Peter V. Zima

Peter V. Zima

Peter V. Zima (* 1946 in Prag) ist ein österreichischer Literaturwissenschaftler.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Zima ist ordentlicher Professor für Vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Klagenfurt in Österreich und seit 1998 korrespondierendes Mitglied der philosophisch-historischen Klasse der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und seit 2010 Mitglied der Academia Europaea in London.

Werk

Zima ist seinem Selbstverständnis nach Soziosemiotiker bzw. Textsoziologe. Als solcher ist er einem breiteren akademisch lehrenden und forschenden Fachpublikum über den deutschsprachigen Raum hinaus bekannt als Verfasser von Büchern und Aufsätzen über Ästhetik, Komparatistik, Dekonstruktion, die Ideologieproblematik, die Theorie des Subjekts.

In seinem Buch „Literarische Ästhetik“ (1991, 1995) hat er die ästhetischen Grundlagen der wichtigsten literaturwissenschaftlichen Theorien rekonstruiert und dabei die Literaturwissenschaft im philosophisch-ästhetischen Koordinatensystem zwischen Kant, Hegel und Nietzsche neu bestimmt. Dem ästhetischen Bereich gehört auch seine Studie zu Mallarmé, Valéry, Adorno und Lyotard an: „Ästhetische Negation“ (2005). In diesem Buch wird gezeigt, wie sich das individuelle Subjekt mit sprachlichen und ästhetischen Mitteln gegen seinen Niedergang zwischen Spätmoderne und Postmoderne zur Wehr setzt. Die Studie rekonstruiert zugleich den französischen Kontext der Kritischen Theorie Adornos, deren Sprachkritik und deren negative Ästhetik von Mallarmé und Valéry zum Teil vorweggenommen werden.

Zima hat sich ausführlich mit der Entwicklung der Romangattung im gesellschaftlichen Kontext befasst. Davon zeugen die folgenden Buchpublikationen: „L’Ambivalence romanesque“ (1980, 2002), „L’Indifférence romanesque“ (1982, 2005), „Roman und Ideologie“ (1986, 1999) sowie „Der europäische Künstlerroman“ (2008). In diesen Werken geht es u.a. darum zu zeigen, dass der moderne Roman (des 17. oder 18. Jhds.) von der Ambiguität der Werte, Handlungen und Charaktere strukturiert wird, während der Roman der Spätmoderne (des Modernismus) von einer nietzscheanischen Ambivalenz geprägt ist, die als Unentscheidbarkeit die Romanhandlung (bei Musil, Kafka, Proust, Svevo, Th. Mann) und den Roman als Erzählstruktur in Frage stellt. Sie macht sich auch in den psychoanalytischen Diskursen des frühen 20. Jahrhunderts bemerkbar, von denen einige in die Romanliteratur eingehen.

In der Postmoderne geht die Ambivalenz allmählich in eine Indifferenz über, die nicht Gleichgültigkeit meint, sondern „Austauschbarkeit von Wertsetzungen“. Diese Entwicklung von der Ambiguität zur Ambivalenz und von dieser zur Indifferenz wird in Zimas Buch „Moderne / Postmoderne“ (1997, 2001) in einem soziologischen, philosophischen und literarischen Kontext ausführlich dargestellt. Als Proponent einer „dialogischen Theorie“, die an das Werk Bachtins und an die Kritische Theorie Adornos anknüpft, hat er in „Ideologie und Theorie“ (1989) sowie in „Was ist Theorie?“ (2004) und zahlreichen anderen Publikationen versucht, den theoretischen gegen den ideologischen Diskurs abzugrenzen und zu zeigen, dass die Ideologie ein dualistisch strukturierter Monolog ist, der sich mit der Wirklichkeit (ihren Objekten) identifiziert, während die Merkmale der Theorie Nichtidentität, Ambivalenz und dialogische Offenheit sind. Dabei unterscheidet er einen allgemeinen und einen kritisch-restriktiven Ideologiebegriff: Jede kultur- und sozialwissenschaftliche Theorie ist im Prinzip zugleich Ideologie, weil sie als Gruppensprache oder Soziolekt besondere, gruppenspezifische Interessen artikuliert; zu einer Ideologie wird sie erst dadurch, dass sie ihre Objekte nicht als mögliche Konstruktionen wahrnimmt, sondern sich mit ihnen und der Wirklichkeit schlechthin identifiziert (zumeist implizit). Dadurch wird sie zu einem monologischen Diskurs, der implizit oder explizit konkurrierenden Diskursen verbietet, diese Objekte anders zu benennen und zu konstruieren.

Im Anschluss an diese „dialogische Theorie“ hat Zima in der „Theorie des Subjekts“ (2000, 2007, 2010) eine dialogische Theorie der Subjektivität vorgeschlagen, die das Subjekt als eine sich wandelnde und zugleich gleichbleibende Instanz auffasst, die sich nur in einem permanenten Dialog mit den anderen und dem Anderen entfalten kann. Seine psychoanalytische und soziologische Studie „Narzissmus und Ichdeal“ (2009) schließt an diese Argumentation an und konkretisiert sie. Zima hat Bücher in vier Sprachen veröffentlicht: auf Deutsch, Englisch, Französisch und Niederländisch. Sie sind in insgesamt 8 Sprachen übersetzt worden: ins Arabische, Chinesische, Englische, Italienische, Koreanische, Spanische, Türkische und Tschechische.

1999 war die achte Diskussionseinheit von Heft 4 des Streitforums für Erwägungskultur „Ethik und Sozialwissenschaften“ der Diskussion von Zimas „Dialogischer Theorie“ gewidmet. „Metakommentare“ Zimas zu dieser Diskussion finden sich u. a. in seinem Buch „Theorie des Subjekts“, das er auch als „Entwurf einer kritisch-dialogischen Subjektivität“ versteht.

Veröffentlichungen

• Modern/ Postmodern.Society, Philosophy, Literature, London – New York, 2010
• Der europäische Künstlerroman. Von der romantischen Utopie zur postmodernen Parodie. Tübingen: Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG, 2008
• mit Rainer Winter: Kritische Theorie heute. Bielefeld: transcript, 2007
• Ästhetische Negation. Das Subjekt, das Schöne und das Erhabene von Mallarmé und Valéry zu Adorno und Lyotard. Würzburg: Königshausen & Neumann 2005
• L' Ecole de Francfort. Dialectique de la particularité. Paris: L' Harmattan 2005
• Was ist Theorie? Tübingen [u. a.]: Francke 2004 (ISBN 3-825-22589-5; für 2007 in englischer Übersetzung angekündigt)
• Théorie critique du discours. La discursivité entre Adorno et le postmodernisme. Paris: L' Harmattan 2003
• La négation esthétique. Paris: L' Harmattan 2002
• Das literarische Subjekt. Zwischen Spätmoderne und Postmoderne. Tübingen [u. a.]: Francke 2001
• Theorie des Subjekts. Subjektivität und Identität zwischen Moderne und Postmoderne. Tübingen [u. a.]: Francke 2000, 2. Aufl. 2007
• The Philosophy of Modern Literary Theory. London-New Brunswick: The Athlone Press 1999 (= Engl. Übersetzung von „Literarische Ästhetik“, 1991/1995)
• Literarische Ästhetik. Methoden und Modelle der Literaturwissenschaft. Tübingen [u. a.]: Francke 1995 (2.überarb. Aufl. ISBN 3-7720-1765-7, 1. Aufl. 1991)
• Die Dekonstruktion. Einführung und Kritik. Tübingen [u. a.]: Francke 1994 (ISBN 3-8252-1805-8)
• Komparatistik. Einführung in die Vergleichende Literaturwissenschaft. Tübingen: Francke 1992, 2011 (ISBN 3-8252-1705-1)
• Ideologie und Theorie. Eine Diskurskritik. Tübingen [u. a.]: Francke 1989 (ISBN 3-7720-1850-5 u. ISBN 3-7720-1823-8)

Weblinks

Quellen


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