Ostung


Ostung

Unter Ostung versteht man die Ausrichtung eines Kirchengebäudes nach Osten. Verwandt ist auch der Begriff Orientierung (ursprünglich ‚Ostausrichtung‘, von lat. oriens ‚Osten‘, ‚Morgen‘, dies Partizip Präsens von oririaufgehen, sich erheben‘; eigentlich sol oriens, ‚aufgehende Sonne‘). Dies hat vor allem bei frühchristlichen und mittelalterlichen Kirchen (siehe Romanik, Gotik) Bedeutung.

Große mittelalterliche Kirchen haben oft die Form eines Kreuzes mit einer Längs- und einer (oder seltener mehreren) Querachsen. Da der Sonnenaufgang als Symbol der Auferstehung galt, wurden die Längsachsen der Kirchen danach ausgerichtet. Der Chor mit dem Altar ist also in der Regel im Osten, der Haupteingang entweder im Westen oder im Norden bzw. Süden. In den frühchristlichen Basiliken in Rom hingegen liegt die Frontseite der Kirche im Osten und die Apsis im Westen. Da die Sonne nicht jeden Tag an der gleichen Stelle aufgeht, sind einige Kirchen auf den Aufgangspunkt eines bestimmten Tages hin geostet. Beim Stephansdom in Wien etwa ist es der 26. Dezember 1137 (der Tag des Patroziniumsheiligen im Jahr des Baubeginns).

Neben der Ausrichtung am Sonnenaufgang - und damit an der symbolischen Auferstehung - war in süd- und westeuropäischen Kirchen die von hier östlich gelegene Ausrichtung zum Himmlischen Jerusalem bzw. dem Ort des Paradieses üblich.

Bereits im Mittelalter spielten jedoch auch städtebauliche Gesichtspunkte eine Rolle, wodurch es zu Modifikationen dieses Schemas kommen konnte (z. B. wenn das Kirchengebäude in eine Wehranlage integriert war). In der Renaissance und vor allem im Barock kam dann die Tendenz auf, Kirchen als Zentralbauten zu errichten, wo keine Himmelsrichtung bevorzugt ist und die Ostung ihre Bedeutung verlor.

Der jüdische Tempel in Jerusalem war wie andere altorientalische Tempel umgekehrt ausgerichtet: Der Haupteingang lag im Osten, das Allerheiligste im Westen.

Eine Ostung ist auch bei der Bestattung üblich: Bei Erdbestattungen werden auf vielen Friedhöfen die Verstorbenen so beigesetzt, dass ihre Gesichter in die Himmelsrichtung Osten blicken. Dort im Osten erwarten die Verstorbenen nach christlicher Auffassung am Jüngsten Tag die Wiederkunft, das zweite Kommen Jesu Christi.

Siehe auch

Literatur

  • Jae-Lyong Ahn: Altar und Liturgieraum im römisch-katholischen Kirchenbau. Eine bauhistorische Betrachtung unter besonderer Berücksichtigung der Veränderung des Standorts des Altars nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil. Diss. Aachen 2004.
  • Ralf van Bühren: Kunst und Kirche im 20. Jahrhundert. Die Rezeption des Zweiten Vatikanischen Konzils (Konziliengeschichte, Reihe B: Untersuchungen). Schöningh, Paderborn 2008, ISBN 978-3-506-76388-4.
  • Franz Joseph Dölger: Sol salutis. Gebet und Gesang im christlichen Altertum; mit besonderer Rücksicht auf die Ostung in Gebet und Liturgie. 3. Auflage. Aschendorff, Münster 1972, ISBN 3-402-03387-0 (formal falsche ISBN).
  • Rudolf Eckstein: Die Ostung unserer mittelalterlichen Kirchen bis zur Reformation Luthers. EOS, St. Ottilien 1990, ISBN 3-88096-691-5.
  • Kaus Gamber: Zum Herrn hin! Fragen um Kirchenbau und Gebet nach Osten. Pustet, Regensburg 1987, ISBN 3-7917-1144-X.
  • Stefan Heid: Gebetshaltung und Ostung in frühchristlicher Zeit. In: Rivista di Archeologia Cristiana 82 (2006 [2008]) S. 347–404 (online; PDF; 3,04 MB)
  • Edmund Weigand: Die Ostung in der frühchristlichen Architektur. Neue Tatsachen zu einer alten Problemfrage. In: Fest-Schrift Sebastian Merkle zu seinem 60. Geburtstage. Schwann, Düsseldorf 1922, S. 370–385.

Weblinks

Wiktionary Wiktionary: Ostung – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

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  • Ostung — Ọs|tung, die; <zu osten> …   Die deutsche Rechtschreibung

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