Richard Serra


Richard Serra

Richard Serra (* 2. November 1939 in San Francisco) ist einer der bedeutendsten lebenden US-amerikanischen Bildhauer. Mitte der 1960er Jahre experimentieren Richard Serra und andere amerikanische Künstler mit industriellen Werkstoffen wie Blei und Gummi. Die Materialien werden mit einfachen Eingriffen bearbeitet und in einen Bezug zum Raum gesetzt. Im Laufe der Jahre erweitert Serra seinen räumlichen Ansatz, indem er bis heute mit wetterfestem Stahl arbeitet. Außerdem umfasst das Oeuvre des Künstlers eine Vielzahl von Malereien und Druckgraphiken.

Inhaltsverzeichnis

Leben

„Im Grunde möchte ich Skulpturen machen, die für eine neue Art von Erfahrung stehen, die Möglichkeiten von Skulptur eröffnen, die es so bislang nicht gab.“

Richard Serra [1]

Studienzeit

Serra studierte von 1957 bis 1961 englische Literatur an der University of California, Berkeley und anschließend in Santa Barbara. Er machte seinen Bachelor in Englischer Literatur. Um sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen arbeitete Serra in einem Stahlwerk, wo er erste wertvolle Erfahrungen im Umgang mit dem vielseitigen Werkstoff Stahl sammeln konnte, die für seine spätere Laufbahn prägend wurden. [2]

Von 1961 bis 1964 absolvierte er ein Kunststudium an der Universität Yale in New Haven. Er wurde dort Assistent des deutschen Emigranten, Malers und Kunsttheoretikers Josef Albers. Darauf folgte eine Zusammenarbeit mit Josef Albers an dessen Buch The Interaction of Color. Er erreichte den Abschluss Bachelor of Fine Arts und den Master of Fine Arts.

Als in dieser Zeit der Minimalismus aufkam, gab es noch eine reine Form des Minimalismus; die Künstler arbeiteten überwiegend mit hochwertigen Industrieprodukten, Materialien und Stoffen wie Plastik oder auch rostfreiem Edelstahl. Zum Teil lag der Schwerpunkt auf einer Verfeinerung des Materials. Darauf folgte eine Künstlergeneration mit unter anderen Richard Serra, Robert Smithson, Bruce Nauman und Eva Hesse. Für Serra hatten diese Künstler weniger den Anspruch, dass Kunst Gebrauchsware sein muss, es war eine „Rücksichtslose Erweiterung des Minimalismus“. [3] Die Materialien wurden einfacher, wie Gummi oder Blei. Anstatt eine Formensprache darzustellen, die es schon in der Kunst gab, waren diese Künstler mehr daran interessiert, dass die Form des Materials durch eine Veränderung manipuliert werden konnte. [3]

Frühwerk

Anfang der 1960er Jahre hatte sich Serra bereits mit den für die Kunst neuen Medien Film und Video beschäftigt. Während eines einjährigen Reisestipendiums der Yale Universität in Paris erweiterte er 1964 seine Kenntnisse auf diesem Gebiet. Er begegnete hier dem US-amerikanischen Musiker und Komponisten Philip Glass. Ende der 60er Jahre entdeckte Serra den Werkstoff Metall für sein künstlerisches Schaffen. Er goss 1968 auf eine unkonventionelle Art die Ecken des New Yorker Whitney-Museums mit geschmolzenem Blei aus, um die erhaltenen Formen anschließend im selben Haus auszustellen.

Darauf folgte, dank eines Fulbright-Stipendiums, ein Jahr in Florenz. Im Mai 1966 hatte er seine erste Einzelausstellung Animal Habitats in der Galeria La Salita in Rom. Es folgten Reisen nach Spanien und Nordafrika.

Serra zog nach New York und arbeitete mit Robert Fiore, Steve Reich und Philip Glass, aber auch als Möbelpacker, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. In dieser Zeit machte er Bekanntschaft mit anderen Künstlern wie Eva Hesse, Donald Judd, Robert Smithson and Carl Andre. Er schuf eine Reihe von Werken aus Gummi und Neonröhren, sowie sogenannte Scatter Pieces.

Seit den frühen siebziger Jahren setzt sich Richard Serra intensiv mit den Möglichkeiten der Druckgrafik auseinander; neben den Skulpturen sind sie wesentlicher Bestandteil seines Werkes.

1968 entstand seine Serie Hands, später arbeitete er mit Nancy Holt in Boomerang (1974) und mit seiner Partnerin dieser Zeit, Joan Jonas an Paul Revere (1971), bei deren Performances er häufig mitwirkte. 1968 hatte Serra eine Einzelausstellung in der Rolf-Ricke-Gallery in Köln. Ende der 1960er versuchte er sich mit den künstlerischen Formen des Films zu perfektionieren. Er suchte eine Analogie zwischen den Schnitten in seinen Skulpturen und dem Schnitt im Film. In diese Zeit begann auch die Zusammenarbeit mit Leo Castelli.

Oftmals besuchte er die Anthology Film Archives in New York und setzte sich intensiv mit den künstlerischen Formen des historischen sowie des aktuellen Films auseinander. Begeistert war er u. a. auch von Andy Warhols Chelsea Girls, das ihm den Weg zum Filmemacher erleichterte, und von Bruce Connors, Ron Rice’ und Jack Smiths Filmen unprätentiöser Art.

In seinem Frühwerk arbeitete Richard Serra überwiegend mit Materialien wie Blei und Gummi. Bedeutend ist seine Werkgruppe der Splashings oder Castings, in der er durch das Schleudern flüssigen Bleis in einen Winkel zwischen Wand und Boden Formen erstellte.

Nach einem Aufenthalt in Japan 1970 setzte er sich intensiv mit der Geometrie der Plätze und der Anlage als Ganzes auseinander. In Tokyo entstand das Werk To Encircle Base Plate Hexagram, darauf folgte 1972 die Spoleto-Circles, ein liegendes Stahlkreis-Objekt und ein in den Boden eingelassener Kreisplan.

Spätwerk

Serras erste begehbaren Großplastiken im öffentlichen Raum, in denen die Wahrnehmung der Kunst von unmittelbaren, körperlichen sowie auch physischen Erfahrungen begleitet wird, entstanden Anfang der 1970er Jahre.

Mit Clara Weyergraf, die er 1981 heiratete, drehte Serra den Film Steelmill/Stahlwerk in der Henrichshütte in Hattingen.

Serras Terminal in Bochum, 1977

1977 konzipierte er für die Documenta VI in Kassel das Werk Terminal, vier trapezförmige Platten aus wetterfestem Stahl (COR-TEN-Stahl). Während dieser Ausstellung war das Werk vor dem Fridericianum, dem zentralen Ausstellungsgebäude, aufgestellt und wurde somit zum „Wahrzeichen“ dieser Documenta.

Nach langen Verhandlungen und begleitet von heftigen Protesten wurde Terminal [4] von der Stadt Bochum 1979 erworben und schließlich an dem von Richard Serra favorisierten Standort, einer Verkehrsinsel am Bochumer Hauptbahnhof, installiert. Die CDU machte im Landtagswahlkampf eine Kampagne gegen die Aufstellung in Bochum. Der damalige Kandidat Kurt Biedenkopf hielt direkt vor der Plastik eine Rede, in der er deren Abriss ankündigte. [5]

Im selben Jahr erhielt Serra im Rahmen des „Art in Architecture Program“ [6] der U.S. General Services Administration den Auftrag für eine ortsspezifische Skulptur auf dem „Federal Plaza“ in New York. Das Werk Tilted Arc, eine 37 Meter lange und 3 Meter hohe etwas geneigte Stahlwand, die sowohl die Sicht und Überquerung des Platzes teilweise blockiert bzw. verhindert, sodass sich vorbeilaufende Menschen damit formal und optisch auseinandersetzen müssen, wurde 1981 fertiggestellt. Insbesondere durch die anwohnende Bevölkerung wurden kontroverse Diskussionen bis hin zu Protestaktionen ausgelöst, was 1989 dazu führte, dass die große Stahlskulptur wieder entfernt werden musste. [7]

1993 nahm Serra mit einem Objekt in der Synagoge Stommeln an der jährlich wechselnden Gestaltung der ehemaligen Synagoge teil.

Im Jahr 2005 entstand die raumgreifende begehbare Installation The Matter of Time aus acht gigantischen und tonnenschweren Stahlskulpturen für das Guggenheim Museum Bilbao, bestehend aus begehbaren Spiralen, Ellipsen und Schlangenformen. Das Werk ist einer der größten bildhauerischen Aufträge und wohl auch teuerstes, die bislang in der Geschichte der Moderne für einen konkreten Raum entwickelt wurden. [8]

Seine bislang letzte Arbeit sind die Blade Runners, rostige Pracht einer Stahlquadriga in Miami Beach. [9]

Auszeichnungen

Werk (Auswahl)

Seine ersten Werke waren vom abstrakten Expressionismus inspiriert. Bekanntheit erlangte Richard Serra durch Konstruktionen aus großen Stahlzylindern und Stahlblöcken. In sich ruhend betonen sie das Gewicht und die Eigenart des Werkstoffs Stahl, dessen Oberfläche unbehandelt der Korrosion ausgesetzt ist.

Die monumentalen großen Skulpturen, oft auf ihre Standorte zugeschnitten, ruhen in sich und betonen das Gewicht, vereinen Schwere und Leichtigkeit zugleich. Die Wahrnehmung der Skulpturen ist abhängig vom Standpunkt des Betrachters und verändert sich durch Ein- und Ausschnitte bei jedem Schritt. Die Aufstellungsorte für seine Werke wählt er nach dem dialektischen Prinzip „Versperren und Öffnen zugleich“ aus, eine notwendige Vorbedingung, um dem Betrachter „neue Wege des Sehens“ nahezubringen.

Neben dem Spiel mit wechselnden Perspektiven und deren Wahrnehmung variiert Serra die Themen Schwerkraft und Gleichgewicht als physikalische Problematik von Körper und Raum. Er geht der Frage nach, wie Körper sich als Körper zu dem sie umgebenden und durch sie selbst gebildeten Raum verhalten. Begriffe wie Innen und Außen, gefüllter oder leerer Raum werden hinterfragt. Serra lehnt inhaltliche Aspekte, Sinnzuschreibungen an das Material ab. [10] Er gilt, neben vielen anderen mehr oder weniger sinnvollen Zuschreibungen, auch als Vertreter der prozesshaften Kunst. Mit kunstgeschichtlichen Kategoriebegriffen ist seine Arbeit aber eigentlich nicht zu fassen.

Richard Serra war Teilnehmer der Documenta 5 in Kassel im Jahr 1972 in der Abteilung Individuelle Mythologien und auch auf der Documenta 6 (1977), der Documenta 7 (1982) und der Documenta 8 im Jahr 1987 als Künstler vertreten.

Terminal in Bochum

Serras Skulptur war ein Wahrzeichen der documenta in Kassel und wurde 1977 von der Stadt Bochum für 350.000 DM gekauft und 1979 an einer Kreuzung vor dem Hauptbahnhof Bochum aufgestellt.

Viewpoint in Dillingen

Richard Serra Skulptur „Viewpoint“ in Dillingen/Saar

Seit 1986 verwendet Serra für seine Stahlskulpturen überwiegend Grobbleche der AG der Dillinger Hüttenwerke, die teilweise auch in Dillingen zu Skulpturen geformt werden. So war es naheliegend, in Dillingen „einen Serra“ aufzustellen. Als Standort wählte man den Verkehrskreisel am Torhaus der Dillinger Hütte in Richtung Saarlouis, wodurch die Verbundenheit von Stadt und Hütte symbolisiert werden soll. Viewpoint, eine Stahlskulptur von 13 Metern Breite, 9 Metern Höhe und 104 Tonnen Gesamtgewicht, wurde am 25. März 2006 der Öffentlichkeit übergeben. Sie besteht aus sechs gebogenen Stahlplatten, wovon jeweils drei Platten aneinandergefügt wurden. Von oben betrachtet bilden die Stahlplatten zwei sich mit etwas Abstand gegenüberstehende Kreisbögen (ähnlich einer öffnenden und einer schließenden Klammer: () ) mit begehbarem Innenraum. Seit diesem Tag spricht man von einer Kunstachse Luxemburg - Dillingen - Saarbrücken.

Bramme für das Ruhrgebiet in Essen

Bramme für das Ruhrgebiet, 1998

1998 entstand mit der Bramme für das Ruhrgebiet auf der Halde Schurenbach in Essen eine weitere bekannte Arbeit Serras. Die Bramme ist als Landmarke auf der Spitze einer Bergehalde von weither sichtbar. Sie besteht aus einer 14,5 m hohen, 67 Tonnen schweren Stahlplatte, die sowohl an die Tradition der Stahlproduktion im Ruhrgebiet, als auch an die Zwangsarbeiter, die während des Dritten Reiches die Schurenbachhalde auftürmten, erinnern soll. Die Bramme für das Ruhrgebiet erfreut sich als Ausflugsziel großer Beliebtheit und wird zu den Wahrzeichen des Ruhrgebietes gezählt.

Torque in Saarbrücken

Die Skulptur Torque wurde 1992 auf dem Campus der Universität des Saarlandes in Saarbrücken errichtet.

Promenade in Paris

Vom 7. Mai bis 15. Juni 2008 zeigte Richard Serra im Grand Palais in Paris, im Zuge der Monumenta 2008, seine eigens hierfür gefertigte Installation Promenade. „Eine radikale Skulpturenlandschaft aus Stahl, minimalistisch und doch voller Bewegung.“ Serra ist nach Anselm Kiefer der zweite Künstler, der eingeladen wurde die 13.500 m2 Fläche des Grand Palais mit einer Gruppe neuer Arbeiten zu füllen.

Bilder

Ausstellungen (Auswahl)

Literatur

  • Richard Serra: The Matter of Time. Steidl, Göttingen 2006, ISBN 3-86521-137-2.
  • Silke von Berswordt-Wallrabe: Richard Serra: Druckgraphik 1972–2007, Richter, Düsseldorf, ISBN 978-3-937572-85-7.
  • Kunibert Bering: Richard Serra. Skulptur, Zeichnung, Film. Reimer, 1998, ISBN 3-496-01188-2.
  • Barbara Oettl: Schwere Kunst nach Mass. Betrachterfunktionen bei ausgewählten Blei- und Stahlskulpturen im Werk von Richard Serra. LIT Verlag Dr. Wilhelm Hopf, 2000, ISBN 3-8258-5027-7.
  • Klaus-Werner Richter: Richard Serra, Props. Wilhelm Lehmbruck Museum, Duisburg 1994. ISBN 3-89279-999-7.
  • Eckhard Schneider (Hrsg.): Drawings – Work Comes Out of Work. Mit Beiträgen von James Lawrence und Richard Shiff. Gestaltung: Peter Dorén. Dorén und Köster, Berlin 2008.

Weblinks

 Commons: Richard Serra – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Beispiele und Rezeption
Video
Foto
Interview
Biografie
Weiterführende Informationen
Galerie mit Arbeiten von Richard Serra

Quellen

  1. m-Bochum Kunstvermittlung [1]
  2. Biography Richard Serra der Guggenheim Collection [2]
  3. a b Maria Anna Tappeiner: Richard Serra - Sehen ist Denken. Westdeutscher Rundfunk (WDR), 2005 [3]
  4. m-Bochum - Kunstvermittlung, Photographien und Werkbeschreibung [4]
  5. taz vom 3. Juli 2001, S. 16, 141 Z. (TAZ-Bericht), Manfred Schneckenburger [5]
  6. GSA, Art in Architecture Program [6]
  7. pbs.org, Richard Serra's Tilted Arc 1981 [7]
  8. 3sat.de, Kulturzeit, Maria Tappeiner, Stahlkolosse in Bilbao - Richard Serras begehbare Installation aus monumentalen Skulpturen 8. Juni 2005 [8]
  9. arte.tv.de, Vom Blech zur Skulptur - Leichter Stahl vom Bildhauer Richard Serra, 2009, Regie Martina Müller [9]
  10. Dissertation von Elisabeth Kenter, Hamburg 1998, Das Schöne ist nichts als des Schrecklichen Anfang. [10]

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