Phrasem


Phrasem

Unter einem Phraseologismus (latinisierte Form des griechischen Wortes φρασεολογισμός, fraseologismós, von altgriechisch phrazein – anzeigen, vortragen und griechisch-neulateinisch logismós/logismus – die Wortbildung) versteht die Sprachwissenschaft eine zu einer festen Form verwachsene Folge lexikalischer Einheiten (Komponenten). Die Bedeutung eines solchen sprachlichen Fertigbausteins geht meist über die rein wörtliche Bedeutung ihrer Bestandteile hinaus. Die Termini Phrasem, phraseologische Wortverbindung und z. T. auch Idiom werden meist synonym zum Terminus Phraseologismus benutzt. Der Gegenbegriff lautet freie Wortverbindung.

Inhaltsverzeichnis

Merkmale

Die drei Hauptkriterien, die zur Beschreibung von Phraseologismen verwendet werden, sind Polylexikalität, Festigkeit (Stabilität) und Idiomatizität. Weitere nennenswerte Eigenschaften eines Phraseologismus sind Bildlichkeit, Bildhaftigkeit, Lexikalisierung, Vagheit und Expressivität.

Polylexikalität

Ein Phraseologismus muss aus mindestens zwei lexikalischen Einheiten bestehen. Eine Maximalgröße existiert nicht (Gehen sie in ihrer Struktur allerdings über Satzlänge hinaus, gehören sie nicht mehr zum phraseologischen Bestand). In der Forschung ist man sich uneinig darüber, ob Phraseologismen Autosemantika (bedeutungstragende Wörter) beinhalten müssen, oder ob eine minimale feste Wortverbindung auch aus zwei Synsemantika (bedeutungslose oder -schwache Wörter) bestehen kann.

Festigkeit

Die Festigkeit (oder Stabilität) kommt als formale, lexikalische und semantische Festigkeit vor.

  • Unter formaler Festigkeit versteht man die Eigenschaft eines Phraseologismus, syntaktisch nicht umstellbar zu sein (z. B. „Hab und Gut“ versus „Gut und Hab“)
  • Durch die lexikalische Festigkeit werden die einzelnen Komponenten als nicht austauschbar markiert (z. B. „wie Katz und Maus“ versus „wie Katz und Ratte“)
  • Die semantische Festigkeit besagt, dass der phraseologische Ausdruck als ganzer die Bedeutung trägt, im Gegensatz zur freien Bedeutung, wo die einzelnen Komponenten Bedeutungsträger sind.

Zusätzlich lassen sich weitere Arten der Festigkeit ausmachen, welche die genannten erweitern:

Die Festigkeit ist ein relatives Kriterium, d. h. dass Phraseologismen in unterschiedlichem Maß modifiziert werden können. Dies geschieht vor allem in der mündlichen Alltagssprache, in Medientexten (z. B. in der Werbesprache) und in literarischen Texten (einschließlich Liedtexten).

Idiomatizität

Unter der Idiomatizität versteht man die semantische Umdeutung einzelner Komponenten oder des ganzen Phraseologismus. Die einzelnen Komponenten geben ihre freie Bedeutung zugunsten einer neuen Bedeutung auf. Die Idiomatizität ist ebenfalls ein relatives Merkmal, denn sie ist einerseits abhängig von Kontext und Vorwissen (vor allem wenn unikale Komponenten auftreten, also Wörter, die in der heutigen Sprache keine freie Bedeutung mehr haben (z. B. „Maulaffen feilhalten“, „jemanden ins Bockshorn jagen“), andererseits ist sie graduell stufbar. So existieren

  • Voll-Idiome (Ausdruck als ganzer ist umgedeutet, z. B. „jemandem reinen Wein einschenken“)
  • Teil-Idiome (Nur einzelne Komponenten sind umgedeutet, andere bleiben in ihrer wörtlichen Bedeutung, z. B. „blinder Passagier“)
  • Nicht-Idiome oder Kollokationen (Die Komponenten werden nicht umgedeutet, z. B. „Zähne putzen“)

Basisklassifikationen von Phraseologismen

Phraseologismen können nach Burger anhand ihrer Zeichenfunktion, die sie in der Kommunikation haben in Basisklassifikationen eingeteilt werden. [1]

Referentielle Phraseologismen

Referentielle Phraseologismen beziehen sich auf Objekte, Vorgänge und Sachverhalte der Wirklichkeit. Wenn sie diese Objekte, Vorgänge oder Sachverhalte bezeichnen (semantisches Kriterium) und satzgliedwertig (syntaktisches Kriterium) sind, können Phraseologismen als ‚nominative Phraseologisemen‘ subklassifiziert werden. Beispiele hierfür wären Schwarzes Gold (bezeichnet das Objekt Kohle), jemanden übers Ohr hauen (bezeichnet den Vorgang des Betrugs). Nach dem graduell abgestuften Merkmal der Idiomatizität (Erklärbarkeit der Bedeutung ohne historisches Wissen) lassen sich wiederum drei Untergruppen der nominativen Phraseologismen einteilen, nämlich die nicht idiomatischen Kollokationen (Redewendungen, die ohne historisches Wissen erklärbar sind), die Teilidiome und die (vollidiomatischen) Idiome, also Redewendungen, die ohne historisches Wissen nicht mehr erklärbar sind (z. B. jemandem einen Bärendienst erweisen).

Wenn referentielle Phraseologismen Aussagen über Objekte, Vorgänge und Sachverhalte machen (semantisches Kriterium) und satzwertig (syntaktisches Kriterium) sind, können sie als ‚propositionale Phraseologismen‘ subklassifiziert werden. Sind diese in einen Kontext eingebettet und nur durch diesen verständlich, bezeichnet man sie als ‚feste Phrasen‘ (z. B. die Redensart Alles für die Katz!). Gibt es keinen Anschluss an einen Kontext, so bezeichnet man sie als topische Formeln. Dies sind beispielsweise Sprichwörter oder Gemeinplätze.

Die bessere Unterscheidung von Redensart und Redewendung soll die folgende Tabelle ermöglichen:

Redensart Redewendung
Definition geläufige, feststehende sprachliche Wendung
bildhafter Ausdruck, der in einen Satz eingebettet werden muss
abwandelbare, nicht feststehende sprachliche Wendung
bildhafter Ausdruck, bei dem Wörter eine feste Verbindung eingegangen sind
Besonderheit unveränderlich
keine Sätze, sondern prädikative Wortgruppen
in Sammlungen stets in Infinitivform
kann nicht alleine stehen
nicht mehr als zwei bis drei Satzglieder
variabel
phraseologische Einheit
feste Reihenfolge
sowohl ursprüngliche als auch übertragene Bedeutung: „den Kopf schütteln“ = verneinen + sich wundern
Beispiele „Wie geht’s, wie steht’s?“
„Schwein haben“
„etwas ausgefressen haben“
„Ich mache mir nichts draus.“
„Mach dir nichts draus!“
„Mir fehlen die Worte.“

Strukturelle Phraseologismen

Strukturelle Phraseologismen sind Funktionswörter, die innerhalb einer Sprache grammatische Relationen herstellen. Beispiele sind entweder … oder, in Bezug auf oder nicht nur … sondern auch.

Kommunikative Phraseologismen

Kommunikative Phraseologismen sind feste Fügungen, die in sich wiederholenden Handlungen (Routinen) meist unbewusst verwendet werden.

Beispiele für situationsgebundene Routineformeln:

Beispiele für nicht situationsgebundene Routineformeln:

Spezielle Klassen

  • Geflügeltes Wort, z. B. Die Sprache ist das Haus des Seins (Martin Heidegger)
  • Zwillingsformeln, z. B. Hab und Gut
  • Phrasenschablone (Modellbildung), z. B. Es ist zum … (verrückt werden, aus der Haut fahren, Mäusemelken)
  • Somatismus, (Phraseologismus mit Bezeichnung von Körperteilen, -organen, -flüssigkeiten), z. B. ''„jdm. unter die Arme greifen“, „das Herz auf der Zunge tragen“

Verwandte Themen

  • Sprichwort Je größer die Liebe um so weniger die Sprache
  • Zitate Wer fremde Sprachen nicht kennt, weiß nichts von seiner eigenen. (Goethe)
  • Sentenzen Die Axt im Haus erspart den Zimmermann (Schiller)

Literatur

  • Donalies, Elke: Basiswissen Deutsche Phraseologie. Tübingen/ Basel: Francke (= UTB 3193), 2009.
  • Balsliemke, Petra: Was noch auf eine Kuhhaut geht. In: Der Deutschunterricht 5(2005)25 S. 4–14.
  • Blanco, Carmen Mellado (Hrsg.): Beiträge zur Phraseologie aus textueller Sicht. Hamburg: Dr. Kovac 2008. ISBN 978-3-8300-2599-3. Link zum Buch
  • Burger, Harald / Dobrovol`skij, Dmitrij / Kühn, Peter / Norrick, Neal (Hg.): Phraseologie - Phraseology. Ein internationales Handbuch der zeitgenössischen Forschung. Berlin, New York: De Gruyter 2007. ISBN 3-11-019076-1
  • Burger, Harald / Buhofer, Annelies / Sialm, Ambros (Hg.): Handbuch der Phraseologie. Berlin, New York: De Gruyter 1982. ISBN 3-11-008002-8
  • Burger, Harald: Phraseologie. Eine Einführung am Beispiel des Deutschen. 3. Aufl. Berlin: Erich Schmidt 2007 (= Grundlagen der Germanistik Bd. 36). ISBN 3-503-09812-7
  • Fleischer, Wolfgang: Phraseologie der deutschen Gegenwartssprache. 2. Aufl. Tübingen: Niemeyer 1997. ISBN 3-484-73032-3
  • Földes, Csaba: Deutsche Phraseologie kontrastiv: Intra- und interlinguale Zugänge. Heidelberg: Julius Groos Verlag 1996 (= Deutsch im Kontrast; Bd. 15). ISBN 3-87276-759-3
  • Palm, Christine: Phraseologie. Eine Einführung. 2. Aufl. Tübingen: Gunter Narr 1997 (= Narr Studienbücher). ISBN 3-8233-4953-8
  • Pilz, Klaus Dieter: Phraseologie. Stuttgart: Metzler 1981 (= Sammlung Metzler Bd. 198). ISBN 3-476-10198-3
  • Spalding, Keith: Bunte Bilderwelt. Phraseologische Streifzüge durch die deutsche Sprache. Tübingen: Gunter Narr 1996. ISBN 3-8233-5161-3

Einzelnachweise

  1. Basisklassifikation von Phraseologismen nach Burger (mit Beispielen aus Spielfilm und Filmplakaten)

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