Nationalgefühl


Nationalgefühl
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Mit dem Begriff Nationalgefühl oder Nationalbewusstsein wird im Sinne der Sozialpsychologie die Verbundenheit mit einer Nation (Kulturnation) oder einem Staat beschrieben. Im Gegensatz zu dem Begriff „Nationalstolz“ drückt „Nationalgefühl“ keine ausschließlich positive Haltung aus.

Max Weber: „‚Nation‘ ist ein Begriff, der, wenn überhaupt eindeutig, dann jedenfalls nicht nach empirischen gemeinsamen Qualitäten der ihr Zugerechneten definiert werden kann. Er besagt, im Sinne derer, die ihn jeweilig brauchen, zunächst unzweifelhaft: dass gewissen Menschengruppen ein spezifisches Solidaritätsempfinden anderen gegenüber zuzumuten sei, gehört also der Wertsphäre an.“

Otto Dann: „Das charakteristische Merkmal der nationalen Identität ist die Verbundenheit mit einem politischen Territorium, das als Vaterland verstanden wird.“

Inhaltsverzeichnis

Entwicklung des Nationalbewusstseins

Nationalbewusstsein war in seinen Ursprüngen ein emanzipatorisches Bewusstsein. Es diente seit dem späten 18. Jahrhundert zur Überwindung oder Verschleierung der Standesgrenzen. Nach alteuropäischer, christlicher Auffassung waren die Menschen verschieden und die Chancengleichheit eines Glücksspiels oder Wettbewerbs brachte verwerflichen Unfrieden. Daher war die ins Positive gewendete „sportliche“ Gleichheit unter gemeinsamen Zeichen wie einer Fahne oder Nationalhymne etwas Neues und Unerhörtes.

Die Französische Revolution, die am 14. Juli 1789 begann, kann als Ausgangspunkt für die Entstehung des modernen Nationalbewusstseins angesehen werden. Die Losung Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit einte das französische Volk. Zugleich wuchs die Bedrohung von außen. Der französische Nationalstolz fand einen Höhepunkt in der allgemeinen Wehrpflicht (levée en masse). Französische Revolutionsheere eroberten weite Teile Europas und bildeten damit ihrerseits den Anlass für die Entstehung von Widerstandswillen, Einigungsbestrebungen und ein Nationalbewusstsein in den besetzten Ländern.

Das Chronicon Ebersheimense aus dem Elsass – um 1160 entstanden – stellt eines der ersten Zeugnisse deutscher Identität dar, die sich von der französischen absetzt.[1]

Eine allegorische Darstellung der Nation ist Friedrich Overbecks Italia und Germania, 1811, München, Neue Pinakothek

In Deutschland bildete die Romantik den Nährboden für die Entwicklung des Nationalbewusstseins. Im idealisierten Blick auf das Mittelalter erschienen die mittelalterliche Frömmigkeit und die Einheit des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation als erstrebenswert. Volksmärchen und Volkslieder wurden von Johann Gottfried von Herder gesammelt. Die Brüder Grimm veröffentlichten 1812 die Kinder- und Hausmärchen.

Romantiker wie die Brüder August Wilhelm und Friedrich Schlegel, Ludwig Tieck und Novalis hofften, die Ideale der Französischen Revolution würden auch in Deutschland Einzug halten. Die französische Besetzung förderte ein begeistertes freiheitsorientiertes Nationalgefühl, welches die siegreichen Befreiungskriege 1813 bis 1815 ermöglichte und den Wunsch nach einem vereinten deutschen Staat entstehen ließ. Ein spezifisch deutscher, spirituell aufgeladener Nationenbegriff war mittlerweile entwickelt worden, z.B. in J.G. Fichtes Reden an die deutsche Nation von 1808.

Ein militantes Nationalbewusstsein entstand in Europa jedoch erst im Umfeld der gescheiterten Revolutionen von 1830 und 1848. Die Unzufriedenheit mit der missglückten bürgerlichen Emanzipation und der gleichfalls missglückten staatlichen Einigung der deutschen Sprachgebiete hatte zur Folge, dass unterdrückte Wut auf eine adlige Oberschicht zu einem Nationalstolz wurde, der sich scheinbar gegen außen statt nach innen richtete.

In Deutschland hatte immer die Vorstellung einer gewissen Blutsverwandtschaft zwischen den Menschen deutscher Muttersprache, den Volksangehörigen, bestanden, während sich die französische Nation grundsätzlich als Sprachgemeinschaft versteht, um die Standesunterschiede zu negieren. Eine „Herkunft“ zu haben, war einst den höheren Ständen vorbehalten. Ein Nationalbewusstsein, das sich auf „Blut“ gründen wollte, versprach dieses Privileg auch den niederen sozialen Schichten. So war das „deutsche“ Nationalbewusstsein etwas sehr Paradoxes, da es statt einer Ablehnung der Standesunterschiede die Illusion beförderte, gemeinsam einem höheren Stand anzugehören, wie es sich auch in den ideologisch aufgeladenen Begriffen Volk und Rasse niederschlug. Dass man solcherart das Trennende zum Gemeinsamen erklärte, erwies sich als besonders konfliktträchtig.

In Deutschland waren im 19. und 20. Jahrhundert das Nationalbewusstsein und die Einstellung der Menschen dazu starken Änderungen unterworfen. Die gegenwärtigen Auseinandersetzungen besonders um den Nationalsozialismus belegen, dass die Diskussion darüber anhält.

Quellenangaben

  1. Herwig Wolfram: Die Germanen, München 2005; 8. überarb. Aufl., S. 31

Siehe auch

Literatur

  • Otto Dann: Nation und Nationalismus in Deutschland 1770–1990, München 1993, ISBN 3-40-634086-5

Weblinks


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