türkei und der EU-Integration seiner Heimat. Dennoch ist dies kein Rückzug in den Elfenbeinturm der Poesie. Pamuk setzt die Romanform bewusst ein, um politische Konflikte und kulturelles Selbstverständnis zu reflektieren und Denkmöglichkeiten zu eröffnen. Dabei fungiert der Roman wesentlich als Gegenwelt zu polarisierenden Tendenzen in den Medien.

Die deutschen Medien rezensieren den Roman überwiegend positiv und loben die differenzierte Darstellung der politischen Konflikte in der Türkei, vor allem aber auch die märchenhafte Liebesgeschichte.

„Pamuk bringt es fertig, Märchen im Reportageton zu erzählen und Zeitungsberichte in Märchen zu verwandeln […] ‚Schnee‘ ist ein groteskes, grausames und infernalisch komisches Buch, eine politische Farce, in der man nie auf der sicheren Seite ist und stets zwischen Lachen und Weinen schwankt.“
(Bruno Preisendörfer, Der Tagesspiegel, 3. März 2005)
„Orhan Pamuk hat diesen Roman wirkungsvoll inszeniert. Schnelle und langsame, romantische und politische Szenen wechseln einander ab. Auf die finstersten Vorgänge wirft er das helle Gegenlicht der Groteske – etwa den immer wieder eintretenden Stromausfall oder die ihrerseits bespitzelten Spitzel oder die extrem aktuelle Provinzzeitung, die vermutlich eintretende Ereignisse vorab als Tatsache meldet und sie dadurch erst herbeischafft. Und ewig fällt der Schnee.“
(Ulrich Greiner, Die Zeit, Literaturbeilage, 11. Mai 2005)

Kritik findet sich vor allem an der Sprache der Übersetzung, aber auch an gelegentlichen Ungenauigkeiten Pamuks.

„Es wimmelt von solchen mal ungenauen, mal pleonastischen Sätzen. Viele Seiten sind äußerst nachlässig geschrieben, erfüllt von einer selbstgefälligen Redundanz. Das ist schade, sollte aber von der Lektüre des Romans nicht abhalten. Er entwirft ein kluges, engagiertes Bild jenes zerrissenen Landes, das vielleicht bald zu Europa gezählt werden muss. Wie weit es davon entfernt ist, wie sehr es erinnert an überwundene (hoffentlich überwundene) Kämpfe der europäischen Vergangenheit, davon erzählt dieses Buch.“
(Ulrich Greiner, Die Zeit, Literaturbeilage vom 11. Mai 2005)

Margaret Atwood hebt in ihrer Rezension für die New York Times die Bedeutung Pamuks für die Türkei hervor, sie sieht seine Rolle zwischen Guru und Rockstar, Diagnostiker und Politexperten, dessen Romane das Publikum verschlinge, als seien sie die Möglichkeit, sich selbst den Puls zu fühlen.

„In Turkey, Pamuk is the equivalent of rock star, guru, diagnostic specialist and political pundit: the Turkish public reads his novels as if taking its own pulse.“
(Margaret Atwood, New York Times Book Rev., 15. August 2004)

Angesichts der Konflikte zwischen politischem Islam und dem Westen wünscht sie Pamuk mehr Leserinteresse in den USA.

Ruth Franklin stellt in der Washington Post Pamuks Roman in eine Reihe mit den großen Erzählungen von Ost und West, von den Märchen aus 1001 Nacht und BoccacciosDecamerone“. Politik in der Literatur, so zitiert sie Stendhal, sei wie ein Schuss mitten in einem Konzert. Eben dies wisse Pamuk, wenn er seine Theaterszene gestalte, in der das Militär plötzlich auf das Publikum schießt. Sie erlebt dies als Schock nach dem hochliterarischen „Rot ist mein Name“, sieht Desorientierung und Verwirrung als Stilprinzipien von Pamuks politischem Roman. Dennoch zeigt sie sich am Ende fasziniert:

„Long after I finished this book, in the blaze of the Washington summer, my thoughts kept returning to Ka and Ipek in the hotel room, looking out at the falling snow.“
(Ruth Franklin, Washington Post, 29. August 2004)

Der Roman wurde 2006 Ein Buch für die Stadt in Köln.

Literatur

  • Kar (2002), ISBN 975-470-961-0;
  • Schnee (2005, dt. von Christoph K. Neumann), ISBN 3-446-20574-8

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