Rudolf Lodgman von Auen

Rudolf Lodgman von Auen

Rudolf Vinzenz Maria Ritter Lodgman von Auen (* 21. Dezember 1877 in Königgrätz, Böhmen; † 11. Dezember 1962 in München) war ein sudetendeutscher Politiker und Mitbegründer der nationalistischen Deutschen Nationalpartei. Nach dem Zweiten Weltkrieg gehörte er zu den Unterzeichnern der Charta der deutschen Heimatvertriebenen, den Verfechtern des Münchner Abkommens von 1938 und wurde schließlich 1952 Vorsitzender des „Verbandes der Landsmannschaften“ (VdL), einer Vorläuferorganisation des Bundes der Vertriebenen (BdV).

Inhaltsverzeichnis

Herkunft

Lodgman soll Nachfahre einer im 16. Jahrhundert aus Spanien nach Böhmen eingewanderten adeligen Familie sein[1]; der Name ist englischer Herkunft[2] und leitet sich von der ursprünglichen Bezeichnung „Lodgman of Owen“ ab.

Im Habsburgerreich

Aufgewachsen in einer aristokratischen Familie in Königgrätz, zog Lodgmans Familie nach dem frühen Tod des Vaters nach Prag. Dort studierte Lodgman nach dem Besuch der Volksschule und des Gymnasiums Jura. Er schloss sich der Prager Universitäts-Sängerschaft "Barden" (heute München) in der Deutschen Sängerschaft an.

Seine berufliche Karriere begann er im Dienst der habsburgischen Monarchie in der böhmischen Verwaltung. Er wurde Kanzleivorstand der Zentralstelle der deutschen Bezirke Böhmens in Aussig und schließlich Obmann des Bezirksrates Aussig. Bereits im Rahmen seiner Tätigkeit als Verwaltungsangestellter nahm Lodgman im Zusammenhang mit den zunehmenden nationalen Spannungen in Böhmen politisch Stellung.

Im Juni 1911 wurde er als Parteiloser in den Reichsrat gewählt. Dort war er Führer der deutschen Abgeordneten aus Böhmen, Mähren und Österreichisch-Schlesien. Ab 1912 war er auch Abgeordneter des Böhmischen Landtages. Er vertrat meist liberale Ansichten und erkannte recht früh, dass der Erhalt des Habsburgerreiches nur über einen weitreichenden nationalen Ausgleich mit den verschiedenen Völkern möglich sein würde, ähnlich wie er 1867 mit Ungarn getroffen wurde.

Zu Beginn des Ersten Weltkrieges meldete sich Lodgman als Kriegsfreiwilliger und diente als Leutnant bis 1917 an der russischen und der italienischen Front. Er forderte 1917 den neuen Kaiser Karl I. auf, Österreich in einen Bundesstaat der Nationalitäten umzuwandeln. Da Karl ähnliche Absichten hatte, soll sich dieser mit dem Gedanken getragen haben, Lodgman zum Ministerpräsidenten zu berufen, konnte sich aber hiermit nicht durchsetzen.

In der Tschechoslowakei

Am 28. Oktober 1918 proklamierte sich die Tschechoslowakische Republik als eigener, von Österreich-Ungarn unabhängiger Staat. Die in den Randgebieten Böhmens und Mährens in überwiegend geschlossenen Siedlungsgebieten lebenden Deutschen versuchten, eigene Verwaltungsstrukturen zu schaffen und diese an das Deutsche Reich oder an Deutsch-Österreich anzugliedern. In diesem Zuge entstanden die Provinzen Deutschböhmen und Sudetenland sowie die Kreise Böhmerwaldgau und Deutschsüdmähren. Am 2. November 1918 wurde Lodgman von den in Wien zusammengekommenen deutschböhmischen Abgeordneten des Reichsrates als Nachfolger des nur wenige Tage amtierenden Raphael Pacher zum Landeshauptmann von Deutschböhmen ernannt.

Dieses Vorhaben der Teilung Böhmens und Mährens wurde von der Mehrzahl der Sudetendeutschen unterstützt, von bewaffneten tschechischen Verbänden um die Jahreswende 1918/19 jedoch gewaltsam unterbunden. Lodgman und seine Regierung flohen im Dezember 1918 aus Reichenberg - dem Sitz der Landesregierung - über Dresden nach Wien; Lodgman nahm von Mai bis September 1919 in der österreichischen Delegation an den Friedensverhandlungen von Saint-Germain teil, konnte aber die Entscheidung der Siegermächte zur Einbeziehung des Sudetenlandes in den tschechoslowakischen Staat nicht verhindern.

Am 24. September 1919 schließlich erkannte Österreich die Abtretung des Sudetenlandes an, so dass Lodgman sein Amt als Landeshauptmann auch offiziell niederlegen musste. Allerdings wurde ihm erlaubt, in die Tschechoslowakei zurückzukehren und sich dort auch politisch zu betätigen.

Am 21. September 1919 wurde in Olmütz die Deutsche Nationalpartei (DNP) gegründet. Von Beginn an war Lodgman ihre wichtigste Führungspersönlichkeit, ab 1922 auch ihr Vorsitzender. Mit dieser Formation trat er am 18. April 1920 bei den ersten Wahlen zum tschechoslowakischen Abgeordnetenhaus an und erreichte 5,3 % der Stimmen (d.h. etwa 23 % der Stimmen im deutschen Siedlungsgebiet) und 11 der 300 zu vergebenden Sitze. Zusammen mit der Deutschen Nationalsozialistischen Arbeiterpartei (DNSAP), die 5 Mandate errang, vertrat er in den Folgejahren den „negativistischen“ Teil der sudetendeutschen Bevölkerung, der den tschechoslowakischen Staat in seiner bestehenden Form ablehnte und eine Lostrennung (oder zuminderst eine weitgehende Autonomie) für den deutsch besiedelten Landesteil forderte. Bereits bei dieser Wahl waren jedoch die „aktivistischen“ Parteien (vor allem die Deutsche Sozialdemokratische Arbeiterpartei/DSAP, die Deutsche Christlichsoziale Volkspartei/DCSVP und der Bund der Landwirte/BdL) - die sich mit der bestehenden politischen Ordnung arrangiert hatten und eine Zusammenarbeit mit der tschechoslowakischen Regierung suchten - in der Mehrheit. Als Abgeordneter tat er sich wiederholt durch antisemitische Anträge hervor, die auf die Entrechtung von Juden abzielten.[3]

Vor den nächsten Parlamentswahlen am 15. November 1925 versuchte Lodgman, alle deutschen Parteien in Böhmen in einem gemeinsamen Verband zusammenzuschließen und diesen „negativistisch“ zu orientieren. Dies misslang ihm, und bei den Wahlen erreichte Lodgman mit der DNP nur noch 3,5 % der Stimmen. Enttäuscht zog er sich aus der aktiven Politik zurück und legte den Vorsitz der DNP nieder. Er blieb jedoch bis 1938 Geschäftsführer des Verbandes der deutschen Selbstverwaltungskörper in der Tschechoslowakei, einer Interessenvertretung der deutschsprachigen Städte und Gemeinden.

In den dreißiger Jahren beobachtete er den Aufstieg der Sudetendeutschen Partei (SdP) unter Konrad Henlein distanziert; zum einen, weil ihm die Politik der SdP zu nachgiebig gegenüber der tschechoslowakischen Regierung erschien, zum anderen wohl auch aus einer persönlichen Antipathie gegenüber Henlein heraus. Lodgman stieß sich vor allem an Henleins Postulat eines „sudetendeutschen Stammes“, ein Gedanke, den er als „Verschweizerung“ betrachtete. In einem ausführlichen Schreiben an Adolf Hitler begründete er seine Differenzen zu Henlein und gab sich als Sympathisant des Nationalsozialismus zu erkennen.[4]

Im Reichsgau Sudetenland

Im Oktober 1938 begrüßte Lodgman den Einmarsch deutscher Truppen ins Sudetenland als Ergebnis des Münchener Abkommens in einem persönlichen Telegramm an Hitler. Kritisch sah er jedoch die weitergehenden Expansionsbestrebungen der Nationalsozialisten, auch weil sie langfristig die Zugehörigkeit des Sudetenlandes zu Deutschland gefährdeten. Ohne politische Funktionen lebte Lodgman bis zum Kriegsende zurückgezogen in Teplitz-Schönau. Während des Krieges versuchte Wenzel Jaksch, der nach London emigrierte Vorsitzende der DSAP, Lodgman zu bewegen, ihm ins Exil zu folgen. Jakschs Ziel war, durch die Schaffung einer sudetendeutschen Exilregierung den bereits erkennbaren Bestrebungen Benešs nach einer Vertreibung der Deutschen für den Fall entgegenzuwirken, dass Deutschland das Sudetenland wieder verlieren werde. Lodgman jedoch lehnte ab.

Nach dem Zusammenbruch des Deutschen Reiches

Im Juni 1945 teilte Lodgman das Schicksal der Mehrheit seiner sudetendeutschen Landsleute und wurde von den Behörden der mit alliierter Hilfe wiedererrichteten Tschechoslowakei nach Deutschland vertrieben. Zunächst ließ er sich in Sachsen – also in der Sowjetischen Besatzungszone – nieder, wo er als Flurwächter arbeitete. Im August 1947 wurde es ihm ermöglicht, nach Freising in Bayern überzusiedeln.

Er suchte Anschluss an die politischen Vertretungen der Vertriebenenverbände und wurde rasch einer ihrer profiliertesten Exponenten auf dem national-konservativen Flügel. So weigerte er sich, die am 30. November 1949 von 17 sudetendeutschen Persönlichkeiten verabschiedete Eichstätter Erklärung zu unterzeichnen, weil sie ihm in ihren Forderungen gegenüber der 1945 neugegründeten Tschechoslowakei zu unkonkret erschien. Am 24. Januar 1950 wurde Lodgman erster Vorsitzender des Bundesverbandes der Sudetendeutschen Landsmannschaft. Hier setzte er die Verabschiedung der gegenüber der Eichstätter Erklärung deutlich schärfer und unversöhnlicher formulierten Detmolder Erklärung durch. 1951 wirkte er an der Gründung der Sudetendeutschen Zeitung mit und war zeitweise ihr Herausgeber.

Erklärtes Ziel von Lodgman in seiner neuen Tätigkeit war es, den Sudetendeutschen die Rückkehr in ihre Heimat zu ermöglichen, wobei er freilich erkannte, dass es eine Lösung nur durch Verständigung der USA und der Sowjetunion geben konnte. Gleichzeitig versuchte er, Kontakte zu exilierten tschechischen Politikern zu knüpfen. So schloss er im August 1950 mit dem in London residierenden Vorsitzenden des Tschechischen Nationalausschusses, General Lev Prchala, das Wiesbadener Abkommen, in dem u.a. die Möglichkeit der Rückkehr der Sudetendeutschen fixiert wurde. Prchala war und blieb jedoch ohne jeden Einfluss auf die Entwicklung in der Tschechoslowakei, so dass das Abkommen letztlich nicht mehr als eine Absichtserklärung darstellte. Auch Lodgmans Eintreten für das Münchener Abkommen, das seiner Meinung nach weiter gültig war, wirkte realitätsfern, zumal es schon im März 1939 im Zuge der Errichtung des Protektorates Böhmen und Mähren durch Hitler gebrochen worden war.

1952 wurde Lodgman Vorsitzender des „Verbandes der Landsmannschaften“ (VdL), einer Dachorganisation der verschiedenen Landsmannschaften und Vorläuferorganisation des Bundes der Vertriebenen (BdV). Die Gründung einer Vertriebenenpartei oder die Anlehnung an den 1950 gegründeten Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten (BHE) lehnte er ab, weil er der Auffassung war, dass das Problem der Vertreibungen eine Sache aller politischen Parteien sein sollte.

Im Jahre 1959 trat Lodgman aus gesundheitlichen Gründen als Bundesvorsitzender der Sudetendeutschen Landsmannschaft und des VdL - der noch im gleichen Jahr im BdV aufging - zurück. 1960 kritisierte er mit judenfeindlichem Unterton die Entführung Adolf Eichmanns durch den israelischen Geheimdienst.[5]

Zitate von Lodgman

  • „Daher ... werden Sie niemanden damit täuschen, wenn Sie erklären, ich sei ein Chauvinist und kein Demokrat.“ (Rede vor dem tschechoslowakischen Abgeordnetenhaus, 1920)
  • „Es wird wenige Beispiele in der Geschichte der Menschheit geben, in der eine sittliche Idee mit so sittlichen Mitteln verfochten worden ist, wie im Siegeszuge des Nationalsozialistischen Gedankens, er ist heute schon für die Massen Religion geworden.“ (Warum ich nicht zu Konrad Henlein fand, April 1938)
  • „Beide Teile (d.h. Tschechischer Nationalausschuss und Arbeitsgemeinschaft zur Wahrung sudetendeutscher Interessen) stehen auf dem Boden der demokratischen Weltanschauung und lehnen jedes totalitäre System ab.“ (Aus dem von Lodgman mitverfassten und mitunterzeichneten Wiesbadener Abkommen, 1950)
  • „Wir Sudetendeutschen hatten 1938 nur die Wahl zwischen Beneš und Hitler.“ (Meine Antwort an die ČSSR, 1961)
  • „Der Ausgangspunkt einer jeden deutschen Politik im Osten sind die tatsächlichen Grenzen Deutschlands, als es 1939 in den Krieg eingetreten war.“[6]

Zitate über Lodgman

  • „Im allgemeinen fällt das geringe Maß an weltpolitischer und sozialpolitischer Schulung auf, über das Herr Dr. Lodgman verfügt.“ – Einschätzung des deutschen Gesandten in Prag, Saenger, in einem Bericht vom 4. November 1919.[7]
  • „Er ist ein später Repräsentant der Tradition des nationalen Liberalismus und Konservatismus, die ihn nach dem Niedergang von 1945, als bald Siebzigjährigen, noch zu einer Neudefinition der Lage und einer behutsamen Politik der Sorge befähigte.“ – Harald Seubert
  • „Dr. Peters und Lodgman predigen einen fanatischen Hass – als ob wir in Böhmen wären – , wo doch in der Slowakei, besonders in Preßburg, zwischen Ungarn, Deutschen und Slowaken niemals allgemeiner Hass, sondern eine harmonische Zusammenarbeit vorhanden war.“ – Kommentar in der „Preßburger Presse“, 12. April 1920
  • „In der Tat, er ist kein Nationalist, schon aus geschichtlichen Gründen... Dabei hatte er für Hitler nichts übrig, der Henlein-Gruppe hielt er sich fern, sein Name erscheint auf keiner Führerliste, und hohe Ämter, die das Dritte Reich ihm bot, lehnte er ab.“ – Volkmar Zühlsdorff in „Die Zeit“ vom 10. Juni 1954

Ehrungen

Einzelnachweise

  1. http://www.bohemistik.de/bskizzen.html
  2. http://www.ideon.cz/jsme/modules.php?name=News&file=article&sid=787
  3. Micha Brumlick: Wer Sturm sät. Die Vertreibung der Deutschen,Berlin 2000, ISBN 3-351-02580-7, S.105
  4. http://www.bohemistik.de/auenhenleinvoll.html
  5. Micha Brumlick: Wer Sturm sät. Die Vertreibung der Deutschen.Berlin 2000, ISBN 3-351-02580-7, S.105
  6. SPIEGEL Special, 1. Juni 2002
  7. Veröffentlichungen des Collegium Carolinum: Deutsche Gesandtschaftsberichte aus Prag, Teil I. Oldenbourg-Verlag 2003, S. 217

Literatur

  • Sudetendeutsches Archiv in München: Rudolf Lodgman von Auen - Ein Leben für Recht und Freiheit und die Selbstbestimmung der Sudetendeutschen, Helmut Preußler Verlag Nürnberg 1984.
  • Ferdinand Seibt: Deutschland und die Tschechen. Geschichte einer Nachbarschaft in der Mitte Europas, Piper-Verlag München 1993.
  • Harald Lönnecker: Von „Ghibellinia geht, Germania kommt!“ bis „Volk will zu Volk!“. Mentalitäten, Strukturen und Organisationen in der Prager deutschen Studentenschaft 1866-1914, in: Sudetendeutsches Archiv München (Hg.), Jahrbuch für sudetendeutsche Museen und Archive 1995-2001, München 2001, S. 34-77.
  • Harald Lönnecker: Von „Deutsch war die Stadt, deutsch ihre schönste Zeit!“ bis „Das Eisen bricht die Not!“. Mentalitäten, Strukturen und Organisationen in der Prager deutschen Studentenschaft 1918-1933, in: Sudetendeutsches Archiv München (Hg.), Jahrbuch für sudetendeutsche Museen und Archive 2002, München 2003, S. 29-80.
  • Harald Lönnecker: „... gilt es, das Jubelfest unserer Alma mater festlich zu begehen ...“ – Die studentische Teilnahme und Überlieferung zu Universitätsjubiläen im 19. und 20. Jahrhundert, in: Jens Blecher, Gerald Wiemers (Hg.), Universitäten und Jubiläen. Vom Nutzen historischer Archive, Leipzig 2004 (= Veröffentlichungen des Universitätsarchivs Leipzig, Bd. 4), S. 129-175.
  • Harald Lönnecker: Von „Deutsch Deine Zeit!“ bis „O gold’nes Prag, – wir haben dir verzieh’n.“ – Mentalitäten, Strukturen und Organisationen in der Prager deutschen Studentenschaft 1933–1945, in: Einst und Jetzt. Jahrbuch des Vereins für corpsstudentische Geschichtsforschung 52 (2007), S. 223–312.
  • Harald Lönnecker: „Ehre, Freiheit, Männersang!“ – Die deutschen akademischen Sänger Ostmitteleuropas im 19. und 20. Jahrhundert, in: Erik Fischer (Hg.), Chorgesang als Medium von Interkulturalität: Formen, Kanäle, Diskurse, Stuttgart 2007 (= Berichte des interkulturellen Forschungsprojektes „Deutsche Musikkultur im östlichen Europa“, Bd. 3), S. 99–148
  • Harald Lönnecker: „... freiwillig nimmer von hier zu weichen ...“ Die Prager deutsche Studentenschaft 1867-1945, Köln 2008 (= Abhandlungen zum Studenten- und Hochschulwesen, Bd. 16)

Weblinks


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