Notre-Dame d'Amiens


Notre-Dame d'Amiens
Kathedrale von Amiens
ursprünglicher Grundriss der Kathedrale ohne die später angefügten Kapellen zu beiden Seiten des Langhauses

Die Kathedrale Notre Dame d'Amiens ist ein Bauwerk in Amiens in Frankreich. Sie besitzt das (abgesehen von der niemals vollendeten Kathedrale von Beauvais) höchste Mittelschiffgewölbe aller französischen Kathedralen (42,30 m), berühmte Bauplastik und eine beeindruckende Westfassade. Anders als bei fast allen anderen Kirchen des Mittelalters wurde bei ihrem Bau nicht mit dem Chor, sondern mit den Westtürmen begonnen.

Architekturgeschichtlich ist Notre-Dame d'Amiens neben Notre-Dame de Chartres und Notre-Dame de Reims eine der drei klassischen Kathedralen der französischen Hochgotik des 13. Jahrhunderts. Sie wurde bauliches Vorbild für den kurz darauf begonnenen Kölner Dom und viele Jahrhunderte später für die St. Patrick’s Cathedral in New York. Durch Papst Pius IX. wurde die Kirche 1854 zur Basilica minor erhoben. Die Kathedrale gehört seit 1981 zum Weltkulturerbe der UNESCO. Zusätzlich wird sie seit 1998 Teil des Weltkulturerbe „Jakobsweg in Frankreich“ aufgeführt.


Inhaltsverzeichnis

Kurze baugeschichtliche Zusammenfassung

Die Kathedrale von Amiens steht an der Stelle einer älteren, von der lediglich bekannt ist, dass sie im Jahr 1218 durch einen Brand zerstört wurde. Dieser war ein – beinahe willkommener – Anlass für einen prächtigen Neubau. Bereits zwei Jahre später legte Bischof Evrard de Fouilloy den Grundstein des vom Baumeister Robert de Luzarches entworfenen Baus. Zuerst wurde das Langhaus mit der Westfassade gebaut, weil der Platz für die Erweiterung nach Osten noch nicht zur Verfügung stand. Üblich war damals der Baubeginn im Osten; zuerst sollten Sanktuarium und Chorbereich zu Erfüllung der kirchlichen Pflichten errichtet werden. Zwischen 1240 und 1258 ruhte der Bau aus Geldmangel. Er wurde von den Baumeistern Thomas de Cormont und seinem Sohn Renaut bis zum Jahr im Stile von de Luzarches vollendet. Später wurden, außer dem Bau der Seitenkapellen, zwischen 1292 und 1375 die Arbeiten an der Hauptfassade oberhalb der Rose zeitgleich mit dem Südturm im Jahre 1366 vollendet. Der höhere Nordturm sollte erst zum Anfang des 15. Jahrhunderts fertig werden. Der Vierungsturm (Dachreiter) stammt aus dem 16. Jahrhundert. Für die enorme Geschwindigkeit der Baudurchführung war die Rationalisierung der Steinmetzerei verantwortlich, die erstmals serienmäßig Quadersteine nach einer kleinen Anzahl von Modellen herstellte und nicht mehr jeden Stein einzeln vor Ort einpassen musste. Dadurch ergab sich die Möglichkeit, die Steine auf einer wetterfesten Nebenbaustelle zurechtzuhauen, wodurch das ganze Jahr über gearbeitet werden konnte.

Das führte zu einer Typisierung der Bauelemente, das heißt die zu versetzenden Steine wurden in zunehmendem Maße genormt, so dass sie mit den neuen Maschinen, die noch hinzukamen, auch schneller und reibungsloser versetzt werden konnten.

An solchen Stellen gibt es immer gerne Diskussionen in der Fachwelt zwischen den materialistisch und den idealistisch eingestellten Gelehrten. Die Materialisten behaupten eine Abhängigkeit der Form von der Technik, von den Produktionsverhältnissen, die Idealisten räumen der Technik nur eine untergeordnete Stellung ein und postulieren die immanente Idee als entscheidenden Faktor.

Die Materialisten behaupten beispielsweise, dass die großen Maßwerkfenster hier in Amiens deshalb entstanden seien, weil die Bearbeitung des Steins inzwischen einen entsprechenden technischen Standard erreicht hatte. Die Idealisten sehen hier eher eine Weiterentwicklung des gotischen Stilwillens der zunehmenden Wandauflösung, der auch zu jenen Zeiten vorhanden gewesen sei, als die technischen Möglichkeiten noch nicht gegeben waren.

Der heutige Zustand des Bauwerks ist das Ergebnis von Umbauten des 18. Jahrhunderts. So wurde beispielsweise der Chorraum den liturgischen Gegebenheiten angepasst, eine Kanzel und Bestuhlung eingebaut. Im 19. Jahrhundert war François-Auguste Cheussey 1816 bis 1848 als Diözesanbaumeister an der Kathedrale tätig.

Der Blick auf das Bauwerk

Die Dimensionen

Die Kathedrale von Amiens ist heute das größte französische Kirchengebäude des Mittelalters. Die Länge beträgt außen 145 Meter, innen 133,50 Meter. Vom Boden bis zum Schlussstein ist die Kirche 45,30 Meter hoch. Zur Zeit ihrer Erbauer war sie der höchste Kirchenraum der Welt. Dies forderte Bischof und Klerus von Beauvais heraus und sie bauten ihre Kirche noch höher; 1284 stürzte diese dann ein. Das Mittelschiff ist zwischen den Pfeilern 12,15 Meter breit, das Seitenschiff 6,07 Meter. Der Vierungsturm besitzt eine Höhe von 112,70 Metern. Die Länge des Querschiffs beträgt 62 Meter die Breite 29,30 Meter. Die Fläche auf der die Kathedrale ruht, hat die Ausmaße von 7700 Quadratmetern, das Volumen 200.000 Kubikmeter, was dem Doppelten von Notre-Dame de Paris entspricht.

Das Fundament

Die Fundamente der Amienser Kathedrale reichen durchschnittlich sieben bis neun Meter in die Tiefe und bilden einen Rost, auf dessen Schnittpunkten die Pfeiler stehen. Bei den damals üblichen Einzelfundamenten hätte die Gefahr einer seitlichen Verschiebung bestanden, so waren sie aber versteift auf fester Tonerde aufgemauert. Die Fundamente wurden dann nochmals mit Füllmauerwerk versteift. Die Abweichungen der Pfeilerabstände betragen maximal ein bis zwei Zentimeter; auf bauliche Genauigkeit und Dauerhaftigkeit der Kathedrale wurde großer Wert gelegt.

Die Außenfassade

Wasserspeier

Die Fassade stellt keine Weiterentwicklung derjenigen zu Reims dar, da sie zeitlich vor dieser errichtet wurde. Seltsamerweise wurde in Amiens beim Bau der Kathedrale mit der Westfassade begonnen und nicht mit dem Ostchor. Diese extreme Höhensteigerung in Amiens hatte im Vergleich zur etwas später erbauten Fassade in Reims für die Gestaltung unangenehme Konsequenzen. Die Fensterrose musste so weit nach oben verlegt werden, dass die Königsgalerie nach unten unter die Rose verlegt werden musste, was der Fassade nicht die dynamische Ausgeglichenheit gab, wie sie später Reims besaß. Diese Schaufläche wirkt leicht überbordend und übertrieben; sie hat „zu viel von allem“. W. Sauerländer meinte, die Fassade werde hier zu „einem in Statuen und Reliefs sprechenden Lehrgebäude“.

Die Westfassade

Hauptportal der Westfassade

Diese Fassade bietet den größten Reichtum an Statuen, die von ihrer Entstehung an in ihrer vollkommenen Ordnung erhalten sind. Sie baut sich im horizontalem Sinn fünffach auf. Im Hauptportal, dem sogenannten „Erlöserportal“ stützen Apostel und Propheten die auf den Figuren aufbauenden Spitzbögen, die reich mit Krabben besetzt und oben mit Wimpergen gekrönt sind. Über den Türstürzen, sind – reich bebildert – die durch Querstreifen in mehrere Felder unterteilten Tympani, die mit dem Spitzbogen abschließen. Über dem Erdgeschoss befindet sich eine Galerie, die dem Triforium entspricht, das sich im Inneren um den ganzen Raum zieht. Darüber befinden sich die Königsgalerie und eine weitere darüber liegende Galerie, die im 19. Jahrhundert ebenso wie die Aufbauten zwischen den Türmen von Viollet-le-Duc gestaltet wurde. Oberhalb schließt sich das Rosengeschoss mit einer imposanten Fensterrose an, darüber die beiden in ihrer Ausführung verschiedenen Türme. Auffällig ist, dass die Türme eigentlich nur aus zwischengemauerten Strebepfeilern bestehen, zwischen die nochmals eine kleine Galerie eingeschoben wurde.

Die Nordfassade

Konstruktiv ist der Bau hervorragend von dieser Seite einzusehen, da sich hier die Strebepfeiler und -bögen am besten einsehen lassen. Auch die geometrische Aufteilung der Fassade mit den Maßwerkfenstern lässt sich gut erkennen. Die Obergadenfenster des Langhauses sind vierbahnig. Die Bögen sind paarweise zusammengefasst. Der mittlere Pfosten ist stärker und setzt sich zusammen mit den beiden seitlichen nach unten ins Triforium fort (nur von innen sichtbar). In die Zwickel zwischen untergeordneten Bögen sind Vierpassoculi, in den übergeordnetem Bogen ist ein Achtpassoculus. Bei dieser Größe kann man bereits von einer Rosette sprechen. Die obere Zone dieser Fenster stellt eine Maßwerkbekrönung dar. Die vielen verschiedenen Maßwerkfenster lassen eine Einzelbetrachtung aus Platzgründen nicht zu. Die Strebepfeiler schließen oben mit sogenannten Fialen ab, die, verziert mit Krabben, oben in einer Kreuzblume enden. Seitlich kann man Wasserspeier und Wasserschläge beobachten, die zur Abweisung von Regenwasser vom Gebäude weg dienen. Über dem Erdgeschoss ist ein äußerer Umgang mit Regenrinne zu sehen, hinter dem sich das Seitenschiffdach anschließt. Über dem Pultdach sind die Strebebögen zwischen Stützpfeiler, die aus statischen Gründen noch um einen Pfeiler erweitert wurden, und Strebepfeiler.

Die Ostfassade

Diese ermöglicht den Blick auf den Chor mit den sieben Apsiden, wobei die Kapelle auf der Longitudinalachse länger ist. Die Dächer der Kapellen sind achteckig. Vom Südosten aus ebenfalls gut zu sehen sind die Satteldächer des Querschiffs und des Chors sowie der Vierungsturm. Die beiden vorgelagerten Kapellen sind externe Bauten. Insgesamt zeigt sich beim Gang um die Kathedrale eine gestalterische Abhebung des Chorraumes vom Langhaus. Am Chor sind die Strebebögen und -pfeiler wesentlich aufwendiger gearbeitet.

Die Gliederung der Südfassade entspricht grundlegend der im Norden.

Der Innenraum

Der Gebäudegrundriss

Der heutige Grundriss entstammt großenteils einem Plan von Durand aus dem Jahr 1727. Die Kathedrale ist ein Longitudinalbau, der im Langhaus eine dreischiffige Basilika ist, die im östlichen Chorraum fünfschiffig wird. An die Seitenschiffe der Kathedrale wurden nachträglich im Norden sechs, auf der Südseite fünf Kapellen angebaut, die wie die Seitenschiffjoche einen relativ quadratischen Grundriss aufweisen. Die Mittelschiffjoche sind rechteckig. Das dreischiffige Querschiff trennt Chor und Langhaus ungefähr mittig; die Vierung ist von vier wesentlich größeren Pfeilern eingerahmt. Das Querschiff ist symmetrisch zur Longitudinalachse und besitzt zu beiden Seiten Ausgänge. Der Chorbereich ist durch ein paar Stufen leicht erhöht und wird abgeschlossen durch sieben Arkadenbögen, die einen Halbkreis um den Chorraum bilden und mit Metallgittern verschlossen sind. Hinter diesem Arkadenhalbrund befindet sich der Chorumgang, der an sieben als Kapellen benutzte Apsiden vorbeiführt, wobei die mittlere (siehe oben), die der Mutter Gottes geweiht ist, eine Vertiefung in Längsrichtung aufweist und somit zur Hauptapsis aufsteigt. Die äußeren Seitenschiffe des Chors enden – vom Querschiff aus gesehen – an kleineren Altären. Besonders markant erscheinen bei der Betrachtung des Grundrisses die sehr groß dimensionierten Strebepfeiler an den Außenwänden, im Vergleich zu den marginalen Wänden und schlanken Bündelpfeilern. Schon vom Grundriss her erkennt man die Absicht des Baumeisters, einen schlanken, filigranen Innenraum zu gestalten.

Gang durch den Innenraum

Hauptschiff der Kathedrale
Wandaufriss des Mittelschiffes
Boden der Kathedrale
Fußboden-Labyrinth, etwa 12 × 5 m, 1894–97 nach dem zerstörten Vorbild von 1288 wiederhergestellt

Das Hauptportal befindet sich an der Westfassade. Man tritt direkt in das imposante, lichtdurchflutete Langhaus ein, das seine Helligkeit von den großen Maßwerkfenstern des Obergadens bezieht. Das Mauerwerk ist auf ein Minimum reduziert; zwischen den Fenstern bleiben nur schmale Pfeiler, auch Soissons-Pfeiler genannt. Diese ziehen sich im Arkadengeschoss, auf Sockel und Basis sitzend, als Bündelpfeiler oder auch kantonierte Pfeiler bis zum Kapitell, von dem aus oberhalb alte Dienste zum Scheidbogenansatz in junge Dienste zu den Kreuzrippen übergehen. Eine Halbsäule und zwei junge Dienste ziehen sich über das Triforium und den darüberliegenden Obergaden bis zum Kreuzjoch. Die durchlaufenden Pilaster des Mittelschiffs und des Chorraums scheinen die Vertikaloptik noch verstärken zu wollen. Die Arkaden erreichen die Höhe von Obergaden und Triforium zusammen.

Über den Arkadenbögen des Mittel- und Querschiffes zieht sich ein Blätterprofil umlaufend um die gesamte Kathedrale, ebenso wie das sich darüber anschließende Triforium, das mit Plattenmaßwerk versehen ist. Im Triforium des Chors gibt es keine geschlossene Rückwand, dies bewirkt das Erscheinen der dunklen Etage als Lichtzone, die optisch mit dem reich gegliederten Maßwerk zusammen gezogen wird. Die Gestaltung des Chors und des Querschiffs unterscheidet sich von der des Hauptschiffs. Die Fenster über Chor und Querschiff sind beispielsweise sechsbahnig, im Gegensatz zu den vierbahnigen im Obergaden des Mittelschiffs des Langhauses.

Der Boden ist ornamental mit hellen und dunklen Steinfliesen belegt. Besonders beachtenswert ist die Gestaltung des Labyrinths, einer Erinnerungstafel zu Ehren der Erbauer und Baumeister der Kathedrale im Zentrum des Langhauses. Leute, die sich die Pilgerfahrt nach Jerusalem nicht leisten konnten (also fast alle), konnten mit dem Abgehen und Beten auf dem Labyrinth einen Ablass erhalten. Die Kreuzrippenjoche des Langhauses sind etwas breiter als die des Querhauses. In der Vierung bilden sie ein Spinnengewölbe. Allgegenwärtig sind in der Kathedrale die groß dimensionierten Fensterrosen über dem Hauptportal und den Seiteneingängen des Querhauses.

Bei der Betrachtung des heutigen Grundrisses der Kathedrale fallen die nachträglich an den äußeren Wänden der Seitenschiffe angebrachten Kapellen auf. Einerseits erweiterten sie den ursprünglich dreischiffigen Kirchenraum beträchtlich und bildeten einen harmonischeren Übergang zu dem fünfschiffigen Chor, andererseits bildeten sie eine Einnahmequelle für das Domkapitel, da sie von wohlhabenden Familien oder Handwerkszünften gestiftet wurden. Diese Idee fand überall in Europa großen Anklang; daher finden sich diese sogenannten Amienser Kapellen heute an vielen (nicht nur gotischen) Kathedralen. Zum Teil wurden auch ältere romanische Dome um solche Kapellen erweitert, die dann allerdings meistens im gotischen Stil ausgeführt wurden. Beispiele dafür finden sich in Deutschland unter anderem am Mainzer Dom.

Zusammenfassung

Wurde die Kathedrale von Amiens auch von vielerlei Händen überarbeitet, sind vom Anfangsgedanken de Luzarches' doch der Eindruck der filigranen Gestaltung dieses Baus und die bis heute bewunderte technische Umsetzung geblieben, die zur damaligen Zeit oft kopiert wurde, jedoch nie erreicht wurde.

Maße

  • Äußere Länge: 145 m
  • Innere Länge: 133,50 m
  • Breite des Schiffes: 14,60 m
  • Länge des Querhauses: 70 m
  • Höhe des Mittelschiffes: 42,30 m
  • Turmhöhe: 112,70 m
  • Fläche der Fassade: 7700 m2
  • Raumvolumen: 200.000 m3

Literatur

  • Grodecki, Louis: Architektur der Gotik, Stuttgart 1976
  • Kimpel, Dieter (u.a.): Die gotische Architektur in Frankreich 1130–1270, München, 1985
  • Leroy, Pierre, Cathédrale d´Amiens, Paris 1989
  • Müller, Werner, Vogel, Günther: dtv-Atlas zu Baukunst, Band I+II, München 1974
  • Stirlin, Henri: Die Architektur der Welt, München, 1977
  • Tomann, Rolf (Hg.): Die Kunst der Gotik – Architektur – Skulptur – Malerei, Köln 1998

Weblinks

49.8951252.30211944444457Koordinaten: 49° 53′ 42,45″ N, 2° 18′ 7,63″ O


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